Alter Leitspruch der Grönländer: „We are not for sale“

Grönland-Gelüste: Trump war nicht der Erste

von Christian Witt

Kontrafunk-Wallasch live aus Grönland© Quelle: Christian Witt

Das Grönland-Team Kontrafunk-Wallasch fliegt morgen zurück nach Berlin. Vor seinem großen Abschlussbericht schickt uns Christian Witt noch einen historischen Abriss und eine weitere kleine Bildgalerie.

Von Christian Witt

„I don't want the American way of life here.“ Vor dem Nationalmuseum in Nuuk, Grönlands Hauptstadt im Südwesten der eisigen Großinsel im Atlantik, bleiben einige Frauen stehen. Sie unterhalten sich angeregt auf Englisch. „Yes, but we are neither Europeans.“

Die Sonne steht tief, und die Gruppe wirft zwischen den Holzhäusern winterlich lange Schatten, die bis zum übernächsten Haus reichen. Ringen um Selbstdefinition und einen eigenen Weg. Den „eigeneren Weg“ beschreitet man Jahrzehnt um Jahrzehnt mehr. Mit der „Heimregelung“ (Hjemmestyre) hat man seit 1979 weitgehende regionale Selbstbestimmung im Rahmen des dänischen Gesamtstaates; von der Europäischen Gemeinschaft trennte man sich nach dem Streit um Fangregelungen bereits 1985.

Dreimal bereits hatte man in den Vereinigten Staaten über den Erwerb Grönlands nachgedacht, bevor es sich Donald Trump ab 2019 auf die Fahnen schrieb. Nach dem Kauf Alaskas 1867 spielte man dies durch, auch 1910 trat man schon einmal an Dänemark heran. Das erste offizielle Kaufangebot von 100 Millionen Dollar in Gold lehnte das Königreich 1946, kurz nach dem Krieg und US-amerikanischen Stationierungen, ab.

Der Leitspruch „We are not for sale“ hat also eine längere Geschichte. Stets hatte das Königreich diesen Avancen widerstanden.

Wer genau ist dieses „Wir“, wer sind die Grönländer? Vielleicht hilft eine kleine Rückblende.

Grönland, der riesenhafte Fels im Atlantik, erlebte mehrere nachweisbare Besiedlungen über die letzten dreitausend Jahre. Die meisten kamen über Land aus Sibirien und Nordamerika. Es ist aber auch eine Geschichte des „Wiederverschwindens“.

Die Independence-I-Kultur gilt als die früheste bekannte Besiedlung (ca. 2500–1900 v. Chr.). DNA-Analysen ordnen sie der paläo-inuitischen Linie zu, mit Ursprung in Nordostsibirien und Wanderung über Alaska. Es folgte die Independence-II-Kultur (ca. 1400–800 v. Chr.), genetisch eng verwandt mit Independence I, vermutlich eine spätere oder erneute Einwanderungswelle derselben Bevölkerungsgruppe. Parallel und teilweise überlappend bestand in Westgrönland die Saqqaq-Kultur (ca. 2500–800 v. Chr.), deren DNA ebenfalls klar paläo-inuitisch ist und keinen direkten Bezug zu heutigen Inuit aufweist.

Darauf folgte die Dorset-Kultur (ca. 800 v. Chr. – 1300 n. Chr.), ebenfalls paläo-inuitisch, mit kultureller, aber nicht genetischer Kontinuität zur späteren Bevölkerung. Erst mit der Thule-Kultur (ab ca. 1200 n. Chr.) erreichte eine neue sibirische Bevölkerungsgruppe Grönland, die über den äußersten Norden entlang der Küsten schrittweise südwärts zog: DNA-basiert eindeutig neo-inuitisch, mit Ursprung im Beringraum; sie sind die direkten Vorfahren der heute dort lebenden Inuit.

Als die Wikinger ab ca. 985 eintrafen, lebten die letzten bekannten Vertreter der Dorset-Kultur abgelegen im Norden, von den Nordmännern „Skrælingar“ genannt (mutmaßlich „die Kargen“ oder „die Schwachen“).

1124 wurde das Bistum Garðar gegründet. Sitz war Garðar im heutigen Igaliku in Südgrönland. Das Bistum betreute die nordischen Siedlungen Grönlands und war kirchenrechtlich Teil der lateinischen Kirche Nordeuropas. 1261 unterstellten sich die nordischen Siedler Grönlands dem norwegischen König. Grönland wurde damit formell Bestandteil des norwegischen Reichsverbandes und galt als Kronland.

Mit der Personalunion zwischen Norwegen und Dänemark ab 1380 blieb Grönland rechtlich norwegisch, wurde jedoch zunehmend von Kopenhagen aus verwaltet. Nach 1536/37 verlor Norwegen seine Eigenstaatlichkeit; Grönland wurde als ehemaliges norwegisches Nebenland faktisch Teil des dänischen Gesamtstaates. Im Vertrag von Kiel vom 14. Januar 1814 trat Dänemark Norwegen an Schweden ab. Grönland, Island und die Färöer wurden jedoch ausdrücklich ausgenommen und verblieben bei Dänemark.

Teil 2 nach der Galerie

Weiterlesen nach der Werbung >>>

Ihre Unterstützung zählt

Mit PayPal

Grönland wurde nicht neu abgetreten, sondern blieb durch Rechtskontinuität unter der dänischen Krone. Diese Zuordnung wurde 1814 völkerrechtlich bestätigt und bildet die Grundlage für die spätere Entwicklung bis hin zur heutigen Selbstverwaltung.

Im 16. und 17. Jahrhundert erreichten portugiesische, niederländische, englische und baskische Seefahrer regelmäßig die Gewässer um Grönland. Es handelte sich vor allem um Walfänger und Fischer, die saisonale Ankerplätze, Fangstationen und provisorische Niederlassungen nutzten, jedoch keine dauerhafte Kolonisierung aufbauten. Portugiesische Kartographen prägten frühe Kartenbilder des Nordatlantiks, niederländische und baskische Flotten dominierten zeitweise den Walfang. Diese Präsenz hinterließ keine kontinuierlichen Siedlungen, wohl aber Spuren im maritimen Wissen, in Karten und in frühen Kontakten mit der indigenen Bevölkerung.

Nach dem schleichenden Ende der nordischen Siedlungen – der letzte Bischof wurde 1520 geweiht – blieb Grönland längere Zeit ohne nachweisbare dauerhafte europäische Besiedlung. Ab 1721 begann eine dänisch-norwegische Neumissionierung, eingeleitet durch Hans Egede, mit dem Ziel, verlorene Christen zu finden und die Inuit zu missionieren. Gleichzeitig setzte eine dauerhafte dänisch-norwegische Verwaltungs- und Missionspräsenz ein, aus der die späteren Siedlungsstrukturen hervorgingen.

Ab 1733 wirkten die Herrnhuter (Brüdergemeine) aus Sachsen, Schlesien und Böhmen/Mähren in Grönland, besonders in Neu-Herrnhut bei Nuuk und später in anderen Orten. Die Bewegung war deutsch geprägt und brachte eigene religiöse, sprachliche und organisatorische Traditionen ein. Auch im dänischen Mutterland hinterließen die Herrnhuter seit dem 18. Jahrhundert deutliche Spuren im Bildungs- und Gemeindewesen, was die Verflechtung dänischer und deutscher Einflüsse weiter verstärkte. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts ging die eigenständige Mission der Herrnhuter in die Zuständigkeit der dänischen Staatskirche über.

Weitgehend anders als in den Jahrhunderten zuvor kam es im 18. Jahrhundert in Grönland zunehmend zur Vermischung europäischer – dänischer und deutscher – Familien mit Inuit-Familien. Diese Verbindungen prägten Handel, Mission, Verwaltung und das Alltagsleben nachhaltig. Viele heutige grönländische Familiennamen und Biografien spiegeln diese mehrschichtige Herkunft wider, die bis heute Teil der sozialen und kulturellen Realität Grönlands ist.

Heute verdichtet sich diese lange Geschichte von Fremdzuschreibungen, Abhängigkeiten und Selbstbehauptung zu einer neuen Frage: Wem gehört Grönland – moralisch, wirtschaftlich, kulturell? Die Ankündigungen massiver US-Investitionen, erneut begleitet von Trumps holpriger Rhetorik, treffen dieser Tage auf eine Gesellschaft, die weder amerikanisiert werden will noch sich als primär europäisch sieht, sondern ihren eigenen Maßstab, eine eigene Identität sucht.

Inuit und Grönländer anderer Herkunft sind eingeladen, sich den globalen Avancen zu stellen und zugleich dafür zu sorgen, dass sie, eingebettet in ein verlässliches Sicherheitssystem, selbstbestimmt ihren eigenen Weg suchen – und finden – können. Die Aufmerksamkeit und das Wohlwollen großer Teile der Weltöffentlichkeit haben sie jetzt. Beste Werbung.

„Warum ich dieser Tage nach Grönland reise?“, antwortet Haifa aus Dubai, die mit ihren Koffern am Flughafen in Nuuk steht, „ach, wer weiß, was noch alles passiert. Lieber jetzt.“ Eine Reise ist Grönland auf jeden Fall wert. Es muss nicht im Winter sein; auch der Sommer in Grönland ist atemberaubend reizvoll. Vielleicht ein kleiner Wink mit dem Wanderstock? Die Westküste bietet etliche lohnende Trekkingstrecken, und die Hotelbetten, die derzeit noch von Journalisten aus aller Welt belegt sind, werden absehbar (erst einmal) wieder frei.

Alle Grönlandberichte 1-4

Ihre Unterstützung zählt

Mit PayPal