Liebeserklärung an einen Sänger und das Kino

„Halleluja: Leonhard Cohen, A Journey, A Song”

von Ulrike Stallbörger (Kommentare: 2)

„In solchen Zeiten kann man nur entweder die Faust erheben oder ‚Halleluja‘ sagen. Ich vermute, ich habe beides getan.“© Quelle: Pixabay / /marie pierreayoul

Leonhard Cohen: Ich vermisse seine Stimme und doch bin ich fast dankbar, dass ich so nicht hören muss, was er zu dieser Zeit jetzt sagen würde.

Ich war lange nicht mehr im Kino. Sehr lange. Als mein Lieblingskino um die Ecke im letzten Winter Filme über Freiheit für ein 2G-Publikum spielte – da war ich raus. Das war es erst mal mit dem Kino und mir.

Dass ich unlängst eingeknickt bin, hat mit meiner tiefen Verehrung für einen aus meiner Sicht großen Künstler zu tun. Am 17. November ist mit „Halleluja: Leonhard Cohen, A Journey, A Song” ein Film ins Kino gekommen, der es mir wert war, an der Stelle fünfe gerade sein zu lassen.

Leonhard Cohen gehörte zu meiner Jugend in den späten siebziger Jahren wie Räucherstäbchen, selbstgestrickte Pullover und fragwürdige Aromatees aus getöpferten Teekannen. Von dem Album „Songs of Love and Hate“  – für satte 20 DM erstanden und mühsam abgespart vom Taschengeld – habe ich mich bis heute nicht getrennt. Und bin bei „Famous Blue Raincoat“ immer noch textsicher. Aber so richtig begegnet im besten Wortsinn bin ich diesem Künstler erst 2001 durch sein Studio Album „Ten New Songs“ und in den Jahren danach durch seine Lyrik, für die er ja ursprünglich in diesem Leben angetreten war. Leider habe ich ihn nur ein einziges Mal live gesehen, aber das bleibt unvergessen.

Ich habe mit einem Freund diskutiert, ob man ein Cohen-Fan sein muss, um an diesem Film Gefallen zu finden. Er sagt „ja“, ich sage „nein“. Aus meiner Sicht ist es völlig ausreichend, ein bisschen Sehnsucht nach Alltagsflucht und Freude an Musik oder Musikgeschichte zu haben, um eine Kinokarte zu kaufen.

Dyana Goldfine und Dan Geller haben einen Film geschaffen, mit dem Leonhard Cohen vermutlich sehr einverstanden gewesen wäre. „Eine zärtliche und offenherzige Hommage“ lese ich in einer Besprechung im Netz und nicke innerlich. Die Erfolgsgeschichte des Songs „Halleluja“ wird eingebettet in eine ungemein schlichte und vielleicht gerade deswegen so berührende Chronik des kreativen Schaffens von Leonhard Cohen.

Sie beginnt mit einem blutjungen Mann, der seine ersten Texte mit unsicherer Stimme vor kleinem Publikum liest, und arbeitet sich Jahr für Jahr durch alle Phasen seines umfassenden Lebenswerkes. Kurze Einspieler von Interviews mit ihm wechseln sich ab mit den Stimmen künstlerischer Wegbegleiter. Und dabei gelingt es den Machern des Films, auf jedes Abrutschen in das Klischee des „Womanizers“, dem er medial all die Jahre ausgesetzt war, zu verzichten.

Lediglich die Stimme von Dominique Issermann, einer französischen Fotografin, mit der Cohen einige Jahre liiert war, mischt sich an der Stelle ein. Und hebt so angenehm schlicht ebenfalls einfach nur auf seine kreative Reise ab. Der Film streift die wenig erfolgreiche Zusammenarbeit mit Phil Spector, Cohens Zeit im Mount-Baldy-Zen-Kloster in der Nähe von Los Angeles und seinen Umgang mit Depressionen. Und wahrt dabei stets einen Blick, der nie voyeuristisch ist, sondern allein dem Verständnis seiner Person dient.

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Den Höhepunkt bildet naturgemäß der Fokus auf diesen einen Song. „Halleluja“. Mir war offen gestanden nicht bewusst, wie unfassbar viele Interpretationen es über die Jahre gegeben hat. Ich wollte bisher nie eine andere Version hören. Und habe mich in diesem Film zum ersten Mal verzaubern lassen von den Versionen, die z.B. John Cale oder auch Jeff Buckley in die Welt gebracht haben.

Es liegt eine gewisse Ironie in der Tatsache, dass ausgerechnet dieses Lied, das offenbar zu einer Art „Universal Prayer“ geworden ist, Teil des 1984 erschienenen Albums „Various Positions“ war, das von Columbia Records in Amerika abgelehnt wurde.

Wovon alle Wegbegleiter im Film einhellig berichten, ist der unglaubliche Respekt, den Cohen stets vor seinem Publikum hatte und den ich bei erwähntem Konzert selbst in der letzten Reihe als flirrende Vibration gespürt habe. Er hat bis zu seinem Tod etwas bewahrt, wofür ich so recht keinen Namen finden kann. „Bescheidenheit“ trifft es nicht ganz, das englische „humbleness“ schon eher.

„If I knew where the good songs came from, I would go there more often” sagt jemand von sich, der ein so umfassendes Lebenswerk geschaffen hat. Songwriter, Romanautor, Dichter und Freund, so wird er im Film immer wieder genannt.

„Lieder wie Filme“, so beschreibt Judy Collins, mit der er viele Jahre sehr intensiv zusammengearbeitet hat, sein Werk. Das unermüdliche Bemühen um ein immer tieferes Abtauchen in die Wahrhaftigkeit von Worten, um das Rätsel des Lebens zu lösen, ohne dabei ins Pathetische abzugleiten, begeistert mich bei ihm wie bei keinem anderen Künstler.

2016 sind in einem Jahr gleich zwei große Musiker gestorben. David Bowie und Leonhard Cohen. Cohens Tod im November 2016 nach einem künstlerisch mehr als vollendeten Leben hat mich sehr berührt. Kurz zuvor war sein letztes und schon vom Ende gezeichnetes Album „If you want it darker“ herausgekommen.

Ich vermisse seine Stimme und doch bin ich fast dankbar, dass ich so nicht hören muss, was er zu dieser Zeit jetzt sagen würde. Als er gegen Ende des Films gefragt wird, was er zu dem Irrsinn gesellschaftlicher Entwicklungen (und das war vor 2020) sagen würde, antwortet er:

„In solchen Zeiten kann man nur entweder die Faust erheben oder „Halleluja“ sagen. Ich vermute, ich habe beides getan.“

Und so kann ich mir einreden, ich hätte ihn nicht wie so viele andere internationale Künstler, die nicht die Stimme erhoben haben gegen den Wahnsinn der letzten drei Jahre – mit Ausnahme von Roger Waters und Eric Clapton (andere Stimmen sind zumindest zu mir nicht durchgedrungen) – von dem Sockel stoßen müssen, auf dem er für mich immer stand und stehen bleiben wird.

Als ich nach dem Kinobesuch in einem Lyrikband von ihm blätterte, fand ich ein Gedicht, das mich elektrisiert hat. In „Good Germans“ lese ich: „You took me to your family, you warned me well before, that your father is a fascist and your mother is a whore. I was kind of disappointed, I was bored to tell the truth, your folks they’re just good Germans, but you: you’re Hitler youth.” Es drückt für mich so trefflich aus, wie wir die geschichtliche Last dieses Landes immer wieder in die Welt tragen, sie nähren und auferstehen lassen, so als müsse um jeden Preis verhindert werden, dass wir Jahrzehnte später auch nur irgendetwas anderes sein dürfen als unsere Geschichte – zum Beispiel einfach „good folks“. Ich empfinde diese Worte als aktueller denn je.

Der Film läuft meines Wissens noch bis Mitte Januar in den deutschen Kinos und eignet sich in meinen Augen wunderbar für die nahenden Feiertage oder die Zeit danach.

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