Alles okay? Oder auch schon gefingerter Nazi?

Handzeichen geben nicht vergessen: Daumen und Zeigefinger bilden einen Kreis

von RA Dirk Schmitz

Der Fingerkreis allein beweist weder Rassismus noch Beleidigung© Quelle: RA Dirk Schmitz, Grok

Seit Jahren wird aus einer alltäglichen Handhaltung ein politisches Streitobjekt gemacht: Daumen und Zeigefinger bilden einen Kreis, die übrigen Finger stehen ab. Was lange schlicht als Zeichen für „okay“ oder „alles bestens“ galt, wird in bestimmten Fällen als geheimes Symbol rechter Gesinnung gelesen. Der aktuelle Anlass ist eine Geste des AfD-Abgeordneten Tommy Thormann bei der konstituierenden Sitzung des Landtags in Schwerin.

Ein Kreis aus Daumen und Zeigefinger, drei Finger in der Luft – und schon läuft die politische Gesinnungsmaschine auf Schleudergang. Früher hieß das: alles bestens. Heute muss erst geklärt werden, wer die Hand hebt. Beim Richtigen ist es Zustimmung, beim Falschen ein Fall für die Entrüstungsgemeinschaft. Die Finger bleiben dieselben, Urteil wird passend zum Absender geliefert.

Wer das KI-Foto von Friedrich Merz und mir betrachtet, darf deshalb zunächst etwas Anstrengendes versuchen: selber denken. Was soll die Geste in der jeweiligen Situation bedeuten? „Okay“? „Ausgezeichnet“? Oder vielleicht „Arschloch“?

Mag sein, dass viele nicht zu Unrecht an den Anus denken.

Ja, auch das gehört zum Bedeutungsangebot dieses kleinen Fingerkreises. Die Freie Universität Berlin erläuterte bereits 2003, dass die Ringgeste je nach Zusammenhang „perfekt“, „OK“ oder „Arschloch“ bedeuten kann, außerdem eine Null oder ein Geldstück. Die menschliche Kommunikation war mehrdeutig, bevor politische Bilderfahnder ihre Empörung zum Erkenntnisverfahren erhoben.

Beim Tauchen signalisiert die Geste, dass alles in Ordnung ist und noch genug Luft in der Flasche. In der Werbung steht sie für Qualität und Genuss. In Japan kann der Kreis Geld bedeuten, in anderen Zusammenhängen Null oder Wertlosigkeit.

Die Handform bezeichnet in der amerikanischen Gebärdensprache die Zahl neun.

Ähnliche Fingerhaltungen finden sich in religiösen Mudras und beim Yoga. Beim „Circle Game“ dienen sie einem albernen Blickfangspiel.

Natürlich verwenden Rechtsextreme das Zeichen. Die Behauptung, es stehe für „White Power“, wurde 2017 zunächst durch eine Internet-Trollkampagne verbreitet. Anschließend übernahmen „echte Rechte“ die Geste. Zur Wahrheit gehört ebenso, dass die Anti-Defamation League davor warnt, ohne zusätzliche Kontextbelege auf rassistische Bedeutungen zu schließen. Die überwiegende Verwendung sei weiterhin die gewöhnliche Zustimmung. Wer schon beim Anblick eines Fingerkreises den Staatsanwalt auf die Bühne schiebt, ist intellektuell zurückgeblieben.

 

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Und das „Arschloch“? Kann im Straßenverkehr durchaus strafrechtlich relevant werden. Eine Entscheidung liefert das Oberlandesgericht Hamm vom 15. Dezember 2015, Aktenzeichen 5 RVs 139/15. Dort zeigte ein Autofahrer dem Hintermann mehrfach den Mittelfinger, bildete anschließend einen Fingerkreis und schlug mit der anderen Hand dagegen, um einen Geschlechtsakt nachzuahmen. Der Schuldspruch wegen Beleidigung blieb bestehen. Wer daraus ein Verbot des schlichten OK-Zeichens bastelt, unterschlägt entscheidende zusätzliche Gesten. Auch ein Aktenzeichen ersetzt keine ordentliche Lektüre.

Und wer den Fingerkreis nach Lateinamerika mitnimmt, sollte sich gut bewaffnet sein oder schnell laufen können: In Brasilien kommt das vermeintliche ‚Alles bestens‘ als obszöne Beschimpfung im Sinne von ‚Arschloch‘ oder ‚Fick dich‘ an.

Der Fingerkreis allein beweist deshalb weder Rassismus noch Beleidigung. Er beweist zunächst, dass Daumen und Zeigefinger einander berühren. Alles Weitere verlangt ein Mindestmaß an intellektueller Redlichkeit.

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