Katrin Göring-Eckardt predigt vom Aushalten anderer Meinungen – und liefert dabei vor allem ein Lehrstück in selektivem Bibelgebrauch

Heuchelei unterm Kreuzgewölbe: Göring-Eckardts Kölner Dompredigt

von Prof. Thomas Rießinger

Göring-Eckardt im Kölner Dom© Quelle: https://www.domradio.de/video/suchet-der-stadt-bestes-dialogpredigt-von-prof-dr-diemert-und-katrin-goering-eckardt, Screenshot

Im ökumenischen Gottesdienst zitiert die Grünen-Politikerin den Propheten Jeremia und fordert Zuhören, Aushandeln und Gemeinwohl. Was sie dabei weglässt, umdeutet und ihren politischen Gegnern als „Finsternis“ anlastet, sagt mehr über die Predigerin aus als über Babylon. Ein Blick in den Text, den sie vorlas – und in den, den sie besser nicht vorgelesen hätte.

Von Prof. Thomas Rießinger

Katrin Göring-Eckardt, die inzwischen 60 Lenze zählt, darf auf ein bewegtes Berufsleben zurückblicken. Theologie hat sie studiert, etwa vier Jahre lang, konnte sich aber niemals zu einem Abschluss durchringen, sondern zog es vor, eine Weile als Küchenhilfe zu arbeiten – das kann man ihr nicht vorwerfen, immerhin hat sie damals etwas Produktives getan.

Später hielt sich das in Grenzen, denn schon seit 1990 ist sie hauptberufliche Grüne, erst nur in der Partei, dann ab 1998 im Deutschen Bundestag.

Hin und wieder darf sie aber auf ihre theologischen Wurzeln zurückgreifen oder doch zumindest so tun. Vor wenigen Tagen war es wieder einmal so weit. Im Rahmen eines ökumenischen Gottesdienstes, der unter dem Motto des Jeremia-Wortes „Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn“ stand, hielt Göring-Eckardt im Kölner Dom gemeinsam mit der dortigen Stadtdirektorin Dörte Diemert eine „Dialogpredigt“, was nur heißt, dass einmal die eine, dann wieder die andere Rednerin einen Text vom Blatt liest.

Und was unsere prominente Grüne da vorgelesen hat, ist streckenweise interessant genug.

Wie üblich beginnt sie mit dem einen oder anderen einleitenden Wort. Sie sei Thüringerin, teilt sie der andächtigen Menge mit, und „meine ersten politischen Reden habe ich als Schülerin in der Bütt gehalten, denn da konnte man ein mini-bisschen freier reden in der DDR, unter dem Vorwand, dass es ja nur um den Reim ginge.“ Manch einer mag sich fragen, ob sie nicht besser ihre Karriere als Büttenrednerin ausgebaut hätte anstatt in der Partei des infantilen Tolitarismus, die man auch als die Grünen bezeichnet, ihr Heil zu suchen, aber dieses Thema hat sie nicht weiter vertieft.

Stattdessen geht sie direkt auf den alttestamentarischen Propheten Jeremia ein. Grundlage ist Kapitel 29 aus dem Buch Jeremia, in dem der Prophet einen Brief an die Judäer schreibt, die von den Babyloniern aus Israel nach Babylon entführt worden sind. Das verschweigt die Predigerin nicht.

Es gehe Jeremia um Menschen, die im Exil in Babylon lebten. „Fremde Stadt, fremde Sprache, fremde Kultur.“ Das trifft die Lage vieler Deutschen in etlichen Großstädten ziemlich gut; ich kann nur jedem empfehlen, sich einmal ein wenig am Hagener Hauptbahnhof umzusehen, dann wird er verstehen, wie sie sich damals in Babylon gefühlt haben, aber ich bin nicht ganz sicher, ob Göring-Eckardt Wert auf diesen Anklang legt.

Doch nun kommt die große Wende, denn ausgerechnet zu diesen Leuten sage Jeremia: „Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn, denn wenn ihr es wohlergeht, so wird es auch euch wohlergehen.“ Damit hat sie in mancher Hinsicht verkürzt zitiert. In der Lutherbibel lautet die Stelle:

„Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum Herrn; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl.“

Dass der Herr in seiner herrscherlichen Willkür dafür gesorgt hat, dass sein Volk verschleppt wurde, und nun auch noch von ihnen verlangt, sie sollten sich um das Wohlergehen der fremden Stadt kümmern, wollte die Predigerin wohl nicht so übermäßig betonen.

Und etwas anderes auch nicht, denn vor diesem Aufruf finden sich die Sätze: „Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet.“

Ich will davon absehen, dass hier genau das propagiert wird, was wir hierzulande beobachten können, nur dass die Zugezogenen keineswegs nach Deutschland verschleppt wurden und sich ihre Häuser in weiten Teilen nicht selbst bauen, sondern freudig die Ergebnisse hiesiger Bautätigkeit entgegen nehmen.

Aber tatsächlich ruft der Prophet dazu auf, sich um das eigene Wohl zu kümmern und darauf zu achten, nicht weniger zu werden. Erst danach geht es um „der Stadt Bestes“, und auch das nur unter der Voraussetzung: „denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl.“ Es ist eine Anweisung zum Eigennutz, für den man ohne Frage eine einigermaßen funktionierende Stadt braucht, mehr ist es nicht.

Das sieht die Predigerin anders, sie meint, Jeremia habe eben nicht gesagt, man solle sich um sich selbst kümmern, sondern: „Suchet der Stadt Bestes“. Dass dieses Beste recht eigenartige Ausprägungen entwickeln kann, verschweigt sie uns.

Denn nur wenige Zeilen später spricht Jeremia – oder besser: lässt er den Herrn sprechen – zu denen, „die ihr gefangen weggeführt seid“ über einige unter ihnen, deren Verhalten offenbar göttliches Missfallen erregt hat:

„Siehe, ich will sie geben in die Hand Nebukadnezars, des Königs von Babel. Der soll sie totschlagen lassen vor euren Augen, sodass man ihre Namen zum Fluchwort machen wird unter allen Weggeführten aus Juda, die in Babel sind, und sagen: Der Herr tue an dir wie an Zidkija und Ahab, die der König von Babel im Feuer rösten ließ.“

Solche Kleinigkeiten interessieren eine Katrin Göring-Eckardt nicht, sie hält sich unverdrossen an der einen Formulierung über das Beste der Stadt fest und schickt sich an, sie in ihrem Sinn zu interpretieren. Allen Ernstes teilt sie uns in getragenem Tonfall mit:

„Wer sucht, muss zuhören, muss annehmen, dass der oder die andere wirklich eine ganz andere Meinung hat. Annehmen, welch verrückte Idee.“

Hat sie es nicht gemerkt? Sie ist Grüne, da sucht man nicht, da weiß man schon alles, und anzunehmen, dass jemand eine andere Meinung hat, kommt nicht in Frage. Was sie als scherzhaft-ironische Anmerkung zum Besten gibt – „Annehmen, welch verrückte Idee“ – ist genau das Verhalten, auf das Verfechter anderer Meinungen Tag für Tag bei grünen und rotgrünen Kreisen stoßen.

Und die Predigerin tut so, als sei man im freundlichen Umgang mit anderen Auffassungen geübt, stets auf der Suche nach dem Besten für das Gemeinwesen.

Nun geht sie auf ihre Prägung durch die Zeit der Wende ein und meint, nötig sei damals gewesen, „selbst zu denken, herauszufinden, was das Beste ist“. Das mag schon sein, aber warum hat sie seit jener Zeit so oft so viel Pech beim Denken? Ein gewisses Maß davon kann man bei dem schönen Gleichnis feststellen, das sie ihren Zuhörern präsentiert.

„Politik, Gemeinwohl, das ist kein Pizzadienst. Nach dem Motto: "Zweimal Artischocken bitte und veganer Käse und mein Nachbar will italienischen Schinken und keinen Knoblauch." “

Politik ist also kein Pizzaservice, und man fragt sich, wer das wohl behauptet haben mag. Sie konstruiert dann einen Dialog – ist das vielleicht der tiefere Sinn des Begriffs der Dialogpredigt? – in dem sich der Kunde über die Unfähigkeit des Pizzadienstes beschwert, weil der die Wünsche nicht erfüllen kann, während der Lieferant seinerseits versucht, wenigstens etwas Ähnliches liefern zu können.

Nur um dann, es war nicht anders zu erwarten, den Bogen zur Politik zu schlagen. Dem Vorwurf „Ihr tut einfach gar nichts für uns“, den allem Anschein nach unbotmäßige Bürger erheben, setzt sie politische Leistungen entgegen wie Brückensanierungen – an denen es allerdings in der Realität außerhalb der Traumwelt der Predigerin mangelt – „irgendwie Klimaschutz“ oder eine neue Oper.

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Doch das grundsätzliche Problem sieht sie nicht. Wer eine Pizza bestellt, der ruft eine bestimmte Leistung ab, die er freiwillig in Anspruch nimmt und für die er freiwillig bezahlt, sofern die Leistung erbracht wird.

Es stimmt: Politik ist etwas völlig anderes, denn hier wird keineswegs freiwillig bezahlt, sondern es werden Steuern und Abgaben abgepresst, um damit Seltsamkeiten zu finanzieren, die der ausgepresste Bürger in der Regel nicht nachgefragt hat: Überbordender Klimaschutz, überbordende Migrationskosten, überbordende Ukrainezahlungen, überbordende EU-Zahlungen, überbordende Energiewende.

Von dem schönen Beispiel des Pizzadienstes kann die Rednerin aber immer noch nicht lassen. Sie verrät uns: „Aber italienischer Schinken, und da bin ich wieder bei der Freiheit und dem, was uns ausmacht, nämlich auch die Freiheit der anderen, Gemeinwohl, Wohlstand, der Sehnsucht nach Beheimatung, dass wir uns nicht nur für uns selbst und unser Bestes verantwortlich fühlen.“

Liegt es nur an mir, dass sich mir der Zusammenhang zwischen dem eingangs angeführten italienischen Schinken und allem Nachfolgenden nicht unmittelbar erschließt? Und abgesehen davon: Wann hätte sich Görig-Eckardt jemals für so etwas interessiert wie die Freiheit der anderen, sofern es sich nicht um andere Mitglieder der rot-grünen Blase handelt? Wann hat sie sich um die „Sehnsucht nach Beheimatung“ all derer gekümmert, die der Auffassung sind, dass ihnen ihre Heimat zunehmend abhanden kommt? Das spielt offenbar keine Rolle, Hauptsache italienischer Schinken.

Und sofort dokumentiert die Predigerin, was sie wirklich von abweichenden Meinungen hält:

„Es sind die Finsternisbewirtschafter dieses Landes, die versuchen, genau das zu verhindern. Sie reden schlecht und in groben Worten.“

Wer mögen wohl diese „Finsternisbewirtschafter sein, die nur schlecht reden und alles Gute verhindern wollen? Handelt es sich etwa um die Klimaapokalyptiker, die uns einreden wollen, dass die Katastrophe droht, wenn wir nicht sofort auf Lastenfahrräder umsteigen und das Heizen einstellen? Waren es vielleicht die Corona-Hysteriker, die uns unentwegt mitgeteilt haben, dass wir alle sterben müssen, wenn wir uns nicht für die segensreiche Spritze entscheiden?

Sind es am Ende die Freunde des Krieges, die uns zu weiteren Einschränkungen für die Aufrüstung auffordern, weil sonst unweigerlich der Russe einmarschiert und blankes Elend droht? Aber wer vermag schon zu sagen, was im Kopf der Predigerin vor sich geht, wenn sie spricht?

Auch jenseits der komplizierten Fragen von Pizzadienst und Finsternis hält sie noch die eine oder andere Weisheit für uns bereit. Ich darf wieder zitieren:

„Gemeinwohl heißt nicht, dass es keine Konflikte gibt. Es geht um Handeln und Aushandeln. Es geht nicht nur um „wie du mir, so ich dir“, sondern „wie ich dir, so wir uns“. Das unterscheidet Demokratinnen und Demokraten von Autokraten, dass wir andere Meinungen aushalten.“

Den ersten beiden Sätzen werde ich nicht widersprechen, sie sind allerdings nur dann sinnvoll, wenn man – im Gegensatz zu grünen Gewohnheiten – unter „Handeln und Aushandeln“ nicht versteht, dass die einen sagen, was zu tun ist und die anderen gehorchen.

Die Beurteilung des schönen Vergleichs zwischen „wie du mir, so ich dir“ und „wie ich dir, so wir uns“ muss ich den Lesern überlassen; ich vermag ihm keinen Sinn abzugewinnen. Aber den Vogel der Selbstentlarvung schießt sie ab, wenn sie kundtut:

„Das unterscheidet Demokratinnen und Demokraten von Autokraten, dass wir andere Meinungen aushalten.“

Das stimmt, doch was hat das mit ihr, mit ihrer Partei, mit ihrer gesamten politischen Blase zu tun? Sie halten keine anderen Meinungen aus, für sie bedeutet „geteilte Meinungen“, dass sie eine Meinung haben und alle anderen sie teilen sollen, oder, in den Worten der Predigerin: Sie sind Autokraten, keine Demokraten. Warum sie übrigens im Zusammenhang mit Autokraten auf die weibliche Form verzichtet, ist mir nicht klar geworden.

Göring-Eckardts folgende Bemerkungen sind banal und ohne Belang, sie hat ihren bisherigen Ausführungen nichts Nennenswertes mehr hinzu zu fügen. Nur zwei beeindruckende Beispiele von Realitätsblindheit will ich noch anführen.

„Unverzagt schaffen wir es dennoch“, so teilt sie uns mit, „nicht zynisch zu werden, nicht zu behaupten, es gäbe keine Alternative.“

Ihre Kreise behaupten nicht, es gäbe keine Alternative? Sie behaupten tagtäglich nichts anderes. Und kurz darauf:

„Wir müssen nicht alles wissen, aber wir hören nicht auf, gemeinsam nach dem Guten zu suchen.“

Sie suchen gemeinsam nach dem Guten? Wer denn? Es geht ihr hier wie immer nur um die Gemeinschaft der Gleichgesinnten, um ihre eigene politische Umgebung; Ideen und Vorschläge anderer werden entweder ignoriert oder verteufelt, weil sie von den Falschen kommen.

Im Folgenden hat die Kölner Stadtdirektorin ihren Auftritt, den ich hier nicht weiter betrachten will. Erst gegen Ende der Predigt entwickeln sie eine Art Wechselgesang, wenn auch ohne zu singen, in dem die eine einen Satz beginnt, den dann die andere beendet. Ein Beispiel: Es gehe unter anderem um die Frage, „ob wir nur auf die Fehler der anderen schauen oder die Balken im eigenen Auge sehen, ob wir die Spaltung beklagen oder die Türen offen lassen für die, die ganz anders denken und sogar fühlen als wir selbst.“

Wie wäre es, wenn unsere begabte grüne Predigerin einmal bei sich selbst anfangen würde? Nicht immer nur auf das gegnerische Lager schimpfen, sondern sich fragen, was man denn selbst falsch gemacht haben könnte? Oder, falls sie das intellektuell überfordern sollte, tatsächlich einmal die Türen offen lassen für die, die ganz anders denken? Bisher war davon bei ihr und ihren Gesinnungsfreunden nicht viel zu sehen.

„Die Heuchelei“, schrieb Molière vor langer Zeit, „ist ein privilegiertes Laster, das mit seiner eigenen Hand aller Welt den Mund verschließt und in Ruhe seine Straflosigkeit genießt.“ Und in eine ähnliche Richtung zielt Voltaires Bonmot: „Heuchelei ist die Tugend des Feiglings“.

Was das mit unseren Politikern zu tun hat, mag jeder selbst entscheiden.

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Prof. Dr. Thomas Rießinger, geboren 1961 in Lampertheim, ist ein deutscher Mathematiker, der an der Universität Mannheim studierte, dort 1987 promovierte und nach Tätigkeiten bei SAP und als wissenschaftlicher Assistent 1992 als Professor für Mathematik und Informatik an die Frankfurt University of Applied Sciences berufen wurde. Mit verständlichen Lehrbüchern wie „Mathematik für Ingenieure“ und Beiträgen zur Unterhaltungsmathematik hat er Generationen von Studierenden den Zugang zur höheren Mathematik erleichtert und darüber hinaus Aufsätze zu Philosophie und Geschichte veröffentlicht.

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