Zum Tod von Michail Gorbatschow

Heute braucht Deutschland dringend Glasnost und Perestroika

von Jan-Heie Erchinger (Kommentare: 1)

Ist das Erbe Gorbatschows heute schon vollkommen verprasst und versoffen worden? Wenn man Lanz und Baerbock hört, hat man leider den Eindruck.© Quelle: Pixabay / cocoparisienne, rihaij I Montage Alexander Wallasch

Ich danke Michail Gorbatschow von Herzen und werde ihn immer im Herzen tragen. Als 67er Jahrgang bin ich im Kalten Krieg groß geworden. Niemals hätte ich gedacht, dass die Mauer mal wegkommt. Ich habe es als jemand, der in den 1980er Jahren sozialisiert wurde, einfach nicht für möglich gehalten!

Endzeit-gruselig und unumstößlich kam mir die Atmosphäre am Grenzübergang Marienborn bei Helmstedt vor. Die andere Welt östlich Helmstedts kannte ich vor Ende 1989 von Besuchen bei der Verwandtschaft in Bebertal, Großweitzschen oder Leipzig.

Auch wenn wir damals mit meinem Pastor-Studenten-Pfarrer-Vater Herbert Erchinger aus Braunschweig in die Partner-Studenten-Gemeinde Magdeburg fuhren (heute gegendert "Studierenden-Gemeinde"), bekam ich einen konkreten Eindruck von Dunkel-Deutschland. Vom Dunkel-Ostblock.

Alles war extrem grau, es stank nach Kohle, die Autos sahen scheiße und gefährlich aus und das gemeine DDR-Essen schmeckte mir null.

Der Kontrolletti an der Grenze guckte selbst- und machtbewusst. Hier war deutlich zu spüren: die Deutsche Demokratische Republik hat mit Demokratie nichts zu tun. Ein Fake-Name, nichts anderes.

Wenn wir allerdings in die von westlichen Kirchen bezahlte Oase im Magdeburger Studenten-Pfarramt kamen, war es wie in einer Enklave. Hier war alles anders. Ein Wind von Freiheit und weiter Welt wehte in der Wohnung am Magdeburger Dom.

Und ja, das lag ganz klar besonders an vermeintlich profanen Errungenschaften des kapitalistischen, westlichen Auslands: gute Stereo-Anlage, Farbfernseher, funktionierende Sport-Geräte, zum Beispiel eine Tischtennisplatte im Keller, gute Küchenausstattung. Und an Gesprächen im Geiste der Freiheit.

Ich weiß nicht, ob alle Pastoren-Haushalte in der DDR so gut ausgestattet waren, aber hier war es so, soweit ich das als Jugendlicher beurteilen konnte.

Und das unterstrich für mich ganz klar auch: Es gibt verschiedene Welten. Den real existierenden Sozialismus in grau und den kapitalistischen Westen in frischer Farbe.

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Wenn ich heute seelenlose Typen höre, die immer so stumpf und phantasielos behaupten und unterstreichen: Der Osten war pleite – die konnten nicht mehr. Da kann ich immer nur den Kopf schütteln.

Klar waren die im Vergleich zum vermeintlich immer goldenen Westen schon irgendwie pleite, aber das war doch letztlich nicht der Grund für die Öffnung und für ein Ende des kalten Krieges.

Klar hätten die ihren Finsterscheiss auch weiter durchziehen können. Ein bisschen konkrete Gewalt mehr – hundert erschossene Demonstranten in Leipzig oder in Moskau. Denkt doch mal an Nordkorea!

Mit roher Gewalt geht leider einiges.

Natürlich hätte eine Sowjet-Führung auch knallhart weitermachen können, natürlich hätte eine DDR-Führung auch konkret schießen lassen können.

Platz des himmlischen Friedens – schon fairgessen?

Die Politik Gorbatschows durch Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umgestaltung) erweckte die berechtigte Hoffnung auf ein besseres und lebenswerteres Leben.

Auch hatte das Jahrzehnte lange, durchaus kontrovers diskutierte sozialdemokratische Engagement Richtung Ost-Berlin und Moskau einen Beitrag zur Vertrauensbildung geleistet. Hier steckt ein Teil der DNA von 1989, hier wurde angelegt, dass ein Gorbatschow in diese Richtung zu denken bereit war. Die Friedenbewegung darf hier ebenfalls nicht vergessen werden.

Grundsätzlich gilt aber für mich: Sozialismus/Kommunismus kann einfach nicht funktionieren. Besonders im Vergleich. Ein System der Marktwirtschaft mit echtem Wettbewerb, mit einer Möglichkeit durch Leistung, Erfindergeist, Kreativität und Fleiß nach vorne zu kommen, gut zu verdienen, die Welt konkret zu bewegen (gerne in schnellen und schönen Automobilen), so ein System wird einfach immer attraktiver sein.

Sozialismus/Kommunismus kannst Du nur realisieren und mit anderen durchziehen, wenn Du einsperrst, terrorisierst, brutal bestimmst und durchregierst.

So etwas kann mit Freiheit und Selbstentfaltung nie zusammen gespielt werden.

Wer jetzt vermutet, dass ich eine platte Lobhudelei auf den real-existierenden aktuellen Westen und im Besonderen Deutschland abspulen will, irrt. Auch unser vermeintlich garantiert freier Westen und unser Land Deutschland brauchen stetiges Engagement für Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umgestaltung).

Ein Perestroika-Projekt bei uns wäre heute eine Aufarbeitung dieser Schlesinger-Reschke-Restle-Öffentlich-Rechtlichen.

Aber wo ist die Glasnost-Entwicklung und das konkrete Engagement pro Offenheit heute in Deutschland geblieben? Wo sind die ideologiefreien Diskussionen jenseits der der woken Grundeinstellungen und Meinungen im politisch-gesellschaftlichen Diskurs?

Ist das Erbe Gorbatschows heute schon vollkommen verprasst und versoffen worden? Wenn man Lanz und Baerbock hört, hat man leider den Eindruck. In der Ukraine herrscht Krieg. Russland ist einmarschiert und es wird finster gestorben. Das Ganze hat eine Vorgeschichte.

Ich bin sehr gegen Putin. Aber heute alles auf ihn zu verkürzen, hat mit Perestroika und Glasnost, hat mit Deeskalation und Friedensforschung eher wenig zu tun! Es ist Kalter Krieg pur.

Bei uns in Deutschland werden aktuell friedenspolitische Meinungsstimmen wie die von Richard David Precht, Alice Schwarzer oder auch Michael Kretschmer in einem Tagesschau-Mainstream von Baerböcken niedergeblökt.

Es wird nicht wirklich zugelassen, entspannungspolitische Sichtweisen zu vertreten. Ich nehme in den Mainstream-Medien vor allem die amerikanisch-ukrainische Sichtweise und deren Narrative wahr. Und das ist einfach zu wenig. Das ist nur die eine Sicht. Das führt leider immer stärker in die weltweite Krise.

Gorbatschow war zuletzt enttäuscht von Deutschland. Gewisse anti-russische Polemiken unserer schlechten und für mich schlichten Außenministerin haben dazu beigetragen.

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Zum Beispiel ihre Ansage „Das wird Russland ruinieren“. Überhaupt die gesamte Sanktionspolitik ist sowas von Anti-Glasnost, Anti-offen – ja Anti-Völkerverständigung und offenkundig vollkommen gescheitert.

Oder ist das Sterben von vielen zehntausend Menschen in dem Krieg im Osten ein Zeichen des Funktionierens von Sanktionspolitik? Davon unbeeindruckt rief Baerbock dem Verstorbenen heute hinterher: „Wir sind Gorbatschow ewig dankbar."

Ich hätte nicht für möglich gehalten, dass ich – jedenfalls in der Ukrainefrage – ausgerechnet der aktuellen türkischen Regierung für ihre Diplomatie-Bemühungen dankbar sein muss.

Wenn ich heute mit Dankbarkeitsgefühlen für Gorbatschow, Schewardnadse und auch für Kohl die A2 bei Helmstedt in Richtung Magdeburg langfahre, frage ich mich erschüttert, wie es so weit kommen konnte, dass wir heute in einem kalten und auch schon heißen Krieg der Blöcke zurückgefallen sind.

Vielleicht war es manchen Leuten, Konzernen, Feindbild-Geilen einfach zu langweilig. Vielleicht sollen wieder mehr Waffen verkauft werden? Hätte, hätte Fahrradkette. Ich träumte immer davon, einmal mit Russland und den USA in einer Art Nord-Allianz zu leben.

Leider haben die Block-Denkenden und Aggressiven, die Kompromisslosen und die Falken auf beiden Seiten diesen Traum mittelfristig zunichte gemacht.

Gorbi – danke nochmal! Nein, es war nicht sinnlos. Wir werden Glasnost und Perestroika blöckeübergreifend realisieren. Aufgeben ist keine Option.

(Quelle: privat)

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Kommentare

Kommentar von Hildegard Hardt

Zuerst einmal danke für den Musikeinspieler. Hat einfach gepaßt, so ohne Schnörkel oder Sentimentalität.

Und jetzt zum Artikel. Gorbi haben wir viel zu verdanken, aber er war einfach zu naiv oder gutgläubig, wie man's nimmt. Er war doch intelligent genug um zu wissen, daß man dem Ami nicht so einfach trauen kann. Der Boris hatte doch seine alkoholisierte Seele schon den USA verpfändet für ein paar lumpige Dollar und dort lachte man sich ins Fäustchen, wie leicht die UdSSR einzufangen war.

Aber mit Wladimir Putin hatten sie nicht gerechnet. Der unscheinbare KGB-Mann, der bei Bedarf mit dem Muster der Tapete verschmelzen konnte, war fürs Anpassen nicht zu haben. Gorbi spürte etwas, was ihm fehlte, aber Putins Rede im September 2001 im Deutschen Bundestag wird ihn vielleicht etwas beruhigt haben. Daß der neue Staatspräsident aber zu Recht mißtrauisch blieb, wird Gorbi bis zum Schluß nicht verstanden haben.
Wahrscheinlich hat auch er die Geschichte ausblenden wollen, wie wir es jetzt tun. Einfach weil sie schmerzlich ist,denn sie konfrontiert uns auch erbarmungslos mit unseren eigenen Fehlern.

Mag sein, daß ich eine unverbesserliche Optimistin bin. Aber im Angesicht des Todes werden auch harte Herzen weicher. Ich erinnere mich an eine Sequenz aus Hubert Seipels Buch "Putin-Innenansichten der Macht": Als Putin am aufgebahrten Leichnam seines alten Judotrainers stand brach er in Tränen aus, wandte sich dann ab und verließ stumm die Trauerhalle.

Vielleicht siegt auch diesmal der Mensch über den Staatsmann; die Menschen in Russland würden es ihm danken und auch viele Deutsche, denn wir alle wollen wirklich keinen Krieg.