Von Julian Adrat
Heute ist er einer der moralisch aufgeladensten Tage im politischen Kalender der Republik. Aber es stellt sich eine unbequeme Frage: Was ist davon ernst gemeint – und was ist nur noch Ritual?
Schulprojekte, Gedenkveranstaltungen, Fernsehübertragungen. „Nie wieder“ gehört zur Grundausstattung staatlicher und halbstaatlicher Rhetorik. Doch genau dort, wo aus Erinnerung konkrete Politik folgen müsste, beginnt die Leerstelle. Man hat eine Erinnerungsmaschine gebaut, die ununterbrochen moralische Signale sendet – während die gesellschaftliche Wirklichkeit immer weniger zu diesen Signalen passt.
Holocaust-Gedenken ist zur Staatsliturgie geworden – aber ohne politischen Ernst. Man erinnert sich an die toten Juden mit maximaler Symbolik und minimaler Konsequenz. Man moralisiert über die Deutschen von damals, um über die Probleme von heute nicht reden zu müssen. Wer das ausspricht, gilt als Störenfried im Andachtsraum.
Da meldet sich Irene Bindel im Deutschlandfunk zu Wort: eine hochbetagte Zeitzeugin, die sich dankbar zeigt, in Schulen sprechen zu dürfen, das mache sie demütig, die jungen Leute zum „Nie wieder“ anzuspornen. Ernsthaft? Was ist mit der Nachbarschule im Brennpunkt? Dort sitzen Schüler, die Angst haben, zur Schule zu gehen. Jugendliche, die wegen ihrer Herkunft, ihres Namens, ihrer Religion oder schlicht, weil sie „deutsch“ wirken, zur Zielscheibe werden. Lehrer, die vor Messern flüchten. Schulleitungen, die verzweifeln. Behörden, die relativieren. Und eine Politik, die allein lässt.
„Nie wieder“ ist kein Gedichtband. Es ist ein politischer Auftrag. Und der bedeutet vor allem: Judenhass darf nicht geduldet werden – egal aus welcher Richtung er kommt. Wer aber millionenfach Menschen aus Kulturen aufnimmt, in denen antisemitische Weltbilder zum Alltag gehören, und dann überrascht tut, wenn sich genau das auch hier zeigt, betreibt Realitätsverweigerung. Nett ausgedrückt.
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Und so haben, während das Holocaust-Gedenken zur Farce verkam, längst andere Götter die geistige Bühne erobert: Klimapanik, Sprachregelungswahn, Corona-Religion. Den jungen Leuten wird eingeredet, sie müssten das Wetter fürchten und ihre eigene Geschichte vor allem als Schuldgeschichte begreifen. Aber wer schützt sie konkret im Hier und Jetzt? Wer sorgt dafür, dass ein jüdisches Kind offen als Jude erkennbar sein kann, ohne Angst zu haben? Wer sorgt dafür, dass ein deutsches Kind nicht zum Fremdkörper im eigenen Klassenzimmer wird?
Wenn Greta Thunberg zum Klimastreik aufrief, setzte die Schulpflicht plötzlich aus. Jugendliche, die gegen die Wehrpflicht demonstrieren wollten, bekamen hingegen sofort schlechte Noten und unentschuldigte Fehlzeiten.
Überraschung: Klimaikone Greta Thunberg ist doch nicht weiter als eine gewöhnliche Antisemitin, die den 7. Oktober, das größte Massaker an Juden seit dem Holocaust, zum Anlass nimmt, den Judenhass zu schüren und in Berlin mit Islamisten zu marschieren. Klimaangst funzt nicht mehr – was immer geht: Der böse Jude!
Hier kippt das Ganze von Heuchelei in Frechheit. Aber ihr Judenhass verrät sie.
Das Tragische ist: Damit wird auch das eigentliche Gedenken entwertet. Wenn „Nie wieder“ nur noch eine Formel ist, mit der man politische Gegner moralisch schlägt, aber nicht mehr reale Missstände im eigenen Land angeht, wird aus Erinnerung Ideologie. Und aus moralischem Anspruch ein Schutzschild für Untätigkeit.
Wirkliche Lehre aus Auschwitz wäre unbequem. Sie würde bedeuten, Probleme klar zu benennen, auch wenn sie nicht ins eigene Weltbild passen. Sie würde bedeuten, Antisemitismus ohne Ansehen der Herkunft zu bekämpfen. Schuldkult wäscht keine Schuld, wenn die Enkel und Urenkel der Judenhasser, aber auch der Widerstandskämpfer im Dritten Reich mit Judenhassern vom Hindukusch, aus Palästina und Aleppo ersetzt werden.
Und sie würde bedeuten, die Sicherheit der heute Lebenden endlich wichtiger zu nehmen als die moralische Selbstinszenierung der Regierenden. Alles andere ist Gedenken als Theater. Und Geschichte taugt schlecht als Kulisse. Das haben die ermordeten Juden nicht verdient. Und wir selbst auch nicht.
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