„Wir haben einen Traum: In zehn Jahren haben wir die Münchner Sicherheitskonferenz als internationale Plattform abgelöst“

„Ich habe Angst vor dem Krieg“ – Gespräch mit Ulrike Guérot in Istanbul

von Alexander Wallasch

„Unser Ziel ist, eine globale kritische Community miteinander zu verbinden.“© Quelle: Christian Witt

Ein Gespräch über Kriegsangst, psychologische und wirtschaftliche Kriegsführung, Europas Rolle zwischen den Blöcken und die Idee, Istanbul zu einem neuen Ort des Dialogs zwischen Ost und West zu machen.

Von Christian Witt

Gestern kamen beim East-West Forum in Istanbul Referenten und Gäste aus zahlreichen Ländern zusammen. Unter dem Titel „Designing the 21st Century – Navigating the Multi-Paradigm Global Shift“ diskutierten Wissenschaftler, Diplomaten, Journalisten und politische Denker über eine Weltordnung im Umbruch und die Frage, welche eigenständige Rolle Europa darin spielen könnte.

Organisiert wurde das Forum in Istanbul von der in der Türkei ansässigen, digitalen Nachrichten- und Medienplattform Harici Media. Deren Ausrichtung gilt als unabhängig und nicht parteipolitisch, aber klar multipolar und oft westkritisch. Gründer Tunç Akkoç ging in Deutschland zur Schule und schrieb unter anderem schon einmal für die „Nachdenkenseiten“.

Die Gästeliste des East-West Forums in Istanbul war bemerkenswert international: Mit dabei waren unter anderem Ulrike Guérot, Zhang Weiwei, Glenn Diesen, Dragana Mitrović, Daniel L. Davis, Ali Asghar Soltanieh, Zhou Bo, Michael von der Schulenburg, Anatol Lieven, Andrew Day, Muhammad Shehada, Abdullah Baabood, Thomas Fazi, Hasan Ünal, Pascal Lottaz, Georges Renard-Kuzmanovic, Richard Sakwa, Hauke Ritz und weitere internationale Gäste.

Eine Teilnehmerin aus Berlin zeigte sich begeistert vom ersten East-West Forum, hätte sich im Vorfeld allerdings mehr öffentliche Aufmerksamkeit und Werbung für das neue Format gewünscht. Ihr Wunsch für die Fortsetzung ist entsprechend klar: „Ich hoffe, dass nächstes Jahr doppelt so viele Gäste kommen.“

Auch Roger Köppel, Verleger und Chefredakteur der Schweizer Weltwoche, war als Gastredner in Istanbul – er hatte sich zuvor in Berlin als Gast der Verleihung des Springer Awards für den umstrittenen Milliardär Peter Thiel noch auf Fragen zum Springer-Palantir-Komplex erstaunlich zugeknöpft gezeigt.

Einer der Köpfe hinter dem Projekt East-West Forum ist Ulrike Guérot, Politikwissenschaftlerin, Autorin und Mitbegründerin des Think Tanks European Transcontinental Initiative European.

Ich treffe Ulrike Guérot am Abend, nach dem ersten langen Tag des Forums, in einem etwas ruhigeren Hinterhof dieses typischen mittelgroßen Stadtteil-Kulturhaus, in dem das alles stattgefunden hat. Hinter uns liegen Stunden voller Vorträge, Diskussionen und Gespräche.

Und doch ist da sofort diese Energie. Guérot ist freundlich, charmant, zugewandt. Beim Reden geht ihr mehr als einmal das Herz über. Man merkt ihr an, dass sie uneingeschränkt hinter dem Versuch steht, Menschen über politische und nationale Grenzen hinweg wieder miteinander ins Gespräch zu bringen. Internationale Verständigung nicht als große Formel, sondern als etwas, das man tatsächlich versuchen muss.

Wir setzen uns zusammen und reden über das, was an diesem Tag über allem schwebt: Krieg und Frieden.

Ich komme gerade aus Moskau. Dort habe ich zwei sehr unterschiedliche Einschätzungen gehört. Die eine: Europa wird massiv aufrüsten, aber zu einem heißen Konflikt wird es wohl nicht kommen – es sei denn, etwas Unvorhergesehenes passiert und die berühmten roten Telefone funktionieren nicht mehr.

Die andere Einschätzung ist wesentlich dramatischer: Es muss nicht erst 2029 sein. Der Konflikt könnte sehr viel früher kommen, und beide Seiten – auch die Russen – seien darauf vorbereitet. Das sind zwei Extreme. Wo stehst du da persönlich? Wie geht es dir heute, am 26. September, mit der Frage nach Krieg und Frieden?

Wir haben hier seit 10 Uhr vier Panels hinter uns. Ich bin ein bisschen müde, aber es war hervorragend. Wir haben mit Menschen aus sehr unterschiedlichen Ländern darüber gesprochen, warum dieser Krieg stattfindet, was die Russen tun und welche Rolle Europa überhaupt noch spielen kann.

Zu diesen unterschiedlichen Einschätzungen – der Krieg steht unmittelbar bevor, er kann jederzeit kommen oder er wird nicht kommen: Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht. Niemand hat eine Kristallkugel. Wenn du auf meine Bemerkung zurückgehst, dass ich Angst vor Krieg habe: Krieg ist für Frauen keine angenehme Situation. Männer schießen, Frauen werden vergewaltigt. Das gehört leider zur Geschichte von Kriegen.

Es gibt interessante soziologische Theorien darüber, warum Gesellschaften in Kriege geraten – beispielsweise über einen männlichen Überhang, über Männer ohne Arbeit und ohne Zukunft. Das will ich hier gar nicht weiter ausführen. Ich komme aber aus einer Familie, in der ein Opa 1944 bei Riga gefallen ist. Ein anderer Opa kam ohne Beine von der Wehrmacht zurück. Die Familie ist 1945 geflohen.

Ich bin sozusagen eine kriegstraumatisierte Enkelin. Und ich weiß, was der Krieg in meiner Familie angerichtet hat. Da muss ich nicht lange nachdenken. Ich will das nicht für mich. Ich will das nicht für meine Kinder, die jetzt 33 und 35 Jahre alt sind. Deswegen stehe ich zu meiner Aussage: Ich habe Angst vor dem Krieg.

Einerseits habe ich Angst vor dem realen Krieg – wenn Bomben fliegen, Menschen hungern oder im Keller sitzen. Aber ich habe auch Angst vor dem subtilen Krieg, der sich wie ein Krebsgeschwür in Familien hineinfrisst. Traumata werden ausagiert und nach einem Krieg nicht aufgearbeitet. Ich löse mich deshalb langsam von der klassischen Vorstellung von Krieg, wie wir oder unsere Vorfahren ihn kannten.

Krieg wird heute auch psychologisch und wirtschaftlich geführt: durch Propaganda, Sanktionen, Sanktionslisten und Handelskriege. Man wird gewissermaßen verrückt, bevor der eigentliche Krieg überhaupt kommt. Insofern müsste man erst einmal definieren: Was ist eigentlich ein Zustand von Krieg?

Die Vereinten Nationen fassen jedenfalls den Gegenbegriff, den Frieden, sehr viel weiter als nur als Abwesenheit von Bomben und Waffen. Zur UN-Idee einer „Kultur des Friedens“ gehören unter anderem Gewaltfreiheit, Dialog und Zusammenarbeit, Menschenrechte sowie die friedliche Lösung von Konflikten.

Wenn man einen solchen umfassenderen Begriff zugrunde legt, muss man sich fragen, wie viele der acht Milliarden Menschen überhaupt in einem Zustand vollständigen Friedens leben.

Wenn Soldaten in Schulen gehen und Schüler dagegen streiken, befinden wir uns bereits in einem Meinungskrieg darüber, was richtig ist. Wenn wir Milliarden ausgeben, Fabriken bauen und eine Seite eines Krieges unterstützen, dann sind wir bereits beteiligt.

Das ist keine gute Zeit für Europa. Europa hätte von Anfang an auf Frieden setzen und sagen müssen: Wir stehen auf keiner der beiden Seiten. Wir versuchen zu vermitteln. Diese Chance wurde völlig verpasst.

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Kommen wir zum East-West Forum. Hier sind Menschen zusammengekommen, die dafür bekannt sind, kritisch zu hinterfragen und weiterzudenken. Ist das für dich auch eine Form von Friedensarbeit – neuralgische Punkte sichtbar zu machen, Menschen zusammenzubringen, sich zu vernetzen und gemeinsam weiterzudenken?

Tatsächlich ist es eine Konferenz mit ungefähr hundert Teilnehmern. Wir haben Menschen aus praktisch allen Regionen der Welt hier. Es sind „representatives of the global community“.

Was wir mit dem East-West Forum wollen, erklärt auch den Ort Istanbul. Konstantinopel, Byzanz, Istanbul – diese Stadt steht historisch für Ost und West. Der Bosporus verbindet Kleinasien und Europa. Istanbul ist geradezu mythologisch besetzt als Brücke und Verbindung zwischen Europa und Asien. Deswegen ist dieser Konferenzort bewusst gewählt.

Wir wollten heraus aus Formaten, in denen entweder die eine oder die andere Seite unter sich bleibt. Aus den klassischen atlantischen Formaten ebenso wie aus russischen Formaten, bei denen wiederum die westlichen Leute fehlen. Ich glaube, heute haben wir tatsächlich eine gute Mischung gefunden.

Unser Ziel ist, eine globale kritische Community miteinander zu verbinden. Wir wollen eine Schneise schlagen. Es geht nicht darum, in eine Renationalisierung zurückzufallen und das 20. Jahrhundert zu wiederholen. Es geht aber genauso wenig darum, der bisherigen liberalen Agenda einfach freien Lauf zu lassen. Wir brauchen eine neue Form globaler Zusammenarbeit und alternative Konzepte.

Wie soll dieses globale Dorf namens Erde eigentlich aussehen? Wie kann Europa seine Rolle neu bestimmen? Wie kann die globale Hegemonie der USA beendet werden? Das war hier ein starkes Thema – für Teilnehmer aus dem arabischen Raum genauso wie für Serben, Briten und Amerikaner. Einer der Amerikaner hat heute gesagt: Wir befinden uns in unserer Wahrnehmung immer noch im Zustand von 1992. Selbst wenn die USA diese Hegemonie aufrechterhalten wollten – sie könnten es gar nicht mehr.

Da wollen wir hinein. Es ist ein bisschen Antonio Gramsci: Das Alte kann noch nicht sterben, das Neue kann noch nicht geboren werden – und dazwischen entstehen die Monster. Wir hängen hier gewissermaßen auf dem Bosporus zwischen dem Alten und dem Neuen, zwischen Ost und West.

Wir wollen einen Impuls geben. Es geht darum, dass wir als Welt zusammenfinden und über neue Konzepte nachdenken.Ich habe das heute auch in meiner Eröffnungsrede gesagt: Wir müssen zurückgehen zu Kant, zu den Ideen von vor über 200 Jahren, zum „Ewigen Frieden“ und zu der Annahme, dass globaler Frieden grundsätzlich möglich ist. Dass man die Ressourcen der Erde gerecht teilen kann. Mit diesen Gedanken haben wir diese Konferenz begonnen.

Das Format soll also weitergehen?

Ja. Wir wollen das East-West Forum künftig jedes Jahr am dritten Septemberwochenende veranstalten. Wir werden das Netzwerk intensivieren, thematische Untergruppen bilden und eine Konferenzveröffentlichung beim Westend Verlag herausgeben. Das dritte Septemberwochenende 2027 ist also schon gesetzt.

Und wir haben natürlich einen Traum: In zehn Jahren, also 2036, haben wir die Münchner Sicherheitskonferenz als internationale Plattform abgelöst. Und Istanbul ist dann Sitz der Vereinten Nationen. Das hat heute jemand als konkrete Forderung vorgeschlagen. Es gab viel Beifall und viel Gelächter. Warten wir es ab. Aber neu denken – das ist eigentlich das, was wir machen.  wollen. „Designing the 21st Century“ heißt schließlich der Titel.

Und welche Rolle soll Europa dabei spielen?

Wir haben zwei Leitgedanken. Der erste ist „Shaping Europe beyond the EU“: Wie sieht Europa jenseits der Europäischen Union aus? Der zweite ist die Frage, wie Europa seine Rolle in einer multipolaren Welt findet. Wie schafft Europa es, stärker nach Eurasien, zum Globalen Süden und zu den BRICS-Staaten zu schauen, anstatt immer am amerikanischen Rockzipfel zu hängen?

Europa hat durchaus noch eine Chance. Wir sind immer noch ein sehr schöner und sehr reicher Kontinent. Wir haben großartige Städte, Industrien, Wälder, alte Kulturgüter und Traditionen. Wir haben kulturell sehr viel anzubieten – wenn wir uns selbst wiederfinden.

Das war eines der Hauptmotive dieser Konferenz: Aus der Wiederentdeckung unserer eigenen europäischen Kultur ein neues politisches Projekt entstehen zu lassen. Ein Projekt, das notwendigerweise jenseits der heutigen EU gedacht werden muss, weil diese aus unserer Sicht vieles von dem nicht mehr verkörpert, wofür Europa steht. Dieses Nachdenken wollen wir anschieben.

Danke für das Gespräch!

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