Inklusive „Keine Kerzen zum Advent“ von Dieter Potthoff

Ich sage „Nein!“ zum Krieg – Du kannst das auch

von Toddn Kandziora (Kommentare: 11)

Haben die heutigen Befürworter des Krieges das Leid ihrer Eltern und Großeltern vergessen?© Quelle: Youtube / Hamburg Channel, Screenshot

Ich mache es kurz heute. Ich sage laut „Nein!“ zum Krieg. Schreie es aus meinem Herzen heraus. Hoffe, dass die Kraft meines Schreies Politiker wie Kiesewetter, Hofreiter, Baerbock und insbesondere die so verstörend wirkende Strack-Zimmermann erreicht.

Ich sage „Nein!“ zu weiteren Waffenlieferungen an die Ukraine. „Nein!“ zur NATO-Osterweiterung und „Nein!“ zur Entsendung von NATO-Truppenverbänden an die Ostfront. Wer das befürwortet, der soll selbst an die Front gehen. Dort, wo es Granaten und Blut regnet. Dort soll er für seine Meinung einstehen und nicht stattdessen vom Schreibtisch aus versuchen, diese Welt durch Chaos und Dummheit zu vernichten.

An der Front sollen die „Ja!“-Sager sich ein Sturmgewehr geben lassen und gegen ihren hausgemachten Feind marschieren. Dorthin, „wo die Eisernen Kreuze wachsen“, wie es einst Oberfeldwebel Steiner in einer Verfilmung eines Romans von Willi Heinrich seinem Gegenüber entgegenschleuderte. Diejenigen, die den Krieg wollen, sind jene, die selbst nicht hineingehen, so formulierte es Erich Maria Remarque in „Im Westen nichts Neues“.

Heute regieren, befehlen und tragen Menschen Verantwortung über mein Leben, die offenbar keine Ahnung von den grausamen Schrecken des Krieges haben, die nicht im Geringsten erahnen, was Krieg mit den Menschen, den Körpern und Seelen anzurichten vermag. Gar nichts wissen die Verantwortlichen. Ihre Herzen sind eiskalt, ihre Seelen verloren und Menschen sind für sie ohne Wert.

Ich entstamme einer oberschlesischen Kriegs- und Flüchtlingsfamilie. Beide Großväter waren im Krieg. Wie deren Brüder, die heute in fremder Erde liegen. Ein Großvater kam ausgemergelt aus der Gefangenschaft zurück. Gezeichnet und seelisch zerstört. Mein Vater erlebte den Angriff der Heimatstadt als Hitlerjunge. Mein Stiefvater kam 1944 mit sechzehn an die Front und mit siebzehn in Kriegsgefangenschaft nach Nordafrika. Ich erinnere mich an die vielen Nächte, in denen er sich aus immer wiederkehrenden Albträumen wach schrie. Beide Familienteile hatten durch Flucht und Vertreibung schreckliche Erfahrungen gemacht. Das Grauen des Krieges wurde von ihnen an die Enkelgeneration weitergegeben.

Haben die heutigen Befürworter des Krieges das Leid ihrer Eltern und Großeltern vergessen? Haben sie nicht zugehört, wenn ihnen bei Familientreffen davon berichtet wurde? Ich verstehe es nicht. Ich kann es nicht nachvollziehen.

Helmut Schmidt sagte einmal: „Lieber 100 Stunden umsonst verhandeln, als eine Minute schießen.“

Verhandelt endlich! Die Forderungen Russlands zur Beendigung des Krieges sind nachvollziehbar. Ein Frieden war 2022 zwischen der Ukraine und Russland doch schon (fast) ausgehandelt, als Boris Johnson dazwischenging. Der englische Premier machte der Ukraine Versprechungen, die vom Westen und der NATO nicht erfüllbar waren. Es sei denn, Atomwaffen wären damals von Johnson als „ultimative Endlösung“ für den „Sieg“ mit versprochen worden. Aber wer will deren Einsatz? Psychopathen nur.

Kurzum: Lasst Russland die Krim, die seit Jahrhunderten russisch war und auf der fast ausschließlich Russen leben. Lasst die Donbas-Gebiete, in denen mehrheitlich ebenfalls Russen leben, selbstständig werden und legt fest, dass die Ukraine als Staat kein NATO Mitglied werden darf. Und aus ist der Krieg.

Im Dezember letzten Jahres verstarb einer, der den Krieg kannte. Dieter Potthoff war ein großer Weltenbummler, Künstler und guter Freund. Ich durfte einige seiner Erlebnisse rund um diesen schönen Erdball aufschreiben und in Form zweier Bücher herausbringen. Ein paar seiner Erinnerungen liegen bis heute unveröffentlicht in meinem Büro. In einer Schublade, die seinen Namen trägt.

Bei einer unserer letzten Begegnungen im Dezember hielt er ein politisches Magazin in seiner Hand. Er meinte, es ausgelesen zu haben und davon überzeugt zu sein, dass es für Deutschland böse enden wird. Die Menschen seien wieder so weit, bereit gemacht und willig für den Krieg. Ohne zu begreifen, auf was und wen sie sich da einlassen.

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Vielleicht kann die folgende, bisher unveröffentlichte Kindheitserinnerung einer Bombennacht im Zweiten Weltkrieg von Dieter Potthoff den ein oder anderen Befürworter aus gefährlicher Kriegsbesoffenheit ernüchtern. Dieter, ich, wir alle, die „Nein!“ zum Krieg, zum weiteren Morden sagen, erhoffen es uns sehr.

"Keine Kerzen zum Advent" von Dieter Potthoff

Es war wie immer. Die Sirenen heulten wieder viel zu spät und noch während wir aus der Wohnung in den Keller flüchteten, hörten wir schon das Brummen in der Luft. Würden die Bomberflotten dieses Mal wieder vorbeifliegen?

Ich war damals sieben Jahre alt. Den Weg zum Bunker kannte ich schon alleine. Überall strömten die Menschen aufgeregt durch die Straßen meiner Stadt. Der Bunker war auch an diesem Tag wieder von Menschen überfüllt.

„Seien Sie doch vernünftig“, schrie der Blockwart. Ich kroch auf dem Boden zwischen den Beinen der vielen Menschen hindurch und verkroch mich unter einer Bank. Das Krachen der ersten Bomben war zu hören. Es war der 27. Juli 1943. An diesem Tag waren sie wieder einmal über uns. An diesem Tag waren es mehr als siebenhundert britischer Bomber der RAF, die über hunderttausend Spreng- und Brandbomben über unseren Köpfen entluden.

Was die Menschen bald schon erleiden mussten, das übertrifft alles bislang Vorstellbare. Zehntausende von Bränden vereinigten sich in Minuten zu riesigen Flächenbränden und zu einem wahrhaftigen Feuersturm. Die schmalen Straßen brannten. Der tausend Grad heiße Feuersturm reißt Tausende mit sich in das höllische Flammenmeer. Die Hitze im Bunker wurde unerträglich. Während des fortwährenden Bombardements über der Stadt schwankte mehrmals der ganze Bunker. Dann fiel die Notbeleuchtung aus. Ich hörte Frauen und Männer schreien. Die Kinder weinten und krallten sich an unbekannten Menschen fest. Leute um mich herum fielen in Ohnmacht. Plötzlich wurde die Bunkertür geöffnet.

„RAUS, RAUS, ALLE RAUS HIER!“, hörte ich eine männliche Stimme laut rufen.

In Panik geratene Menschen liefen in Richtung der Ausgangstore. Traten, schwankten, stiegen über gefallene Menschen hinweg. Sie krochen über tote, schrecklich entstellte, noch lebende Menschen hinweg. Menschen, deren Anblick niemand vergessen wird. Ich höre noch das Flehen nach Erlösung derer, die es traf. Hier leise geflüstert, dort laut herausgeschrien. Aus kaum mehr menschlich erscheinenden Leibern und entstellten Gesichtern.

Ich schaffte es ohne zu stürzen zum Ausgang. Was ich erblickte, war schrecklich. Vor mir tat sich die Hölle auf. Alles brannte. Die Flammen rasten waagerecht durch die zerborstenen Fenster von Haus zu Haus. Ich war für Momente unfähig, mich zu bewegen. Dann begann mich ein riesiges Schneegestöber zu umhüllen. Doch dieser Schnee war nicht kühl und feucht. Es war grau-heißer, sengender Funkenregen. Dann rannte ich los. Ohne zu wissen, wohin. Nur noch rennen. Rennen. Rennen.

Links wie rechts von mir fielen Häuser in sich zusammen. Und weiterhin fielen die Bomben vom Himmel. Ich konnte sie durch den Aschenfunkenhimmel auf uns Menschen niedergehen sehen. Verletzte und blutende Menschen liefen von rechts nach links und links nach rechts, schreiend ohne Sinn und Verstand, blutend, weinend umher. Mehrmals wurde ich umgestoßen. Mehrmals wollte ich danach einfach nur liegenbleiben. Wie schön wäre es jetzt gewesen, wäre dies ein fürchterlicher Albtraum, aus dem ich aufwachen könnte. Doch ich schlief nicht. Dieses war die Welt, in die ich hineingeboren wurde. Eine Welt, die zum Albtraum wurde. Die der Albtraum ist. Einer, aus dem das Entrinnen unmöglich, es kein Erwachen gibt.

Erst jetzt dachte ich an meine Mutter. Wo war sie denn nur? Wo waren mein Bruder? Wo war meine Schwester? Ich sollte doch auf sie aufpassen. Nie wieder in meinem Leben fühlte ich mich so einsam wie in diesem Moment.

Dann sah ich sie. Die „Kerzen“. Vor mir mitten auf der Straße standen brennende Kerzen. Doch es waren keine Kerzen, die brannten. Es waren Menschen, die vor meinen Augen lichterloh brannten, in sich zusammensackten und endlich verstummten. Ich konnte sie nicht zählen, zu viele waren es, die auf den Straßen um mich herum brannten, verglühten, zerfielen.

Dann sackte ich ebenfalls zusammen. Niemand beachtete mich. Auf der Straße liegend rollte ich mich wie ein Tier mit angezogenen Knien und Armen zwischen Schutt und von überall niederprasselndem, brennendem Geröll zusammen, unfähig zu weinen.

Dann begann ich zu schreien. Ich schrie und schrie. Unaufhörlich.

Meine Frau rüttelte mich wach und sprach beruhigend auf mich ein. „Hattest du wieder diesen Albtraum?“ Schweißgebadet schaute ich sie an und stammelte verängstigt, noch immer mit wild klopfenden Herzen: “Keine Kerzen zum Advent. Bitte keine Kerzen.“

Im Juli 1943 starten die Alliierten massive Luftangriffe auf Hamburg. Im entstandenen Feuersturm sterben (laut alter Geschichtsbücher!) mehr als 40.000 Menschen. Von diesen waren ca. 23.000 Frauen und ca. 7000 Kinder.

„Ich dachte immer, jeder Mensch sei gegen den Krieg, bis ich herausfand, dass es welche gibt, die dafür sind. Besonders die, die nicht hineingehen müssen.“ (Erich Maria Remarque, deutscher Schriftsteller, 1898 – 1970)

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