Toddn Kandzioras Wochenrückblick 44/2021

Im Wendekreis der Angst

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Im Wendekreis der Angst
Kolumnist Toddn Kandziora liest Henry Miller und denkt über seinen neuen Alltag nach. Dann erinnert er sich, was alles hätte sein können, was möglich wäre, dem zu entrinnen. © Foto: Pixabay / Ben Frieden

Als Henry Miller zu Beginn der Dreißigerjahre nach Paris flüchtete, war er als Schriftsteller gescheitert. Kein Verlag in den USA oder in Europa war an seiner Schreibe interessiert. Da er der Meinung war, nichts, aber auch rein gar nichts mehr verlieren zu haben, ließ er jegliche literarische Konventionen und allen Anstand der damaligen Zeit hinter sich und schrieb das 1934 erschienene Buch „Wendekreis des Krebses“.

Dies wurde eines der skandalträchtigsten, zugleich bedeutendsten, schriftstellerischen Werke des letzten Jahrhunderts. In diesem Buch hält Henry ein leidenschaftliches Plädoyer für das ungezügelte, selbstbestimmte, wie freie Leben und das, obwohl er von der westlichen Zivilisation zutiefst enttäuscht war, diese seiner Meinung nach rechts wie links marschierend dem gemeinsamen Untergang entgegen schritt.

Ich fühle mich heute auch hin- und hergerissen von der Dynamik der letzten achtzehn Monate. Und ich bin zu der Überzeugung gekommen, dass ich in der Welt, in der ich lebe, nur noch wenig zu verlieren haben.

Leben in diesem täglich engere Kreise ziehenden Wendekreis der Angst der mich und ein gutes Drittel der hier lebenden Bevölkerung umschließen soll. Ein Wendekreis der Angst, erdacht und gemacht uns die Luft zum freien Atmen zu nehmen.

Karl Lauterbach, dieser von der Mehrheitsgesellschaft gewählte Oberpriester der Religion Coronas könnte schon im nächsten Monat mein neuer Gesundheitsminister werden. Auf mich macht dieser Mann ja einen psychisch gestörten Eindruck. Was diese sonderbare Person nicht alles zu erklären in der Lage ist, so wie er in jeder Talkshow im Land seine obere Schädelöffnung aufklappt, um uns durch seine Worte an einem ganz persönlichen Wahnsinn und apokalyptischen Vorhersehungen teilhaben zu lassen.

Im März 2022 würde es nur noch Geimpfte, Genesene oder leider Verstorbene geben, soll er auch gesagt haben. Der Karl Lauterbach.

Letztendlich ist es nicht nur Herr Lauterbach der mir meinen Stand im neuen Normal weist, der mich auf meine, sagen wir, Unzulänglichkeiten aufmerksam macht. Es sind auch Menschen darunter, die ich bisher, ob ihres Intellekts hochschätzte. Zum Beispiel Noam Chomsky.

Von diesem Mann steht sogar ein signiertes Buch in einem Bücherregal. Doch was soll ich jetzt von seiner Aussage: „Impfverweigerer sollten den Anstand haben, sich aus der Gemeinschaft zu entfernen“, halten? Nun gut. Ich halte mich seit fast zwei Jahren und aus diversen Gründen an seinen Ratschlag.

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Ich habe seit Dezember 2019 keine öffentliche Lesung mehr gegeben. Ich habe seitdem nicht einmal an einer Veranstaltung teilgenommen. Ich war weder in einem Restaurant, einem Kino, Schwimmbad oder irgendeiner anderen „öffentlichen“ Einrichtung. Nirgends war ich. Weder unter Leuten noch in einer großen Stadt. Will ich ja auch gar nicht mehr. Denn in einer Gemeinschaft, die den Wert eines Menschen von seinem Impfstatus abhängig macht, an einer solchen möchte ich nicht teilhaben. Basta und aus.

Ich habe gut in Geschichte aufgepasst. Geschichte war mein Lieblingsfach. Mir ist bewusst und ich weiß genau, wozu die Mächtigen dieser Welt in der Vergangenheit fähig waren um sich ihren Stand und ihren Einfluss zu halten. Durchaus. Und ich habe dieser Tage nicht wirklich den Eindruck das der heutige Machtmensch noch die Fähigkeit mitbringt, sich zum Besseren hin zu wandeln.

Wenn ein Vorzeigephilosoph und Jahrhundertdenker wie Jürgen Habermas im September 2021 in seinen „Blättern“ zur Grundrechtsdebatte in der pandemischen Ausnahmesituation vom Staat diktatorische Maßnahmen einfordert, da sich die Welt in einem Krieg Spezies gegen Spezies befinden würde, dann mache ich mir schon Sorgen um die Gemeinschaft an sich.

Dann frage ich mich, wie weit wäre der neue Staat bereit zu gehen, diesen „Krieg“ zu gewinnen? Wie verfährt der Staat mit Bürgern, die sich einer quasi Impfpflicht zum Wohl der Gemeinschaft in diesem Krieg nicht beugen wollen?

Wie wird der Teil der Gemeinschaft, der alle Maßnahmen bereitwillig mitmacht, der auch die vierte oder fünfte Boosterimpfung freudig empfängt, wie wird er morgen mit ungeimpften Menschen verfahren, wenn es gilt, diese zu melden, da sie sich mutmaßlich auf der gegnerischen Seite befinden?

In einer Studie habe ich gelesen, dass ca. 35 Prozent einer Bevölkerung mitmachen, unterstützen und tragen, was Regierung, Obrigkeit und Medien verkünden. Dieses gute Drittel würden, wenn es nur ordentlich verpackt mit einer bunten Schleife drum herum nett präsentiert wird, jede Maßnahme akzeptieren, jede Regel gut heißen. Alles. Wirklich alles was man ihnen sagt, was gemacht werden sollte. 35 Prozent der Bevölkerung.

Ca. 40 Prozent der Bevölkerung werden als sogenannte „labile“ Mitläufer eingestuft. Sie würden, sollte die Regierung, sagen wir, drastische Mittel zur Pandemiebekämpfung ergreifen ein wenig murren, vielleicht bei dem ein oder anderen verfolgten Verwandten oder Bekannten wehklagen. Letztendlich jedoch wenig, bis nichts gegen begangenes Unrecht unternehmen, da dies ja zu neuem Recht erklärt wurde. Daher geht das dann auch für diese 40 Prozent schon in Ordnung. Irgendwie.

Tja. Und dann gibt es noch das eine Viertel der Bevölkerung, das kritisch denkt. Das nicht alles mit sich machen lässt. Das nicht alles mit sich machen lassen wird.

Es ist übrigens völlig unabhängig vom Bildungsgrad oder dem IQ, in welcher Gruppe jemand sich befinden mag. Es wird in der Studie sogar erwähnt, dass bei 35 Prozent der willigen, der lenkbaren Bevölkerung der Bildungsgrad überdurchschnittlich hoch sei. Wie auch immer.

Ungefähr ein Viertel im deutschen Ländle wird bald und wortwörtlich der Riegel vor der Haustür zu geschoben werden. Diese 25 Prozent der Bevölkerung werden nicht mehr zur Gemeinschaft gezählt werden (dürfen). Und Widerstand wird zwecklos sein. Die Borg, die restlichen 75 Prozent haben den Laden übernommen. Kleine Metapher am Rande.

Vielleicht sollte ich einen Roman unter dem Titel „Im Wendekreis der Angst schreiben. Nur ob ich für diesen heute einen Verleger fände. Würde ich, ähnlich wie Henry Miller alle Konventionen und Regeln meiner Zeit hinter mir links lassen? Eher nicht. Die heutigen Möglichkeiten, ein unliebsames Wort zu unterbinden, sind effektiver geworden.

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Höre und lese ich die täglichen Nachrichten, ist von Imfpdurchbrüchen die Rede. Bis zur letzten Dosis muss geimpft werden. Es soll geboostert werden bis ins kleinste Dorf. Selbst im Puff wird inzwischen gespritzt. Und der erste der sich piksen lässt, der bekommt in Wien, wenn der Flyer nicht gelogen hat, einen 30 Minuten Freifick aufs Haus.

Vor mehr als zehn Jahren jetzt, als ich mich dazu entschlossen hatte, der großen Stadt zu entsagen und aufs Land zwischen Elm und Asse zog, da hatte ich den hiesigen Immobilienmarkt verfolgt. Damals habe ich unweit der Atom-Asse, Luftlinie zwei Kilometer vom nächsten ausgelaufenen Fass einen Resthof aufgetan. Der sollte an die dreißigtausend Euro kosten. 2008 war das. Für das Geld hätte es ein großes Herrenhaus mit Stallungen, eine Doppelgarage für Trecker, eine große Scheune und etliche Pferdeboxen mit angrenzender Pferdekoppel am nahen liegenden Walde gegeben. Ein kleiner Gebirgsbach, der aus dem Wald die Wiese entlang über den Hof bis ins Dorf herabfloss, hätte Pferde mit Wasser versorgen können. Atomwasser?

Ich machte mir zu der Zeit schon Gedanken wie ich im Alter gerne leben würde. Ich fand mehrere Punkte, die es zu beachten galt. Ich wollte nicht alleine leben. Nein. Das nicht. Ich wollte im Grünen leben. In der Natur mit Wasser und mit Tieren. Einem Garten und möglichst wenig Zeugs das mich in meinen vier Wänden nervt. Bett, Tisch, Stuhl, Ofen und meine Bücher.

Als ich dann den Resthof sah hatte ich die Idee dort einen Art Bauwagen-Alterssitz für bis zu 20 Leuten zu realisieren. In der Mitte, als Treffpunkt für uns alle das Herrenhaus. In diesem wäre die Hauptküche und ein Treffpunkt. Dort gäbe es Waschgelegenheiten, Klos, Duschen, Vorratskammern, Waschhaus, Schlachthaus. Schlafen und leben würde jeder im eigenen Bau oder Wohnwagen.

Jeder hätte eine Gartenparzelle auf der er/sie favorisiertes Gemüse oder Obst anbaut. Der eine baut Kartoffeln an. Die anderen Karotten. Wieder jemand Rote Beete und so weiter.

Ich könnte hier seitenlang das alte Konzept beschreiben. Ich hatte mir viel Gedanken gemacht. Wichtig war, dass wir so autark wie möglich zusammenleben können. Ein Brunnen und kleiner Bach für Wasser waren vorhanden. Strom hätten wir über die Solaranlage auf dem Scheunendach und einem Windrad am Berghang selbst erzeugt. Anstatt das jeder einen eigenen Haushalt mit Kühlschrank, Waschmaschine, Herd usw. usw. unterhält, gäbe es zwei Gemeinschaftsküchen (mit und ohne Fleisch) mehrere Toiletten, Duschen, Waschräume und gut ist.

Vielleicht noch zwei Autos, zwei Mopeds, einige Fahrräder und einen VW-Bus für gemeinsame Ausfahrten in die Stadt. Das sollte doch reichen. Auf diese Art hätten wir gemeinsam unseren, wie es heute heißt, „Ökologischen Fußabdruck“ von 10 auf 1 reduziert. Greta hätte ihre Freude an diesem Projekt gehabt.

Bedingung wäre gewesen: Wer mitmacht, sollte etwas können, was allen zugutekommt. Eine Ärztin, ein Krankenpfleger, eine Lehrerin, eine Gärtnerin, eine Architektin, Bäcker, Fleischer, Bauer, Tischlerin, Elektroniker, Automechanikerin, Maurer. Das wäre von Vorteil.

Wie ich da jetzt drauf komme? Also. Es ist so. Gestern gab es eine Doppelseite zu „Tiny Häuser“ in der regionalen Tageszeitung. Wie ökologisch, so hip und überhaupt super-sexy-sparsam solch kleinen Häuschen wären. Als ich den Bericht las, habe ich mich an das alte Konzept erinnert und wurde doch schon ein wenig traurig.

Hätte ich, hätten wir dies Projekt damals verwirklicht, ohne Streit, so hätten wir heute, so ausgemergelt, zerrissen und emotional auf den Hund gekommen, wie wir sind, zumindest eine eigene, unsere kleine Welt, in welcher wir uns gegenseitig zu stützen in der Lage wären.

Wir wären nicht abhängig von „ihrem Strom“, ihrem „Wasser“, ihrem „Essen“. Wir wären uns genug. Wir wären in der Lage, uns dem Wendekreis der Angst zu entziehen und hätten die Möglichkeit zu leben.

Beide, das erste wie das letzte Wort heute von Henry Miller:

„Jeder mit den Klassikern vollgestopfte Mensch ist ein Feind der Menschheit.“

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Kommentare

Kommentar von dr. mario zieschank e.v.

mann toddn,
nicht verzweifeln! chomsky ist verrückt geworden, habermas war es immer und "menschheit", was soll das sein? besser jetzt ein kleines haus bauen, um nicht selbst verrückt zu werden. wahrscheinlich kannst du froh sein, daß aus der bauwagensiedlung in gilzum nichts geworden ist, die aufgaben eines dorfvorstands können den mißmut ja leicht vergrößern. stell dir vor, die halbe karlstraße täglich im saloon zu haben. und greta!

beste grüße,
m.