Die ganze Stadt ist in eine dichte Dunstglocke gehüllt

Indien - ein Kulturschock

von Corinne Henker (Kommentare: 2)

Das Kastensystem wurde offiziell 1949 abgeschafft.© Quelle: Corinne Henker

Ein Indien-Urlaub bestätigt alle typisch europäischen Vorurteile. Es ist laut, voll und dreckig. Die Begriffe „Lärm“ und „Menschenmassen“ bekommen hier eine völlig neue Bedeutung.

"Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben.“ Alexander von Humboldt

Aber auch die positiven Vorurteile werden bestätigt und übertroffen. Kultur und Geschichte sind faszinierend, die Landschaften von den schneebedeckten Gipfeln des Himalaya bis zu dichten Dschungeln atemberaubend. Auch die Tierwelt ist vielfältig. Ritte auf Elefanten und Kamelen bekommt man auch anderswo, aber einen Tiger oder Leoparden in freier Wildbahn aus wenigen Metern Entfernung zu sehen, ist ein besonderes Erlebnis.

Schon die Ankunft auf dem internationalen Flughafen Delhi überrascht. Die ganze Stadt ist in eine dichte Dunstglocke gehüllt, die Landebahn sieht man erst kurz vor dem Aufsetzen. Umso sauberer ist das Flughafengebäude selbst. Der ganze Betrieb ist extrem gut organisiert, alle Wartezeiten deutlich kürzer als in Deutschland. Es gibt viele Sicherheitskontrollen, schon bei der Einfahrt. Das Gebäude selbst darf man nur mit gültigem Flugticket betreten. Klimakleber und andere Terroristen hätten hier kaum eine Chance.

Auch im indischen Straßenverkehr hätten deutsche Klimakleber kein Vergnügen. Nach langjähriger britischer Kolonisation herrscht in Indien Linksverkehr. Verkehrsregeln scheint es kaum zu geben, selbst rote Ampeln werden eher als grobe Orientierung betrachtet.

Gebräuchlichstes Verkehrsmittel in den Städten ist das Moped, auf dem auch ganze Familien oder Hauseinrichtungen transportiert werden. Wichtigstes Zubehör an Auto, Moped oder TukTuk ist die Hupe. Wer anhält, hat verloren. Meist fließt trotzdem alles irgendwie, nur selten steckt man fest und braucht für 5 Kilometer mehr als eine Stunde. Radfahrer sind eine Rarität, als Fußgänger kommt man am Straßenrand irgendwie durch - falls man unempfindlich gegenüber Lärm und Abgasen ist.

Zwischen den größeren Städten gibt es gut ausgebaute, gebührenpflichtige Autobahnen, auf denen man tatsächlich gut vorankommt. Allerdings ist selbst hier hin und wieder mit Gegenverkehr durch Mopeds oder TukTuks oder Kühen auf der Fahrbahn zu rechnen. In ländlicheren Regionen sind die Straßen nicht schlecht, aber meist eng und voll. In den Bergregionen von Sikkim oder Darjeeling liegt die Durchschnittsgeschwindigkeit bei etwa 25 km/h.

Als Alternativen zu langen Autofahrten bieten sich je nach Region Zug oder Flugzeug an. In jedem Fall sollte man darauf verzichten, als Tourist selbst Auto zu fahren.

Die sozialen und kulturellen Gegensätze in Indien sind riesig. Mit etwa 1,43 Milliarden Menschen hat Indien inzwischen China als bevölkerungsreichstes Land der Erde überholt. Hier werden mehr als 100 verschiedene Sprachen gesprochen, 22 davon sind als Amtssprache anerkannt.

In Indien entstanden mehrere Religionen: Hinduismus, Buddhismus, Jainismus und Sikhismus. Heute sind etwa 80 Prozent der Bevölkerung Hindus, 15 Prozent Muslime. In den Grenzregionen zu China, Nepal und Bhutan findet man recht viele, meist tibetische Buddhisten. Sikhs leben größtenteils im Punjab, Jains in Gujarat.

Wie in anderen Regionen der Welt sind auch in Indien Nicht-Muslime nicht allzu gut auf Muslime zu sprechen. Übersteigertes Selbstbewusstsein bei oft mangelhafter Arbeitseinstellung und forderndem Charakter kommen eben nicht so gut an - dies wurde von mehreren unserer lokalen Guides bestätigt. Auch in Indien gab es mehrere islamistische Terroranschläge mit zahlreichen Todesopfern. Man vermutet, dass die islamistischen Terroristen - ebenso wie der Drogenhandel - aus Pakistan gefördert werden. Konflikte gibt auch mit den nach Unabhängigkeit strebenden Sikhs. Aber auch Christen werden in einigen Regionen diskriminiert und verfolgt.

Im Hinduismus dominiert in ländlichen Region noch das Kasten-System. Die traditionellen Kasten sind
•  Brahmanen (Priester, Lehrer, „intellektuelle Elite“)
•   Kshatriyas (Krieger, Fürsten, höhere Beamte)
•   Vaishyas (Händler, Landwirte)
• [ Shutras (Handwerker, Pachtbauern, Tagelöhner).

Dazu kommen die „Unberührbaren“: ursprünglich Menschen, die beruflich mit dem Tod oder anderen „unreinen“ Dingen zu tun hatten (Gerber, Wäscher, Müllabfuhr usw.), heute Angehörige der untersten Kasten, die oft in bitterster Armut dahinvegetieren.

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Das Kastensystem wurde offiziell 1949 abgeschafft. Es wurden Quoten und andere Vergünstigungen eingeführt, um die Lebensbedingungen der unteren Kasten, aber auch für Angehörige bestimmter Stämme („Scheduled Tribes“) zu verbessern und eine gewisse Chancengleichheit herzustellen. Dies gelang teilweise, insbesondere in Bezug auf die Berufswahl. So war K.R. Narayanan aus der Kaste der „Unberührbaren“ von 1997 bis 2002 indischer Staatspräsident, Mahatma Gandhi gehörte zur Kaste der Vaishya.

Andererseits lässt sich die Kastenzugehörigkeit teilweise noch an den Familiennamen erkennen. Insbesondere in ländlichen Gebieten legt man Wert darauf, Kontakte mit Angehörigen „niederer“ Kasten zu vermeiden, speziell bei Eheschließungen. Angehörige der Brahmanen-Kaste arbeiten heute oft als Köche in Edel-Restaurants, deren Gäste aus „hohen“ Kasten keine Speisen essen wollen, die von Angehörigen „niederer“ Kasten zubereitet wurden.

In den Städten lassen sich diese Kontaktbeschränkungen kaum aufrechterhalten. Hier zählt mehr der berufliche Erfolg als die Kaste, insbesondere bei der jungen Generation. Zwar hilft auch in Indien das Vermögen der Eltern erheblich bei der Karriereplanung, aber es gibt zahlreiche Stipendien-Programme für begabte Kinder armer Familien. Die Konkurrenz ist hier natürlich besonders hart, unerfüllte Erwartungen führen nicht selten zu Depressionen und Suiziden. Auch bei der Lernmentalität herrschen gewaltige Unterschiede zwischen Stadt- und Landbevölkerung: Landkinder sehen Lehrer als absolute Autorität, Stadtkinder üben sich oft im Widerspruch aus Prinzip.

Dennoch boomt die indische Wirtschaft, die junge Generation genießt einen Wohlstand, von dem ihre Eltern nur träumen konnten. Dies ist auch am boomenden inländischen Tourismus zu erkennen. Man sieht in Indien vergleichsweise wenig europäische Touristen, meist überwiegen Inder, egal, ob in Darjeeling, im Ranthanbore-Nationalpark oder in den Palästen Rajastans. Der Hotel-Geschmack scheint etwas anders zu sein als bei Europäern, aber dabei spielt nicht unbedingt der Preis die Hauptrolle.

Witziges Detail am Rande: Inder lieben es, sich mit europäisch aussehenden Touristen fotografieren zu lassen, egal, ob es ein Selfie für’s eigene Handy ist, oder man einfach mit auf’s Foto der Ausländer möchte. Besonders blonde Haare sind beliebt - selbst bei einer alten Schachtel wie mir. Man wird sogar von den Guides gewarnt, diese Foto-Aktionen ausarten zu lassen.

Unsere Route zur Inspiration:

•  Delhi: eine faszinierende Metropole mit zahlreichen imposanten Kulturdenkmälern, für uns Landeier allerdings nur einen Tag zu ertragen
•  Sikkim/Darjeeling: nicht ganz das erhoffte Himalaya-Feeling aber nahe dran - bunte buddhistische Tempel, der „Toy Train“ mit alter Dampflok (Herr Lauterbach würde vor Feinstaub-Panik ins Koma fallen), schneebedeckte Berggipfel und traumhafte menschenleere Landschaften beim Trekking
•  Agra: Taj Mahal und Agra Fort sind ein Muss für jeden Indien-Reisenden
•  Keoladeo- und Ranthambore-Nationalpark, Jhalana Leopard Reserve (Rajastan): beeindruckende Vogelwelt in Keoladeo, mit Glück, Geduld und Organisation Tiger in Ranthambore und Leoparden in Jhalana
• Jaipur, Pushkar, Jodhpur, Udaipur (Rajastan): traumhafte Paläste in malerischer Lage, traditionelle Handwerkskunst (zum Teil etwas aufdringlich angepriesen) und bunte Kulturprogramme

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