Am 9. März 2026 zeigten die Betriebsratswahlen bei Volkswagen: Das lange Zeit dominante Monopol der IG Metall hat sichtbare Risse bekommen. Jahrzehntelang lagen die traditionellen Listen bei über 90 Prozent, oft ohne echte Konkurrenz. Der Vorwurf „Spalterei“ oder „rechts“ reichte meist, um Kritik abzuwürgen. Doch 2026 haben die Belegschaften in mehreren Werken protestiert: Es reicht. Die IG Metall bleibt die mit Abstand stärkste Kraft – aber sie muss jetzt mehr um jede Stimme kämpfen.
Im VW-Werk Braunschweig holte die IG Metall noch 78,5 Prozent und 28 der 35 Sitze – ein deutlicher Rückgang. Die Christliche Gewerkschaft Metall (CGM) kam auf rund 15 Prozent und sicherte sich fünf Mandate. Erstmals bei Volkswagen trat der Verein „Zentrum“ (AfD-nah) an – und zog mit 6,49 Prozent und zwei Sitzen direkt in den Betriebsrat ein. In Salzgitter-Beddingen fiel die IG Metall auf 83,6 Prozent, die CGM holte 16,4 Prozent. In Baunatal verlor sie fast zehn Prozentpunkte, die CGM stieg auf 17,1 Prozent.
Im Stammwerk Wolfsburg rutschte die Zustimmung auf historisch niedrige 74,8 Prozent – ein Minus von rund 11 Prozentpunkten gegenüber 2022 (damals 85,5 Prozent). Das sind 52 von 67 Sitzen, immer noch eine klare Mehrheit, aber deutlich weniger als zuvor. Gesamt bei Volkswagen an allen deutschen Standorten: Von 359 Mandaten gingen 304 an die IG Metall – rund 85 Prozent. Ein Rückgang von ehemals über 90 Prozent, aber kein Zusammenbruch. Die Konkurrenz (CGM, Zentrum, freie Listen) hat nun zusammen etwa 55 Sitze und ist real präsent.
Bei Mercedes im Stammwerk Stuttgart-Untertürkheim holte „Zentrum“ sogar 21 Prozent und neun von 43 Sitzen – dort ist der Druck auf die IG Metall schon länger spürbar.
Und für Nostalgiker hier noch ein Rückblick in die Hochzeit der IG Metall bei Volkswagen:
In den 1980er Jahren galt bei Volkswagen die IG Metall weithin als verlängerter Arm der SPD. Vor Wahlen wurden die Beschäftigten regelmäßig über ihre Vertrauensleute zu Gesprächen zusammengerufen. Die Betriebsräte gaben den Vertrauensleuten dabei stets die klare Order mit, in den Diskussionen zu betonen, dass nur die SPD die Interessen der Belegschaft wirklich vertreten könne.
Ein junger Mann, noch keine 16 Jahre alt, hatte keine Lust, direkt eine weiterführende Schule zu besuchen. Über seinen Vater – der seit Anfang der 1970er Jahre als Konstrukteur im neuen Volkswagenwerk Salzgitter arbeitete – kam er an einen mitgebrachten Bewerbungsbogen für eine Ausbildungsstelle als Werkzeugmacher im VW-Werk Braunschweig. Er füllte ihn aus und schickte ihn ab. Nach wenigen Wochen folgte die Einladung zum Eignungstest, den er bestand.
Am 1. September 1980 begann er seine Ausbildung im Volkswagenwerk Braunschweig. In den ersten Ausbildungswochen wurden die Auszubildenden der Werkzeugmacher-Klasse – darunter auch er – zum Betriebsrat und zur Jugendvertretung gebeten. Die Einladung war nicht freiwillig, sondern während der Arbeitszeit verpflichtend. Im Raum angekommen erklärte ein Vertreter der Jugendvertretung: „Sucht euch euren Platz anhand des IGM-Ausweises, den wir auf die Tische gelegt haben.“
Auf einem Platz in den hinteren Reihen lag sein Foto, eingeklebt in einen Ausweis der IG Metall. Als Jugendlicher hatte er in der Schulzeit der Jungen Union angehört und wusste daher bereits als 15-Jähriger: Mit dem Eintritt ins Volkswagenwerk war er quasi automatisch über die IG-Mitgliedschaft auch eine Art SPD-Mitglied – gegen seinen Willen.
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Nach der Einführung in das Gewerkschaftsleben durch den Jugendvertreter ging er nach vorne, legte den Ausweis auf den Tisch und sagte: „Ich wurde nicht gefragt. Das finde ich maximal undemokratisch. Mitglied wollte ich nicht werden.“ In den folgenden Monaten wurde er regelmäßig zu den Betriebsräten bestellt. Diese redeten so lange auf ihn ein, bis er ein halbes Jahr später resigniert unterschrieb.
Die Kollegen datierten den Ausweis sogar rückwirkend auf den 1. September 1980 – und damit war er offiziell IG-Metall-Mitglied. Genau diese Praxis der Zwangseinführung und die selbstverständliche Gleichsetzung von Betriebseintritt und IG-Metall-Mitgliedschaft bildeten jahrzehntelang das unsichtbare Fundament des Monopols. Wer nicht mitmachte, galt schnell als Querulant oder „nicht-solidarisch“.
Heute, im März 2026, ist dieses System an den großen VW-Standorten spürbar in die Brüche gegangen. CGM und der Verein Zentrum sitzen nun mit am Tisch – und die Belegschaft hat gezeigt: Sie lässt sich nicht mehr automatisch einordnen. Die IG Metall war nie nur eine Gewerkschaft. Sie fungierte jahrzehntelang als betrieblicher Arm der SPD – mit hauptamtlichen Funktionären, die nicht selten umstandslos in die Partei wechselten, mit Tarifabschlüssen, die politisch abgesegnet wurden, und mit einer Kultur, in der Kritik an der eigenen Linie rasch als „rechts“ oder „spalterisch“ abgetan wurde.
Heute fragen sich viele Industriearbeiter: Was hat die SPD eigentlich noch mit uns zu tun? Die Partei, die einst für die 36-Stunden-Woche, Mitbestimmung und soziale Sicherheit stand, wirkt für viele wie eine Berliner Maschinerie aus Lifestyle-, Klima- und Transformationspolitik, die von den Werkshallen nur noch aus Talkshows weiß. Während die reale Industrie um Arbeitsplätze kämpft, sprechen die alten Verbündeten von „gerechter Transformation“ und „Deindustrialisierung light“.
Genau deshalb kam es im März 2026 zu diesem Riss: Viele Beschäftigte haben nicht nur gegen Sparpakete und Stellenabbau gestimmt – sie haben gegen das alte Machtkartell votiert. Gegen das Gefühl, dass in Braunschweig, Wolfsburg oder Stuttgart-Untertürkheim seit Jahrzehnten immer dieselben Karten gezinkt werden, aber nie neue Spieler zugelassen waren.
Der Rückgang ist kein Unglück. Er markiert mehr Wettbewerb und echte Wahl in den Betriebsräten. CGM und Zentrum sitzen jetzt mit am Tisch – und die IG Metall muss wieder argumentieren, statt nur zu fordern. Für alle, die bereits 1980 spürten, dass etwas an der „freiwilligen“ Mitgliedschaft faul war, fühlt sich dieser März 2026 wie eine späte Bestätigung an.
Das Monopol ist nicht zerbrochen, aber es hat Risse bekommen. Und zum ersten Mal seit Langem riecht es in den VW-Werken und bei Mercedes nach echter Demokratie – nicht mehr nach verordneter Einigkeit
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