Die Berliner Linke will Verfügungsmacht über Wohnungen. Sie will bestimmen, wie vermietet, bewirtschaftet und modernisiert wird. Dann sollte sie sich mit einem Instrument beschäftigen, das im Kapitalismus erstaunlich gut funktioniert: dem Kauf.
Wer einen Wohnungskonzern beherrschen will, kann versuchen, ihn zu übernehmen. Anschließend behält man die gewünschten Bestände und verkauft, was man nicht braucht. Für manche Kapitalismuskritiker offenbar eine intellektuelle Zumutung.
Einen staatlichen Kauf von Vonovia hat Matthias Günther vom Pestel-Institut bereits vorgeschlagen. Der WDR berichtete darüber am 21. September 2026. Die weitergehende Frage für Berlin lautet: Warum nicht den Konzern übernehmen, den Berliner Bestand sichern und das übrige Geschäft schrittweise wieder verkaufen?
23,53 Mrd. € - soviel sollen 138.195 Wohnungen der Vonovia wert sein. Durchschnittlich rund 170.300 € je Wohnung.
Beim Xetra-Kurs vom 9. Oktober 2026 von 16,31 Euro ergibt sich mit rund 848,44 Millionen Aktien aber ein rechnerischer Börsenwert von etwa nur 13,84 Milliarden Euro. So bewertet der Aktienmarkt das Eigenkapital des gesamten Konzerns. Quasi ein Sonderangebot. Einen garantierten Übernahmepreis bekommt Berlin damit zwar noch nicht. Aber eine Ausgangsgröße.
Denn dem Vonovia-Konzern gehören 528.370 Wohnungen. Sein gesamter Immobilienbestand wird mit 85,68 Milliarden Euro bewertet. Für den Regionalmarkt Berlin weist Vonovia besagte 138.195 Wohnungen aus. In dieser Regionalzahl steckt auch Umland; für einen Erwerb durch das Land Berlin müsste der Bestand innerhalb der Landesgrenzen sauber abgegrenzt werden. Deutsche Wohnen ist in den Konzernzahlen bereits enthalten.
Der Berliner Regionalbestand ist also schon für sich genommen deutlich höher bewertet als sämtliche Vonovia-Aktien zusammen.
Die Wohnungen liegen nicht schuldenfrei auf einem silbernen Tablett. Vonovia hat 40,02 Milliarden Euro Nettofinanzschulden. Die verschwinden bei einem Eigentümerwechsel nicht.
Zieht man den Berliner Regionalbestand vom gesamten Immobilienwert ab, verbleiben 62,14 Milliarden Euro. Angenommen, Berlin könnte sämtliche Aktien für 13,84 Milliarden Euro erwerben und den übrigen Immobilienbestand für jene 62,14 Milliarden verkaufen: Nach Ablösung der Nettofinanzschulden blieben rechnerisch 8,28 Milliarden Euro übrig – zusätzlich (!) zum behaltenen Berliner Regionalbestand.
Selbst bei einem Übernahmeaufschlag von 30 Prozent, einem Aktienkaufpreis von knapp 18 Milliarden Euro, verbliebe noch ein Überschuss von 4,13 Milliarden Euro.
Wer Kapitalismus verstehen will, muss allerdings auch die zweite Seite der Rechnung lesen.
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Die Konzernbilanz enthält 4,69 Milliarden Euro nicht beherrschende Anteile: Teile der Töchter gehören anderen Investoren. Außerdem stehen dort 14,49 Milliarden Euro latente Steuerschulden. Diese würden aber durch den Aktienkauf nicht fällig. Nur deren Verkäufe könnten Steuerzahlungen auslösen.
Hinzu kommen Finanzierungskosten, mögliche Belastungen bei der Herauslösung einzelner Gesellschaften und die schlichte Frage, welche Preise Käufer tatsächlich bezahlen. Ein Verkaufsabschlag von zehn Prozent auf die rechnerischen 62,14 Milliarden Euro würde bereits 6,21 Milliarden Euro kosten.
Wer einen sicheren Milliardengewinn verspricht, erzählt ein Märchen. Wer deshalb Übernahmeüberlegungen für Unsinn erklärt, hat die Rechnung nicht verstanden. Die interessante Frage lautet, zu welchen effektiven Gesamtkosten Berlin nach dem Verkauf der übrigen Teile den gewünschten Wohnungsbestand behalten könnte.
Dafür müsste man Bilanzen prüfen, Beteiligungen auseinandernehmen, Angebote einholen und Finanzierungen verhandeln. Das ist mühsamer als „Enteignen!“ auf ein Transparent zu schreiben. Es bietet die Chance, aus einer Parole ein wirtschaftlich überprüfbares Vorhaben zu machen.
Ausgerechnet böser Kapitalismus könnte also helfen, ein linkes Enteignungsziel zu erreichen. Man müsste ihn dafür nur besser verstehen als die irre Truppe.
Und der Neubau? Null.
Durch den bloßen Erwerb entsteht keine einzige zusätzliche Wohnung. Durch die bloße Übertragung im Wege einer Vergesellschaftung ebenfalls nicht. Ein Eigentümerwechsel schafft weder ein neues Kinderzimmer noch eine zusätzliche freie Mietwohnung.
Für das Ziel der Verfügungsmacht wäre das kein Gegenargument: Berlin hätte anschließend Einfluss auf einen großen vorhandenen Bestand und könnte dessen Bewirtschaftung innerhalb der rechtlichen und wirtschaftlichen Grenzen bestimmen.
Für die Behauptung, damit sei die Wohnungsknappheit beseitigt, wäre es dagegen eine vernichtende Bilanz.
Die dort wohnenden Menschen hätten einen anderen Vermieter. Der Wohnungssuchende hätte weiterhin keine Wohnung.
Wer Verfügungsmacht erwerben will, sollte Kaufpreise rechnen. Wer zusätzliche Wohnungen verspricht, muss zusätzliche Wohnungen bauen. Und wer beides miteinander verwechselt, sollte vielleicht erst einen Taschenrechner bedienen, bevor er anderen die Wirtschaft erklärt.
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