KIA und die Liebe

Auch er war die Liebe meines Lebens

von (Kommentare: 1)

KIA und die Liebe
Schaltet das Gehirn ab, wenn wir verliebt sind? © Foto: Pixabay / Deflyne Coppens

Was passiert mit uns, wenn die "Liebe" einschlägt, und warum, verflixt und zugenäht, lernen wir nicht aus unseren "Fehlern"?

Wir alle kennen vielleicht das Gefühl, wenn eine Beziehung zu Ende geht und anscheinend jeder es bereits wusste und uns offen davor warnte, dass es so kommen würde, nein, dass es so kommen musste – wir aber die Letzten waren, die es glauben wollten, als ob eine unsichtbare Kraft uns an ein verkrüppeltes Märchen glauben ließ und erst jetzt - zu spät - merkten wir, dass alle Recht hatten und wir die ganze Zeit nur schamlos von dem geblendet wurden, was wir für so etwas wie Liebe hielten.

Ist es das Gehirn, das sich abschaltet, oder ist es irgendwie so eine Art (Un-)Fähigkeit die nackt daliegende Realität zu erkennen, eine Art krankhafter Masochismus, der uns an eine utopische, romantische Idealisierung fesselt, eine Idealisierung, die in einer blassrosa flauschigen Wolke voller endlosem Respekt und Bewunderung und wortlosem Verständnis beginnt, und dann, na klar, sich ganz langsam und klammheimlich aber gnadenlos konsequent, in einen kranken, verkorksten Albtraum aus unerfüllten Erwartungen und ständigen Enttäuschungen und immer wiederkehrenden, sehr ärgerlichen Missverständnissen verwandelt?

Aber warte, wenn das Ganze sogar jetzt schon so stockdüster und pechschwarz ist, warum machen wir das immer so lange mit?

Oh ja, natürlich, während wir uns auf dieser rosa-schwärzlichen Achterbahn befinden, kämpfen wir uns mühsam durch eine nervenaufreibende, nie endende Schleife aus guten und schlechten Phasen. Ja, die Guten und die Schlechten natürlich, da sind sie wieder… Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir das alles nur so lange mitmachen, weil wir in der Illusion leben, dass eine „gute und lohnende“ Beziehung nur gute Phasen haben sollte, aber dann fällt uns wieder ein, dass es so etwas natürlich nicht gibt, nicht in Echt jedenfalls, nie, und deshalb akzeptieren wir die schlechten Phasen, wir ertragen sie, was können wir sonst auch tun. Keiner ist perfekt, wir haben alle unsere Fehler, und so zieht es sich hin... und so vergehen die Jahre.

Natürlich wissen wir auch alle, dass nach einer schlechten Phase immer eine gute Phase kommt... und darauf warten wir dann. Mal ehrlich, selbst wenn wir in diesem emotional belastenden Chaos versinken, wollen wir doch eigentlich alle nur blind lieben und blind geliebt werden, am besten locker flockig schwebend auf einer astronomisch hohen guten Phase - die im Idealfall auch noch richtig lange anhält. Also warten wir auf sie, wir leben für sie – für die guten Phasen.

Es ist dann die Erinnerung an diese guten Phasen, die uns die schlechten überstehen lässt. Oder nicht? Ist die Erinnerung an den Höhenflug stärker als die Erinnerung an den Sturzflug? Übertönen die im Bett geflüsterten Liebesschwüre die ums Ohr gehauenen Beleidigungen? Doch, verdammt nochmal, zu welchen Kosten? Sind die schlechten Phasen für die Entwicklung der Beziehung notwendig? Ist die Idealisierung unserer Angebeteten so überirdisch, dass wir alle negativen Eigenschaften blindlings ausblenden…?

Und jetzt frage ich Mutter Natur offen und direkt, ist es wirklich notwendig, dass wir z. B., in den ersten Monaten einer Romance blind (und ganz offensichtlich auch taub) einfach nicht hören, dass unsere Partner (ich schwöre, ich habe es nicht gehört!) wie defekte Presslufthammer schnarchen, und wir anscheinend sogar im Rhythmus der nächtlichen Störanlage wie ein zufriedenes Kind einschlummern nur um dann, fünfzehn Monate und drei irreparabel respektlose Streitepisoden später, ernsthaft beginnen zu erwägen, in einem anderen Raum zu schlafen, weil bei der Geräuschkulisse an Einschlafen partout nicht mehr zu denken ist?

Ist es wirklich effektiv, uns so in die Irre zu führen, dass wir zu glauben meinen, unser Ein-und-Alles sei die interessanteste und bemerkenswerteste Person der Welt - eigentlich fast gottähnlich - und dann irgendwann, egal ob plötzlich oder langsam, verliert dieselbe Person ihren Glanz, wirkt stumpf und entpuppt sich als normaler Mensch, fast langweilig, und mit den nervigsten Angewohnheiten des Universums.

Ihre Unterstützung zählt

Ohne Sie ist hier alles nichts. Ihre Unterstützung ist wichtig. Sie gewährleistet uns weiterhin so kritisch und unabhängig wie bisher zu bleiben. Ihr Beitrag zählt für uns. Dafür danken wir Ihnen!

Ich meine, warum machst du das? Ist es, um das Überleben der Art sicherzustellen, egal zu welchen Kosten? Oder machst du das nur, um uns zeigen, wie irrsinnig täuschbar und unglaublich oberflächlich wir tatsächlich sind? Hättest du das nicht etwas pfiffiger lösen können? Du hättest es doch vielleicht so einrichten können, dass wir uns während eines extrem langwierigen und hochgradig minuziösen Auswahlprozesses den in Frage kommenden Partner von allen Seiten so durchleuchten und bis ins kleinste Detail analysieren würden, dass die Auswahl dann alles andere als irrational und impulsiv ausfallen würde, sondern auf Langjährigkeit bedacht, sozusagen als Taktik zur Erhaltung der Beziehung. Wäre das nicht viel sinniger, als wenn wir uns immer wieder so vollkommen Libido gesteuert aneinander klammern würden… also wirklich, hast du Spaß daran, uns zuzuschauen, wie wir uns mit hirnrissiger Schnelligkeit an die Erstbesten binden, nur damit ja keine Einsamkeit eintritt, und nur damit wir dann mal wieder emotional anhängig sind und wir uns dann doch wieder gegenseitig verletzen und enttäuschen können ... oder du hättest uns z. B. einfach monogam machen können, wie Schwäne oder Wölfe oder Möwen... wäre das nicht vielleicht viel einfacher und stressfreier gewesen?

Wie viele Paare in eurem Umkreis sind wirklich glücklich miteinander? Wie viele von uns geben uns still mit dem was wir haben ab, nehmen Streitereien hin und resignieren bei dem bloßen Gedanken an Trennung und erneute Partnersuche?

Ich habe es jedenfalls gerade wieder einmal geschafft. Frisch getrennt. Mein Gott, was ein ewiges Hin- und Her. Ich wollte es nicht wahrhaben, ich wollte den kleinen Anzeichen keinen Glauben schenken, habe meine Intuition ausgeblendet, ich wollte so sehr, dass es klappt, es war einfach zu gut, so jedenfalls redete ich es mir ein.

Und dann kam es natürlich so, wie man sich das so vorstellt, kaum merkt er, dass ich die Schnauze voll habe und jetzt wirklich nicht mehr will, will er mir auf einmal alles geben, worum ich ständig gekämpft habe. Ahhh, ich könnte echt kotzen. Sich von einer Person zu trennen, in die man eigentlich Hals über Kopf verliebt ist, das wünsche ich wirklich keinem. Und während ich wusste, oder besser gesagt, schmerzhaft lernen musste, dass ich mich davon abnabeln muss, dass es mir nicht guttat, dass es erniedrigend war, stand er dann auf einem Mal da und wollte und wollte, und ich musste all meine Kraft zusammennehmen, um standhaft zu bleiben, um nein zu sagen und mich nicht wieder in diesen Sog hineinziehen zu lassen. Dieses Spiel hat aus mir in den letzten Wochen, ach was, Monaten, ein wandelndes Wrack gemacht.

Seelische Stabilität wird wirklich immer noch so sehr unterschätzt. Es ist unglaublich, wie schlagartig und mit welcher unglaublichen Wucht manche unerwarteten Nachrichten, vergangene Erinnerungen und verdrängte Momente wie unangekündigte Gefühlsbomben auf unser Inneres einschlagen. Wie unser Blut augenblicklich in unseren Adern zu erfrieren erscheint, kalter Schweiß, Druck auf der Brust, die lähmenden Kopfschmerzen, die zitternden Hände, das ganze Programm. Mir war die letzten Monate konstant schlecht, mein Magen drehte sich in mir, ich konnte anderen Menschen beim belanglosesten Gespräch nicht mehr zuhören, ich war nicht mehr der Mensch, der ich mal gewesen war, ich erkannte mich nicht wieder, ich war ein Schatten meiner Selbst – ich war an meiner Grenze.

Wenn ich jetzt mal so zurückschauen darf, ohne wie eine Klugscheißerin wirken zu wollen, muss ich sagen, dass, egal was jetzt konkret in meinem Beispiel passiert ist, das wichtigste war für mich, dass ich die Aktionen und Reaktionen des vermeintlichen Anderen so gut wie möglich ausblendet und schön auf mein eigenes Verhalten geschaut habe. Jedenfalls habe ich das aus dem ganzen Schlamassel so entnommen. Ich versuche zu verstehen, warum gewisse Dinge toleriert wurden, warum gewisse Dinge so empfunden wurden, was dazu geführt hat, dass weiterhin in etwas investiert wird, auch wenn mir bewusst war, dass es mir nicht gut tat - und vor allem interessiert mich auch der Punkt, an dem ich es dann doch irgendwie schaffe, ich all meine Kraft sammele, um aus der unglücklichen Situation rauszukommen, meine Wunden lecke und wie ein Phoenix aus der Asche auferstehe. Bei mir hat es lange gedauert, aber ich habe es geschafft, und darauf bin ich echt stolz!

Wie gesagt, es war einfach zu gut. Der Sex war phantastisch, tantrisch fast, wir verstanden uns so gut, der Geruch stimmte, wir lachten viel und herzhaft, hatten dieselbe Energie, dieselbe Lust am Leben und viele, viele gemeinsame Interessen und Ansichten. Früher hatte ich oft gehört und vielleicht auch geglaubt, dass sich Gegensätze anziehen, aber, meine Lieben, ich sage euch, nach dieser Erfahrung werfe ich diese Theorie komplett über Bord. Es ist so viel einfacher und schöner, wenn Einigkeit herrscht. Wirklich was genützt hat es ja auch hier nicht, aber die gemeinsamen Momente waren auf jeden Fall harmonischer und eher im Einklang als alles andere, was ich bisher erfahren durfte – und ich habe dieses Spiel leider schon viel zu oft gespielt, glaubt mir. Nicht, dass ich wahllos und beliebig rumgeliebt habe, nein, ich hatte schon immer langjährige Beziehungen, so zwischen fünf und sieben Jahren, aber nein, länger habe ich es noch nicht geschafft.

Ich habe schon immer sehr intensiv geliebt. Das ist wohl, so sagte man mir nachträglich, eine der Eigenschaften, die in einer Beziehung mit mir am meisten geschätzt wird. Ich gebe mich hin, voll und ganz. Ich liebe es, zu lieben, ich habe so viel davon in mir. Ich liebe es, zu pflegen, zu verwöhnen, zu umwerben. Der vermeintliche Andere fühlt sich dann... na ja, wie soll ich sagen, er fühlt sich geliebt. Angehimmelt, vergöttert. Das ist sicherlich ein schönes Gefühl. (Das will ich auch mal spüren.)

Ich gab ihm seit dem ersten Tag meine gesamte hundertprozentige Liebe und obwohl ich ihm Hundertprozent gab, gab er mir nie Hundertprozent zurück. Komisch, ich konnte es einfach nicht verstehen. Es war doch so gut. Und auch für ihn war es gut, klar, so ganz verrückt bin ich ja auch nicht, und ich glaube gewisse Dinge kann man wirklich nur empfinden, wenn von beiden Seiten die Energie fließt. Er wollte auch, aber er war blockiert und ich wollte ihm unbedingt zeigen, dass er sich von den Blockaden freimachen müsse, um genau das zu spüren, was ich spürte. (Notiz an mich selbst: Das machst du nicht nochmal).

Er versuchte es wirklich, so behauptete er und gab mir jedes Mal ein bisschen mehr, jedes Mal ein klitzekleines Stückchen mehr, und irgendwie fand ich mich damit ab und wurde vier Jahre lang fast wie ein Esel an der Nase herumgeführt und ich wusste, dass es falsch und nicht richtig war, aber ich konnte nicht aufhören. Mea Culpa, mea culpa.

Eine meiner lieben Freundinnen meinte irgendwann im Gespräch zu mir, als ich ihr mal wieder mein Herz bei zwei Gläsern Wein ausschüttete, zwiegespalten zwischen der Erkennung, dass es mir nicht guttat und dem tiefen Wunsch mit diesem Menschen zusammen zu sein, dass es erst vorbei ist, wenn es vorbei ist. Das blieb irgendwie bei mir haften, und machte Sinn. Es hat keinen Zweck: Auch wenn alle deine Freunde dir im Einklang wiederholt einzubläuen versuchen, dass du dich trennen solltest, dass sie ihn nicht mögen, dass das alles keinen Sinn macht. Es ist erst vorbei, wenn man es selbst auch als vorbei empfindet – bis dahin, ist es wirklich sehr schwer, sich loszureißen und mit gewissen Verhalten aufzuhören. Man muss es selbst wollen. Anders geht’s nicht.

Er rief noch lange an. Weinte, und weinte und weinte und beteuerte mir, dass er mir jetzt alles geben wolle, was er mir die ganze Zeit nicht gegeben hatte. Jetzt?!? Jetzt willst du es mir geben. Klar. Andere Male kehrte er es um und jammerte, dass gerade jetzt, wo er mir alles geben wolle, ich nicht mehr wollte... Ah ja, klar.

Ich pflege immer zu sagen, dass alle Lieben meines Lebens, zu dem bestimmten Zeitpunkt unserer Beziehung, die Lieben meines Lebens waren. Ich kann mich nicht nur halb hingeben, wenn ich mit jemanden zusammen bin, ich gebe mich voll und ganz hin - doch, wenn ich einmal loslasse, dann gibt es kein Zurück mehr.

Jeder Mensch, dem ich mich hingegeben habe, ist ein Teil meiner selbst. Die Menschen in meinem Leben verändern und prägen mich, und ich tragen sie in mir, bis in alle Ewigkeit. Manche Menschen hält man fest, andere lässt man los. So ist das. Weg sind sie dadurch trotzdem nicht. Manchmal ist es nur die Erinnerung an ein Gespräch, an eine Erfahrung, an einen Moment, ein Lied – manchmal ist es auch eine Erinnerung, die ich am liebsten vergessen würde, die dann mit der Zeit aber trotzdem noch ihren Sinn erfüllt und ihre Schönheit enthüllt. Alles ist Erfahrung, und kaum ist etwas wertvoller als das.

Einen Kommentar schreiben

Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen.

Kommentare

Kommentar von Lothar Preuß

Von einer Freundin wurde ich gefragt, ob das ein Mann auch so schreiben könnte? Antwort, - ja, es gibt auch Männer, die sehr ähnlich fühlen und oft nicht recht weiter in Ihren Beziehungen kommen. Wunderbar, wenn sich zwei Menschen mit ähnlichen Erfahrungen, Gefühlen und gleicher Auffassung dann doch einander begegnen.