Neue Kolumne am Samstag von Sascha Rauschenberger
Die sogenannte Toleranz der Mitte wurde über Jahrzehnte genutzt, um die Mitte dort zu verorten, wo es den Genossen passte, zumal man sich bemühte, diese Mitte immer weiter nach links zu definieren. Bestes Beispiel sind Merkel und ihre parteiinternen Lemminge, die als Merkelianer heute noch ihr linkes Unwesen in christlich-bürgerlichen Wählerkreisen treiben.
Doch sobald Wohlstand und Sicherheit in den freien Fall übergehen – und sei es nur gefühlt so – verliert diese Toleranz ihr Feigenblatt und wird als ehemalige Gleichgültigkeit sichtbar. Und Gleichgültigkeit ist im Gegensatz zur Toleranz nicht belastbar. – Gar nicht belastbar! Und das rächt sich nun.
Nicht nur, dass linke Kreise glaubten, ihre bis dato unwidersprochenen Behauptungen seien real, bewiesen und damit unanfechtbar, sie müssen auch erkennen, dass es immer breitere Kreise gibt, die nun widersprechen, gern auch anders wählen und ansonsten nicht mehr tolerant sind. Oder gleichgültig genug, jeden Unsinn zu schlucken.
Weil es den bürgerlichen Konsumenten ja nicht betrifft, es ihm noch gut geht und er sich aus dem Haus trauen kann. Obwohl, und das war die verkannte Regel, es jeder gemerkt oder zumindest gedacht hat, dass das alles so nicht gutgehen kann. Merke: Ein träger Bürger ist nicht blöd. Er ist nur gleichgültig und unmotiviert, solange es ihn nicht persönlich betrifft.
Eine bundesweit gesättigte Einzelfalldichte hat über zehn Jahre hinweg nun einen Grad der Betroffenheit erreicht, der aufmüpfig macht. Sehr zur Überraschung und zum Leidwesen der ach so mutigen Medien und Politiker, deren Oberwasser klimabedingt weit unterhalb des Normalwassers angekommen ist.
Bekannte und bekennende AfD-Politiker und -Wähler zu diskreditieren, zu beleidigen oder gar anzugreifen lag im gehässigen Trend, der jetzt erst wieder durch Böhmermanns Moped-Unfall ein neues telegenes Optimum erreicht hat. Nur haben halt nicht alle gelacht.
Manche hatten den Umkehrgedanken: Was wäre, wenn das nun nicht das ZDF gewesen wäre, sondern ein freier Kanal und das Lkw-Opfer Merz oder Klingbeil? – Die heuchlerischen Schreihälse hätten Herzinfarkte bekommen. Die Linke hätte vor Wut und Hass gesabbert, so sie nicht auf Clanpartys oder Pali-Demos abgehangen hätte.
Jahrelang galt es als schick, modern, sexy, trendy und woke, AfD’ler gern auch mal geschäftlich bis existenziell anzugreifen. Mit Boykotten, Aufrufen und Anschlägen auf Geschäfte an sich. Das „Abfackeln“ von Autos gehörte genau wie das Beschmieren von Hauswänden dazu. Oder auch mal die Latte in dunkler Gasse und bei Nacht auf den Hinterkopf. Alles im Namen der Freiheit und der Demokratie.
Entschuldigung, aber bei genauer Betrachtung ist das in Berlin auch schon wieder so, nur stehen vor israelischen Restaurants und Geschäften keine SA-Schergen mehr und die Antifa traut sich noch (!) nicht. Selbstverständlich gibt es einen Unterschied zwischen Großstädten, die gern als Maßstab des bundesdeutschen Lebens herhalten, und dem Rest, der noch nicht so moralisch unter die Räder gekommen und landläufig bodenständiger ist. Und hier geschehen jetzt zunehmend komische Dinge, so ein paar Haltungs- und Gutmenschen glauben, ihre Sicht der Dinge weiter im Netz straflos hypen zu dürfen. Gern auch als PR-Maßnahme für ihr eigenes Geschäft…
Dieses egomanische Werbemodell floppt gerade. Und zwar gewaltig. Wo vor ein paar Monaten noch die Ansage, dass „in meinem Laden kein AfD’ler bedient wird“ zu Begeisterungsstürmen haltungskonformer Mitbürger führte, passiert heute das Gegenteil. Mit dreißigprozentiger AfD-Zustimmung im Bund und regional auch deutlich besser, sind solche Sprüche mitunter weniger sinnvoll geworden. Schaden mehr, als sie bringen, zumal sich das Zielklientel auch zunehmend bedeckter hält. Man fühlt, wenn Grenzen überschritten wurden.
In den Städten häufen sich Schaufensterhöhlen, die Wirtschaft ist im freien Fall, die Inflation steigt und die Angst der Leute, sozial abzurutschen und/oder in Altersarmut abzugleiten, wächst rasant.
Dazu außenpolitische Risiken und eine Atmosphäre, die sich zunehmend in Hilflosigkeit hineinsteigert. Befeuert von Politeliten, deren Versprechen eine Halbwertszeit von Schneemännern in den Tropen haben.
Schönes Beispiel ist diese Panda-Apotheke in Bielefeld an der Radrennbahn. Die Besitzerin, vor Haltung überschäumend, tat in einem Video kund, in ihrer Apotheke keine AfD’ler mehr bedienen zu wollen. Die rechtliche Seite lassen wir mal beiseite. Doch was als Haltungswerbung gedacht war, zumal Politik in ihrer Apotheke keine Rolle spielt, so die Dame, ging nach hinten los.
Dreißig Prozent der Bevölkerung war nicht mehr nach Lachen zumute. Toleranz und Unterstützung bröckelten. Google-Bewertung von 4,7 auf 3,3. Und dann wurde die Bewertungsfunktion gesperrt.
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Die Dame jammert nun in weiteren Videos, dass Anrufe, Mails und Post reinkommen und sie samt Team nun Opfer rechter Hetze werden. Wichtiger Hinweis: Es werden nun zunehmend auch andere Panda-Apotheken schlecht bewertet. Also Augen auf beim Eierkauf! – Das ist keine Kette wie Rossmann oder dm. Und alle außer der Panda-Apotheke in Bielefeld sind NICHT in dieses Thema involviert.
Auf die einfachere Idee, dass sie sich selbst zum Ziel allgemeiner Unzufriedenheit gemacht hat, wo ex-tolerante Bürger ihre Gleichgültigkeit aufgeben und nun das tun, was linke Kreise als gegen die AfD so effektiv bejubelt haben, kommt keiner.
Es scheint immer vergessen zu werden, dass die aktuellen 30 Prozent AfD-Wähler nicht vom Himmel gefallen sind. Das waren durch die Bank Wähler anderer Parteien, bis die wahrnehmbar zur SED 2.0 mutierten, sich so aufführten und dann so dumm waren, alle anderen zu bevormunden, zu drangsalieren und – ganz wichtig – individuell zu gefährden: In Wohlstand und Sicherheit…
Das Imperium schlägt zurück, könnte man titeln. In der Demokratie ist das der Bürger. Und der ist nun zunehmend verunsichert bis wütend. Wenn BMW – schon als Brandmauer-Wagen verspottet – das merkt, dann mit Sicherheit auch so eine kleine Apothekerin mit mehr Sendungsbewusstsein als Verstand.
Wo linker Übermut vor Monaten noch als alternativlose Haltung verfing, ist Gleiches nun mit gleich zwei Alternativen verbunden, die da Meinungsfreiheit und freie Konsumentscheidung heißen. Beides trifft nun das Panda-Team in Bielefeld mit voller Härte eines Shitstorms sowie eines Boykotts.
Wer das als Unternehmer (ggf. mit Angestellten) noch nicht erlebt hat, weiß nicht, was das bedeutet. Schon gar nicht, was das im Internet-Zeitalter bedeutet. Hilflosigkeit, Wehrlosigkeit und (Existenz-)Angst führen da schnell an die Belastungsgrenze.
Diese Apothekerin hat das anfangs versucht wegzulächeln. Mit neuen Videos, die Napalm in die Flammen gossen. Jetzt brennt die Hütte und das Fernsehen schaltet sich dazu. Hält die schützende Hand darüber, weil Haltung muss sich durchsetzen. Das wird die Sache noch schlimmer machen. Die Apotheke – als Branche ohnehin schon durch Onlinehandel gefährdet – wird das vermutlich nicht überleben.
Unterdessen passiert etwas anderes. Der gemaßregelte, frustrierte und zunehmend besorgte Bürger erkennt seine Macht. Erkennt, dass er nicht hilflos ist. Dass er sehr wohl eine Chance hat, auch mal zurückzuschlagen. Und sei es gegen einen Kleinladen, der aber zu viel, zu oft und zu offensichtlich Haltung zu Schwachsinn bewiesen hat. Gerne als Heilsbringer auftrat. Mit großer Inkompetenz und noch mehr Sendungsbewusstsein.
Ja richtig, im Netz gibt es nun Vorschläge für gleichartige Fälle von Haltung. Wo klare Bekenner-Statements in den Social Media oder Homepages nun anders gelesen werden. Man sucht neue Opfer für seinen Frust und findet sie recht schnell. Wir erinnern uns, wie dieser Verfall anfing? AfD’ler klatschen, Ungeimpfte nicht behandeln, Eintritt nur für Geimpfte…?
Warum ist das so? Weil es menschlich ist. Und da hat es sich geschichtlich immer gezeigt, dass, wenn ein Pendel zu weit in eine Richtung schwingt, es mit gleicher Geschwindigkeit und Härte zurückschwingt. Das sollte man wissen. Darauf sollte man vorbereitet sein. Das sollte man dann auch abkönnen oder es sich leisten können.
Auf die allermeisten trifft das nicht zu. Schon gar nicht als Geschäftsleute mit Mitarbeiterverantwortung… Ab sofort kostet Haltung auch auf linker Seite etwas. Eine Erfahrung, die man aus demokratischer Sicht nicht hoch genug bewerten kann und sollte.
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Sascha Rauschenberger, geboren 1966 in Wattenscheid, ging nach dem Abitur zur Bundeswehr, wo er als Panzeraufklärer und Nachrichtenoffizier Dienst tat. Er diente, unter anderem auch als Reservist, in vier Auslandseinsätzen, zuletzt als Militärberater in Afghanistan.
Seit 2000 ist er als Unternehmensberater im Bereich strategisches Projektmanagement und Arbeitswelt der Zukunft (Demographie / Future Work) tätig.
An Sicherheitspolitik und Militärökonomie interessiert ist er Autor zahlreicher Fachartikel und Teilnehmer auf Podiumsdiskussionen.
Seine Hobbies Militärgeschichte und Science Fiction setzte er in einer Military SciFi -Serieund einer preisgekrönten römischen Marinegeschichtsserie um. Dazu ist er Autor und Mitautor von diversen Fachbüchern und Publikationen.
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