Von Fotograf und Autor Christian Witt
Länger als ein Jahr ist es her, dass ich zum ersten Mal in Russland war. Lange war es aufgeschoben. Dann endlich besuchte ich meine ehemalige Untermieterin, die heute als Pianistin in Moskau arbeitet. In ihrer Küche in einem südlichen Stadtbezirk saßen wir bis tief in die Nacht zusammen.
Tags zuvor hatte ich mir den lang gehegten Wunsch erfüllt, Moschaisk, eine Zugstunde westlich von Moskau, zu besuchen – jenen Ort, an dem Napoleons Truppen einst strandeten und an dem mein Großvater Werner später mehrere Jahre in Kriegsgefangenschaft verbrachte. Ein Knotenpunkt Europäischer Geschichte.
Bei allem Leiden und aller Dramatik war er damals mit großer Achtung vor den Menschen in Russland zurückgekehrt. Später engagierte er sich auch in der deutsch-französischen Verständigung.
Am Küchentisch bei Julia sprachen wir über unsere Familien und den Krieg. Irgendwann stellte ich eine Frage, die eigentlich unbeantwortbar ist: Was wäre wohl aus der Sowjetunion und dem Projekt des Kommunismus geworden, wenn Deutschland die Sowjetunion nicht angegriffen hätte? Der „Große Vaterländische Krieg“ wurde am Ende zu jenem Kitt, der die Sowjetunion über alle düsteren Ideologien hinweg zusammenhielt – und vielleicht bis heute einen Teil der Identität der Russischen Föderation prägt.
Vor einem Jahr, am 8. beziehungsweise 9. Mai, war ich dann mit einer Delegation aus Deutschland bei Kranzniederlegungen und Gedenkveranstaltungen in Moskau. Am Denkmal legte ich zwei Nelken nieder. Eine für die Menschen auf der einen, eine für die Menschen auf der anderen Seite dieses Krieges.
Ich weiß nicht, was die weiteren Anwesenden dachten. Für mich war es ein persönlicher Ehren- und Friedensdienst – für meinen Großvater ebenso wie für dessen Bruder, der 1943 als Panzerkommandant fiel. Ein Versuch, mich mit dem Unsagbaren zu versöhnen.
Auch 2026 lud die russische Botschaft wieder zur jährlichen Kranzniederlegung im heimatlichen Berlin ein – der 81. Jahrestag der Kapitulation Deutschlands. Für die einen ist es der Tag der Befreiung, für andere der Tag der Niederlage. Und je nachdem, aus welchem Teil Deutschlands eine Familie stammt, unterscheiden sich auch die Erinnerungen daran: Wer genau hat Deutschland vom Faschismus „befreit“?
Meine Familie wurde im westlichen Teil Deutschlands von den Alliierten „befreit“. Meine Großmutter erzählte, wie in ihrem Dorf zuerst ein Panzer hinter den Fachwerkhäusern auftauchte und kurz darauf ein schwarzer amerikanischer Soldat um die Ecke trat. Dieses Bild hatte sich tief in ihr Gedächtnis eingebrannt. Für viele ihrer Generation waren Amerikaner und Briten die Befreier vom Nationalsozialismus – auch wenn die wirkliche Freiheit für das geteilte Deutschland danach noch lange nicht erreicht war.
Teil II nach der Fotogalerie
Kranzniederlegung 8. Mai 2026
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Heute in Berlin erlebte ich eine stille Veranstaltung. Keine Musik, keine Reden. Offiziell waren sowjetische und russische Fahnen ebenso unerwünscht wie Orden oder militärische Symbole. Doch das störte die Atmosphäre kaum. Menschen umarmten sich, begrüßten alte Bekannte und legten ihre mitgebrachten Blumen nieder. Viele von ihnen tun das vermutlich seit Jahrzehnten.
Mitten in Berlin, mitten in Deutschland, standen russische Uniformen und sowjetische Erinnerungszeichen im Raum. Dennoch blieb alles ruhig und würdevoll. Ist das ein Zeichen von Freiheit, wenn Russland hier unbeschadet seiner Toten gedenken kann?
Vor den Ehrenkränzen der Russischen Föderation, Vietnams, Chinas und Weißrusslands standen auch Kränze deutscher Organisationen, des Berliner Senats und verschiedener Parteien. Einträchtig nebeneinander präsentiert auch die rote Schleife der Partei "Die Linke" und das blaue Band der AfD und ein Kranz der Grünen.
Auch einige Friedensaktivisten aus Berlin und Umgebung waren gekommen, erkennbar an ihren traditionellen blauen Buttons mit der Friedenstaube. Angesichts des furchtbaren Sterbens in der Ukraine wirkte dieser stille Ort eines Gedenkens der Russen wie aus der Zeit gefallen.
Vielleicht ein Trost, denke ich bei mir: Spätere Generationen werden einmal nüchtern auf unsere hitzige Gegenwart zurückblicken und in Ruhe ihr Urteil fällen. Werden unsere Enkelkinder kopfschüttelnd zurückschauen, das so ein wahnsinniger Krieg am Rande Europas im 21. Jahrhundert noch möglich war trotz der Erfahrungen zweiter verheerender Weltkriege? Was wohl mein Großvater gesagt hätte.
Warum ist es so schwer, Frieden zu bewahren, ihn ernsthaft zu versuchen? Die Erinnerung an den letzten großen Krieg ist doch gegenwärtig. Die alten Wunden schmerzen immer noch. Und die Russen und die Ukrainer haben Millionen Menschen verloren. 80 Jahre nach Kriegsende befinden sich beide in einem Krieg, der Mensch und Material verschlingt. Und kein Ende in Sicht. In Deutschland erhofft man sich sogar einen Wirtschaftsaufschwung aus der Kriegswirtschaft. Ja sind wir denn alle wahnsinnig geworden?
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