Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wann und wie ich zum ersten Mal vom Dunning-Kruger-Effekt hörte, aber dieses Konzept erklärte mir so Einiges, was in der Welt schiefläuft. Die größte Online-Enzyklopädie beschreibt es wie folgt:
„Dunning-Kruger-Effekt bezeichnet die kognitive Verzerrung im Selbstverständnis inkompetenter Menschen, das eigene Wissen und Können bezüglich eines bestimmten Bereiches zu überschätzen.“
Das Resultat besteht darin, „dass weniger kompetente Personen dazu neigen,
• ihre eigenen Fähigkeiten zu überschätzen,
• überlegene Fähigkeiten bei anderen nicht zu erkennen,
• das Ausmaß ihrer Inkompetenz nicht richtig einzuschätzen.“
Der Effekt ist wissenschaftlich umstritten, aber passt er nicht perfekt zu vielem, was wir (nicht nur) auf der politischen Bühne der letzten Jahre beobachten konnten? Wer von uns ist nicht genervt von Politikern, „Experten“ und Medienschaffenden, die tagtäglich ihre Ahnungslosigkeit demonstrieren - und uns gleichzeitig vorschreiben wollen, wie WIR zu denken und zu leben haben?
Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Durch die Lektüre von Jaques Bauds „Covert Wars in Ukraine“ erkannte ich, wie sehr Selbstüberschätzung und Lernunfähigkeit nicht nur uns „Untertanen“, sondern vor allem auch den „Eliten“ selbst bei der Durchsetzung ihrer Ziele schaden.
Jaques Baud war Oberst in der Schweizer Armee und arbeitete in verschiedenen Funktionen auch für die NATO und die UNO. Er analysierte unter anderem die Streitkräfte des Warschauer Paktes für den Strategischen Nachrichtendienst der Schweiz und wurde im Rahmen seiner Tätigkeit für die NATO für zwei Projekte in die Ukraine entsandt.
Im Dezember 2025 wurde Baud wegen angeblicher prorussischer Propaganda und der Verbreitung von Verschwörungstheorien vom Rat der Europäischen Union mit Sanktionen belegt: sein Vermögen wurde gesperrt, seine Reisefreiheit aufgehoben, jeder EU-Bürger, der Baud finanziell unterstützt, macht sich selbst strafbar.
Die Bundesregierung hält das für angemessen.
Baud schrieb mehrere Bücher nicht nur über den Krieg in der Ukraine, sondern auch über andere politische Themen, die nach wie vor (beispielsweise auf Amazon) verfügbar sind. Vor den Sanktionen war mir Jaques Baud völlig unbekannt, aber danach wirkte der Streisand-Effekt: ich musste etwas von ihm lesen.
Eher zufällig fiel meine Wahl auf „Covert Wars in Ukraine“. Wie erwartet, geht es hier nicht um den Kriegsverlauf an sich, sondern mehr um das Hintergrundrauschen: Geheimdienste, Spezialeinheiten, Desinformation, Propaganda, Sabotage, Auftragsmorde - alles belegt mit Hunderten von Quellen. Für mich als Laien keine leichte Kost, auch wegen der teilweise sprunghaften Themenwechsel nicht so leicht zu lesen.
Am Ende würde ich mich nach wie vor als ziemlich ahnungslos beim Thema Ukraine-Krieg bezeichnen, aber einige interessante Erkenntnisse konnte ich doch gewinnen. Zunächst hatte ich keineswegs den Eindruck, dass Baud russische Propaganda betreibt oder einseitig prorussisch eingestellt ist. Das tatsächliche Problem der EUrokraten mit Herrn Baud dürfte ein ganz anderes sein: er beschreibt detailliert das Versagen der NATO auf verschiedensten Gebieten und sieht darin eine wichtige Ursache dafür, dass die Ukraine den Krieg verliert.
Der Westen war so überzeugt von der russischen Schwäche und der eigenen Überlegenheit, dass er die durch den israelischen Ministerpräsidenten Naftali Bennett im März 2022 vermittelten Friedensverhandlungen scheitern ließ.
In der Folge waren unsere Medien voll von passenden Nachrichten wie diesen:
• Putin ist außenpolitisch isoliert und verliert innenpolitisch an Macht (02.01.2023) https://www.fr.de/politik/niederlage-news-ukraine-krieg-putin-jahr-2022-verluste-russland-92004302.html
• Putin ist todkrank und seine Vertrauten sabotieren seine Kriegspläne. (14.04.2023) https://www.bild.de/politik/ausland/politik-ausland/chemotherapie-geleakte-dokumente-bestaetigen-putins-krebserkrankung-83542144.bild.html
• Die Sanktionen sind so wirksam, dass die Russen Chips und Halbleiter aus Haushaltsgeräten ausbauen müssten, um sie für militärische Zwecke zu verwenden (18.07.2023). https://taz.de/Wie-Mikrochips-nach-Russland-gelangen/!5944602/
• Den Russen gehen die Panzer aus (11.08.2023) https://www.tagesspiegel.de/internationales/russland-gehen-die-panzer-aus-satellitenbilder-zeigen-grosse-lucken-in-militardepot-10290373.html
Inzwischen wissen wir, dass nichts davon den Tatsachen entsprach. Während man noch Anfang 2024 „Russland in die Knie zwingen“ wollte, heißt es jetzt: „Wir sind Russlands nächstes Ziel“.
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Man könnte das alles für reine Propaganda halten, aber Baud schildert anschaulich, dass das Problem ein ganz anderes ist: Nicht nur die westlichen Medien, sondern auch führende Politiker glaubten tatsächlich an die Richtigkeit dieser Informationen - und trafen deshalb gravierende Fehlentscheidungen.
Und damit wären wir wieder beim Dunning-Kruger-Effekt. Dieser beginnt schon bei den westlichen Nachrichtendiensten: sie arbeiteten nicht ergebnisoffen, sondern sammelten überwiegend die Fakten, die in ihr vorgefasstes Weltbild passten und ignorierten den Rest - spätestens bei der Weitergabe an ihre Vorgesetzten in der Politik. Und diese setzten - von der eigenen Großartigkeit überzeugt - noch eins drauf und verzerrten die Wirklichkeit damit weiter.
Jede Behauptung der Ukrainer war sakrosankt, jede Nachricht der Russen reine Propaganda. Aber einen Krieg kann man nicht mit Selbsttäuschung gewinnen, sondern nur mit zuverlässigen Informationen - wie bereits Sun Tzu um 500 vor Christus wusste: “Kennst du dich selbst und den Gegner, ist der Sieg dir unbenommen.“ („Die Kunst des Krieges“)
Es steht außer Zweifel, dass die NATO den Krieg gegen Russland gewinnen WOLLTE - aber durch Inkompetenz und Selbstüberschätzung dabei ist, ihn zu verlieren. Und dieselbe Inkompetenz und Selbstüberschätzung sieht man auf nahezu jedem anderen Gebiet der aktuellen Politik:
• Die „Energiewende“ rettet nicht das Weltklima, aber sie zerstört unsere Wirtschaft durch steigende Energiepreise und unsere Umwelt (nicht nur) durch Waldrodungen für Windkraftanlagen.
• „Wir schaffen das“ war eine Illusion. Die „Flüchtlinge“, die seit 2015 eingewandert sind, werden nicht unsere Renten zahlen, sondern belasten unsere sozialen Sicherungssysteme. Im Ergebnis werden die deutschen Arbeitnehmer nun aufgefordert, mehr und länger zu arbeiten, um den Kollaps zu verhindern.
• Wir sind nicht „gut durch die Pandemie gekommen“, sondern die Corona-Schikanen und „Impfungen“ richteten weit mehr Schaden an, als dass sie Nutzen erbrachten.
Eine gute Regierung zeichnet sich dadurch aus, dass sie Politik zum Wohl der Regierten macht. In einer Demokratie ist die Zufriedenheit der Wähler ein wesentlicher Aspekt für eine Wiederwahl. Und eine freie Debatte ist Grundvoraussetzung, um optimale Lösungen zu finden. „Experten“, die nur ausgewählt werden, um bereits vorgefasste Meinungen zu bestätigen, sind kontraproduktiv.
Politik, die Wirtschaft, Umwelt und soziale Sicherheit ruiniert oder Milliarden an Steuergeld in Kriege investiert, in denen nichts zu gewinnen ist, erreicht nur Unzufriedenheit, Politikverdrossenheit, Widerwillen. Lernfähige und -willige Politiker würden jetzt umsteuern und die Fehlentscheidungen der Vergangenheit korrigieren.
Javier Milei zeigt gerade in Argentinien, dass dies möglich ist - allerdings gehörte er auch nicht zu den Verursachern der Katastrophen, die er jetzt aufräumen muss. Die „Eliten“ in Berlin und Brüssel beweisen dagegen jeden Tag auf’s Neue, dass sie unfähig zur Fehlerkorrektur sind.
Ich glaube immer noch nicht daran, dass sie dabei einem großen Masterplan folgen, der darauf gerichtet ist, die westliche Zivilisation zu zerstören.
Größenwahnsinnige, die die Welt nach ihren Vorstellungen umbauen wollten, gab es in der Geschichte immer wieder - und sie alle sind gescheitert. Mag sein, dass man Bill Gates, George Soros und Klaus Schwab in diese Kategorie einordnen kann, aber das Handeln von Ursula von der Leyen, Keir Starmer, Emanuel Macron, Angela Merkel, Friedrich Merz und vielen anderen dürfte weniger mit blindem Gehorsam gegenüber ihren „Auftraggebern“ zu erklären sein, als mit eigener Inkompetenz bei maßloser Selbstüberschätzung und Machtwillen. Allerdings machen beide Motive eine Fehlerkorrektur unmöglich.
Und so bleibt ihnen als einzige Option, jede Kritik im Keim zu ersticken und mit immer totalitäreren Methoden gegen die Opposition vorzugehen. Man fordert die bedingungslose Loyalität der Untertanen - und verrät tagtäglich deren Interessen. Alexander Wendt vergleicht die heutige Situation mit der Phase kurz vor Beginn der Französischen Revolution.
Sein Fazit: „Die Elite, die sich ansonsten dadurch definiert, sämtliche Lasten und Risiken der von ihnen verursachten Probleme routiniert nach unten abzuwälzen, verwendet hier ihre eigene Existenz als Spieleinsatz.“ Wir leben in interessanten Zeiten.