„Unfassbare Widerwärtigkeit“ – FDP-Abgeordnete beschimpft Professorin wegen offenem Brief

Kriegsgeilheit der FDP: „Frieden schaffen mit einem Meer von Waffen“

von Bertolt Willison

Die Toten werden nicht wieder lebendig, das Leid der vergangenen Monate werden Generationen in Erinnerung behalten. Doch jeder weitere Kriegstag tötet mehr Menschen und macht es immer unmöglicher, Frieden zu schaffen.© Quelle: Wikimedia Commons / FDP und Cordcs, Pixabay / 0fjd125gk87, Bildmontage: Alexander Wallasch

Marie-Agnes Strack-Zimmermann fährt starkes Geschütz auf. Das muss die FDP-Bundestagsabgeordnete auch. Schließlich ist sie Mitglied des Förderkreises Deutsches Heer, der Deutschen Wehrtechnischen Gesellschaft, des Beirates der Bundesakademie für Sicherheitspolitik und außerdem Vorstandsmitglied der NATO-assoziierten Deutschen Atlantischen Gesellschaft.

Die Dame hat also eine klar militaristische Grundausrichtung. Da wundert es nicht, dass Strack-Zimmermann zu den lautstärksten Befürwortern von Lieferungen schwerer Waffen in die Ukraine gehört. „Frieden schaffen mit einem Meer von Waffen“ ist die einzige Strategie, die ihr zur Beendigung des völkerrechtswiderlichen Krieges zwischen der NATO ( in einer Nebenrolle die Ukraine) und Russland einfällt.

Damit befindet sie sich in friedlicher Koexistenz mit den Koalitionspartnern von SPD und Grünen. Verhandlungen sind offenbar nur ihr Thema, wenn es um lukrative Deals zwischen der Rüstungsindustrie und dem vom Steuerzahler gesponserten Auftraggeber, der Bundesregierung, geht.

Jegliches Geräusch, das das Säbelrasseln zu übertönen droht, stört natürlich das einvernehmliche Kriegshandeln.

Und da auch die Heerschaften (sic!) der Freien Demokratischen Partei – immer sehr beliebt für ihr liberales Gedankengut – während der Corona-Pandemie gelernt haben, wie man missliebige Stimmen im Keim erstickt, traut sich die brave Soldatin Strack-Zimmermann was und teilt gegen jeden, jede und jedes, der, die, das nicht mit ihr auf kriegslüsternem Pfad schreiten mag, heftig aus.

Jüngstes Opfer ist Ulrike Guérot, Professorin für Europapolitik an der Universität Bonn, die es doch tatsächlich – wie inzwischen über 250.000 Menschen – gewagt hat, einen von Alice Schwarzer, der streitbaren Ikone der Frauenbewegung, initiierten und zusammen mit 27 Erstunterzeichnern bei EMMA zuerst veröffentlichten offenen Brief an Bundeskanzler Olaf Scholz mitzuunterschreiben.

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Die Unterzeichner appellieren mit Blick auf den Krieg in der Ukraine an Olaf Scholz, sich für ein Ende der „eskalierende[n] Aufrüstung“ einzusetzen und „weltweiten Frieden“ anzustreben. Deutschland müsse "angesichts seiner historischen Verantwortung“ zu einer „gemeinsame[n] friedliche[n] Zukunft beitragen“.

Im Ukraine-Krieg sei ein schnellstmöglicher Waffenstillstand anzustreben, damit ein Kompromiss ausgehandelt werde, „den beide Seiten akzeptieren können“.

Die Briefunterzeichner verurteilen „die russische Aggression als Bruch der Grundnorm des Völkerrechts“. Es gebe “eine prinzipielle politisch-moralische Pflicht …, vor aggressiver Gewalt nicht ohne Gegenwehr zurückzuweichen“. Für die Unterzeichner sind jetzt aber zwei Grenzlinien erreicht: Die Inkaufnahme eines Atomkrieges und „das Maß an Zerstörung und menschlichem Leid unter der ukrainischen Zivilbevölkerung“.

„Selbst der berechtigte Widerstand gegen einen Aggressor steht dazu irgendwann in einem unerträglichen Missverhältnis.“

Oder um es anders auszudrücken: Die Toten werden nicht wieder lebendig, das Leid der vergangenen Monate werden Generationen in Erinnerung behalten. Doch jeder weitere Kriegstag tötet mehr Menschen und macht es immer unmöglicher, Frieden zu schaffen.

Im BILD-Format „Viertel nach Acht“ hat Ulrike Guérot am 3.5.2022 mit Frauke Petry, Henryk M. Broder und Alexander Kissler unter anderem über den offenen Brief diskutiert. Sie zitierte dort einen berühmten Satz des römischen Politikers und Philosophen Cicero:

„Der ungerechteste Frieden ist besser als der gerechteste Krieg.“

Auf Twitter wurde dieses Zitat dann am 4.5.2022 von ihr mit einer Frage verbunden: „Wie viel Leid wollen wir noch hochskalieren, bis wir endlich Frieden schaffen?“ Und einen Tag später twitterte sie, dass sie folgende „kluge Worte“ von Sahra Wagenknecht in der ARD-Sendung „Maischberger“ unterschreibt:

„Diese Logik von Sieg und Niederlage ist eine fatale Logik. Die Atommacht Russland wird keine bedingungslose Kapitulation unterschreiben, ohne ihre letzten militärischen Mittel ausgereizt zu haben. Dieser Krieg wird ohnehin durch Verhandlungen beendet werden.“

Was ist so falsch an diesen Ansichten? Alles, findet Marie-Agnes Strack-Zimmermann. Und schlägt auf Twitter zurück:

„Frau Guérot, Professorin auf Abwegen, legt dar, warum es besser ist, Ukraine auszulöschen. Das ist so unfassbar widerwärtig. Und so jemand hat Lehrstuhl @UniBonn inne und natürlich offenen Brief gezeichnet. Irre.“

Die Liberale Strack-Zimmermann feuert also tatsächlich die Granate „Unfassbare Widerwärtigkeit“ ab. Ein Erstschlag.

Widerwärtig aber ist einzig und allein die haltlose Unterstellung von Strack-Zimmermann, Ulrike Guérot habe die Auslöschung der Ukraine befürwortet – um des lieben Friedens willen.

Widerwärtig ist auch ihr zumindest indirekter Aufruf, Guérots Arbeitgeber, die Uni Bonn, möge sie aufgrund ihrer Äußerungen zur Rechenschaft ziehen.

Das ist ein heftiger Schlag unter die Gürtellinie der freien Meinungsäußerung, Frau Strack-Zimmermann. Und vollkommen diskursfeindlich. So spricht nur jemand aus einer Position heraus, aus der er meint, sich alles erlauben zu können. Und Recht scheint sie mit dieser Einschätzung wohl leider zu haben, die Vertreterin des Volkes, Marie-Agnes Strack-Zimmermann von der FDP, wenn man die letzten zwei Jahre Revue passieren lässt.

Überlassen wir Ulrike Guérot das vorläufig letzte Wort in dieser Angelegenheit. Auf Twitter wendet sie sich noch einmal an Strack-Zimmermann:

„Sie legen mir Worte in den Mund, die ich nicht gesagt habe. Es wäre für eine Liberale angemessener, wenn Sie meine Meinung nicht persönlich, sondern sachlich kritisierten und davon absähen, mich bei meinem Arbeitgeber öffentlich zu diffamieren.“

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