Oskar Lafontaine bei {ungeskriptet} by Ben hier in voller Länge
Das Interview ist eines der längsten und ungeschöntesten Gespräche, die Lafontaine in den letzten Jahren geführt hat. Erstaunlich ist hier zunächst, dass Ben Berndt das Gespräch bereits am 8. Juli geführt und solange im Giftschrank hat liegen lassen.
Wie gewohnt aus den bisherigen Interviews hält sich Ben Berndt bewusst zurück, unterbricht kaum und lässt den Gast in langen Bögen erzählen und argumentieren. So auch bei Oskar Lafontaine.
Das Ergebnis ist ein biografisch-politisches Porträt, das über persönliche Nachkriegserinnerungen bis zu aktuellen Vorwürfen gegen Friedrich Merz, BlackRock und hin zur deutschen Außenpolitik führt. Es fühlt sich weniger wie ein klassisches Interview an als wie ein dreistündiger Lafontaine-Monolog mit gelegentlichen Nachfragen – und genau das macht die Stärke des Formats aus.
Kindheit und Prägung (ab 00:02:54)
Lafontaine beginnt mit dem, was er selbst als prägendste Phase seines Lebens bezeichnet. Die Kindheit, so sagt er, strukturiere einen Menschen stärker als alles Spätere. Er sei in einer Arbeiterstraße aufgewachsen und hätte vermutlich einen ganz anderen politischen Charakter entwickelt, wäre er in einem bürgerlichen Milieu groß geworden.
Seine erste Erinnerung beschreibt er so: Er habe mit seiner Mutter in einem Bett gelegen, kurz nach dem Krieg, in einem Bauernhaus in derselben Straße. Das eigene Haus sei zerbombt gewesen, und an der Wand habe die Tapete heruntergehangen (ca. 04:11–04:35). Der Vater war gefallen. An ihn habe er keine eigenen Erinnerungen. Die Mutter sei mit den beiden Zwillingen zu den Nachbarn gezogen. Man habe sich gegenseitig geholfen – Eier, Salz, was gerade fehlte. Diese enge Nachbarschaftshilfe sei damals selbstverständlich gewesen und sei mit dem wachsenden Wohlstand allmählich verschwunden. Hier sind die Erzählungen des 82-jährigen Lafontaine auf besondere Weise emotional und anrührend.
Viel Raum gehört der Ernährung: Seine Jugend sei geprägt gewesen von Brot, Brot und Brot: Senfbrot, Schmalzbrot und Salzbrot. Es habe auch etwas gegeben, das man „Harz“ nannte – eine Marmelade aus Rüben. Er erinnere sich noch gut an ein Silvester, als es erstmals Würste gab, und wie köstlich sie im Vergleich zu dem bisherigen Brotbelag gewesen seien (ca. 05:05–05:48).
Das erste Bier trank Lafontaine mit 13 oder 14 und die erste Zigarette rauchte er mit 10 oder 11 Jahren. Wer Bier trinken konnte, galt als Mann. Es habe weder Telefon noch Autos auf der Straße gegeben. Das erste Auto in der Nachbarschaft sei eine Sensation gewesen. Die Kinder hätten die Nasen an die Scheiben gedrückt. Trotz aller Entbehrungen erinnert er die Kindheit als positiv: Man habe spielen können und genug zu essen gehabt. Die NS-Vergangenheit der Lehrer sei damals kaum thematisiert worden. Viele hätten einfach weiter unterrichtet, als sei nichts gewesen.
Krieg und Frieden als Lebensthema (ab 00:24:27)
Aus diesen Erfahrungen leitet Lafontaine sein zentrales Lebensthema ab. Der Tod des Vaters und die Frage, wofür dieser eigentlich gestorben sei, hätten ihn früh beschäftigt. Kriege, so argumentiert er, kämen nicht vom Volk, sondern von den herrschenden Klassen. Den Ukraine-Krieg beschreibt er als einen Krieg, den die US-Rüstungsindustrie führe.
Lanfontaines Sprache ist oft bildhaft: Der Kapitalismus trage den Krieg in sich „wie die Wolke den Regen“. Die heutigen Politiker und Journalisten in Berlin redeten „unendlich dumm“ und wüssten nicht, was eine Atomwaffe sei. Wenn jemand sage, man müsse den Krieg nach Moskau tragen, gehöre er eigentlich eingesperrt. Die aktuellen Aufrüstungspläne hält er für absurd, weil Panzer und Schiffe in einer Zeit von Raketen und Drohnen kaum noch eine Rolle spielten.
BlackRock, Rheinmetall und Merz (ab 00:35:22)
Lafontaine weißt hier zunächst darauf hin, dass BlackRock der Hauptanteilseigner von Rheinmetall sei und gleichzeitig zu den größten Aktionären vieler amerikanischer Rüstungskonzerne gehöre. Die politischen Positionen von Friedrich Merz – früher Aufsichtsrat bei BlackRock Deutschland – liefen erstaunlich parallel zu den Interessen dieses Konzerns. Dass das alles Zufall sei, halte er zumindest für fragwürdig. Die Rüstungsindustrie und die Finanzwirtschaft hätten seit jeher versucht, Einfluss auf die Politik zu nehmen. Merz sei in diesem System kein Außenseiter.
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Deutschland als Vasall der USA und Nord Stream (ab 01:00:33)
Lafontaine wiederholt mehrfach, Deutschland sei seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs Vasall der Vereinigten Staaten. Die USA hätten ein Interesse daran gehabt, die eigene Rüstungsindustrie auszubauen und Europa von russischem Gas abzukoppeln. Zur Zerstörung von Nord Stream sagt Lafontaine klar, das seien die Amerikaner gewesen. Biden habe öffentlich angekündigt, die Leitung zu sprengen, falls Russland in die Ukraine einmarschiere. Scholz habe daneben gestanden und „dämlich gelächelt“ (01:15). Die Deutschen übernähmen nun die Kriegskosten der USA und zahlten Milliarden, während die eigene wichtigste Energieinfrastruktur zerstört worden sei. Das Ganze sei „komplett wahnsinnig“.
Er verweist auf die Kuba-Krise, auf gebrochene Zusagen zur NATO-Osterweiterung und auf die alte Strategie der „Disengagement“, die heute durch Truppenverlegungen an die russische Grenze ersetzt werde. Pistorius wolle stolz Truppen an die Grenze schieben, obwohl schon George Kennan gewarnt habe, dass genau das Russland in den Krieg treiben könne.
Demokratie, Kapitalismus und Ungleichheit (ab 01:36:12)
Lafontaine definiert Demokratie nach einem Satz, den er von seinem Griechischlehrer mitgenommen habe: Eine Gesellschaft sei demokratisch, wenn sich die Interessen der Mehrheit durchsetzten. Angesichts der Vermögensverteilung – fünf Prozent besäßen die Hälfte des Vermögens – sei davon kaum noch die Rede. Ohne Mechanismen der Umverteilung bleibe nur Raubtierkapitalismus, in dem die einen in Ferraris vorbeiführen und die anderen hungerten. Propaganda spiele eine zentrale Rolle, um diese Verhältnisse zu stabilisieren.
Rechtsextremismus, Migration und BSW (ab 02:14:17)
Eine der schärfsten Stellen des gesamten Gesprächs: Für ihn sei die rechtsextremste Handlung der gegenwärtigen deutschen Politik, den Genozid im Gazastreifen mit Waffen zu unterstützen. Vergleiche der AfD mit der NSDAP hält er für völligen Unsinn und eine Verharmlosung der historischen Nazi-Zeit. In den frühen Parlamenten der Bundesrepublik hätten ohnehin zahlreiche ehemalige NSDAP-Mitglieder in allen Parteien gesessen.
Zur Migration und zum BSW argumentiert er, linke Politik müsse den Schwächeren helfen und konsequent gegen Krieg und Aufrüstung stehen. Das BSW sei derzeit die einzige Partei, die das konsequent tue. Die SPD habe diese Tradition unter Brandt noch verkörpert, sei heute aber auf dem Weg von Krieg, Aufrüstung und Sozialabbau.
Abschluss (ab 02:58:09)
Gegen Ende wird der Ton nachdenklicher und fast resigniert. Lafontaine sagt, er sei manchmal verzweifelt. Die Geschichte sei eine gute Lehrerin, habe aber so wenige Schüler. Deutschland spiele im globalen Machtspiel nur die Rolle von Statisten und „Putzerfischen der Haie“. Alles laufe in Zyklen, und man befinde sich am Ende eines solchen Zyklus.
Das Gespräch ist in seiner Länge und Dichte anspruchsvoll. Es enthält lange persönliche Erzählungen, wiederkehrende Argumentationslinien und scharfe Zuspitzungen. Wer Lafontaines Positionen kennt, findet hier die ausführlichste und ungeschönteste Version der letzten Jahre.
Und wer eine kontroverse, aber in sich geschlossene Kritik an der aktuellen deutschen Außen- und Sicherheitspolitik hören will, bekommt sie in konzentrierter Form. Das Format ist allerdings keine ausgewogene Debatte mit Gegenpositionen. Wer das erwartet, wird enttäuscht werden.
Die größte Stärke bleibt die biografische Glaubwürdigkeit: Ein Mann, der den Krieg als Kind erlebt hat, spricht über die Gefahr eines neuen Krieges. Manche Argumente kehren mehrmals in ähnlicher Form wieder. Was Ben Berndt hier möglich gemacht hat, ist eines der eindrücklichsten und längsten Interviews, die Lafontaine je gegeben hat.
Disclaimer: Diese Rezension entstand entlang des Transkripts, welches Youtube anbietet. Um eventuelle Übertragungsfehler zu vermeiden bitte entlang der Zeitangaben direkt ins Video.
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