Toddn Kandzioras Wochenrückblick 23/2021

Macht euer Ding, aber lasst uns in Ruhe.

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Macht euer Ding, aber lasst uns in Ruhe.
Wir sind eh bald schon der Kompost, auf dem ihr eure neue Welt gedeihen lassen und den ganzen Tag vor Freude hüpfen könnt. Aber bis dahin. Bitte. Lasst uns in Ruhe im Garten sitzen und dabei zuschauen. © Foto: Unsplash / Luisa Brimble

In naher Zukunft werden Menschen sich verdächtig machen, wenn sie nicht willens sind, sich rund um die Uhr analysieren und kontrollieren zu lassen. Denn dies dient nicht nur dem Wohl der einzelnen Person, sondern dem Wohle aller. Daher wird, wer nicht mitmacht, der Feind sein.

Diese Meldung zu Beginn: Die CDU hat mit den Stimmen des Koalitionspartners SPD, der Polizei und dem Verfassungsschutz erweiterte und neue digitale Überwachungsrechte eingeräumt. Die Ermittler*innen aller neunzehn Geheimdienste dürfen nun online die Kommunikation aller im Land Lebenden mitlesen, so wie privat gespeicherte Inhalte auswerten, auch ohne, dass ein Tatverdacht besteht.

Ich bin am überlegen, ob ich meinen Internetzugang bei der Firma XY kündige. Damit würde ich mich jedoch der Möglichkeit berauben mit vielen, in der Außenwelt lebenden Bekannten und Freunden Kontakt zu halten. Doch würde ich ein Mindestmaß an Privatsphäre aufrechterhalten und in der angedachten „Minority Report“ Neuverfilmung vorerst keine sichtbare Statistenrolle übernehmen.

Vielleicht wird es diese Kolumne aber auch bald gar nicht mehr geben. Ich müsste eine solche ohne Internetzugang auf meiner achtziger Jahre ADLER Schreibmaschine schreiben (gibt es für die noch Farbbänder?) und per Briefpost versenden. Das macht pro Kolumne 80 Cent Porto und dauert in der Regel zwei Tage bis meine geistigen Ergüsse beim Empfänger ankommen. Wer aber würde sich im Jahr 2 Corona aber noch die Mühe machen, meine getippten Zeilen in eine Computertastatur einzutippen, damit sie online gehen? Und am Rande überlegt, über was sollte ich Landei ohne Internetzugang und den täglichen Nachrichten dann eigentlich schreiben? Über Hase und Igel in der Nacht? Des Hundes Haufen auf Nachbars Rasen?

Ich besitze kein Abo einer Tageszeitung. Ich sehe kein öffentlich-rechtliches Erziehungsprogramm und auch sonst kein Fernsehen mehr. Radiobeiträge oder Nachrichten ertrage ich seit einem Jahr nur noch wenige Minuten und beim ersten Hauch eines mitgesprochenen „Pausensternchen“ schalte ich ab. (Die Forderungen einer GEZ mir gegenüber belaufen sich inzwischen auf zweitausend Euro und ein paar Zerquetschte).

Mein Schriftwechsel mit besagter Gebührenzentrale wg. Mahnungen, Pfändungs- und Vollstreckungsbescheiden umfasst inzwischen drei dicke Ordner. Diese zweitausend Euro werde ich in mein Restleben nicht mehr zahlen können, selbst wenn ich es wollte. Ein Smartphone oder ein anderes internetfähiges Gerät besitze ich nicht. Habe ich nie besessen. Ich wüsste gar nicht mit einem solchen umzugehen. Im Haus hört weder ALEXA noch eine andere Überwachungstechnik meine Gespräche mit und die nächste öffentliche Kamera, die mich zu filmen positioniert wurde, die ist drei Dörfer entfernt. Installiert in dem Geldautomaten der Bank, in der seit Jahren schon kein menschliches Wesen mehr Kundenwünsche betreut.

Ich trage keine Überwachungsuhr am Handgelenk oder einen freiwillig implantierten Chip zwischen Daumen und Zeigefinger der meinen Bio- und Schlafrhythmus analysiert und an interessierte Stellen übermittelt.

In naher Zukunft wird mich ein derartiges, nennen wir es „Abwehrverhalten“ verdächtig machen. In naher Zukunft werden Menschen sich verdächtig machen, wenn sie nicht willens sind, sich rund um die Uhr analysieren und kontrollieren zu lassen. Denn dies dient nicht nur dem Wohl der einzelnen Person, sondern dem Wohle aller. Daher wird, wer nicht mitmacht, der Feind sein.

Ich hoffe, eine solche Zukunft nicht mehr miterleben zu müssen. Ich hoffe sehr noch als Mensch abtreten zu dürfen. Frei und selbstbestimmt, frei und ohne Angst. Ohne diese neue, diffuse Angst, die mich befällt, wenn ich all der perfiden Möglichkeiten gewahr werde, die das System umzusetzen schon heute in der Lage ist.

Mit derartigen Gedanken und Ängsten stehe ich nicht allein im Wald. Immer mehr Menschen machen nicht mehr mit. Wollen nicht mithalten in der fremdbestimmten Normalität von heute.

Allerdings haben wir schon lange nicht mehr die geringste Neigung zum Aufstand, die Energie zur Revolution gegenüber denjenigen, die uns sagen wie wir zu handeln und zu denken haben. Mal ehrlich. Wir wollen im Grunde auch gar nichts mehr mit ihnen zu schaffen haben. Sie weder im Fernsehen sehen noch im Radio hören. Nichts über ihre neue, redlich verdiente nächste Milliarde hören. Die größte Luxusjacht in der Zeitung sehen oder über die aktuellste aller guten Weltverbesserungsideen lesen müssen.

Wir meiden die Orte, an denen sie sich treffen und sich Schandtaten ausdenken, um eine weitere Steuer aus uns heraus zu pressen, die Rente zu verringern und die Eintrittszeit in diese zu verlängern. Die Teuerungsrate zu erhöhen. Die Preise zu erhöhen und die Gesundheitskosten. Unsere Sprache dergestalt zu Vergendern, bis niemand mehr weiß, ob er nun Männlein, Weiblein oder ein Toaster ist. Eines jeden Leben zu gestalten, bis es ein unerträgliches ist. Und warum? Weil sie es können! Und weil zu viele ihnen diese Macht durch das Kreuz auf Papier abgetreten haben.

Viele von uns gehen nicht mehr wählen. Machen keine Kreuze mehr auf Papier. Fast hat es den Anschein, es ist manch einem völlig schnuppe, dass die Gewählten so viel zerstören was uns lieb und teuer war. Wir wollen nur noch unsere Ruhe haben. Das Motto dieser Zeit - fast scheint es so: Macht euer Ding, aber lasst uns in Ruhe.

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Wir sind eh bald schon der Kompost, auf dem ihr eure neue Welt gedeihen lassen und den ganzen Tag vor Freude hüpfen könnt. Aber bis dahin. Bitte. Lasst uns in Ruhe im Garten sitzen und dabei zuschauen, während ihr schon heute die Welt von morgen auf den Kopf stellt, wie die Sonne morgens im Osten aufgeht und abends im Westen unter geht. Mehr erwarten wir vom Leben nicht mehr. Na ja. Vielleicht ab und an, mit der Handvoll übrig gebliebener Kumpels und einer Kiste Bier am Lagerfeuer über alte Zeiten klönen. Das wäre schön.

Schön auch, dass der Frühling endlich gekommen ist. Das wurde auch Zeit. Er kam mehr als einen Monat zu spät, hatte fast den ganzen März und Mai verpennt, doch nun ist er aus den sattgrünen Büschen gesprungen. Erst zu Junibeginn wurden die Temperaturen endlich zweistellig. Spät. Aber nicht zu spät.

Die vielen Setzlinge im Gartenhaus warteten schon seit Mitte März auf wärmere Tage. Doch es wollte in diesem Jahr einfach nicht wärmer werden und meine vielen Sprösslinge sich nicht blicken lassen. Nicht aus der Bodenfläche herausschauen, in die ich vor Wochen die Samen für das diesjähriges Gemüse setzte. Doch dann, Anfang Juni sprießte es aus den Töpfen und Kästen und die Aussaat für das Sommer und Herbstgemüse konnte endlich vonstattengehen.

Die erste Ernte steht derweil schon im Keller. Neben den frühen Kartoffeln habe ich schon diverse Salate, Rhabarber, Knoblauch und Kräuter stehen. Es tut wirklich gut, so weit entfernt der Stadt mit den Jahreszeiten im Einklang leben zu können, diese zu fühlen. Dazu trägt eine fehlende Heizung im Haus bei. Vor mehr als zehn Jahren habe ich günstig zwei Holzöfen erstehen können. Einer steht unten, der kleinere oben. Nur bei starken Minustemperaturen wird der zweite Ofen oben angefeuert. Ansonsten wird nur ein Ofen im Haus beheizt. Badezimmer, Arbeitszimmer und Küche bleiben in kalten Monaten eher ungemütlich. Das Badewasser muss ebenfalls erst erhitzt werden.

Aber eine Toilette haben wir im Haus. Das Plumpsklo auf dem Hof ist seit den siebziger Jahren nicht im Betrieb. Fast ist es ein Luxus, im Winter zum großen Geschäft im Dunkeln nicht in die Kälte hinauszumüssen um sich, im wahrsten Sinne des Wortes seinen Arsch abzufrieren. Ein gutes, ehrliches, von Jahreszeiten bestimmtes Leben. Bisher. Was jedoch, wenn ich kein Holz mehr sägen, hacken und stapeln kann? Na ja. Heute ist heute. Morgen ist morgen und heute noch nicht wichtig. Hauptsache im Herbst ist genug Holz für den Winter gestapelt und der Keller ist voll.

Zum Schluss eine Anekdote aus der kleinen Kreisstadt. Diese Woche konnte ich nach Monaten wieder in die Geschäfte, die ich vorher nicht betreten durfte. Wegen der Sache. Sie wissen schon. Ich trage daher seit zwei Tagen ein Paar günstig erstandene Schuhe mit ungebrochenen Sohlen. Eine blaue Hose ohne Flicken. Ein rotes Holzfällerhemd und darüber am Abend, wenn es kühler wird einen neuen Kapuzenpullover. Für diese Sachen habe ich zusammen weniger als fünfzig Euro gezahlt. Gerne würde ich, wie es heute heißt, einmal fair einkaufen. Am liebsten unbelastete, ökologisch wertvolle und nachhaltig produzierte Kleidungsstücke kaufen, die mal etwas länger halten und nach was ausschauen. Wie dem auch sei. Das schlechte Gewissen, das ich jetzt, wegen meines Billigeinkaufs habe, das kennen gewisse junge Fräuleins aus besseren Hause, die mir ob meines Kaufverhaltens jetzt sicher gern eins machen würden eher nicht. Denn das gute Gewissen, das muss der Mensch sich erst einmal leisten können.

Was man sich noch alles bald nicht mehr leisten kann.

Zum Beispiel gute Backwaren. Am Dienstag war ich mit dem Fahrrad drei Dörfer weiter zur Bäckerei geradelt, um einzukaufen. Ein Dinkelbrot und vier Brötchen kosteten mich an dem Tag knapp sieben Euro. Umgerechnet vierzehn DM. Ein Dinkelbrot und vier Brötchen. Nun, ich werde daher nicht nur mein Gemüse und Obst selbst anbauen, sondern auch das Brot wieder selbst backen müssen. Kann es sein, dass hier irgendetwas im Land aus dem Ruder läuft, oder bekommen solch Dinge auch normal lebende Menschen mit. Ich meine mit normal die vom Gott des Mammons gesegneten Menschen, die vielleicht zweitausend Euro im Monat zur freien Verfügung haben. Ob diese Menschen die Sorgen und Nöte des kleinen Mannes nachvollziehen können?

Zum Beispiel der Bestsellerautor Marc Friedrich. Der meldete sich heute wegen der kommenden Wirtschaftsmisere zu Wort. Mit den üblichen, Angst erzeugenden Begriffen einer gut situierten, schreibenden Wirtschaftszunft von Krall, Müller, Gebert bis Otte CoKg. Die so gerne verwendet werden, um große Auflage zu machen. Begriffe wie Krise, Notstand, Geldentwertung, Börsencrash und dergleichen. Egal. Gehupft wie gesprungen. In einem Interview führt Friedrich aus, wie der Bürger sich darauf vorbereiten kann, um bald nicht mit herunter gezogener Hose im einfachen Leben stehen zu müssen. Indem er sich durch den Kauf von Bitcoins, Gold, Silber, Sachwerten und Aktien darauf vorbereitet. Na dann. Soll er machen. Der normale Bürger.

Sollte so ein normaler Bürger in der Zukunft vor meinen Gartenzaun herum lungern, nach einem Blumenkohl oder Salat fragen, nach Kartoffeln, Äpfeln oder Birnen oder einem Eimer Regenwasser bitten, dann kann er sich seine Bitcoins und Edelmetalle sonst wohin stecken.

In meiner Welt kann man sich von Bitcoins, Gold oder Silber wenig kaufen und satt, nein, satt kann von solchen wertlosen Dingen niemand werden.

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