Toddn Kandzioras Wochenrückblick 12/2022

Mal leichteres Leben versuchen?

von Toddn Kandziora

Kolumnist Toddn Kandziora hadert mit sich und der Welt. Und dabei überlegt er angestrengt, was man heute noch sagen darf, will oder sollte. Was wäre denn, wenn Toddn im Bundestag säße?© Quelle: Freepik.com / wayhomestudio, Bildmontage: Alexander Wallasch

Mein Gesicht ist rot. Rot gerieben von meinen wuseligen Händen. Das habe ich eben im Spiegel gesehen. Nein, nicht im umgekrempelten Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL, das ich seit Jahren ob seiner, sagen wir, interessanten Betrachtungsweise über die Dinge nicht mehr lesen mag. Mein Gesicht sah ich im Badezimmerspiegel.

Von den sich vertiefenden Sorgenfalten und dunklen Augenrändern will ich gar nicht anfangen, es sind ja meine Falten und meine Ränder. Doch so manche Sorge scheint eine von vielen geteilte zu sein.

Seit Tagen beschäftige ich mich damit, ein Thema für diese Kolumne zu finden. Meiner letzten. Jedenfalls für diesen Monat. Denn interessante Themen gibt es ja reichlich auch noch im nächsten. Aber mittlerweile frage ich mich, ob ich noch frei über interessante Themen schreiben und meine eigene Meinung kundtun will. Darf ich Ross und Reiter beim Namen nennen? Darf ich gewissen Parteien, Abgeordneten oder Ministern Unvermögen, Dummheit, Skrupellosigkeit oder gar ein mangelndes Gewissen attestieren?

Nein, das sollte ich besser nicht mehr machen. Ich sollte im besten, freiesten und gerechtesten Deutschland aller Zeiten nicht so dumm sein zu schreiben, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Das weiß ich und das wisst ihr. Ist es doch längst wieder zum ungeschriebenen Gesetz geworden, achtsam mit seinen Worten zu sein. Aufzupassen, was wann, wo zu wem gesagt oder über wen, was wie geschrieben wird.

Besser ist es zu versuchen, zwischen den Zeilen mit dem unauffälligen kleinen Stöckchen zu winken, da der umschriebene Zaunpfahl schon in Bedrängnis führen kann. Kommt Euch das bekannt vor?

Gestern las ich in der Regionalzeitung, dass bei einem 53-jährigen Mann in meiner Kreisstadt um sechs Uhr morgens eine Razzia unter Beteiligung des Staatsschutzes und des Landeskriminalamtes Niedersachsen durchgeführt wurde. Dem Mann wird vorgeworfen, mit einem „erwiesenen Falschzitat“ Hetze im Internet gegen die ehemalige Bundestagsabgeordnete der Grünen, Margarete Bause aus Bayern, betrieben zu haben. Da der Mann bisher strafrechtlich nie in Erscheinung getreten ist, drohe ihm, sollten auf beschlagnahmten Computern und Unterlagen nach Auswertung durch den Staatsschutz belastendes Material gefunden werden, eine Verurteilung von 90 Tagessätzen. 90 Tagessätze entsprechen dem Einkommen dreier Monate. Eine solche verhältnismäßig hohe Strafe für ein paar falsch zitierte Worte, das wird Frau Bause aus Bayern sicher erfreuen.

Was soll mir in dieser Zeit eine solche Zeitungsmeldung sagen? Bestrafe einen, hänge es an die große Glocke und erziehe damit tausende? Aber halt, so stimmt es nicht ganz. Denn die morgendliche Hausdurchsuchung war nur eine von vielen. Wie viele es im Rahmen einer bundesweit durchgeführten Razzia wegen Hetze und Verleumdung in „sozialen Netzwerken“ in der Nacht von Mittwoch, den 23. auf Donnerstag, den 24. März 2022 letztlich waren, konnte ich leider nirgends nachlesen.

Nebenbei bemerkt: Der von westlichen Wahrheitsmedien wegen ihrer vor laufender Kamera durchgeführten Protestaktion gegen den Krieg hochgelobte russische TV-Mitarbeiterin Marina Owsjannikowa hat dieser Tage eine Geldstrafe von umgerechnet ca. zweihundertfünfzig Euro erhalten. Was weniger berichtet wird. Was berichtet wurde, ist das ihr eine Strafe von 50.000 Rubel droht. Was umgerechnet auch nicht viel mehr als 465 Euro wären. Aber 50.000 Rubel hören sich doch gleich viel dramatischer an.

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Aber lassen wir das. Ich verliere mich in den Verwirrungen dieser Tage. Da draußen vor unseren Türen, zwei Länder weiter nur, da tobt noch immer ein Krieg. Ein Krieg, der hätte vermieden, ja schon beendet sein können? Denn wenn man überhaupt noch Kritik am ukrainischen Präsidenten übern darf, dann vielleicht diese: Hätte Herr Selenskyj nicht ein klein wenig gesprächsbereiter betreffs gewisser russischer Verhandlungspunkte sein können? Hätte sich der Krieg so vermeiden lassen? Wie ketzerisch sind solche Gedanken heute?

Über diesen Krieg werden wir über alle Kanäle und Medienformate der westlichen Welt 24/7 „informiert“. Doch es toben noch andere Kriege auf der Welt. Nicht nur der eine in der Ukraine.

Es tobt seit 2015 ein Bürgerkrieg im Jemen. Ein weiterer schrecklicher Krieg zwischen den von Saudi-Arabien und anderen arabischen Staaten unterstützten Truppen von Präsident Hadi und den vom Iran unterstützten Huthi-Rebellen. Doch bekomme ich von diesem Krieg nur wenig bis nichts mit. Man liest, man sieht oder hört eigenartigerweise nur wenig von diesem.

Das wird seine Gründe haben. Unsere Wahrheitsmedien berichten kaum über die dort getöteten und verhungerten Menschen. Allein bis 2018 wurden im Jemen an die achtzigtausend Menschen im Krieg getötet und es sollen mehr als siebzigtausend Frauen und Kinder verhungert sein. Das waren die traurigen Zahlen im Jahre 2018. Das war vor vier Jahren.

Was ich jedoch mitbekommen habe, war, dass unser grüner Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz, Herr Habeck, diese Woche in Saudi-Arabien den Knicks vor den Scheichs der Region machte, um das kommende deutsche Energieproblem abmildern zu dürfen. Würden von dort stammende Kriegsmeldungen unsere Bevölkerung nur verwirren und die wichtigen Verträge behindern? Auch mit Katar, wo in diesem Jahr die Winterweltmeisterschaft im Fußball in voll klimatisierten Stadien stattfinden soll, erwägt Herr Habeck bereits die eine oder andere Kooperation.

Nun habe ich in den letzten Stunden doch einiges, das mir durch den Kopf ging, in Worte gefasst. Ich hoffe, dass mein Geschreibe dem Staatsschutz nicht ebenfalls Grund und Gelegenheit für eine Razzia am frühen Morgen in der kalten Wohnung geben. Die Gründe für eine solche Durchsuchung scheinen von Tag zu Tag passender gemacht zu werden.

Man kann es sich aber auch sorgloser gestalten: Würde ich die Spielregeln befolgen, mich an gewisse Narrative halten, diese unterstützen, sie nach außen wiedergeben und vehement vertreten, nun, dann sehe mein Leben sicherlich "erfolgreicher" aus. Vielleicht könnte ich schlecht gelaunter Knochen es auf meine alten Tage sogar noch für eine Fraktion der großen Einheitspartei in den Bundestag schaffen. So schwierig sollte das gar nicht sein.

Alles, was ich dafür tun müsste, wäre Dinge zu verkünden, die nicht wirklich meine wären. Ich würde behaupten, dass die Energiewende unausweichlich ist und unser Land Klimaziele einhalten muss, um die Welt zu retten. Dass Deutschland allein mit Wasser, Sonne und Windenergie ausreichend versorgt werden kann.

Ich würde schreiben, dass Putin ein widerlicher Diktator ist, der sein Land ruiniert und einen blutigen Angriffskrieg in der Ukraine vor allem deshalb führt, weil er vollkommen verrückt geworden ist. Ich würde Finnland und Schweden in die NATO aufnehmen wollen und eine polnische „Friedensmission“ in die Ukraine (natürlich zur eigenen Sicherheit nur schwer bewaffnet) unterstützen.

Ich würde schreiben, dass Deutschland viel mehr Zuwanderung braucht, weil sonst das Land wirtschaftlich nicht mehr in der Lage ist, zu bestehen. Ich würde jedem sagen, dass schon in wenigen Monaten das Virus in einer schrecklichen neuen Welle Millionen von Ungeimpften tötet, wenn diese sich nicht schnellsten impfen lassen und dass jeder alle drei Monate einen Booster braucht, um zu überleben.

Ich würde im Bundestag laut plärrend dafür plädieren, dass ein privates Nutzungsrecht für Autos oder Motorräder nicht nur zutiefst egoistisch ist, sondern das Überleben unserer Kinder gefährdet.

Und ich würde den Steueranteil für Benzin und Diesel auf mindestens drei Euro erhöhen damit ich, was mir in meinem wirren Kopf so weltenfern durch meine Synapsen wabert, durch gepresste Steuergelder im Bundeshaushalt ausgleichen kann. Ach, was ich alles jetzt noch sagen, schreiben und meinen könnte. Ich mache es nicht. Sonst bekomme ich doch noch eines Morgens Besuch.

Daher halte ich jetzt den Mund bzw. lege „den Stift zur Seite“ und lasse den lieben Gott einen guten Mann sein, wie auch dem Leben an sich seinen neuzeitlich schwankenden Gang in ihre neue Zukunft. Ich höre einfach nicht mehr zu, wenn diverse junge Fräuleins und auf Linie getrimmte Person*innen mir im Bundestag  vorschreiben wollen, wie ich zu denken und morgen mein Leben zu gestalten habe.

Sollen sie doch ohne nötige Lebenserfahrung, Berufsabschluss, Ausbildung oder berufliche Kenntnisse von gutbürgerlichen Mittelschichtseltern mit dem E-Mobil zum Bundestag kutschiert werden, damit sie dort hoch dotiert wie gewählt zetern und ihre halb garen Teenagerwünsche zu Gesetzen machen. Ich kann sie nicht ernst nehmen.

Sie können mich mit Verlaub gesagt an meinem Allerwertesten. Hochachtungsvoll aufgeschrieben von einem, der das schon solange alles satt hat.

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