Toddn Kandzioras Wochenrückblick 16/2021

Mein Herz sehnt sich in die Vergangenheit - zurück in eine bessere Zeit

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Mein Herz sehnt sich in die Vergangenheit - zurück in eine bessere Zeit
Ich war irgendwo angekommen, wo es sich zu Hause anfühlte. Dann war das wohl Heimat. © Foto: Toddn Kandziora

Unsere Herzen stehen unter Dauerbeschuss. Unsere Herzen werden seit mehr als einem Jahr in ausgeklügelten, medial inszenierten Stahlgewittern rund um die Uhr von Spezialisten im Schleudergang reingewaschen. Wo schlägt das eigene Herz in dieser verrückten Zeit? Schlägt das Herz auf der linken, oder pocht es auf der rechten Seite in eigener Brust? Das Herz schlägt bekanntlich Links. Es schlägt in der Mehrzahl links und vereinsamt dort inzwischen in Massen. Es wird seiner, von Politik und Medien als obsolet zu betrachtender Heimat entrissen. Noch aber darf es schlagen, von Fachärzten und Spezialisten verordnet auf der linken Seite. Der heimatlosen.

Kommen wir zu ein paar Ereignissen der letzten Woche aus meiner ehemaligen Heimat. Die beste Kanzler*in aller Zeiten hat die „Notbremse“ gezogen. Nach dem Bundestag stimmte gestern auch der Bundesrat der von ihr geforderten bundesweit zu vollziehenden Corona-Notbremse zu. Ein folgsamer, in einem Berliner Hinterzimmer gewählter Bundespräsident Steinmeier hat das Gesetz inzwischen unterschrieben und nun ist es halt durch.

Alles verlief, wie Merkel es wollte. Wie sie es verlangte. Wieder einmal hat diese Frau ihren Willen, wie so oft schon in den letzten sechzehn Jahren ihrer Amtszeit durchsetzen können. Meiner Meinung nach wieder ein Eidbruch. Könnt ihr euch erinnern? Damals 2005 legte Merkel vor dem Bundestag ihren Amtseid als Kanzlerin mit folgenden Worten ab:

„Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde“;

und dann ergänzte die Pastorentochter aus der Uckermark die Formel mit

„so wahr mir Gott helfe.“

Würde diese Frau heute, im Jahre 2021 und dem Jahr zwei nach Corona in der von ihr mit auf den Wegen gebrachten „neuen Normalität“ diesen Eid so aufsagen? Ich glaube schon deshalb nicht, weil darin die Definition "des deutschen Volkes" vorkommt. Dieses „deutsche Volk“ ist nicht mehr das ihre. Sie selbst hatte sich 2015 im Jahr der so genannten Flüchtlingskrise von diesem distanziert. Und die Bundeskanzlerin war es auch, die während der Wahlsiegfeier anno 2013 auf öffentlicher Bühne und vor laufenden Kameras die Fahne jenes Landes am Bühnenrand entsorgte dessen Nutzen sie mehren wollte und von dem sie Schaden abzuwenden gedachte. Was für eine Frau.

Eine andere zielstrebig, wie Machtinteressierte Frau Namens Annalena Baerbock konnte sich als Kanzlerkandidatin der tarngrüngestrichenen Kriegspartei gegen ihren männlichen und genau deshalb auch chancenlosen Konkurrenten Robert Habeck durchsetzen. Frau Baerbock wird wahrscheinlich die nächste Kanzler*in in meinem früheren Heimatland. Es sprechen einfach zu viele Gründe dafür. Sie ist jung, Frau und sie stammt aus Hannover.

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Und, ganz wichtig: Sie kennt die richtigen und wichtigen Personen von Welt. Diese haben große Hoffnungen auf sie gesetzt. Sie haben in Baerbock investiert und sie gut instruiert, auf die große Aufgabe vorbereitet, die sie zu erfüllen hat. Ob im kommenden Herbst Frau Baerbock den zur Farce verkommenen Eid auf ein „deutsche Volk“ ablegen wird und ob ihr Gott dabei helfen soll oder nicht, das ist im Herbst dieses Jahrs und dem meines Lebens zu einer weiteren unwichtigen Nebensächlichkeit geraten.

Ein Großteil der vielen guten Herzen schlagen gender- wie klimaneutral für Annalena und ihre Grüne Partei. Laut einer Forsa-Studie vom Mittwoch liegt diese inzwischen bei 28 Prozent in der bundesweiten Wählergunst. Eine untergehende CDU, die sich auf den letzten Drücker für Armin Laschet als ihren Kanzlerkandidaten gegen Söder entschieden hat ist – und sicher nicht nur aus diesem Grund – auf 22 Prozent gefallen. Nicht zu vergessen, die Medien stehen in ihrer Gesamtheit absolut und bedingungslos auf Annalena Kurs. Was werden am Abend des 26. September 2021 die vielen und guten Wähler*innen vor Millionen Bildschirmen frohen Herzens wie Abstand haltend hinter devot gespannten Masken ab 22 Uhr im Hausarrest singen?

Ich kann es mir schon heute denken: Die Königin ist tot, es lebe die Königin!

Soll sie doch beide hochleben. Die jetzige und die kommende Kanzler*in. Sollen sie mit dem Land machen was sie wollen. Einem Land, das augenscheinlich nicht das ihre ist. So macht es auf mich den Eindruck. Auf das sie einen Eid ablegten oder ablegen werden. Mein Herz, das ist nicht mehr in dem Land, in dem ich geboren wurde. Mein Herz sehnt sich in die Vergangenheit. Zurück in eine bessere Zeit. Und meine Gedanken sind immer öfter schon dort:

In den Siebzigerjahren verbrachte ich meine Ferien regelmäßig bei meiner Verwandtschaft mütterlicherseits in der DDR. Zumeist bei Halberstadt. Der Bruder meiner Großmutter hatte am Stadtrand ein Haus mit großem Garten und kleinem Hofbetrieb. Diese Wochen waren für mich kleinen Jungen die besten im Jahr. In der DDR konnte ich mir jeden Tag ein Eis kaufen. Ich liebte besonders das sehr gute Vanilleeis in der Muschelwaffel. Hatte es tatsächlich nur zwanzig Pfennig gekostet?

Das Haus am See in Masuren.
Das Haus am See in Masuren. © Foto: Toddn Kandziora

Ich durfte jede Woche ins Kino und einmal sogar besuchten wir ein Theaterstück. Meine Cousine nahm mich auf Freizeitvergnügen der jungen Pioniere mit. Alles, was ich dann zu tun hatte, war mir ein rotes Halstuch umzubinden. Mir fehlte in der sogenannten Ostzone damals wenig bis nichts. Wenn die Ferien dem Ende zu gingen, bekam ich Tage zuvor schon Bauchschmerzen. Ich wäre gerne länger geblieben, doch ich durfte nicht. Mein falsches Leben im richtigen fand in einem kleinen Dorf bei Wolfenbüttel statt und dies war grau in grau.

Im sogenannten, goldenen Westen lag ein regelmäßiger Kinobesuch nicht im häuslichen Budget. Ein Theaterbesuch schon einmal gar nicht. Auch kein tägliches Eis oder die Brause nach dem Spiel. Dazu fehlte das Geld. Dass ich arm und aus diesem Grund anders war, nicht nur in der Schule wegen meiner Kleidung anders behandelt wurde, nährt bis auf den heutigen Tag ein gesundes Misstrauen gegenüber vermeintlich bessergestellten Menschen. Die erfüllten Tage und erlebten Wochen der Kindheit in der DDR ließen mich bei meiner Rückkehr immer am Westen zweifeln.

Dieser freie Westen, der mir ein Leben in Glück und Wohlstand verspricht und mir dieses doch bis heute schuldig bleibt. Was nutzt dem Menschen die Auswahl zwischen hundert Fernsehprogrammen, wenn keines ihn interessiert? Wozu sollen die gleißende Reklame der Innenstädte und schick drapierten Schaufenster gut sein, wenn all die ausgestellten Waren unerschwinglich sind? Was nützt dem Menschen die Freiheit des Reisens, wenn diese Freiheit für ihn unerschwinglich ist?

Doch, es ist zutiefst deprimierend als prekär lebender Mensch in einem freien und reichen Land von gemachten Versprechungen leben zu müssen. Ist es erfüllender als vermeintlich unfreier Mensch in einem unfreien Land zumindest an einem, wenn auch eingeschränkten gesellschaftlichen Leben und einem eingeschränkten Kulturbetrieb teilnehmen zu können als an gar keinem?

Ist es nicht besser in die Ostsee der DDR springen zu können als gar nicht? Ich denke das ist es. Mein Herz hatte sich in der ehemaligen DDR zu Hause gefühlt. Dort war es mir, wenn auch eingeschränkt, so zumindest möglich, Anteil nehmen zu können. Nicht im sogenannten, goldenen Westen. Und ich betone, bevor sich jemand entrüstet, hier spricht zunächst die Perspektive des Kindes.

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Dann war es mit einem Mal 1978. Das Jahr, in dem ich fünfzehn wurde und zum ersten Mal im Leben in einen richtigen Urlaub fuhr. Nach Masuren bei Allenstein. Wir machten dort an einem großen See Urlaub. Unweit der Höfe, die noch bis 1945 zur Familie gehörten. Bis die Russen das zu ändern gedachten. Ich erinnere mich, wie wir einen ganz alten und ganz schottrigen über Jahrhunderte mit Pferdewagen, später dann Treckern und Autos zerfahrenen Waldweg zum alten Hof hinauffuhren. Am Ende des Weges waren wir dort angekommen, wo allen sofort die Tränen in die Augen schossen in den dem stillen See zugewandten Gesichtern.

Ein großer See nahe Masuren bei Allenstein.
Ein großer See nahe Masuren bei Allenstein. © Foto: Toddn Kandziora

Wunderschön lag er da, dieser große, in der Abendsonne silbrig schimmernden See inmitten der weiten grünen Wälder seiner Umgebung. Auch mir quasi als Neumasure, kam es sofort wie Heimkehr vor. Tatsächlich. So war mein Gefühl. Ich war irgendwo angekommen, wo es sich zu Hause anfühlte. Dann war das wohl Heimat. Der Ort, wo das Herz hingehört. Doch auch dieser Ort wurde von Menschen genommen, die nie an diesem Ort gelebt hatten. Die all die Jahrhunderte zuvor weder in diesem See fischten, auf den Feldern Getreide anbauten, ernteten oder vom Land zu leben verstanden.

Damals lebte eine ukrainische Familie auf dem Hof mit der wir uns in den nächsten Wochen anfreundeten. Wir verstanden uns gut. Keiner der Erwachsenen hegte Groll. Wir aßen und feierten miteinander. Auch diese Menschen wurden ja kurz nach dem Krieg zwangsumgesiedelt. Auch sie mussten ihre alte Heimat verlassen, weil Menschen, die sie nicht kannten, die die Macht dazu hatten, dies von ihnen verlangten. Es sind immer die Menschen, die Macht haben, die uns die Heimat nehmen. Es sind Menschen, die wir nicht kennen, die von uns Dinge verlangen, die uns zerreißen können. Menschen die aus Kalkül und kalter Absicht uns zu entmenschlichen versuchen, damit sie ihre vermeintlich höhere von Ideologien geprägte Ziele verwirklichen können.

In meinen Gedanken weiß ich bis heute, wohin mein Herz eigentlich gehört. Und das Gefühl wird stärker, je verrückter dieses Land wird, dass ja ganz eigentlich meine Heimat sein müsste. Dieses Deutschland, für das längst mein Herz schlagen müsste – bumm, bumm, bumm bumm.  Leben im falschen Leben? Seit wann fühlt sich das so an? Da war doch noch eine schöne Zeit zwischen den Tränen der Eltern am See und Merkels nächtlicher Ausgangssperre, da war doch was!

Nein, ich lasse mir durch kein neues Gesetz, keine neue Verordnung oder Anordnung mehr ein falsches im richtigen Leben vorschreiben. Ich lasse mir nicht mehr sagen, für wen oder was mein Herz zu schlagen hat. Es schlägt nicht auf ihrer Seite und nicht für diesen verformten Rest von Heimat. Mein Herz ist egoistisch geworden, es schlägt von jetzt an nur noch für die meinen. Und wenn das auch immer öfter in der Vergangenheit ist.

Tal, Hügel und Hain,

Dort wehen die Lüfte so frei und so kühn.

Möcht’ immer da sein,

Wo Söhne dem Vaterland kräftig erblüh’n.

Da ziehen die Wolken durch Nebel grau, oh schau!

Dort lächelt auf Seen und Höhen des Himmels Blau.

Oh Heimatland, Masovias Strand,

Masovia lebe, mein Vaterland!

Masurenlied von Friedrich Dewischeit, 1855

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