Ein Augenpaar starrt dystopisch vom Bildschirm, darunter prangt „KI-Tribunal der Wahrheit“. Was wie Science-Fiction klingt, wird Realität: Ein von Peter Thiel gesponsertes Start-up will Journalisten per KI bewerten und öffentlich anprangern. Pressefreiheit? Nur noch, wenn sie den Milliardären passt.
Es ist der Albtraum jedes unabhängigen Journalisten: Ein privates Tribunal, finanziert von einem der reichsten und einflussreichsten Männer der Welt, entscheidet per Knopfdruck und KI, wer „wahr“ berichtet hat – und stellt die Abweichler öffentlich an den digitalen Pranger.
Wie der „Spiegel“ detailliert berichtet plant Aron D’Souza genau das mit seiner Firma Objection. Der Australier mit Oxford-Jura-Abschluss nennt es vollmundig „Demokratisierung des Zugangs zur Gerechtigkeit“. In Wahrheit ist es die Privatisierung der Wahrheit durch Tech-Milliardäre.
Peter Thiel, der Mann hinter PayPal und Palantir, pumpt Geld in das Projekt. Der gleiche Thiel, der 2016 maßgeblich dabei half, das US-Portal Gawker in die Insolvenz zu treiben, weil es ihm einst zu nahe gekommen war. D’Souza selbst prahlt im Gespräch mit dem SPIEGEL: „Es war das einzige Mal, dass ein amerikanisches Medium Rechenschaft ablegen musste.“ Jetzt soll das Ganze skalierbar werden – ohne lästige Gerichte, dafür mit KI und saftigen Preisen ab 2.500 Dollar pro „Einspruch“.
Das Verfahren klingt harmlos, ist es aber nicht. Nutzer reichen unliebsame Berichte ein, „Junior-Ermittler“ und später sogar Ex-CIA- und FBI-Leute recherchieren, am Ende fällt die KI das Urteil.
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Besonders perfide: Klassischer journalistischer Quellenschutz wird vom System automatisch negativ bewertet. Wer Informanten schützt – also genau das tut, was investigativen Journalismus überhaupt möglich macht –, kriegt Minuspunkte. D’Souza formuliert es fast schon zynisch: „Wir fällen kein moralisches Urteil darüber, ob jemand lügt oder nicht. Die Frage ist: Kann die Quelle bestätigt werden?“
Das Ergebnis? Jeder betroffene Journalist erhält eine eigene Profilseite mit „Ehrenindex“ und „Glaubwürdigkeits-Score“. Ein öffentlicher digitaler Schandpfahl, finanziert von einem Mann, der Demokratie und Freiheit für unvereinbar hält. Thiel schrieb schon 2009, Freiheit und Demokratie seien nicht miteinander zu vereinbaren. Mit Objection setzt er diese Philosophie in die Praxis um: Wahrheit ist nicht mehr das, was öffentlich diskutiert und von Gerichten geprüft wird, sondern das, was seine KI und seine bezahlten Ermittler für richtig erklären.
Das ist kein harmloses Tech-Start-up. Das ist ein Angriff auf die vierte Gewalt. Ein Versuch, die Kontrollmacht der Öffentlichkeit durch Milliardäre und ihre Algorithmen zu ersetzen. Aron D’Souza und Peter Thiel mögen von „Transparenz“ reden – in Wirklichkeit errichten sie einen neuen Machtapparat. Einen, der Journalisten nicht mehr verklagen muss. Er reicht, sie zu bewerten, zu scoreen und öffentlich zu demütigen.
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