Your Choice: Jude in Neukölln – Palästinenser in Süd-Gaza

Mit der Kippa auf der Sonnenallee

von Julian Adrat (Kommentare: 3)

Wo Positionen nichts kosten, verpufft auch die charakterliche Qualität© Quelle: Pixabay / Josh MB

Es ist schon eine Weile her, dass ich in einem Podcast gefragt habe: Wer würde heute Juden retten, Querdenker oder Maskenschnösel?

Es war zur Zeit der Pandemie und ich fragte: Wärst du Jude und um die Straßenecke kämen gleich Nazis, die auf Judenjagd sind, wo klingelst du? Bei dem, der sich hat impfen lassen und die Maskenpflicht begrüßt, oder bei dem Ungeimpften, der auf die Maske pfeift?

Es gibt einiges an Literatur über Menschen, die Juden im Zweiten Weltkrieg gerettet haben, auch unter der Gefahr, das eigene Leben zu verlieren, hier wie im Ausland. Was zeichnete diese Menschen aus? Gab es etwas, das sie verbindet? Unter anderem werden Menschen erwähnt, die als exzentrisch galten. Daran musste ich auf den ersten Corona-Demos in Berlin denken. Ich habe nie wieder derart diverse Demos erlebt. Vielleicht hat sie der Mainstream auch deshalb so gehasst. Jung und alt, Spinner und Professoren. Leute, die es bevorzugen, den Takt, zu dem sie tanzen, selbst zu trommeln. Denn Mitlaufen kann jeder. Wer nicht mitläuft, muss eine verborgene - oder auch weniger verborgene - Qualität haben, dachte ich.

Exzentrik reicht aktuell nicht mehr aus, moralisch auf der richtigen Seite zu stehen. Was kostet es auch? Wer sich im Lockdown-Regime gegen die Regeln gestellt hat, musste mit persönlichen Nachteilen rechnen, mit empfindlichen Strafen, mit Jobverlust. Egal, wie man heute zu Israel und der Hamas steht - es kostet nichts…

Wo Positionen nichts kosten, verpufft auch die charakterliche Qualität, die einmal Voraussetzung dafür war, sich gegen den Mainstream zu stellen. Mit dem Krieg zwischen Israel und der Hamas tun sich insbesondere unter der Querdenker-Bewegung Risse auf. Die Karten, scheint es, werden nochmal neu gemischt.

Obacht! Denn insbesondere der Mainstream wittert seine Chance, zu konsolidieren. Selbst Alexander Wallasch schrieb, Robert Habeck habe ihn in den ersten zwei Minuten seiner viel besprochenen Ansprache zum Thema Israel und den Ismen, die der Krieg mit sich bringt, fast gekriegt. Robert Habeck, man stelle sich das vor!

Dabei ist es leicht, nicht auf ministeriales Gaslighting reinzufallen: Wer muslimischen Judenhass, wer muslimischen Deutschenhass (den gibt es auch) noch vor drei Monaten kritisiert hatte, galt im Weltbild der Grünen als Rechtsradikaler. Jetzt würden Rechtsradikale ihren Juden-Hass nur hinter dem Feigenblatt Islamophobie verstecken. Da gilt es zu entgegnen: Wer die schlimmste Judenfeinde ins Land lässt, sie hofiert und alimentiert, hat kein Recht, der Opposition oder irgendwem verkappten Judenhass vorzuwerfen. Das ist politisch schizophren.

Übrigens interessiert es mich sehr wohl, zu wissen, ob Israel alles dafür tut, die Zivilbevölkerung im Gazastreifen zu schützen, mich interessiert aber genauso, ob ich jetzt gleich mit Kippa in die U8 steigen könnte, um nach Neukölln zu fahren und einen Spaziergang durch die Sonnenallee zu machen.

Das Leben eines Arabers im südlichen Gaza-Streifen ist womöglich weniger gefährdet als das eines Juden mit Kippa in Berlin-Neukölln. Und das ist eine Schande. Und um das zu erkennen, muss ich nicht exzentrisch sein. Wer sich aufgeregt hat, dass er ungeimpft nicht ins Restaurant durfte, soll sich jetzt aufregen, dass ein Jude nicht mehr in Kreuzberg leben kann, oder in Düsseldorf-Oberbilk, oder in Mümmelmannsberg in Hamburg.

FFP2 zu tragen ist nirgends mehr Pflicht, aber Kippa zu tragen in den meisten deutschen Großstädten unmöglich geworden.

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