Toddn Kandzioras Wochenrückblick 02/2022

Mut und Feigheit

von Toddn Kandziora

Kolumnist Toddn Kandziora macht sich heute Gedanken über unterschiedliche Formen von Mut: Jenen auf Befehl aktivierten und den Selbstbestimmten in Freiheit geborenen.© Quelle: Screenshot: Braveheart (Film)

Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, dann würde ich mir heute noch eine Kiste Bier besorgen. Besser gleich zwei, denn um den Kater am nächsten Tag muss ich mir keine Sorgen mehr machen. Bäume gepflanzt hatte ich genug in meinem Leben. Ganze Plantagen habe ich auf wunden Knien rutschend angelegt.

Was Mann halt nicht alles in jungen Jahren so getan hat, um die Welt zu retten oder das Gewissen wieder ins Gleichgewicht zu bekommen, weil Mann im Jahr zuvor viele Bäume im Wald gefällt hatte, um die Miete reinzubekommen, den Kühlschrank zu füllen, ein gutes Leben führen zu können. Damals. Vor Jahren.

Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich versuchen, mir ein letztes Mal liebe Menschen einzuladen. Im großen Garten würden wir dann am Vorabend um ein loderndes, wärmendes Feuer sitzen und tanzen. Gemeinsam würden wir wie in guten alten Zeiten lärmen, lachen, feiern und trinken.

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Eine letzte Nacht wie Menschen. Frei im Geiste, ohne Maske, negativen Test oder Luca App. Ohne Angst, sich bei seinem Nächsten anzustecken. Völlig egal wäre das am letzten Tag. Ganz belanglos, wer geimpft oder ungeimpft ist. Wer gesund ist oder nicht.

Also warum leben wir nicht jeden Tag so, als ob morgen die Welt untergeht? Weil wir in Angst verhaftet sind? Weil schon viel zu viele von uns wie Tiere zum Gehorchen domestiziert oder mit hohen Gehältern und den besseren Posten in Führungspositionen belohnt wurden?

Vielleicht, weil wir Menschen im Grunde feige Wesen sind.

Ist es nicht eigenartig, dass wir uns von Regierungen, Diktatoren und Medien verleiten lassen, in ihre Kriege zu ziehen und während uns Bomben, Granaten und Kugeln um die Ohren fliegen, mutig gegenseitig umzubringen in der Lage sind? Ist es nicht eigenartig, dass wir nicht unter Verdacht der Feigheit fallen wollen und also mit dem Messer zwischen den Zähnen durch dunkle Nacht schleichen, um den kalten Stahl auf Befehl in einen warmen Körper zu stoßen, der unser Bruder sein kann?

Auf einen Befehl hin können wir auf schreckliche Art Mut beweisen.

So unsinnig oder unmenschlich der Befehl auch erscheinen mag. Die Mehrheit würde ihn wohl ausführen. Die Anweisung zur bösen Tat muss nur von einer Führungsperson erteilt werden. Das Milgram-Experiment von 1961 hat es längst bewiesen: Die meisten Menschen sind dazu fähig Böses zu verrichten. Unabhängig ihrer Abstammung, der Intelligenz, eines akademischen Grades, der Hautfarbe, des Geschlechts oder der sexuellen Ausrichtung. Hier sind wir in der schrecklichen Tat gleich mutig und es offenbart sich gleichzeitig eine wahrhaftige Feigheit.

Viele Menschen sind anscheinend tatsächlich nicht wirklich dazu in der Lage und zu feige, ein freies und selbstbestimmtes Leben zu führen. Jedoch sind sie mutig genug, auf Befehl jene zu bekämpfen, die ihnen ein freies Leben vorleben. Ein tragischer Irrwitz.

Mut kann sich heutzutage auf vielfältige Art und Weise zeigen. Aber in dieser Zeit zeugt es schon von Mut der ausgegebenen Doktrin zu widersprechen. Hoffen wir, dazu auch morgen noch in der Lage zu sein. Selbstbestimmt und fernab von übermütigen Befehlsempfängern.

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