Von Rechtsanwalt Dirk Schmitz
Am 19. März 2026 sollte am Gymnasium Apolda im Weimarer Land eigentlich das stattfinden, was Schulen heute in Hochglanzbroschüren beschwören: offene politische Bildung, kontroverse Debatte, demokratischer Streit. Vieles ist dort vorbildlich geregelt :
Besitz, Handel und Genuss von Rauschmitteln einschließlich alkoholischer Getränke sowie das Rauchen ist den Schülern im Schulgelände sowie bei Schulveranstaltungen untersagt. Nicht gestattet ist das Mitbringen von Waffen oder waffenähnlichen Gegenständen, Reizgassprays und Feuerwerkskörpern … Schüler, die zu ihrem persönlichen Schutz auf dem Schulweg Reizgasspray bei sich führen, geben dieses beim Betreten des Schulhauses in der Schulleitung ab und erhalten es beim Verlassen zurück.
Auf dem Schulpodium standen sich jetzt Mitte März Hauptmann Benjamin Bartels, Jugendoffizier der Bundeswehr aus Erfurt, und Major a. D. Florian D. Pfaff von der Friedensinitiative Rosenheim gegenüber. Es ging um Wehrdienst, Verteidigungsbereitschaft, Krieg und Frieden – also um Fragen, die gerade nicht nach schulisch eingehegter Einheitsmeinung verlangen, sondern nach Reibung, Gegenrede, Konfliktlinien und geistiger Selbständigkeit.
Zwei Duelle erfolgten mit den gymnasialen Oberstufen 10. und 12., danach mit den 11. Klassen. Je Durchgang sollten beide Experten ihren Standpunkt vertreten. Im Anschluss war eine Diskussion mit je 45 Minuten vorgesehen.
Am Ende des ersten Durchgangs herrschte Einigkeit, dass trotz gegensätzlicher Positionen offene Diskussion möglich ist. Der zweite Durchgang endete schulgesteuert im Schuldesaster. Der Hauptmann erklärte als Statement, die Schüler sollen als Wehrpflichtige Deutschland auch deswegen verteidigen, weil bei uns „100 Prozent Meinungsfreiheit“ herrsche.
Major a.D. Pfaff konterte mit harter Kritik. Er bewertete die Meinungsfreiheit als eingeschränkt, verwies auf die Ausgrenzung von Kritikern, sogar deren illegale Sanktionierung. Weiter meinte Pfaff, dass er Angriffskriege für ein Verbrechen halte, weshalb für ihn persönlich die NATO 1999 zu einer „Verbrecherorganisation“ mutiert sei.
Plötzlich stürmte der zunächst nicht anwesende Stufenleiter und Chemielehrer Dr. Tino Hagemann („Chemie ist das was knallt und stinkt“) zum Podium, schlug Pfaffs Laptop zu und erklärte lautstark die Veranstaltung für beendet. Er bezichtigte Pfaff vor ca. einhundert Jugendlichen der Lüge. Pfaff, so behauptete er, würde die Jugendlichen negativ beeinflussen, erteilte ihm Hausverbot, forderte ihn auf, das Schulgebäude zu verlassen. Pfaff bat im Abgang noch vergeblich darum, doch zu erläutern, welche seiner Aussagen „gelogen“ seien. Das erfolgte nicht.
Florian D. Pfaff ist nicht unbekannt: Eintritt in die Bundeswehr 1976, Studium der Pädagogik an der Universität der Bundeswehr München, Berufssoldat. Bekannt wurde er 2003, als er die Mitwirkung an Handlungen verweigerte, die er als Unterstützung des Irakkriegs ansah. Erst das Bundesverwaltungsgericht rehabilitierte ihn am 21. Juni 2005.
Der bis 2013 dienende Offizier war zuletzt im Rang eines Majors. Seit Jahren tritt er friedenspolitisch auf. Zudem ist er Sprecher des Arbeitskreises Darmstädter Signal und war 2025 Mitgründer der Friedensinitiative Rosenheim.
Jugendoffizier und Major a.D. traten gegeneinander höflich auf, der Dissens blieb inhaltlich. Genau darin hätte die Stärke des Formats liegen können. Schule muss junge Menschen nicht vor Kontroversen schützen, sondern sie befähigen, Kontroversen auszuhalten. Wer politische Bildung ernst meint, muss den Widerspruch nicht dulden, sondern sichtbar machen.
Und jetzt kommt’s: Wie Teilnehmer berichten, soll der Rauswurf der Friedensinitiative ausgerechnet mit dem Argument des Beutelsbacher Konsens erfolgt sein.
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Das ist an Absurdität kaum zu überbieten. Denn besagter Konsens ist gerade keine Lizenz zum Aussortieren missliebiger Positionen. Er beruht auf dem Überwältigungsverbot, dem Kontroversitätsgebot und der Orientierung an der Interessenlage der Schüler. Alleine der Gegenpart des Bundeswehroffiziers macht eine Berufung auf Beutelsbach absurd: Eine polarisierte Diskussion schließt gerade Indoktrination durch Darstellung kontroverser Positionen aus – befähigt zum eigenen Urteil.
Wer einen Diskutanten entfernt und danach die zwangsbeendete Veranstaltung als politische Bildung verkauft, spielt den SED-Funktionär. Die hätten das nur schlauer gemacht.
Hier wurde aus dem Verbot der Überwältigung ein Mittel der Überwältigung, aus dem Kontroversitätsgebot wird ein Kontroversitätsverbot. Unter dem Etikett „Vielfalt“ erscheint dann nichts anderes als Wessi-Einfalt.
Noch entlarvender wird der Vorgang durch das Bild, das danach entstand: ein Bundeswehr-Offizier ohne Gegenpart, eine weitere Diskussion ohne Gegenseite, ein Format „pro und contra“, bei dem plötzlich nur noch das „pro“ im Raum bleiben durfte.
Wer eine Debatte gewinnt, weil der Gegner hinausgeworfen wird, hat nichts gewonnen. Er steht nur noch als Begünstigter eines institutionellen Eingriffs da. Dass war dem Offizier selbst, wie er dem Autor persönlich berichtete, unangenehm. Das spricht menschlich für ihn – politisch macht es die Sache für die Schule nur noch peinlicher. Auch Pfaff lobte den Offizier.
Pfaff erhielt danach zahlreiche empörte Eltern- und Schülerproteste, offene wie anonyme Zuschriften, Unverständnis, Enttäuschung:
„Aus Sicht meiner Tochter und auch ihren Mitschülern kann ich Ihnen sagen, dass die Art und Weise sowie Form, die das Ganze seitens der Schule / Schulleitung / des Lehrers angenommen hatte, als sehr unangenehm und übergriffig empfunden wurde ...“
Einer der Apolda-Schüler schrieb genervt: „Das ist keine Demokratie mehr.“
Schon die Anonymität mancher Rückmeldungen („möchten für unsere Kinder keinen Ärger kriegen“) weist auf die Indoktrination dieser Einrichtung. Wo Schüler und Eltern meinen, Kritik lieber nicht offen äußern zu sollen, weil sie Nachteile befürchten, ist das Gequatsche von „100 Prozent Meinungsfreiheit“ hohle Kulisse.
Genau darin liegt der Schaden. Nicht in der kurzfristigen Eskalation, sondern in der stillen Lehre, die bei den Schülern ankommt: Bestimmte Auffassungen darf man anhören – bis sie ernsthaft werden. Dann greift die Institution in Form der abgedrehten Schul- bzw. Stufenleitung ein.
So werden Schulen auch im Osten Schritt für Schritt zu dem, was viele längst mit wachsendem Ekel beobachten: zu linkswoken Erziehungsräumen, in denen das Ergebnis moralisch vorentschieden ist, Diskussion nur noch als Deko dient. Man lädt den Widerspruch ein, solange er ungefährlich bleibt. Sobald er den Deutungsrahmen wirklich angreift, wird er mit den Schlagworten unserer Zeit beseitigt: Haltung, Vielfalt, Verantwortung, Sensibilität – und maximal verlogen.
Man muss Florian Pfaff inhaltlich nicht zustimmen, um die Unerquicklichkeit zu erkennen. Wer ihn für inhaltlich falsch hält, hätte allen Grund, ihn argumentativ zu stellen. Wer ihn stattdessen hinauswirft, gesteht eigene Schwäche.
Eine Erklärung der Schulleitung erfolgte bis Redaktionsschluss nicht. Ob sich das Rathaus äußert oder die Parteien? Die AfD erzielte in Apolda bei den letzten Bundestageswahlen 41,2 Prozent der Erststimmen. Vielleicht deshalb so nervös?
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Kommentar von Micha
"Eine Erklärung der Schulleitung erfolgte bis Redaktionsschluss nicht."
Dafür ist auch nicht die Schulleitung zuständig, sondern das Schulverwaltungsamt und der Kultusminister.
Einfach mal an die beiden eine entsprechende Anfrage schicken.
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Kommentar von Micha
Das hätte der mal bei uns vor 48 Jahren (Realschule, 10. Klasse) machen sollen. Den Herrn Chemielehrer hätten wir derart fertig gemacht, dass der nicht mehr gewusst hätte, wo ihm der Kopf steht. So wäre das damals jedenfalls nicht gelaufen. Wir hatten damals aber auch noch Eier in der Hose und eine eigene Meinung.
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Kommentar von Schwar Zi
Man kann sicherlich über die Mitglieder des Arbeitskreises Darmstätter Signal trefflich streiten. Freunde werden wir bestimmt nicht. Fakt ist aber auch, nur weil ich jemanden nicht mag, gar ablehne, so bin ich als Demokrat verpflichtet mir die Argumente der Gegenseite anzuhören, das ist Demokratie. Was hier geschehen ist, bestätigt die (in diesem Fall berechtigeten) Aussagen. In den 90zigern trichterte man uns ein wir sind "Bürger in Uniform" spätestens seit Corona wissen alle Soldaten wie es um ihre Bürgerrechte steht.