Und bei Clan-Kriminalität wegschauen

Polizei richtet Chihuahua mit 9mm „Dum-Dum-Geschoss“ hin

von RA Dirk Schmitz

Erschossen© Quelle: Pixabay/Mylene2401

Während bei Randalierern, Clangrößen und echten Gefährdern in deutschen Innenstädten oft nur noch fleißig weggeschaut wird, hat die Staatsmacht in Ludwigshafen jetzt heldenhafte Abwehr geleistet und „Lucky“, einen riesigen zwanzig Zentimeter großen Chihuahua, erschossen.

Von RA Dirk Schmitz M.A.

Die Polizei sucht nach einem möglicherweise bewaffneten Straftäter, greift sich stattdessen einfach den falschen Mann und richtet dessen winziges Hündchen hin. Warum bleibt offen.

Angeblich fühlten sich die schwer bewaffneten Beamten von dem Schoßhund bedroht. Die Schutzbehauptungen der Polizei, der Halter sei stark alkoholisiert und der Hund unangeleint gewesen, lösen sich dank Zeugen in Luft auf.

Ein unschuldiger biodeutscher Bürger, liegt in Handschellen weinend auf dem Boden und sieht zu wie sein wehrloser kleiner Hund gerade stirbt.

Wenn ein Zwerghund den Weg kreuzt, sitzt die Dienstwaffe plötzlich erstaunlich locker. Dass die Behörden den tödlichen Schuss auf das 1,5 bis 3-Kilo-Tier nun mit Standardfloskeln „bedauern“, ist Zynismus:

„Dramatische Szene am Samstagabend in der Ludwigshafener Gartenstadt: Bei einer Polizeikontrolle um 20:40 Uhr in der Batschkastraße fällt plötzlich ein Schuss. Getroffen wird Chihuahua-Hund "Lucky". Er stirbt wenig später in der Praxis eines Tierarztes.“

"Lucky" war Gassigehen mit seinem 36jährigen Herrchen als plötzlich auf einem unbeleuchteten Parkplatz Polizisten auftauchten. Sie fahndeten nach einem Täter, der zwanzig Minuten zuvor in der Kallstadter Straße den Mitarbeiter einer Gaststätte mit einer Schusswaffe bedroht haben soll. Täterbeschreibung?

In einer ersten Pressemitteilung log das Polizeipräsidium Rheinpfalz in Ludwigshafen noch frech, der kontrollierte Besitzer von "Lucky" sei der Gaststätten-Täter gewesen. Der Chihuahua sei auf die Beamten losgerannt, deshalb sei der Schuss abgegeben worden.

Gegen das Opfer (!) sei ein Strafverfahren eingeleitet worden wegen Bedrohung mit einer Schusswaffe. Die Waffe sei bei dem Mann allerdings nicht gefunden worden.

In einer zweiten Pressemitteilung wurde die ursprüngliche Darstellung kleinlaut zurückgezogen. Jetzt schreibt die Polizei, der Chihuahua-Besitzer habe nichts mit dem Vorfall in der Gaststätte zu tun. Warum der Schuss fiel, bleibt offen.

Es gibt inzwischen einen neueren Stand vom 16. Oktober 2026, 15:44 Uhr:

Gegen beide Beamte wird wegen des Verdachts der Körperverletzung im Amt ermittelt; gegen den Schützen zusätzlich wegen einer möglichen Straftat nach dem Tierschutzgesetz. Der Schütze verrichtet derzeit keinen Außendienst und soll zusätzliches Schieß- und Einsatztraining absolvieren.

Besonders bemerkenswert: Laut Polizeidarstellung stand die Verwechslung bereits nach dem Einsatz fest. Trotzdem wurde der Halter am Folgetag in der Pressemitteilung als Verantwortlicher für die Bedrohung dargestellt. Die Polizei erklärt das mit einem „internen Übermittlungsfehler“.

⁠Warum Clint Eastwood schoss, ist ungeklärt. Nach Polizeiangaben versuchte der zweite Beamte, die Blutung des Hundes mit Mullbinden zu stillen.

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Die Walther P99 Q ist die Standarddienstpistole der Schutz- und Kriminalpolizei Rheinland-Pfalz. Das Innenministerium hat landesweit 10.000 Pistolen beschafft.

Die Standard-Einsatzmunition dieser Großwildjäger ist die RUAG Action 4, eine Deformationsmunition im Kaliber 9 × 19 mm. Das Geschoss ist dafür konstruiert, sich nach Eindringen in Körpergewebe aufzuweiten. Ein Treffer verursacht so schwerere Gewebe-, Organ- und Gefäßverletzungen mit oft tödlichem Blutverlust. Der Hersteller nennt für ACTION 4 SXF einen mittleren Gasdruck von maximal 2.700 bar. Die C.I.P.-Maßtabelle für normale 9-mm-Luger-Munition legt einen maximalen Gebrauchsgasdruck von 2.350 bar fest. Deshalb konstruiert, damit das relativ leichte Geschoss die gewünschte Geschwindigkeit und Energie erreicht, um größeren Schaden zu verursachen. ACTION 4 wiegt nur 6,1 Gramm; 420 m/s und 538 Joule Energie aus dem Lauf. ACTION 4 ist damit ein aufweitendes Hohlspitzgeschoss mit einer Kunststoffkappe über der Öffnung.

Ein Deformationsgeschoss verbreitert sich, wird stärker abgebremst und soll möglichst im Körper bleiben. Zugleich soll es einen gefährlichen Angriff schneller stoppen. Dafür nimmt man größere Verletzungen und den Tod bewusst in Kauf; keine „schonendere“ Munition für den Getroffenen.

„Dum-Dum“-Geschosse heißen diese. Die Haager Erklärung vom 29. Juli 1899 untersagte für die Vertragsparteien im Krieg gegeneinander Geschosse, die sich im menschlichen Körper leicht ausdehnen oder abplatten. Dieses Verbot gilt noch heute.

Exakt die RUG Action 4 ist für Soldaten verboten und deren Einsatz ein Kriegsverbrechen. Scharfschützen im Ukrainekrieg nein - aber ein 18jähriger Polizeianwärter mit Migrationshintergrund in Rheinland-Pfalz darf. Auch der „Lehrling“ ist nach deutschem Recht vollbewaffnet.

Nach § 12 Abs. 1 Nr. 3 Völkerstrafgesetzbuch⁠ gibt es für die vorsätzliche Verwendung expandierender Geschosse im Zusammenhang mit einem internationalen bewaffneten Konflikt (Krieg) selbst ohne nachgewiesene Verletzung drei Jahre Mindeststrafe. Keine Bewährung möglich.

Action 4 gehört nach ihrer Funktionsweise genau zu dieser Geschosskategorie.

Das Verbot betrifft die Kriegführung. Für polizeiliche Einsätze gelten andere rechtliche Maßstäbe; dort sind solche Geschosse zulässig. Ein perverser Maßstab.

Und 9mm Action 4 trifft auf Chihuahua … und bald auf Mensch.

Nachtrag:

In Rheinland-Pfalz mussten nach Angaben des Innenministeriums von 2022 „sonstige Polizeikräfte“ lediglich einmal jährlich zwei Stunden Schießtraining absolvieren; für Einsatzkräfte waren drei solcher Termine vorgeschrieben. Der Rechnungshof stellte für 2018 bis 2022 fest, dass bis zu 25 Prozent der Teilnehmenden die vorgeschriebenen Kontrollübungen nicht bestanden. Erforderliche Intensivnachschulungen nach wiederholtem Nichtbestehen waren nicht erkennbar. Quellen: Innenministerium, Vorlage 18/1920 vom 17. Mai 2022; Rechnungshof Rheinland-Pfalz, Jahresbericht 2025.

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