Unser Reporter Christian Witt vor Ort: Eine Gemeinschaftsproduktion von Tichy und Wallasch

Ruhe vor dem Sturm? – 400 km durch Armenien zur Iran-Grenze wo der Krieg noch nicht angekommen ist

von Christian Witt

Was passiert auf der anderen Seite der Grenze?© Quelle: Christian Witt

In den Bergen Südarmeniens, nur einen Steinwurf von der iranischen Grenze entfernt, herrscht gespenstische Ruhe. Keine Sirenen, keine Flüchtlingsströme, keine sichtbaren Truppenbewegungen – obwohl seit dem 28. Februar 2026 US- und israelische Bomben auf Teheran und andere Ziele niedergehen und der Iran mit Raketen und Drohnen zurückschlägt.

Fotograf und Berichterstatter Christian Witt vor Ort an der iranischen Grenze

Nach Deutschland zu telefonieren ist hier nirgends ein Problem. LTE und 5G scheinen in Armenien überall gut ausgebaut zu sein. Selbst hoch oben in den Bergen habe ich immer guten Empfang gehabt.

Auch habe ich mir für dieses Abenteuer zum ersten Mal eine eSIM-Karte geholt – eine internationale, sodass ich beim Länderwechseln nicht für jedes Land am Flughafen eine neue Karte besorgen muss. Funktioniert gut, ist aber im Vergleicht durchaus teurer. Die Verbindungen in Armenien sind besser als in Mecklenburg oder zwischen Harz und Heide, aber das erfahren Deutsche ja in den allermeisten Ländern der Welt.

Mein Ziel war die armenisch-iranische Grenze, der einzige offene Grenzübergang bei Agarak im Südosten. Hingefahren bin ich mit einem dieser Sieben- bis maximal Zehn-Personen-Busse vom Busbahnhof Jerewan aus. Fast 400 Kilometer für umgerechnet 14 Euro bei sieben bis acht Stunden Fahrt. Landschaftlich eine beeindruckende Strecke entlang hoher Berge. Hier ist alles schneebedeckt, steinig, felsig, alpin – kurz: wildromantisch. Zwischendurch entdeckt man Seilbahnen, die zu irgendwelchen Klöstern führen. Zu einer anderen Jahreszeit ist das hier ein wunderschönes und spannendes Urlaubsgebiet.

Aber ich bin hier, weil die US-Amerikaner und Israel einen Krieg gegen den Iran begonnen haben – und Armenien grenzt mit einer 40 Kilometer langen Grenze unmittelbar an den Iran. Bis Teheran selbst sind es aber immer noch weitere 800 Kilometer, bis ans südliche Ende des Iran noch einmal ein Vielfaches dessen.

Militär habe ich bis auf drei Soldaten im Tarnfleck, die mit mir gestern schon bis zur Grenze gefahren sind und dort wohl ihren Grenzdienst machen, keines gesehen. Aber diese Grenzschützer sind nicht sonderlich präsent. Sichtbar ist eher die Border Patrol, die Grenzkontrolle des Föderalen Sicherheitsdienstes der Russischen Föderation (FSB), die bereits seit 1992 Teile der armenischen Grenzsicherung übernommen haben bzw. mindestens personell helfen.

Zwar las man zuletzt, die Armenier wollten sich hier unabhängiger von Russland machen, aber noch sind die russischen Grenzer vor Ort. Polizei patrouilliert hier und dort. Der private Grenzverkehr in diesem Dreiländereck zwischen Armenien, dem Iran und Aserbaidschan ist ruhig und eher überschaubar. Es kommen zwar vereinzelt auch Privatpersonen über die Grenze, diese Grenzgänger sind aber sehr verschlossen gegenüber Gesprächen oder gar Videointerviews. Hier hält man sich bedeckt.

Und der Grund ist erklärbar: Im vergangenen Jahr hatten viele Iraner nach der ihrer Rückkehr Probleme bekommen, weil sie wohl zeitlich unmittelbar nach dem Einsatz gegen die Atomanlagen aus dem Land ausgereist waren. Diese Rückkehrer seien zum Teil inhaftiert worden unter dem Verdacht bzw. Vorwurf, dass sie irgendetwas damit zu tun gehabt haben könnten – dies zumindest erfuhr ich gestern in einem Gespräch mit französischen Journalisten, die hier bereits eine Woche auf „spektakuläre Ereignisse“ warten. Die aber sind bisher noch nicht eingetreten.

Die mehrstündige Fahrt an die armenisch-iranische Grenze war dank endloser Serpentinen auch begleitet von Anflügen von „Seekrankheit“. Die endete erst abends bei Ankunft im grenznahen Dorf Meghri, in dem ich eine Unterkunft über Booking.com gebucht hatte. Zwanzig Euro die Nacht in einem einfachen, aber ansprechenden Hostel ganz oben in den Bergen mit schönem Blick auf Bach und Tal. All das ist hier möglich.

Zwar fuhren besagte drei Soldaten mit mir im Bus, aber wenn überhaupt, über Zeichensprache kommt man nicht hinaus, wenn man weder Russisch noch Armenisch spricht. Es kann kaum jemand wirklich Englisch, alles ist hier – mindestens sprachlich – noch sehr russisch orientiert. Russisch ist auch hier am Südzipfel des alten Sowjetreichs immer noch die tatsächliche „Lingua franca“.

Ich bin dann die letzten Kilometer zur Grenze zu Fuß gegangen. Bei Kilometer fünf wurde ich unvermittelt kontrolliert. Nach der ersten Zivilstreife kam die offizielle russische Grenzpatrouille. Den Umständen nach verlief dieses Kontrolliertwerden sehr freundlich. Ich wurde abschließend gebeten, in direkter Grenzzaunnähe nicht zu Fuß unterwegs zu sein. Ich kam dann per Anhalter direkt zur Grenzstation.

Abends zurück in Meghri, dem größeren grenznahen Ort hier in diesem armenischen „Ende der Welt“, wurde mir zum kühlen armenischen Bier eine schmackhafte Pizza serviert. Bei der Bierbestellung in versuchtem Russisch wurde ich überrascht: Mein Versuch, auf Russisch „Bier“ zu sagen, wurde von der Bedienung auf Deutsch beantwortet. Mein Akzent muss fürchterlich und maximal verräterisch gewesen sein.

Weiterlesen nach der Werbung >>>

Ihre Unterstützung zählt

Mit PayPal

Die freundliche junge Frau ist in besagtem Grenzort groß geworden. In der Schule habe sie sich für Deutsch entschieden. Dass das hier kurz vor dem Iran in einer kleinen Dorfschule angeboten wird, ist für mich fast noch erstaunlicher als ihre Wahl selbst. Sie hatte die Vorstellung, Deutsch könne sie einmal touristisch nutzen. Tat sie ja nun auch.

Deutschland, das ist hier beliebt. Berlin und Hamburg sind durchaus Reiseziele für Armenier, erfahre ich weiter. Es gibt also eine freundliche Verbindung ins „ferne“ Mitteleuropa.

Es bleibt an diesen zwei Tagen ein rares Gespräch. Die Armenier treten mehrheitlich verschlossen auf. Man kann es als „gesichtsneutral“ beschreiben. Bis hier irgendwer lacht, auf einen zugeht oder freundlich ist – selbst im Hostel –, kann schon einige Zeit vergehen. Mein erster Eindruck: Der Armenier taut nur sehr langsam auf. Meine Gastgeberin im Hostel hat erst am nächsten Morgen genauer nachgefragt, was ich eigentlich mache, und zu meiner Freude auch einmal (fast) gelächelt. Was wäre unsere Welt ohne Lächeln und Zwinkern?

Was ich den Armeniern aber ohne Zögern bescheinigen kann: Sie sind sehr fair im Umgang, sehr höflich und professionell. Vor allem mit Fremden. Eine überschwängliche italienische Freundlichkeit wird man aber hier wohl vermissen. Ich zumindest.

Eine „Sorge vor dem Kriegsgeschehen“ im Nachbarland nehme ich als Außenstehender hier nirgends wahr. Und auch in den Gesprächen mit den Journalistenkollegen aus Frankreich wir mir davon nicht berichtet. Es sind auch keine offenkundigen Militärbewegungen oder Militärpatrouillen zu sehen.

Ich traf am Grenzübergang ein französisches Fernsehteam, das schon eine Woche vor Ort verbringt. Die Franzosen sind eher gelangweilt und fast ein bisschen frustriert, dass es hier nicht wirklich etwas Aufsehenerregendes gibt. Vorgestern war wohl ein bekannter französischer Kriegsreporter da, der einen kurzen Beitrag gesendet hat, aber dann auch gleich wieder abgereist ist. Aus Sicht seiner französischen Kollegen beneidenswert effektiv.

Außer normalem Grenzverkehr ist hier mit Blick hinüber zum Iran nichts zu erkennen. Was hinter der Grenze passiert, bleibt im Verborgenen. Niemand weiß, ob dort gefiltert wird, ob die Leute abgehalten werden, zu reisen oder zu flüchten. Denn auch solche Fluchtbewegungen sind einer der Gründe, warum ich mich hier für Wallasch und Tichy umschaue. In den Iran hinüber gibt es keine Telefon- und Internetverbindungen. Mein Versuch, im Grenzgebiet ein iranisches Netz zu erwischen, ist mir nicht gelungen.

Und was den Einsatz der Kurden in diesem Krieg angeht: Die meisten Journalisten sind in diesen Stunden wohl tatsächlich in Erbil im Nordirak auf der Suche nach Bildern, Texten und Dokumentationen. Auch die türkische Grenze ist möglicherweise ein interessantes Durchgangsgebiet. Hier im armenischen Grenzgebiet zum Iran kann man ausschließen, dass die USA und Israel an irgendeiner Stelle mit Armenien irgendeinen Deal hätten. Hier passiert: Nichts.

Armenien gilt historisch als ein Vorposten Russlands. Und nachdem Russland als Schutzmacht Armeniens nicht in den Dauerkonflikt mit Aserbaidschan eingegriffen hatte, habe eine gewisse Entfremdung stattgefunden. Eine weiterhin sehr hohe wirtschaftliche und energetische Abhängigkeit von Russland bleibt hier spürbar, auch sind nach dem Ukraine-Konflikt viele Russen nach Armenien gekommen.

Jetzt heißt es für mich, weitere Stationen anzufahren. Ob Erbil noch mit auf meiner Strecke liegt, bleibt auszuloten. Aber jetzt geht es im Hostel in Jerewan erst einmal daran, meine filmischen Eindrücke zusammenzutragen für Alexander-Wallasch.de, und am späten Nachmittag meldet sich noch Holger Douglas, um für den Morgenwecker bei Tichys Einblick Eindrücke aus Armenien abzuholen.

Ihre Unterstützung zählt

Mit PayPal