Ein Bericht darüber, was vom BSW-Jahr 2024 hier geblieben ist

Sahra Wagenknecht auf dem Halberstädter Fischmarkt

von Gregor Leip

Was an diesem BSW-Nachmittag wirklich zählt: wer kommt und wer klatscht?© Quelle: Gregor Leip

Eine Stunde vor Beginn ist der Fischmarkt in Halberstadt fast leer, dann stehen dort Hunderte – vor allem Ältere, die Sahra Wagenknecht noch sehen wollen. Dazwischen Torte beim Konditor, eine chilenische Kapelle, ein flüchtiger Grünen- und Linken-Vorbeizug und ein Platz mit den Narben von 1945 und jenen vom 17. Juni 1953.

Halberstadt liegt am Harz und hat circa 30.000 Einwohner. Eine Stunde vor Beginn der BSW-Wahlkampfveranstaltung mit Sahra Wagenknecht war von ihnen kaum jemand vor Ort. Ein Dutzend Parteimitglieder und örtliche Kandidaten huschten noch von links nach rechts, irgendwer muss ja das Drumherum und die Logistik für die Namensgeberin der Partei vorbereiten.

Eine halbe Stunde vor Beginn sind es dann bereits zwei- bis dreihundert Neugierige, überwiegend Senioren, welche die DDR hier noch funktionierend erlebt hatten. Dann treffen Amira Mohamed Ali und Thomas Schulze ein – sie ist die Co-Bundesvorsitzende, er der Landesvorsitzende des BSW.

Als die Veranstaltung um 15 Uhr losgeht, mag die Menge auf 500 bis 800 Zuschauer angewachsen sein. Das Wetter stimmt, die düsteren Wolken sind schon vorher Richtung Westen weitergezogen.

Kurzer historischer Exkurs: Der Fischmarkt ist kein Kuschelplätzchen. Er liegt direkt neben dem Holzmarkt im historischen Zentrum und war über Jahrhunderte Markt- und Versammlungsplatz. Sowohl Holzmarkt als auch Fischmarkt wurden beim schweren Luftangriff am 8. April 1945 weitgehend zerstört. Am 17. Juni 1953 kam es auf dem Platz zu einer Versammlung von über eintausend Bürgern, die von sowjetischen Truppen mit Mannschaftswagen und Feldhaubitzen niedergeschlagen wurde.

Im Zeichen des BSW wirkt der raumgreifende historische Platz zunächst leer. Die potenziellen Besucher halten sich noch fast bis zum Schluss im Hintergrund in den Einkaufsbereichen der anliegenden Einzelhändler auf. Heute ist ja Samstag. Und beim Konditor ist noch Torte da.

Die ersten neugierigen Westler, die nach der Wende Buttercremetorte bestellten, staunten nicht schlecht, dass man die auch komplett mit Margarine herstellen kann, erzählt lachend eine Rüstige, die uns als Westler identifiziert hat. Als wir fragen, woran wohl, lacht sie noch lauter und schmunzelt im Weggehen in dieser einnehmend norddeutsch eingefärbten, leicht singenden mitteldeutschen Melodie: „An der großen Fresse, die Herren!“

Der örtliche BSW-Verband hat eine chilenische Musikgruppe eingeladen. So etwas gab es früher von der Linken auf jedem Fest am 1. Mai, dazu Dosenwerfen mit Politikerporträt und das obligatorische Kuba-Café. Noch viel früher schauten wir im Westen immer die Übertragung der Volkskammersitzungen. In Braunschweig konnte man sehr gut DDR-Fernsehen empfangen, wenn man an der Antenne gedreht hat. Warum? Weil hinterher immer barbusige Lateinamerikanerinnen aus dem Palast der Republik übertragen wurden – gewissermaßen als Nachtisch nach der Politsuppe.

In Halberstadt wird die chilenische Kapelle von Heike Jehnichen vorgestellt. Ein linkes Urgestein: Sie saß schon bald nach der Wende für die PDS im Landtag von Sachsen-Anhalt. Später gibt Frau Jehnichen auf dem sonnigen Platz ein paar elegante Tanzbewegungen zur Musik zum Besten – gerade so befreit, wie es ihr in den Sinn gekommen ist (kurzes Video im Anhang).

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Ein älteres Ehepaar sitzt am Platz. Die 85-Jährige hat heute ebenfalls Geburtstag. Einmal die Wagenknecht sehen, wenn sie gerade so in der Nähe ist, warum nicht, erzählt uns das Geburtstagskind.

Ein Verantwortlicher berichtet, dass parallel eine Veranstaltung der Linken am Domplatz organisiert worden sei – angeblich, so behauptet er, um die Veranstaltung des BSW am Fischmarkt zu reduzieren. Gegendemonstrationen gab es an beiden Orten nicht. Auseinandersetzungen dieser Art scheinen eher im Westen abzulaufen. Im Osten guckt man maximal argwöhnisch gegen den bösen Blick der anderen.

Ein Pärchen mit Warnwesten der Partei „Die Linke“ eilte einmal über den Platz, und eine Dame mit grüner Fahne und der obligatorischen Sonnenblume kreuzte auch, hatte aber dann doch nicht genug Traute, diese hier auszurollen.

Als es dann losging: volle Zustimmung und engagierter Applaus der meisten Anwesenden. Sahra Wagenknecht zieht hier immer noch. Die Ex-Parteichefin wird direkt im Anschluss noch eine Veranstaltung in Stendal absolvieren. Die Anstrengungen der Wahlkampftour sind ihr anzumerken, aber ihr Gefolge ist mittlerweile gut eingespielt.

Was bedeute das nun alles? In diesen Tagen schaut ganz Deutschland auf die neuen Bundesländer und die Ostdeutschen. Wird die hier verortete politische Haltung eine Wende auf Bundesebene einleiten? Die Ex-DDR-Bürger haben feine Sensoren für Vereinnahmung und antidemokratische Bestrebungen. Sahra Wagenknecht bleibt für viele hier eine von ihnen. Noch 2024 holte das BSW bei den Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen zweistellige Ergebnisse und zog in Koalitionen ein.

Seither ist aber viel passiert: knappe Bundeszahlen, Führungswechsel, Streit um den Kurs. Auf dem Fischmarkt in Halberstadt zählt an diesem Samstag zuerst, wer noch kommt – und wer noch klatscht.

Disclaimer: Autor Gregor Leip ist BSW-Mitglied.

(Quelle:Gregor Leip)
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