Das konformistische Brav-Schämen zieht sich durch mein gesamtes Leben

Scham, schämer, am schämsten …

von Jan-Heie Erchinger

Wenn das Schämen zum Selbstzweck wird, wird das Leben krank.© Quelle: Pixabay / mintchipdesigns / Foto privat, Bildmontage Alexander Wallasch

Es mag ja völlig richtig sein, demütig und dankbar anzuerkennen, dass es einem selbst im Vergleich zu anderen und im Vergleich zum Leben in anderen Ländern recht gut geht.

Ich bin dankbar, in Deutschland leben zu können. Aber ich schäme mich nicht dafür.

Auch nicht vor einem Menschen aus Afrika oder Südamerika. In diesem Zusammenhang ein latent schlechtes Gewissen zu haben oder sogar haben zu müssen, war und ist mir schon immer zu viel.

Mir kommt es geradezu gesellschaftspsychotisch vor, immer den Sünder in sich zu suchen und zu finden, um sich dann in einer gewissen Schuld-Geilheit kollektiv gegenseitig begeistert abzustrafen, zu bezichtigen und der latenten unbewussten Bösartigkeit nachhaltig zu vergewissern.

Für mich ein problematisches Narrativ des protestantischen Kulturkreises. Ich nenne es den Bedford-Strohm-Stil. Und ich wehre mich dagegen, mich zu Strohm-linienförmig zu verhalten. Ich will das nicht. Ich ziehe mir diesen Schuld-Schuh nicht mehr an. Ich arbeite mit Begeisterung daran, meinen abgelegten Schuld-Schuh entschlossen zu entsorgen!

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Ich erinnere mich gut daran, wie es bei einer Kieler Abi-Abschlussfahrt mit großem Trara aus Flugscham medienwirksam und büßerbegeistert nicht mehr nach Rom ging, sondern an die Ostsee. Über solche Belanglosigkeit berichteten die Öffentlich-Rechtlichen voller Begeisterung.

Flugscham – nein danke!

Das ist mir wirklich zu viel des Guten. Da will ich allen Schülern zurufen: So ein Mist ist horizontverkleinernd und erfahrungsverhindernd, ja geradezu lernbehindernd!

Es bleibt wichtig, sich interessante Orte der Erde mal in echt zu erlaufen, zu erschnüffeln, den Geist von Jahrtausenden fasziniert wahrzunehmen!

Klar, da kann man auch mal über eine guten Doku vorbeischauen. Ich selbst war zum Beispiel noch nie in Südamerika, die Maja-Kultur und vieles andere würde mich aber brennend interessieren. Deshalb bin ich guten Journalisten dankbar für spannende Einblicke.

Aber ich bin davon überzeugt und es ist meine konkrete Erfahrung: So richtig fühlen, wirst du es nur, wenn du dort mal konkret aufschlägst. Reisen ist so wichtig. Und wer hat schon Zeit und Lust, mit dem Lastenfahrrad für 4.890,- Euro aus diesem trendigen Szeneladen im Bergmann-Kiez nach Tokio zu radeln?

Klar ist nichts dagegen zu sagen, auch bewusst zu leben und auch über konkrete Auswirkungen des eigenen Lebens zu sinnieren.  Es darf aber nicht zu einem Selbstzweck werden, nicht nur der Erfüllung einer Ideologie dienen, es darf nicht, wie in vielen Bereichen, so extrem übertrieben werden.

Dass die besagte Abi-Klasse jetzt nicht nach Rom fliegt. Damit komme ich nicht klar.

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Noch eine andere Baustelle:

Ich fahre gerne alte Autos. Autos haben mich schon immer begeistert. Nein, echte Schrauber-Qualitäten habe ich leider nie entwickelt. Es wurde mir im Pastoren-Lehrerinnen-Elternhaus auch nicht beigebracht. Die hatten das nicht drauf, und da mache ich meinen Eltern keinen Vorwurf.

Auch den Anspruch, einen Young- oder Oldtimer in Zustand 1 bis 2 zu fahren, habe ich nicht. Jedenfalls noch nicht.

Aus eigenem Antrieb wie auch aus Geldmangel habe ich gelernt, mit alten Autos umzugehen und auch mal Fünfe gerade sein zu lassen, beispielsweise in optischer Hinsicht.

Ob man jetzt wirklich immer die große Inspektion machen lassen sollte, oder ob es nicht viel mehr Spaß machen kann und günstiger ist, selbst nach Öl und Wasser zu gucken und nur bei wirklichen Problemen oder Auffälligkeiten in die Werkstatt des Vertrauens zu gehen. Ich bin da bei Letzterem.

Im Rahmen dieses Interesses für ältere Autos habe ich einen noch größeren Respekt vor handwerklichem Können entwickelt. Ich finde es stark und erstrebenswert, dass Menschen die Geduld, den Mut zu scheitern und die Schrauberintelligenz entwickelt haben, komplexe Tätigkeiten am eigenen Auto durchzuführen.

Echt stark, ich behaupte, mir fehlt dazu noch die Ruhe. Trotzdem will ich nicht nie sagen, vielleicht widme ich mich mal dem Erlernen des Autoschraubens.

Ich glaube allerdings, eine gut entwickelte Kernkompetenz von mir ist der Preisvergleich mit dem einstigen Neupreis. Bezüglich meines 95er Golf 3 Cabrios kann ich mich geradezu diebisch freuen, dass ich den Wagen mal für einen dreistelligen Euro-Betrag in Hannover kaufte und heute – circa zehn Jahre später – immer noch fröhlich damit durch unsere Gemeinde rolle!

Ähnlich verhält es sich mit meinem 7er BMW aus dem letzten Jahrtausend. Ich kann damit LPG tanken und insofern relativ günstig eine ältere Oberklasse-Limousine mein Eigen nennen. Ich tanke meistens ungefähr für die Hälfte Euro im Vergleich LPG und Super.

Nein, ich habe es noch nicht geschafft, beide Karren gleichzeitig zu fahren. Und ich habe ein absolut reines Gewissen! Ok, das hat Daum auch gesagt.

Bei mir stimmt´s!

Und wenn mich ein Mensch böse anspricht, dass ich ein älteres Auto fahre, das etwas mehr verbraucht und nicht wirklich mit Öko-Strom zu laden ist, referiere ich aus dem Stand über den toll ausgenutzten ökologischen Rucksack, den das wirkliche Ausfahren älterer Wagen mit sich bringt. Mein Golf hat knapp 300.000 km runter, der BMW knapp 500.000.

Und das kommt nicht von mir – ich selbst schaffe gar nicht so viel, fahre gerne auch viel Rad! Aber ist mein Rucksack-Vortrag nicht gleich eine Art Entschuldigung, eine Rechtfertigung, um noch mitspielen zu dürfen?

Wahrscheinlich ja – ich bin natürlich nicht frei von dem kollektiven Rumgeschulde.

Aber ich werde immer freier. Ich mache mich freier, ich arbeite daran: Freiheit macht mich an – probiert es, liebe Freunde. Es funktioniert!

Ich freue mich, dass es mir ganz gut geht. Ich bin dankbar auch ohne lästige Schuld.

 

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