Von Sascha Rauschenberger
Die Panda-Apotheke von Elisabeth Kutter an der Radrennbahn in Bielefeld ist mit einem AfD-Schmäh-Video via Instagram viral gegangen, ein Shitstorm folgte auf dem Fuße.
Im Video forderte die Inhaberin alle, die mit der AfD sympathisieren, sie wählen oder unterstützen, auf, ihre Apotheke, ihr Team und ihr Umfeld zu meiden. Sie wolle mit ihnen kein Geld verdienen. Die Apotheke hat sich der Initiative „Wirtschaft widerspricht“ angeschlossen. Die Apothekerin sprach nach der Veröffentlichung von negativen Bewertungen, bösen Anrufen und Drohungen. Der Staatsschutz ermittelt. Kutter selbst stellte später klar, dass sie doch weiterhin alle Menschen bediene.
Der Bielefelder Prof. Martin Schwab schrieb dazu:
„Das Lager der „Gutenden“ formiere sich und bekräftige so den eigenen Anspruch angeblicher moralischer Überlegenheit – auf dass die Spaltung der Gesellschaft weiter voranschreite. Schwab:
„Das Video löste Empörung aus – nicht nur bei Menschen, die der AfD nahestehen, sondern auch bei Menschen, die unabhängig von ihrer politischen Ausrichtung mit dem hasserfüllten Tonfall in diesem Video und mit dem Bessermenschen-Gehabe, das aus den Worten von Elisabeth Kutter spricht, nichts anfangen können.“
Panda-Apotheke Bielefeld: AfD unerwünscht
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Sascha Rauschenberger meldet sich live vom Ort des Geschehens:
Heute steht gegenüber der Apotheke ein AfD-Stand. Gegendemonstrationen haben sich formiert. Ich bin vor Ort. In Bielefeld im Viertel an der Radrennbahn. Eine Hundertschaft Polizei ist verteilt, nicht alle vor der Apotheke, Eingreifkräfte stehen in den Nebenstraßen. Die Beamten wirken tiefenentspannt und gehen davon aus, dass der AfD-Stand gegen 15 Uhr aufgebaut wird, nicht erst um 16 Uhr wie angekündigt. Wo genau, war vorher offen. Es kann ein öffentlicher Bereich sein. Jetzt steht fest: unter den drei Palmen gegenüber.
Anwohner, die hier schon lange leben und teilweise in der nahen Arztpraxis arbeiten, haben mir gerade erzählt, dass Elisabeth Kutter die Apotheke erst 2019 übernommen habe. Vor Corona also. Sie soll viel Geld hineingesteckt haben, Kredite laufen vermutlich noch. Online-Apotheken haben inzwischen 25 bis 30 Prozent Marktanteil geschluckt, in der Corona-Zeit sind die Mitnahmekäufe weggefallen. Bonbons und so etwas. Wirtschaftlich läuft der Laden nicht so gut, wie es früher üblich war. Manche hier nennen das ein Eigentor. Die Apothekenkammer Münster sei informiert worden und habe Anrufern Zusagen gemacht, dass dort noch etwas zu erwarten sei, heißt es.
Die AfD erscheint. Der Stand wird aufgebaut. Die Mitglieder sind gewohnt wortkarg. Eigentlich muss man sich noch entschuldigen, dass man sie angesprochen hat. Die Polizei rückt nicht näher, bleibt gelassen. Von der anderen Straßenseite wird herübergeschaut.
Das Publikum ist durchwachsen. Studenten, ein paar von der Antifa, Omas gegen Rechts, verschiedene Gruppierungen, Leute aus dem Viertel. „Die Scholle“ heißt das hier. Viele stehen dem Ganzen abwartend und ungläubig gegenüber. Die Menge ist auf ungefähr 400 angewachsen. Die Kreuzung ist zu. Die Menschen stehen um die Apotheke herum. Weil hier alles flach ist, sehen die ganz hinten ab der dritten Reihe vom AfD-Stand nichts mehr. Die Politbanner verdecken zusätzlich. Es wird kälter. Der Regen ist nicht mehr lange hin. Die Leute bleiben friedlich. Sprechchöre erklingen. Von gewaltbereitem Publikum sehe ich von meiner Stelle aus nichts.
Die Apotheke ist eigentlich geschlossen. Aber es gibt einen Türverkauf. Bonbons und ähnliches. Es wird kälter. Der heutige Geschäftsbetrieb läuft praktisch am Eingang. Frau Kutter selbst ist an der Tür und momentan nicht willig, rauszukommen. Interviews lehnt sie bisher ab. Das Bad in der Menge wird sie vermutlich nicht suchen.
Omas gegen Rechts sind da. „Kein Bock auf Nazis“. Eine junge linke studentische Organisation. Insgesamt Sympathisanten, die der linken Seite angehören. Viele Studenten aus verschiedenen Bereichen. Eine Lautsprecheranlage ist aufgebaut und aus der Apotheke geschoben worden. Es könnte sein, dass Kutter etwas sagen will. Ich schleiche mich näher ran.
Lautstark werden Feindbilder geschürt. Die da drüben und die anderen hier: Geht bloß nicht zu den anderen und redet nicht mit Leuten, die ihr nicht kennt. Genau das, was man Kindern sagt: Nehmt keine Bonbons von Fremden an. Genau das wird dort zelebriert. Abschottung in der eigenen Blase. Bloß nicht den anderen zuhören. So wird das natürlich nichts.
Sie haben ein paar Regenbogenschirme ausgeteilt. Die erste Queerfahne ist da. Dazu eine mit drei Pfeilen, die ich nicht kenne. Alles noch friedlich. Die Polizei hat abgesperrt. Ich schätze, es sind jetzt ungefähr 450 bis 500 da. Am AfD-Stand, der abgesperrt ist, halten sie mit ihrer Banderole tapfer durch.
Im Viertel war in den 1980er Jahren eine rechte Parteizentrale. Man hat sie damals mit großem Aufwand losgeworden. Hier reden wir wirklich von den Nazis, nicht von der AfD. Die alten Achtundsechziger im „Fünften Karton“, so heißt das Bielefelder Viertel auch, sind stolz darauf. Darauf berufen sie sich jetzt und halten es der AfD vor, die auf der anderen Straßenseite steht.
Die meisten hier haben das aus den 1980ern kaum selbst erlebt. Neben dem Redner haben drei oder vier Leute gesagt, dass die Zentrale hier war. Das erklärt vielleicht auch den großen Zulauf. Aber es bleibt weiter friedlich. Die Polizei hält die Absperrung. Die Menge auf der anderen Seite wartet. Der AfD-Stand steht. Der Regen kommt. Fans machen Selfies mit Brandner.