Von Autor und Fotograf Christian Witt
Es ist einer dieser Abende, an denen schon die Fragen aus dem Publikum zeigen, dass etwas ins Rutschen gekommen ist. Im Sprechsaal in Berlin-Mitte hat der KulturKreis zu einem Vortrag von Professor Johannes Varwick eingeladen. Der Titel: „Nie wieder Krieg! – Eine Illusion?“
Der Raum ist gut gefüllt. Die Gastgeberin erinnert zu Beginn daran, womit Generationen in Deutschland aufgewachsen sind: „Nie wieder Krieg.“ Von Deutschland dürfe nie wieder Krieg ausgehen. Artikel 26 des Grundgesetzes verbietet die Vorbereitung eines Angriffskrieges.
Und heute?
Heute spricht die Bundesregierung von Kriegstüchtigkeit, Deutschland rüstet in einem seit Jahrzehnten unbekannten Ausmaß auf, die Wehrpflicht kehrt in die politische Debatte zurück, und ein möglicher Krieg mit Russland ist längst kein Szenario mehr, das nur in Planspielen von Militärs vorkommt.
Johannes Varwick steht an diesem Abend vor einem Publikum, dem diese Entwicklung Sorgen macht.
Der Politikwissenschaftler lehrt Internationale Beziehungen und europäische Politik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Seine Arbeitsgebiete sind NATO, EU und Vereinte Nationen, internationale Sicherheit und deutsche Außenpolitik. Vor allem aber gehört er seit Jahren zu denen, die in der Ukrainefrage widersprechen.
Nicht mit dem Gestus desjenigen, der für alles eine einfache Antwort hat. Varwick ist kein Pazifist. Er hält Streitkräfte für notwendig und sagt das auch. Aber er widerspricht der Vorstellung, dass immer mehr Waffen zwangsläufig immer mehr Sicherheit schaffen.
Und er widerspricht einer politischen Debatte, in der schon die Frage nach russischen Sicherheitsinteressen schnell unter Rechtfertigungsverdacht gerät.
Varwick beginnt seinen Vortrag mit einer Bestandsaufnahme.
„Der Krieg ist zurück in Europa“, mehr noch: Wir schlitterten nicht nur in eine Konfrontation mit Russland, sondern „ganz gewiss in einen neuen Kalten Krieg 2.0“. Und man müsse sehr aufpassen, dass dieser nicht noch heißer werde.
Dieser neue Kalte Krieg sei bereits geprägt von ökonomischer Entkopplung, Wohlstandsverlusten und „Aufrüstungsorgien“. Hinzu kämen verlustreiche Stellvertreterkriege.
„Der Krieg Russlands gegen die Ukraine ist einer davon.“
Varwick ordnet den Ukrainekrieg damit in eine erheblich größere Entwicklung ein. Fast 60 gewaltsam ausgetragene Konflikte habe es 2025 weltweit gegeben. Gleichzeitig erreichten die globalen Militärausgaben mit rund 2,7 Billionen US-Dollar ein neues Allzeithoch.
Die internationale Politik erlebe einen „Militarisierungsschub sondergleichen“.
Dabei richtet Varwick den Blick auch auf jene Kriege, die in der deutschen Öffentlichkeit kaum stattfinden. Sudan, Äthiopien, Myanmar, Kongo, Sahelzone, Jemen, Haiti. Millionen Vertriebene, Hunderttausende Tote – und vielfach kaum öffentliche Wahrnehmung.
Seine Frage ist deshalb größer als nur: Wie endet der Krieg in der Ukraine? Sie lautet: Ist „Nie wieder Krieg“ überhaupt noch eine realistische politische Kategorie?
Varwick greift dafür auf Carl von Clausewitz zurück und dessen Bild vom Krieg als Chamäleon. Der klassische Krieg – Staat A überfällt Staat B – existiert weiterhin. Russland und die Ukraine sind dafür das europäische Beispiel. Daneben stehen Bürgerkriege, internationalisierte Bürgerkriege und hybride Kriege.
Milizen, Terrororganisationen und Warlords treten neben Staaten. Gewalt wird Geschäftsmodell. Rohstoffe, Entführungen, Schutzgelderpressung und Menschenhandel finanzieren Konflikte. Und inzwischen kommt eine technologische Dimension hinzu, deren Folgen kaum abzusehen sind: Drohnen, Satellitenaufklärung, Cyberoperationen, elektronische Kampfführung, künstliche Intelligenz und automatisierte Waffensysteme.
Der Krieg werde „vernetzter, schneller, datenintensiver“ und damit gefährlicher. Das betrifft längst nicht mehr nur Soldaten an einer Front. Energieversorgung, Kommunikationsnetze, Finanzsysteme, Logistik, Krankenhäuser und andere kritische Infrastruktur werden Bestandteil moderner Kriegführung.
Die Grenze zwischen Frieden, Krise und Krieg verschwimmt. Varwick hatte seinem Vortragstitel bewusst ein Fragezeichen mitgegeben: „Nie wieder Krieg! – Eine Illusion?“ Im Laufe des Abends wird daraus für ihn ein Ausrufezeichen.
„Leider müssen wir ein Ausrufezeichen daran machen.“ Nie wieder Krieg? „Ja, das ist eine Illusion.“
Aber Varwick belässt es nicht bei der düsteren Diagnose. Er beschreibt zwei klassische Antworten. Die erste geht so: Die Welt ist gefährlich. Deshalb müssen wir uns bewaffnen. Nur Stärke verhindert Gewalt. Si vis pacem, para bellum. Wenn du den Frieden willst, bereite den Krieg vor. Die zweite: Gewalt erzeugt Gegengewalt. Deshalb braucht es Kooperation, Diplomatie, Völkerrecht, wirtschaftliche Verflechtung und starke internationale Institutionen.
Das Publikum in Berlin-Mitte muss wohl nicht lange überlegen, welcher Variante es emotional nähersteht. Aber Varwick macht es sich und seinen Zuhörern nicht so einfach. Beide Positionen enthielten einen wahren Kern. Und beide würden gefährlich, sobald man sie absolut setzt.
Wer ausschließlich auf Abschreckung setze, lande bei einer Politik, in der Sicherheit irgendwann nur noch militärisch gedacht werde. Aufrüstung werde zum Selbstzweck, Diplomatie erscheine als Schwäche und politische Konflikte würden zuerst gedanklich und später praktisch in militärische Kategorien übersetzt. Wer dagegen ausschließlich auf guten Willen, Normen und Dialog vertraue, übersehe, dass internationale Regeln nicht von selbst durchgesetzt würden.
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Varwick sitzt damit zwischen den Stühlen. Aber möglicherweise ist gerade das seine Stärke. Was macht unsere Aufrüstung mit den anderen?
In der anschließenden Diskussion wird der Ton persönlicher. Die Fragen sind teilweise lang und tastend. Man spürt weniger den Wunsch, dem Referenten eine politische Position entgegenzuhalten, als das Bedürfnis zu verstehen, wie Deutschland innerhalb weniger Jahre an diesen Punkt geraten konnte.
Wie wurde aus Abrüstung wieder Aufrüstung? Was geschah mit den Grünen? Welche Rolle spielen NATO-Osterweiterung und Rüstungsindustrie? Was bedeutet Verteidigungsfähigkeit überhaupt? Und kann eine Politik, die behauptet, ausschließlich der Abschreckung zu dienen, beim potentiellen Gegner genau gegenteilig wahrgenommen werden?
Varwick kommt auf einen Begriff zurück, der in der gegenwärtigen deutschen Debatte erstaunlich selten auftaucht: das Sicherheitsdilemma. Was die eine Seite als Verteidigung betrachtet, kann die andere als Bedrohung verstehen. Darauf folgt Aufrüstung. Die Gegenseite reagiert mit eigener Aufrüstung. Und deren Reaktion wiederum scheint die ursprüngliche Annahme zu bestätigen, dass man tatsächlich bedroht sei. Eine Spirale entsteht. Und Varwick kritisiert, wie wenig über diese Mechanismen gesprochen werde.
Das gilt für die gegenwärtigen Pläne zu weitreichenden Waffensystemen ebenso wie für die Vorstellung, Deutschland müsse zur stärksten konventionellen Armee Europas werden. Auch die Rüstungsindustrie kommt zur Sprache. Milliarden fließen in Produktionskapazitäten, Munition und Waffensysteme. Unternehmen, deren Geschäft vor wenigen Jahren gesellschaftlich eher mit Distanz betrachtet wurde, werden plötzlich zu Hoffnungsträgern.
Varwick erinnert an Dwight D. Eisenhowers Warnung vor dem militärisch-industriellen Komplex. Die Frage ist nicht, ob Deutschland sich verteidigen können soll. Die Frage ist, wann Verteidigungsfähigkeit in eine Eigendynamik der Aufrüstung übergeht.
Besonders deutlich wird Varwick, als es um die Vorgeschichte des Ukrainekrieges geht. Für ihn beginnt dieser Krieg nicht am 24. Februar 2022.
Er verweist auf den NATO-Gipfel von Bukarest 2008 und das damalige Versprechen, dass die Ukraine und Georgien Mitglieder der NATO werden sollen. Schon damals habe es Warnungen gegeben, dass damit eine rote russische Linie überschritten werde. Varwick erinnert insbesondere an entsprechende Einschätzungen aus der amerikanischen Diplomatie in Moskau.
Für ihn war die Entscheidung ein schwerer Fehler.
Das ist eine jener Stellen des Abends, an denen deutlich wird, wie weit sich Varwick von der gegenwärtigen deutschen Mehrheitsdebatte entfernt hat. Doch er zieht zugleich eine Grenze: Die Vorgeschichte eines Krieges zu untersuchen, bedeutet für ihn nicht, den Angriff Russlands zu rechtfertigen. Russland trägt die Verantwortung für die Entscheidung, diesen Krieg zu beginnen. Aber daraus folgt für Varwick gerade nicht, dass die westliche Politik vor 2022 keiner kritischen Betrachtung mehr unterzogen werden dürfe. Im Gegenteil.
Wenn man verstehen wolle, wie es zu einem Krieg gekommen ist, müsse man fragen, welche Interessen aufeinandertrafen, welche Warnungen ignoriert wurden und welche Alternativen nicht genutzt wurden. Er spricht vom Versäumnis, Russland in eine europäische Sicherheitsarchitektur einzubinden.
Auch in der Diskussion bleibt Varwick einer, der zwischen mehreren Stühlen sitzt. Er ist erkennbar nicht Teil jener sicherheitspolitischen Mehrheitsmeinung, in der Aufrüstung, Abschreckung und Kriegstüchtigkeit inzwischen weitgehend als alternativlose Konsequenzen der Weltlage erscheinen.
Aber er liefert dem Publikum auch nicht immer jene Antworten, die man dort womöglich gerne hören würde. Nochmal: Er ist kein Pazifist. Er will die Bundeswehr nicht abschaffen. Er bestreitet nicht, dass Staaten militärische Fähigkeiten benötigen können. Und wenn Fragen in Bereiche führen, in denen er sich selbst nicht für ausreichend sachkundig hält, sagt er das.
Draußen vor dem Berliner Sprechsaal sieht die Welt an diesem Abend noch ganz anders aus. Gegenüber wird gefeiert. Ein Mädchenchor singt. Menschen stehen zusammen, hören zu, unterhalten sich. Ein friedlicher Abend. Drinnen haben nun Menschen über Stunden über Krieg und Frieden gesprochen.
Bild: Christian Witt
Varwicks "Stark für den Frieden" erscheint bei Westend
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