Draußen vor der Tür: „Thiel mir das Lied vom Tod“

Springer Award für Peter Thiel – Düstere Krönung des Springer-Palantir-Komplexes

von Gregor Leip

Öffentliches Bekenntnis der Kriegsgewinnler© Quelle: axelspringer.com/Screenshot

Vor Ort, aber nicht im Saal: Das Springer-Haus war abgeriegelt, draußen riefen rund 150 Leute „Thiel shall not pass“, drinnen lief der Award. Den Abend gab es nur über den Livestream auf der Springer-Seite.

Der Axel Springer Award ist ein seit 2016 vergebener ideeller Preis ohne Preisgeld. Der Medienkonzern ehrt damit Persönlichkeiten, die nach eigenem Anspruch Märkte schaffen oder umbauen, Kultur prägen und gesellschaftliche Wirkung entfalten.

Zu den bisherigen Preisträgern gehören Mark Zuckerberg, Tim Berners-Lee, Jeff Bezos, Shoshana Zuboff, Elon Musk, Özlem Türeci und Uğur Şahin, Wolodymyr Selenskyj, Satya Nadella und Sam Altman.

Gestern ging die Auszeichnung im Berliner Verlagshaus an den PayPal-Mitgründer, Palantir-Mitgründer, Investor und Milliardär Peter Thiel – und damit an das Zentrum jenes Geflechts aus Medienmacht, Familienkapital und Defence-Tech, das sich als Springer-Palantir-Komplex beschreiben lässt: Die Öffentlichkeit suchende Krönung eines gemeinsamen Netzwerks.

In Berlin war das gesamte Gelände rund um das Axel-Springer-Haus in der Axel-Springer-Straße abgesperrt und von der Polizei gesichert. Gegenüber dem goldenen Turm fand eine Gegendemonstration statt. Das Motto lautete „Thiel shall not pass“ – in Anlehnung an den Herrn der Ringe, mit dem Thiel schon über Firmennamen verbunden scheint. Das Motto „Thiel shall not pass“ verdreht Gandalfs Satz „You shall not pass!“ aus dem Herrn der Ringe. Palantir ist bei Tolkien der Seherstein – Thiel hat seine Firma so genannt.

Sinnbildlich sollten in Berlin viele Gandalfs Thiel den Weg versperren. Zum Leidwesen der Organisatoren schlossen sich jedoch sehr unterschiedliche Gruppen an und trugen eigene Anliegen vor. Eine queere Community, Pro-Palästina-Gruppen und andere bestimmten das Bild der wenigen Anwesenden, die Zahl lag eher bei 150 als bei 200. Skandiert wurden die bekannten Pro-Palästina-Slogans, Drag Queens und andere bunte Figuren bemühten das Publikum.

Nach einer Stunde versuchten Demonstranten, über die Ampel in Richtung Axel-Springer-Straße vorzudringen, um zumindest im abgesperrten Bereich vor dem Haupteingang weiter zu rufen. Eine Polizeikette verhinderte das.

Wer nicht zur Elite der schwarzen SUVs und Mercedes-Limousinen gehörte, die bis vor den Haupteingang vorfahren durften, musste von der Absperrung zu Fuß zum Eingang. Dort tauchte auch der Schweizer Weltwoche-Herausgeber Roger Köppel auf. Vor der Veranstaltung wollte er gegenüber Alexander-Wallasch.de den Springer-Palantir-Komplex auf Nachfrage nicht kommentieren – er sei als ehemaliger Chefredakteur geladen. Das lässt darüber spekulieren, wie riskant Kritik in diesem Kreis gelten mag. In Berlin kursiert zudem das Gerücht, die Weltwoche wolle sich stärker nach Deutschland orientieren.

Angesichts der mageren Schar von Demonstranten wirkte die Gesamtabsperrung rund um das Springer-Haus übertrieben und war wohl noch an sehr viel frühere Proteste vor diesem Haus angelehnt. Das Problem des Palantir-Springer-Komplexes ist in den Köpfen der Deutschen offenbar noch nicht angekommen. im Zusammenhang mit einer Veranstaltung des Medienhauses Springer fehlte dann doch der eigentliche Demonstrationssinn, alles zu verworren und verstrickt?

Eine Gegendemonstration braucht einen Gegner – den man hier in den Medien nicht ausmachen konnte oder wollte. Die naheliegende Gegnerschaft läge woanders: bei der Verbindung aus Hauspreis, Palantir, Drohnenkapital und Kriegsnarrativ. Dazu gleich mehr.

Im Saal saßen vielleicht 150 Gäste. Kameras schwenkten öfter über den irgendwie lasziv hingelümmelten Ulf Poschardt in der ersten Reihe, sichtbar thielbegeistert – jener frühere Welt-Herausgeber, der 2022 den ukrainischen Verdienstorden dritter Klasse für die Springer-Linie zugunsten von Waffen- und Milliardenhilfen erhielt. Nach der Veranstaltung wird Poschardt begeistert twittern:

„jeder Satz von peter thiel und alex karp heute abend interessanter, poetischer und visionärer als 87,9 % der rhetorikruinen der deutschen Intellektuellen und kulturschaffenden“

Ein Vorabfilm stellte Thiels Unternehmungen vor. Der Tenor war ungefähr: Er wisse immer schon vorher, was später erfolgreich werde – genannt wurde unter anderem BioNTech. Danach führte Mathias Döpfner eine Art Interview-Gespräch mit Peter Thiel, später stieß Max Levchin hinzu, mit dem Thile Paypal gründete.

Döpfner wirkte dabei durchgehend schmeichelnd, förmlich darauf bedacht, den Preisträger zu umhegen. Körperlich saß er fast damenhaft da, die langen Beine überschlagen. Das fiel deshalb auf, weil Thiel viel steifer dasaß, er antwortete selbst auf Englisch holprig, oft nach Worten suchend, fast stotternd, mit langen Einschüben und Korrekturen.

Döpfner eröffnete mit der Pointe, der Preis komme weder mit Geld noch mit Pokal – darüber ein süffisantes Grinsen der Milliardäre auf der Bühne. Das einzige Geschenk sei eine Erstausgabe von Tolkiens „Unfinished Tales“, nach The Lord of the Rings erschienen und der Band, in dem Tolkien den Palantir wirklich beschreibe. Thiel nahm das mit einem knappen „Awesome“ entgegen.

Der Witz mit dem Seherstein lag auf der Hand und blieb unausgesprochen: Palantir ist nicht nur Tolkien-Zitat, sondern CIA-mitfinanzierte Datenfirma, Partner des US-Militärs, in der Ukraine im Einsatz, von Karp selbst als „Betriebssystem für den Krieg“ beschrieben. Die Nato nutzt Palantir. Die Bundeswehr – bisher – nicht. Vizeadmiral Thomas Daum sagte, in der Nato bedienten Industriemitarbeiter der Firma die Software – für nationale Datenbestände unzumutbar. Auch Verteidigungsminister Pistorius äußerte irgendwann einmal Bedenken wegen Thiels Investor-Rolle beim Drohnenhersteller Stark Defence. Alles Schnee von gestern? Sedativum fürs Volk?

Stark bekam nämlich später trotzdem einen Bundeswehr-Rahmenvertrag über Hunderte Millionen, begleitet von der Formel, Thiel habe keine operative Kontrolle und halte unter zehn Prozent.

Das von Palantir entwickelte Maven Smart System – eine zentrale, KI-gestützte Militär- und Führungssoftware – stufte das Pentagon 2026 als „Program of Record“ ein. Palantir-Mitgründer Karp saß 2018 bis 2020 im Springer-Aufsichtsrat und traf Selenskyj 2022 als einer der ersten westlichen Konzernchefs. Springer-Titel fuhren Pro-Karp-Strecken, gern, ohne ihn als Aufsichtsratssitz zu nennen. Der Konzern selbst nutzt bereits die zentrale Daten- und Betriebsplattform Palantir Foundry intern.

Und die Verbindungen reichen bis tief ins Private. Döpfner-Sohn Moritz war Stabschef bei Thiel Capital. Ende 2024 soll Thiel rund 50 Millionen Dollar in den Doepfner Capital Fund gegeben haben. Der Fonds steckte unter anderem Geld in den Berliner Drohnenhersteller Stark Defence, an dem Thiel selbst beteiligt ist. Stark bekam später besagten Bundeswehr-Auftrag.

Drumherum dasselbe Muster: Quantum Systems und Helsing wachsen mit Kampfdrohnen und KI, Springer-Leute wechseln die Seite – Julian Röpcke zu einem Drohnenhersteller, früherer Bild-Chef Johannes Boie als Marketingleiter zu Helsing. Welt-Mann Ulf Poschardt, Ibrahim Naber, Röpcke und andere Springer-Journalisten bekamen 2022 den ukrainischen Verdienstorden für die Waffen-und-Milliarden-Linie. Im Springer-Hochhaus verkauft Media Impact den WELT-Sicherheitsgipfel unter Geheimhaltungsregeln: Minister, Dienste, Defence-Tech, teure Tickets, „Speed-Dating“ mit Entscheidern. Das ist der kriegstreibende Beipackzettel.

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Im Interview mit Thiel kam Döpfner natürlich auch pflichtschuldig auf den „Elefanten im Raum“ zu sprechen: Habe man einen Anti-Demokraten ausgezeichnet? Schmunzel, schmunzel, grins. Hintergrund ist hier unter anderem ein Thiel-Essay von 2009. Thiel bügelt lächelnd entschuldigend ab: Schreiben sei gefährlicher als Kinderkriegen: Ein missratenes Kind könne man verleugnen, einen Text nie. Er habe damals vor allem libertäre Hoffnungen kritisiert und kurz darauf klargestellt, dass er nicht gegen Demokratie oder Wahlen argumentiere. Kern sei die Sorge gewesen, dass Gesellschaften politisch überhitzen.

Der größere Elefant – Kapital, Software, Drohnen, Hausberichterstattung – blieb in diesem Gespräch draußen.

Auf die Frage nach der Spannung zwischen Freiheit und Demokratie antwortete Thiel, direkte Demokratie existiere allenfalls im Schweizer Dorf. Was mag der in der vierten Riehe sitzende Köppel da wohl gedacht haben? Westliche Systeme seien Verfassungsrepubliken. Ob man „Demokratie“ oder „Populismus“ sage, hänge oft nur davon ab, ob die Leute „richtig“ oder „falsch“ gewählt hätten. Der Satz ist schon deshalb gefährlich, weil er den Unterschied zwischen demokratischem Verfahren und populistischer Methode auf „richtig oder falsch gewählt“ zusammendampft und so jede Kritik an Machtmissbrauch als schlechtes Verlierertum erscheinen lässt. Döpfner fragt natürlich nicht nach.


Auch zur Berliner Wahl äußert sich Thiel. Er verteidige Die Linke nicht. Er könne aber verstehen, warum vor allem Junge sie wählen. Der Generationenvertrag sei brüchig, Wohnen zu teuer und zu reguliert. Die Rezepte der Linken hielt er für schlecht – Mietpreisbremsen könnten Berlin zur Slumstadt machen –, aber solange sonst niemand das Problem benenne, werde die Partei weiter punkten.

Döpfner stellte Thiels Lieblingsfrage: Welche wichtige Wahrheit sehen Sie, der fast niemand zustimmt? Thiel wollte nicht als bloßer Widerspruchsgeist antworten. Seine These vom Antichrist – bei ihm ein Bild für ein heraufziehendes, totalitäres Weltsystem im Namen von Sicherheit – habe er vor drei Jahren noch für weit jenseits des Sagbaren gehalten. Inzwischen, behauptet er, teilen viele diese Angst privat. Der eigentliche Gegensatz zur öffentlichen Meinung sei deshalb: Die Idee sei gar nicht mehr so abseitig.

Zum Journalismus befragt, lobte Peter Thiel Axel Springer als mutige Gegenstimme in einer „sehr einseitigen“ Medienlandschaft, die weithin zur linken Hassfabrik verkommen sei. Angesichts der Vernetzungen und wie Thiel und seine Unternehmungen hier beworben werden, schon eine bemerkenswert dreiste Aussage, wo man vielleicht besser hätte schweigen sollen: Aber es stört bei der Verleihung niemanden.

In Medien zu investieren reize ihn, so Thiel weiter, aber nur mit klarem Burggraben. Genau hier schließt sich der Kreis: Unabhängigkeit als Rhetorik, Portfolio als Praxis. Nach seiner persönlichen deutschen Seite gefragt, wirkte Thiel unwohl: Er sei schlecht in Selbstanalyse, aufgewachsen zwischen Deutschland und den USA, lange in Kalifornien, das er als Gegenteil Deutschlands beschrieb – optimistisch und verzweifelt hier, pessimistisch und komfortabel dort. Die kalifornische Haltung sei oft besser, deutsche Skepsis im Tech-Rausch aber nützlich. Ob er Deutschland helfen würde, wenn man ihn frage – was für eine Frage von Döpfner! –: ja, auch wenn er vermute, dass es dauern werde, bis jemand ernsthaft anklopfe. Springer, Karp und Döpfner hatten ihn zuvor als prägenden Deutschen inszeniert. Döpfner nannte Palantir öffentlich Schutzmacht der Demokratie.

Thiel weiter: Als Investor zähle für ihn nicht die enge Spezialisierung, sondern der weite Blick: die Details einer Firma und zugleich, wie sie in die Geschichte der Zeit passt. Gründer seien stärker eingebunden als Investoren. Founders Fund (übersetzt: Gründerfonds)– Thiels Risikokapitalfonds in San Francisco –
hieße so, weil Gründer entscheidend seien – und weil Geldgeber eher Schecks schrieben.

Die auf der Bühne erzählte Facebook-Episode von 2007 zwischen Döpfner und Thiel sagt unfreiwillig noch mehr über die Beziehung der beiden: Thiel habe Döpfner damals von einem Einstieg abgeraten, weil die Bewertung zu hoch wirkte. Technisch folgte später zwar eine niedrigere Bewertung, wirtschaftlich lag er trotzdem falsch. Zwei Milliardäre plauschen über ihre Geldanlagen und Döpfner gibt ein bisschen an, wie lange er schon an Thiel klebt.

Max Levchin, in Kiew geboren und als Jugendlicher vor Antisemitismus in die USA gegangen, wird auf die Bühne dazu gebeten. Von Döpfner angesprochen beschrieb den heutigen Judenhass als gefährlicher als den alten: nicht nur dumpfe Vorurteile, sondern ideologisch ausgeformt, besonders bei Jungen, oft verbunden mit der Infragestellung Israels.

Thiel und Levchin hatten sich 1998 nach einem Vortrag Thiels an Stanford getroffen, in einem Raum so klein wie ein Besenschrank. Levchin beeindruckte Thiels Intensität beim Thema Währungshandel. Thiel sah in Levchin die seltene Mischung aus Klugheit, Kreativität und Arbeitstier. Auch das erfährt man aus dem Bühnengespräch.

Bei PayPal ergänzten sich die beiden in Finanzkryptografie (Geldgeschäfte mit Verschlüsselung so absichern, dass niemand unbefugt mitliest, fälscht oder stiehlt) , stritten über „hart“ versus „wertvoll“ und waren auch von einem Sportsgeist geprägt – vom Sprung in den eiskalten Pazifik bis zum Endspurt beim gemeinsamen Lauf.

Elon Musks Angebot, die Firmen im Verhältnis 90 zu 10 zu fusionieren, lehnten sie ab. Nahtoderlebnisse gehörten dazu: Betrug in Millionenhöhe, fast verlorener Quellcode, eine Software, die eBay zeitweise mit PayPal-Logos zupflasterte. Levchin nannte als Thiels unterschätzte Stärke, dass dieser sich sofort für den Erfolg des Gegenübers erwärmen könne. Als frühe Schwäche die Schonungslosigkeit, die manchen zum Weinen gebracht habe.

Silicon Valley der späten Neunziger verglichen sie mit heute: Damals eine wahnsinnige, aber irgendwie greifbare Formel aus Technik, Geschäftsmodell und Vertrieb. Heute eine größere KI-Umwälzung ohne fertiges Drehbuch, daher die Angst. Thiel vermutete, KI könne am Ende weniger monopolistisch sein und mehr Konsumentenrente bringen als die Internet-Plattformen. Darauf von Döpfner angesprochen nannte Levchin als Wert, den man Kinder mitgeben solle, Integrität und Thiel Mut. Nach knapp einer Stunde Programm ging es in die After-Hour.

(Das Gespräch zwischen Döpfner und Thiel wurde auf Englisch geführt – um eventuelle Übersetzungsfehler zu vermeiden, bitte am Original zitieren)

(Quelle:Gregor Leip)
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