Springer nennt keine Mindestvergütung, keine Eigentumsrechte und keine Regelung zum Risiko bei Misserfolg

Springer entdeckt die Freiheit – die Freiheit von der Verantwortung für die Mitarbeiter

von RA Dirk Schmitz

Kündigung heißt jetzt Creators – Die Beerdigung wird zum Event erklärt© Quelle: Grok

Axel Springer will Journalisten zu Unternehmern machen. Der Konzern kündigte am 19. Oktober 2026 die Plattform „Axel Springer Creators“ an. Journalisten sollen eigene Formate entwickeln, der Verlag unterstützt mit Produktion, Technik, Vermarktung und Reichweite und verspricht Beteiligung am wirtschaftlichen Erfolg.

Von RA Dirk Schmitz M.A.

Axel Springer will Journalisten zu Unternehmern machen. Das klingt nach Eigenverantwortung und mehr Freiheit für die, die Inhalte liefern. Es bedeutet tatsächlich, dass der Verlag weniger Kosten und Risiko trägt – weil seine Journalisten mehr davon übernehmen.

„Axel Springer Creators“ heißt das neue Modell.

Was bisher veröffentlicht wurde, lässt sich knapp zusammenfassen: Springer kündigte am 19. Oktober 2026 eine Plattform an, auf der Journalisten eigene Formate entwickeln sollen. Der Konzern unterstützt mit Produktion, Technik, Vermarktung und Reichweite. Versprochen werden größere redaktionelle und unternehmerische Freiheit sowie eine Beteiligung am wirtschaftlichen Erfolg.

Erster Teilnehmer ist Paul Ronzheimer, der dafür seine Position als stellvertretender BILD-Chefredakteur abgibt und sein Angebot mit seinem bisherigen Team ausbaut. Weitere Audio- und Videoformate sind geplant. Als internationaler Reporter bleibt er tätig. So beschreibt es die Unternehmensmitteilung „Axel Springer startet eigene Creator-Plattform“ vom 19. Oktober 2026.

Keine konkreten Angaben zu Mindestvergütungen, Beteiligungsquoten, Eigentumsrechten oder Verlustübernahme. Die Berichterstattung erklärt das Versprechen. Den Vertrag erklärt sie nicht.

Dabei steht genau dort, ob hier journalistische Selbstständigkeit entsteht oder eine Personalabteilung einen neuen Begriff für kostengünstige freie Mitarbeit ohne sozialversicherungspflichtige Beiträge gefunden hat.

Eine angestellte Redaktion kostet Geld, auch wenn sie keinen Verkaufsschlager produziert.

Wer bezahlt das künftig?

Bekommt der Creator ein verlässliches Budget, mit dem er Mitarbeiter beschäftigen und auch einen Misserfolg überstehen kann? Oder bekommt er Technik, ein freundliches Schulterklopfen und die Einladung, sich am eigenen Erfolg zu beteiligen - sobald er einen hat?

Muss der Verlag weiterhin journalistische Arbeit finanzieren – oder kann er sich darauf beschränken, die erfolgreichen Ergebnisse einzukaufen?

Das wäre eine ausgesprochen komfortable Arbeitsteilung: Der Journalist recherchiert, experimentiert - und trägt das Ausfallrisiko. Der Verlag wählt aus, was sich lohnt. Die guten Sachen wandern in die Vermarktung. Die schlechten Monate bleiben beim Kollegen.

Keine neue Erfindung. Freie Journalisten kennen es seit Jahrzehnten. Neu ist die englische Bezeichnung und die Idee aus Risikoverlagerung eine Freiheitsgeschichte zu machen.

Aus Ronzheimers Abschied von einer Führungsfunktion folgt keine nachgewiesene Umwandlung in freie Mitarbeit. Doch gerade diese Punkte gehören ins Zentrum der Debatte.

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Was bedeutet „unternehmerische Freiheit“, wenn ein Journalist faktisch von einem einzigen Konzern abhängig bleibt? Darf er auch für dessen Wettbewerber arbeiten? Darf er seine beste Recherche demjenigen anbieten, der am meisten dafür bezahlt? Oder wird unternehmerische Selbstständigkeit erwartet, während die Verwertung exklusiv beim Haus bleibt?

Dann ist der Creator der ideale feste Freie: fest gebunden bei der Leistung, frei schwimmend beim Risiko. Und was bedeutet Erfolgsbeteiligung? Ein Anteil am Umsatz oder am Gewinn? Welche Kosten für Produktion, Technik, Vertrieb und Vermarktung werden vorher abgezogen?

Wem gehört das, was der Journalist aufbaut? Sein Name gehört ihm. Aber gehören ihm auch die Marke, die Kanäle, die Archive und die Kundenbeziehungen? Was nimmt er mit, wenn die Zusammenarbeit endet? Ein Unternehmen – oder seinen Laptop?

Arbeitet Axel Springer auch seinen prominentesten „freiesten Mitarbeiter“, Ulf Poschardt, in die neue Creators-Strategie ein? Welche Konditionen bekäme ein solcher prominenter Name – und welche der unbekannte Kollege, der anklopft?

Könnte die Plattform auch ein bequemes Anschlussmodell für gefeuerte Journalisten werden? Die Beschäftigungsgesellschaft, von der Bundesagentur gefördert?

Heute fällt eine Stelle weg. Morgen darf der bisherige Mitarbeiter als Creator weiterliefern. Die Arbeit wird noch gebraucht, nur der teure Arbeitsplatz nicht mehr. Der Verlag behält den Zugriff auf Erfahrung, Kontakte und Themenkenntnis. Der Kollege managed die wirtschaftliche Unsicherheit.

„Leider müssen wir uns von Ihnen trennen. Aber als Creator stehen Ihnen bei uns alle Türen offen.“ So könnte „Personalabbau light“ klingen, wenn ihn die Unternehmenskommunikation als Gründerförderung formuliert.

Vielleicht sollte bei der nächsten Präsentation einmal ein erfahrener Anwalt die Fragen stellen. Einer, der weiß, dass „Du kannst dir deine Zeit frei einteilen“ keine Antwort auf „Wer bezahlt meine Arbeit?“ ist.

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