Szene38 berichtet über neuen kritischen und vielfältigen Blog aus der Löwenstadt

Journalistischer Frontalangriff aus Braunschweig

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Szene38 berichtet über neuen kritischen und vielfältigen Blog aus der Löwenstadt
Der Braunschweiger Alexander Wallasch startet nun einen Blog unter seinem Namen © Foto: Alexander Wallasch

Zuerst erschienen im Dezember 2020 bei Szene38

Veröffentlichung eines neuen kritischen und vielfältigen Blogs aus der Löwenstadt alexander-wallasch.de – Interview mit Autor und Blogger Alexander Wallasch

Journalist Alexander Wallasch ist ein Sesshafter. So muss man wohl jemanden nennen, der schon über 50 Jahre alt ist und immer noch da lebt, wo ihn die Mutter hin geboren hat. Seit Anfang Dezember hat Wallasch jetzt seinen eigenen Blog alexander-wallasch.de Online gestellt. Die Braunschweiger Zeitung verwies schon Mitte 2019 darauf, dass der Autor mittlerweile zu den meistgelesenen Journalisten in deutschsprachigen Raum (Ranking 10.000 flies) zählt. Mit annähernd 1.500 Artikeln, Reportagen und Kolumnen zwischen den Jahren 2015 und 2020 spielt er da mit, wo der Platz enger und die Luft dünner wird.

„Krümel in der Sofaritze“

Schon in den 1990er Jahren schrieb Wallasch für das Szenemagazin Subway in einer Kolumne und unter der Rubrik „Braunschweig bizarr“ monatlich über Braunschweig. Da erzählte einer, der seine Stadt liebt und sie bis in die hinterste Ecken umgekrempelt hat, weil ihn, wie er es nennt, die „Krümel in der Sofaritze“ immer schon ganz besonders interessierten. Herausgekommen ist dabei auch eine Sammlung von Geschichten aus Braunschweig, die den renommierten Braunschweig-Erzähler Eckardt Schimpf dazu veranlassten über Wallaschs Roman „Pferdefleisch und Plastikblumen“ in der Braunschweiger Zeitung zu schreiben: „Wallasch hat seine Heimatstadt auf eine Weise porträtiert, wie es vor ihm kaum einer getan hat. (…) Er erzählt schonungslos, nicht selten leicht schmuddelig. Doch manchmal mit leichtem Augenzwinkern, wenn er sich selbst ins Spiel bringt.“ Wallaschs zweiter Roman „Deutscher Sohn“ über einen Afghanistansoldaten wurde zum meistbesprochenen deutschsprachigem Roman Herbst 2010. Sein Buch mit Co-Autor Ingo Niermann war der erste deutsche Roman, der sich eines deutschen Afghanistankriegsheimkehrer annahm, der in die Provinz zurückkehrt. Wallaschs Debütroman „Hotel Monopol“ ist im Rotlicht einer niedersächsischen Stadt angesiedelt. Braunschweig wird hier zwar nicht genannt, aber es fällt schwer, sich einen anderen Platz für seine Geschichte vorzustellen als jene Szenegastronomien, die er und sein Zwillingsbruder Gregor über Jahrzehnte hinweg in Braunschweig betrieben: Line Club, Kaffee Zentral, Silberquelle, Bar de Luxe, Heimatliebe – die umtriebigen Wallasch-Brüder setzten schon früh ihre Duftmarken und prägten so die Kultur- und Gastroszene der Stadt. szene38.de sprach mit dem Autor über www.alexander-wallasch.de, über Ziele aber auch über Gewesenes.

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szene38: Alexander, warum bist du heute kein Gastronom mehr?

Alexander Wallasch: Ach, (lacht), wir waren leider immer auch die schlechtesten Buchhalter. Tolle Läden, neue Konzepte, aber keine Lust nach Feierabend auch nur einen einzigen Bon vernünftig abzuheften. Und weil wir uns die Läden genau so machten, wie wir sei uns selbst am liebsten wünschten, feierten wir auch immer kräftig mit (lacht).

szene38: Mit dem Millenium folgte ein 180° Gradschwenk: Du meldest dich auf einmal zurück als Werbetexter und später sogar Textchef für ein Volkswagen-Magazin …

Alexander Wallasch: Genau. Aber ein 180° Schwenk war es nicht, immerhin hatte ich mit meinen Schreibarbeiten als Kolumnist für Subway schon ein paar Fans gewonnen. Und auch hinterm Tresen schrieb ich manche Zeile. Da auch örtliche Werbeagenturgrößen begeisterte Gäste bei mir waren, bis dahin, dass sie das Kaffee Zentral für eine wilde Party buchten, kam eines Tages das Angebot: Wir brauchen solche Stimmen unbedingt für unsere Kunden, willst du bitte zu uns kommen? Und so fand ich mich auf einmal in einer Szene wieder, wie ich sie zuvor nur bei Doris Dörries Kultfilm „Männer“ gesehen hatte. Leute, die viel Geld verdienten aber gleichsam wie Uwe Ochsenknecht und Heiner Lauterbach in „Männer“ so ihre Probleme mit dem normalen Alltag der anderen hatten. Eine tolle Szene, man, dass hat eine Zeitlang auch richtig Spaß gemacht. Aber der Roman dazu war ja leider mit Frédéric Beigbeders „Neununddreißigneunzig“ schon geschrieben – fast jedes Wort wahr.

szene38: Wann und warum ging das zu Ende?

Alexander Wallasch: Sicher war das auch eine langsame Zermürbung. Wo täglich Individualisten zusammenkommen und nur eine von fünfundzwanzig Ideen am Ende beim Kunden Gnade findet, da kommt es auf ein funktionierende Innenleben in so einer Agentur besonders an. Wo sich aber Menschen weiterentwickeln, kommt es auch zu Reibereien – dafür braucht es dann neue Lösungsansätze. Aber was der Wahrheit am nächsten kommt: Nach bald fünfzehn Jahren beendete Dieselgate die Produktion des Volkswagen Phaeton für den ich unter anderem das Magazin der Gläsernen Manufaktur verantwortete. Der Auftrag für die Braunschweiger Werbeagentur endete jäh mit den Betrügereien bei Volkswagen. Das Magazin war aber jene Nische, die mich teilimmunisiert hatte gegenüber dem Alltag des Texters in dieser Agentur über den Dächern der Innenstadt und auch gegenüber den oft ziemlich launischen Herrschern des Hauses.

szene38: Du bist noch nie länger aus Braunschweig weg gewesen, bist eine treue Seele. Gab es Trennungsschmerz?

Alexander Wallasch: Na klar. Wo man jahrelang mit einer liebgewonnen Kollegin das Büro teilt, die man öfter sieht als seine eigene Frau – man würde lügen, diesen Bruch nicht als Schmerz zu empfinden. Auch einer der Geschäftsführer war lange ein guter Freund, sowas zerbricht dann ebenfalls unter der Last der Enttäuschungen. Seine Arbeit zu verlieren ist erst einmal für jeden eine Katastrophe. Noch mehr, wo damit eine Familie ernährt werden muss. Sicher, den einen oder anderen nicht mehr täglich sehen zu müssen, ist auch ein Glücksfall gewesen. Aber dann musste ich ganz schnöde wieder an frisches Geld kommen. Eine per Arbeitsgericht mühevoll erstrittene erweiterte Anerkennung meiner Leistungen half da wenigstens mit einem schiefen zwar, aber doch mit Siegerlächeln den Karton zu packen.

szene38: Bist du da nachtragend?

Alexander Wallasch: Na klar. Da gibt es speziell einen Typen, da wache ich heute noch manchmal nachts – immer seltener zwar – aber immer noch auf und hexe ihm mit Inbrunst alles Schlechte dieser Welt an die Ohren. Obwohl ich mittlerweile einer der meistgelesenen Journalisten im deutschsprachigen Raum bin, also erfolgreich, drückt es noch, wenn ein bestimmter Lebensabschnitt nachgereicht von einer Person in ein schlechtes Licht gerückt wird. Da habe ich tatsächlich so etwas, wie eine offene Flanke und keine Abgrenzungsmöglichkeit.

szene38: Du hast schon während der Agenturzeit viel geschrieben für die Tageszeitung taz oder vereinzelt auch für Süddeutsche, Welt, Zeit und Focus. Aber auch für die Braunschweiger Zeitung und sogar für das Magazin Prager Frühling von Katja Kipping der Parteichefin der Linkspartei. Seit 2015/16 hast du jetzt mehr als tausend Kolumnen beim Tichys Einblick geschrieben und jetzt kommt dein eigene Blog alexander-wallasch.de dazu. Wie passt das alles zusammen? Das ist doch quer durch alle politischen Lager. Bist du ein Söldner an der Tastatur?

Alexander Wallasch: Zunächst einmal der Tätigkeit nach definiert: Also schreiben was ist. Kommentieren was berührt. Schmerzfrei teilnehmen am Diskurs. Das sich da bisweilen die Sichtweisen verschieben, sollte doch eher Normalität sein, als Ausnahme. Aber es ist bei Journalisten nicht anders, als bei Politikern: Sind sie erst einmal Partei bzw. dick wattierter Teil eines bestimmten Medienhauses, dann singen sie auch deren Lied. Leute wie beispielsweise Jan Fleischhauer oder Matthias Matussek waren jahrzehntelang beim Spiegel bevor sie sich entschlossen haben, ihr Herz über das Sicherheitsgefühl der Festanstellung zu stellen und dem Elfenbeinturm den Rücken zu kehren. Keine leichte Entscheidung – und ein Garagenplatz im Spiegelgebäude, drei, vier unaufgeregte Artikelchen im Monat ansonsten „Recherchezeit“ – ich muss heute dreißig bis vierzig Artikel abliefern um überhaupt einmal in Sichtweite der Hartz-4-Grenze zu kommen. Dabei werden online viele meiner Artikel viel häufiger gelesen.

szene38: Jetzt also der Blog. Was bedeutet das für dich?

Alexander Wallasch: Zunächst einmal ein erfüllter Traum genau zur richtigen Zeit. Denn nie zuvor waren Einzelkämpfer in diesem Metier so erfolgreich, etablierte Medienschaffende wie Roland Tichy hatten da 2014 am flinksten die beste Nase, heute arbeiten dutzende renommierter Autoren unter seinem Namen. Aber auch Leute wie Boris Reitschuster haben sich freigeschwommen, verdienen so gut, werden so viel gelesen, das sie Leute einstellen können um noch weiter zu wachsen. Während die Etablierten immer mehr Leser verlieren, explodieren diese Nischen hin zu echten Bigsellern. Das ist immer noch Goldgräberstimmung und ich habe das passende Werkzeug dabei! Unter dem Label Tichys Einblick bin ich schon seit 2015 dabei und kann sagen, dass ich einen gewichtigen Teil zum viel beneideten Erfolg beigetragen habe. Aber ich habe immer noch ein paar Schuss mehr in der Trommel, die ich jetzt über alexander-wallasch.de ebenfalls noch abfeuern darf. Das alles wäre übrigens nicht möglich gewesen ohne Marco Dittmer, dessen Braunschweiger Agentur Zentral (www.agenturzentral.de) erfolgreich Webseiten gestaltet für den Mittelstand. Und der die Herausforderung angenommen hat, einen wirklich professionellen Blog technisch so umzusetzen, dass wir für alle Eventualitäten gewappnet sind was Lesezahlen aber auch Flexibilität und Lesefreundlichkeit angeht. Das Ergebnis finde ich fantastisch.

szene38: Aber was soll da passieren, das es bisher so noch nicht gab?

Alexander Wallasch: Mein Vorteil ist doch, dass ich mich meinen Lesern nicht mehr vorstellen muss. Die müssen nur zu mir finden und diesen wunderschönen Raum, den Marco Dittmer für uns und unsere Freunde gebaut hat, entdecken. Damit wären wir schon gut auf hoher See unterwegs. Und es kommt Wind auf: Die Zeiten sind heute so günstig wie nie, mit einer ungeschminkten unverstellten Stimme gehört zu werden. Alexander-wallasch.de setzt auf eine Mischung aus gewagter Kunst, unverstellter Erzählung und bissiger Kritik. Mit KIA beispielsweise hat eine junge Autorin aus Portugal einen Kick-Off hingelegt, der rote Ohren macht. Sie schreibt grandios über Intimstes, zuletzt über ihre Probleme mit ihrer Menstruationstasse. Mein – zugegeben ambitioniertes –Motto lautet für alexander-wallasch.de „Noch unzensierter, noch schärfer, noch freier“. Und ich beabsichtige diesem Motto gerecht zu werden. Was ich bis heute überaus erstaunlich finde: Magazine wie der Spiegel haben ohne jede Not ihre frühere Masterkompetenz abgegeben, sie haben im Grunde genommen sogar ihre journalistische Hauptaufgabe an den Nagel gehängt: Nämlich als vierte Gewalt die Arbeit der Regierung maximal kritisch zu durchleuchten und zu begleiten. Diese Selbstaufgabe ist natürlich eine Steilvorlage für uns. Wir stehen am Elfmeterpunkt.

szene38: Kann man das ungefähr datieren?

Alexander Wallasch: Sogar ziemlich genau mit Beginn der so genannten Flüchtlingskrise, als die etablierten Medien einen kollektiven Blackout hatten. Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der Zeit erzählte es Anfang 2017 selbstkritisch so, dass die etablierte Medien geradezu beseelt gewesen wären von der historische Aufgabe die man in der Refugees Welcome Begeisterung gesehen hätte. Dafür hätte man dann kritische Stimmen unter Generalverdacht gestellt. Solange aber di Lorenzo ebenso wie jüngst wieder Ulf Poschardt als Chefredakteur der Welt über ihre reinen Willensbekundungen nicht hinaus kommen, wächst die Leserschaft neuer Medien rasant weiter. Mit www.alexander-wallasch.de werden wir uns davon jetzt ein weiteres sattes Stück abschneiden.

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