Leider bin ich nicht der Einzige, der heiß auf ein kleines Wohnmobil ist

Tagträumen Sie – Hippiegefühle, Unabhängigkeit und Freiheit

von Jan-Heie Erchinger

Deutschland und Europa von der Straße aus kennen und lieben lernen – unbezahlbar© Quelle: Pixabay / Pexels

Heute möchte ich ein positives Gefühl vermitteln und bei mir selbst entstehen lassen.

Aber: Nord-Stream-Pipelines mutwillig zerstört. Keine Deeskalation in der Ukraine in Sicht. Bei uns ist es kalt geworden. Heizen kostet ernsthaft. Kollegen wird das Konto gekündigt. Frau Göring-Eckardt ist zum gefühlt hunderttausendsten Mal bei öffentlich-rechtlicher Talkshow eingeladen, ich habe noch nicht genug Friedenstauben für meine Friedensdemo am Wochenende besorgt …

„Stopp!“ Meine Frau hat sich bei Stress-Gesprächen zwischen uns angewöhnt zu sagen: ,,STOPP – das Gespräch tut mir nicht gut.´´

Das ist super, das klappt (etwas). Das möchte ich jetzt auch in dieser Kolumne probieren. Wo habe ich eigentlich echt Lust drauf, was lässt mich lächeln, tagträumen, wofür kann ich mich begeistern? Da wäre beispielsweise der Besitz eines kleinen Wohnmobils.

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Ein Freund von mir, ein Arzt, den ich in den Sozialen Medien kennen lernte, lebt diesen Traum. Ich kann das gut verstehen, ja geradezu nachspüren.

Auch ich versuche im Jetzt Träume zu leben, auch ich bin dagegen, immer zu sagen „Mach ich später“, weil, ihr wisst es und ich weiß es: ein „später“ ist nicht garantiert.

Mein FB-Freund postet manchmal Bilder: Nordsee, Ostsee, Spreewald, Harz … wir haben ein so schönes Land. Aber auch unsere Nachbarländer sind spannend. Ich habe schon einiges gesehen, aber allein in Frankreich gibt es so unfassbar viele schöne und interessante Ecken.

Mich fasziniert auch das Weserbergland. Oder einfach alles in ,sagen wir mal, fünfundsiebzig Kilometer Umgebung. Wo würde ich mit meinen Wohnmobil mal eine Nacht stehen wollen, wo gibt es Campingplätze? Welche Ritterburg muss ich unbedingt noch sehen?

Wie könnte mein Wohnmobil aussehen? Ich bin bescheiden. Es darf auch etwas hässlich sein. Klar – am liebsten hätte ich einen Volkswagen-Bus mit amtlicher California- oder Westfalia-Ausstattung. Aber das kostet.

Ich schau mal eben im Netz – was gibt es da für einen überschaubaren vierstelligen Betrag?

Einen Ford Transit Nugget für fünftausend Euro mit Innenausbau aus Holz.
Einen anderen Ford mit Reimo-Profi-Ausbau für sechstausend Euro.
Und einen grünen T4 Volkswagen-Bus zum selber Bestücken für fünftausend Euro und ein paar Zerquetschte.

Klar, echtes Geld, aber machbar. Es gibt tolle Karren. Jetzt zum Herbst oder Winter bestimmt etwas günstiger zu schießen …

Herzklopfen.

Ich stelle mir vor, dass ich mehrere Tage frei hätte. Ich steige einfach ein. Fahre ein paar Kilometer und halte erst mal nach einer Landschlachterei Ausschau. Es ist Wochentags, elf Uhr und ich hätte Lust auf eine zünftige Frikadelle. Oder auch zwei.

Es regnet. Na und? Ich habe mir alte Hippie-Musik mitgenommen. Fange jetzt erst mal entspannt an mit „Procol Harum“.

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Im nächsten Dorf gibt es einen kleinen Feuer-Teich. Da stelle ich mich hin und esse. Obwohl: Ich gehe vorher eine kleine Runde durch das Dorf, oder ich rolle mit meinem Non-Elektro-City-Roller, den ich vor über zehn Jahren für 27 Euro bei Real erstand.

Tolle renovierte Bauernhäuser. Wieder kommt mir mein großer Respekt und meine Achtung vor ehrlichem Handwerk in den Sinn. Ich bin darin nicht so gut. Das ist okay, vielleicht kann ich ja auch noch etwas lernen. Bestimmt sogar.

Da vorne ein Ladenlokal. Hier muss vor Jahrzehnten mal ein Bäcker gewesen sein. Wer weiß, wie lange er dort ansässig war, vielleicht über viele Generationen? Ein tolles Haus. Aber die Plastikfassade aus den Siebzigern schmerzt etwas. Da könnte man vielleicht was draus machen.

Ein älterer Herr kommt aus der Hauseinfahrt, fragt mich, warum ich fotografiere. Ich erkläre ihm, dass ich gerne im Sozialen Netzwerk von meinen kleinen Reisen und Alltagsfluchten erzähle. Und dass ich mich freue, wenn ich mich dann Jahre später an diesen Ausflug konkreter erinnern kann.

Er nickt freundlich, wirkt gesprächsbereit, ich traue mich und frage ihn, was er früher gearbeitet hat. Er antwortet, er hätte bei einem Opel Händler gearbeitet, vierzig Jahre lang.

Ich schwärme sofort von Commodore Coupe´ und Manta A und, dass ich leider nie gelernt habe zu schrauben, Autos aber super finde.

Er lächelt und sagt: „Guck mal hier!“ Im Hof steht ein Ascona aus den 80ern, Zweitürer, abgemeldet. Ich antworte: „Stark, ich finde ältere Zweitürer-Stufen wirklich schön.“ Natürlich unterstreiche ich nicht unhöflich, dass ich den runderen Ascona B viel schöner finde. Warum auch. Übertriebene penetrante Ehrlichkeit nervt.

Ich verabschiede mich und denke an die Frikadellen, die ich jetzt gleich am Feuerteich vor meinem Wohnmobil essen will.

Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Gemessenen Schrittes lustwandele ich noch ein wenig durch dieses vermeintlich unspektakuläre Dorf und fühle mich wohl hier. Es riecht nach Land. Hier noch mal links, dann müsste ich wieder am Feuerteich sein.

Okay, eigentlich sitze ich hier vor dem Rechner und gehe nicht zu meinem T4, Transit oder auch ausgebauten WoMo-Pickup.

Aber dieser kleine Kolumnen-Tagtraum hat mich mal kurz rausgerissen. Hat mich mal nicht an von-der-Leyen-Narrative oder die kommenden Rechnungen für meine Musikschulräumlichkeiten-Beheizung denken lassen. Dafür danke ich mir herzlich.

Ich hoffe, dass ich manche von Euch und Ihnen auch kurz zum Tagträumen gebracht habe.

Quelle: privat

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