Leben ist auch in der Provinz möglich. Mach was daraus!

Traumvilla im Harz für ‘ne kleine Mark

von Jan-Heie Erchinger

Wenn nur aus urbanem Großstadt-Blickwinkel Politik gemacht wird, kippen der ländliche Raum und Kleinstädte hinten runter. Die Politik sollte das viel mehr im Blick haben.© Quelle: Pixabay / David Mark

Ich träumte schon immer von einer echten Villa. Gerne mit Fischgräten-Parkett und über hundert Jahre alt. In den großen Städten, in denen ich mich zuhause fühle, ist das illusorisch.

Klar – vielleicht lande ich noch mal einen Hit, vielleicht kommt irgendeine Erbtante aus den USA um die Ecke, vielleicht werde ich Innenminister.

Aber so richtig wahrscheinlich ist das alles nicht, das kann ich als studierter Mathe-Lehrer stochastisch überschlagen und locker zugeben.

Aber eins ist definitiv so: Wohnraum im ländlichen Raum, auch in vermeintlich provinziellen Kleinstädten wie meiner geliebten Geburtsstadt Osterode am Harz ist bezahlbarer als in Hamburg, Köln, Frankfurt oder München. Ob nun zur Miete oder zum Kauf.

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My Home is my Castle: Das einzig Gute an Corona war meiner Meinung nach, dass das Arbeiten im Home-Office geübt wurde, ja, dass die Digitalisierung einen echten Schub bekam. Es wurde bewiesen, dass bei funktionierendem Internet Arbeit von zu Hause aus in einigen Bereichen gut machbar ist.

Ich finde nachvollziehbar, dass einige Firmen nicht gänzlich auf Präsenz ihrer Mitarbeiter verzichten wollen, aber mehr als ein, zwei Tage pro Woche muss das oft nicht sein. Manche Tätigkeiten funktionieren sogar gänzlich ohne wöchentliche Präsenz. Da genügt auch eine Zoom-Konferenz.

Und dieser Sachverhalt ist ein Top-Argument pro „Wohnen in der Provinz“. Nein, man muss nicht zwingend urban in fetterer Großstadt hausen, die Digitalisierung hat das für viele von uns viel entspannter und flexibler gemacht.

Beispiel Osterode am Harz: Man stelle sich vor, die eigentliche Arbeitsstelle wäre in Göttingen oder sogar Braunschweig oder Hannover. Einmal wöchentlich dorthin zu pendeln ist klar machbar. Seiner Familie kann man aber eine viel gehobenere Wohnsituation in der Provinz realisieren, für das gleiche Geld.

Nein, Kulturangebote wie Regie-Theater in einer kleinen Großstadt sind kein schlüssiges Argument, zwingend vor Ort zu wohnen. Denn mir kommt es so vor, dass einige in der größeren Stadt einfach die Nähe von Museen oder Theatern wohlig feiern, sich letztlich aber gar nicht so oft dort aufhalten.

Das Argument der Jugend, dass eine Großstadt für junge Menschen mehr zu bieten hat, ist ehrlicherweise aber nicht pauschal von der Hand zu weisen.

Aber man kann ja dann auch öfter mal in die größere City fahren, optional auch mit Unterbringung in günstigem Hotel oder Jugendherberge.

Ich kann mir vorstellen, dass das urbane City-Programm von Menschen aus der Provinz mit echten Interessen an Museen, Theatern, Clubs unter dem Strich gar nicht so viel weniger genutzt wird, vielleicht sogar noch bewusster und mit mehr Begeisterung, weil man ja eine Wegstrecke hinfahren muss.

Manche Städter sind satt oder gar nicht interessiert. Die Klischees von der Theater-Abo-Familie und der vermeintlich nur an frisierten Mopeds (schöner alter Begriff) interessierten Dorfjugend sind nach meinem Eindruck überholt. Es gibt total desinteressierte Städter und absolut literatur- und theaterbegeisterte Dörfler.

Eins ist aber klar: Wenn man aus der Provinz auch an städtischer Kultur- und Shopping-Infrastruktur teilnehmen will, bedarf es keiner ideologischen Verteufelung des Individualverkehrs.

Ein Auto ist auf dem Land oder im suburbanen Raum notwendig. Hier darf nicht auf die Leute runtergeguckt oder die Nase gerümpft werden, wenn sie Auto fahren. Das gilt auch für Verbrenner.

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Man sollte Leuten, die sich bewusst für die Provinz entscheiden, sogar dankbar sein! Wohnraum ist besonders in Ballungsräumen knapp und teuer. Es ist gesellschaftlich förderlich, wenn einige den Druck aus dem Kessel nehmen.

Es ist für uns alle gut, wenn die Wohnproblematik entstresst und entzerrt wird. Meiner Meinung nach muss das Wohnen in der Provinz sogar politisch konsequent gefördert und vor allem wirklich unterstützt werden.

Und so könnte es funktionieren: Ausbau von ÖPNV, Ausbau von Breitband-Internet, überhaupt Ausbau von Infrastruktur – auch bewährte Autobahnen sind willkommen. Was ist denn aus der Idee A39 geworden, welche die Region Braunschweig mit Hamburg verbinden soll? Sie wird seit Jahrzehnten nicht realisiert.

Wenn sich eine Familie im Vertrauen auf eine Umsetzung des versprochenen Autobahn-Baus vor zehn Jahren in Uelzen niedergelassen hat, verstehe ich gut, wenn sie sich heute von der Politik verraten und verkauft fühlt.

Ich träume weiterhin davon, irgendwann auch in einer schönen Gründerzeit-Villa zu wohnen, idealerweise mit schwarzem Flügel im Kamin-Zimmer. Vielleicht klappt es ja noch. Aber eben sicherlich nicht zwingend in Hamburg-Blankenese oder Berlin-Dahlem.

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