Was sehen Sie für sich?

Turners kämpfende HMS Temeraire – Ein Sinnbild unserer Zeit

von Sascha Rauschenberger

William Turner, „The Fighting Temeraire“© Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/The_Fighting_Temeraire

William Turner malte 1838 das Bild „The Fighting Temeraire“, die von einem Dampfschlepper zur Abwrackwerft gezogen wurde. Das besondere Licht war damals für mehrere Jahre weltweit vorherrschend. Es war durch Staubpartikel verursacht worden, die ein indonesischer Vulkan ausgestoßen hatte. Heute würde das natürlich andere Ursachen haben…

Von Sascha Rauschenberger


Doch zurück zum Schiff und dem Bild. Die HMS Temeraire war nach einem Beuteschiff, das in den Napoleonischen Kriegen dem Feind in einer Seeschlacht abgerungen und dann der Royal Navy einverleibt worden war, benannt. Sie war eine Berühmtheit. Sie war legendär. Sie war etwas, was damals jeder kannte, respektierte und als nationales Erbe ansah. Sie war ein schwimmender Triumph in schwerer Zeit über einen Feind, der kurz davor gestanden hatte Großbritannien zu besiegen. Sie war ein schwimmendes Denkmal britischer Geschichte hin zum Empire.

Aber, und das ist das Besondere an dem Bild, obwohl sie einst ein Großkampfschiff ähnlich der berühmten und bis dato bewahrten HMS Victory, Nelsons Flaggschiff vor Trafalgar 1805, war, kannte sie 1838 kaum noch jemand. Das alte Schlachtschiff war vergessen, entwaffnet, abgetakelt und schon halb verrottet. Nicht nur der Zahn der Zeit hatte an ihr genagt, sondern etwas viel schlimmeres als das oder Bohrwürmer: Sie war technisch komplett veraltet, überholt und absolut „old school“…

Segelkriegsschiffe hatten ihre Zeit überlebt. Die Dampfmaschine und ihre neuen militärischen wie industriellen Möglichkeiten wiesen den Weg in die Zukunft. In die Moderne Welt. Der vermeidlich besseren Welt.

Turner wählte sein Motiv vor der Kulisse des besonderen visuellen Augenblicks des angegriffenen Himmels, der selbst durch den Vulkanausbruch gezeichnet war. Bei Windstille wurde der einstige Stolz der Nation segellos, waffenlos und nun ruhmlos abgeschleppt. Hilflos der Moderne und dem Wandel der Zeit ausgeliefert. Wohl auch kommentarlos vom Umfeld wahrgenommen; wenn überhaupt beachtet.

Alte Veteranen standen wohl mit Tränen in den Augen am Kai. Für sie war das alles mehr als ein altes Wrack, dass nun seinem Ende entgegen geschleppt wurde. Es war ein Symbol für die Stärke, die es gebracht hatte, um damals gegen Napoleon standhalten zu können. Sich behaupten zu können, gegen den damaligen Zeitgeist der Revolution, der Kirchen genauso schändete wie die eigene Geschichte. Europa unterwarf aber das eigene Land nie erreichen konnte. Dank 300 Schiffen der Royal Navy und ihren abertausenden von Männern an Deck.
Als Europa dem damaligen Zeitgeist anheimfiel, stand die Navy im Kanal und wehrte sich. Garantierte Freiheit und Unabhängigkeit der britischen Nation. Gegen den Rest der Welt, denn gekämpft wurde nicht nur im Kanal sondern auch vor Indien, in der Karibik, in Nordamerika und vor Afrika. Es war ein Weltkrieg. Und in diesem Krieg hatte man mit diesem 1798 gebauten Schiff gekämpft und gewonnen. Dem Empire damit Raum und Halt gegeben, und all das begründet, was 1838 als selbstverständlich galt.

Man verfrachtete diese alten Segelkriegsschiffe, die nun auch noch überzählig waren, zu dutzenden in die Abwrackwerften, um ihr Holz zu verwerten. Viele überdauerten auch bis nach dem zweiten Weltkrieg, weil sie als Wohnschiffe für Matrosen genutzt wurden, die Lehrgänge absolvierten. Sie lagen in Häfen der Navy und sparten so den Bau von Kasernen.

Doch was sagt uns dieses Bild, uns, die wir nun um die Hintergründe wissen, uns, die wir Lebenserfahrung haben und noch die Zeit kannten, wo vieles, was heute selbstverständlich ist, erst erarbeitet wurde? Oder auch mühsam als Recht oder Standard erkämpft wurde?

Viele Menschen glauben, dass all das, was wir heute erreicht haben irgendwie von irgendwem und irgendwann hinzugewonnen wurde. So es nicht in das neue Schema X passt, ist es belanglos und wenn doch, dann ist es ein Grund zur kommentarlosen und unreflektierten Glorifizierung.

Wir erleben heute, dass Denkmäler gestürzt und Straßen und Plätze umbenannt werden, die es seit Jahrzehnten und zum Teil auch Jahrhunderten gab, um dem Zeitgeist ein neues Antlitz zu geben.

Altes und Bewährtes wird der Beliebigkeit anheimgestellt und der Bedeutungslosigkeit zugeführt. Mitunter auch nur, um für zehn lächerliche Minuten sein Konterfei in den willfährigen Medien zu präsentieren.

Die HMS Temeraire wurde abgewrackt. Doch die HMS Victory wurde bewahrt. Natürlich ist es nicht möglich alles zu bewahren, was geschichtlich Bedeutung erlangt hat, so es nicht in eine Schublade passt, doch darum ging es Turner mit diesem Bild nicht.
Er zeigte auf, dass das Alte dem Modernen durchaus weichen soll und auch muss, denn der Wandel der Zeit ist auch ein Teil der Evolution, die Charles Darwin später rein biologisch beschrieb aber schon Karl Marx gesellschaftlich begann zu definieren.

Dieses Bild beschreibt künstlerisch die Schwelle zwischen der damaligen alten Welt (Temeraire) und der Neuen (Dampfschiff). Zeigt den Fortschritt (Fahrt bei Windstille) auf und nutzt das globale Momentum des besonderen Lichts, das sentimental das Vergangene beleuchtet, aber auch eben diese Chance in der Geschichte betont, ohne zu verklären, zu belehren oder zu trauern. – Es würdigt diesen Übergang und betont dabei den Wert der Vergangenheit. Wertschätzt all die, die damals das ermöglicht haben, was fortan britisches Empire hieß.
Was daraus werden sollte, das größte jemals von Menschen errichtete Reich, konnte Turner damals nicht wissen. Auch nicht von der Kolonialgeschichte und ihren Folgen, für England, Europa und die Welt. Diese Auslegung wird heute mitunter faktenfrei hinzugedichtet…

Weiterlesen nach der Werbung >>>

Ihre Unterstützung zählt

Mit PayPal

Damals zeigte Turner uns, und dieser Gedanke ist nicht mit ihm oder der damaligen Zeit gestorben, dass die Basis des „Hier und Jetzt“ immer(!) die Vergangenheit ist und all die Werte, die damals diese Vergangenheit prägten. Im Guten, wie im Schlechten, denn so gehören sie zusammen. Wie Licht und Schatten oder Jing und Jang, um es fernöstlich zu beschreiben. Auch das zeigt, dass dieser Gedanke nicht nur hier so gesehen wird und wurde.

1838 kämpfte die HMS Temeraire nicht mehr. Sie fügte sich. Anders als die HMS Warspite, dem mitunter berühmtesten Schiff der britischen Flotte im Zweiten Weltkrieg. Auf der Schleppfahrt zur Abwrackwerft rissen die Trosse und das Schiff strandete im Sturm. Musste vor Ort abgewrackt werden, was die Gewinnmarge schmelzen und Proteste wachwerden ließ. Viele wollten das Schiff erhalten. Man kämpfte für die Vergangenheit, aber letztlich entschied die Wirtschaftlichkeit, denn die Warspite saß fest. Anders als die Temeraire hatte sie sich ihren letzten Liegeplatz selbst gesucht.

Vielleicht – und das ist ein Vorschlag – sollten auch wir einmal alles, was als so modern erscheint, dahingehend hinterfragen, ob der Kahlschlag all dessen, was nun so unmodern, unwoke und „old school“ ist, nicht seine Berechtigung hat.
Vieles wird uns als alternativlos verkauft und in das Licht der absoluten Notwendigkeit gerückt.
Marx beschrieb ein paar Jahre nach diesem Bild mit seinem „Kommunistischen Manifest“ und den darauf folgenden 24 Bänden „Das Kapital“ die bis dato zutreffendste Gesellschaftsbeschreibung, die je über eine „Ära“ formuliert wurde. Er fehlte an der Vision, was die Elektrifizierung an Wandel bringt. Aber er ahnte, wie sich das entwickeln könnte und widmete zwei seiner 24 Bände dem Thema, das schon König Salomon bewegte: Wer bewacht die Wächter?
Und dann widmete er sich dem WIE! –Kein Wunder, dass kein linkes Regime jemals Wert darauf legte auch diese Bände zu veröffentlichen. sic!

Turner war Künstler, kein Politologe, Soziologe oder Philosoph. Darum ist o.g. Gedankengang vielleicht auch durch mich falsch interpretiert worden. Kunst liegt im Auge des Betrachters und damit auch die Interpretation. Wer Kunst dann als entartet betrachtet und wie gewisse Bücher verbrennt oder verbietet, hat etwas grundlegend falsch verstanden.
Kunst ist wie der mittelalterlich Hofnarr zu sehen, der dem herrschenden Momentum den Spiegel hinhält. Turner tat das meiner Meinung nach sehr behutsam, rücksichtsvoll und in … stiller Würde getan!

Evolution ist nicht aufzuhalten; weder technisch noch sozial oder gar biologisch. Aber sie ist gestaltbar hinsichtlich der Risiken, Chancen und unvermeidlichen Opfern, die es immer gab und geben wird.

Die Temeraire wurde geopfert, was auch gut war. Stellen wir uns vor wir würden all solche großen Dinge bewahren. Wir müssten am Globus anbauen müssen. Darum ist das Werk Turners so wertvoll. Es verkleinerte die Dimension auf ein Bild und vergrößerte die Bedeutung des Schiffes für sein Land über die einstige Breitseite seiner Geschütze hinaus. Ließ sie sinnbildlich für die 300 Schiffe stehen, die das Empire kämpfend begründeten – im Leid der Besatzungen und im Pulverdampf erschufen.

Und damit zeigt uns Turner, dass nichts umsonst ist oder war, was im Leben wirklich zählt. Noch nicht einmal der Tod, denn auch der hat einen Wert für die, die willig sind darüber hinaus zu sehen.


Und nun einfach nochmal das Bild ansehen und wirken lassen… Was sehen Sie für sich?

Sascha Rauschenberger, geboren 1966 in Wattenscheid, ging nach dem Abitur zur Bundeswehr, wo er als Panzeraufklärer und Nachrichtenoffizier Dienst tat. Er diente, unter anderem auch als Reservist, in vier Auslandseinsätzen, zuletzt als Militärberater in Afghanistan. Als Analyst im Bereich Sicherheitspolitik schrieb er diverse Artikel u.a. auch zum Ukrainekonflikt und zur inneren Sicherheit. Seit 2000 ist er als Unternehmensberater im Bereich strategisches Projektmanagement und Arbeitswelt der Zukunft (Demographie / Future Work) tätig und Autor diverser Romane und Fachbücher.

Ihre Unterstützung zählt

Mit PayPal

Einen Kommentar schreiben

Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen. Aufgrund von zunehmendem SPAM ist eine Anmeldung erforderlich. Wir bitten dies zu entschuldigen.