Jemand, der ohne Abschluss was draufhat, imponiert mir mehr, als jemand, der mit Abschluss langweilt

Unsere Eliten: Ohne Berufsabschluss mit zweierlei Maß gemessen

von Jan-Heie Erchinger (Kommentare: 3)

Wer uns immer suggeriert, es gäbe gute und schlechte Wissenschaft, sollte wirklich noch mal zur Schule gehen.© Quelle: Pixabay / clareich

Natürlich gibt es fähige Leute, die keine Berufsausbildung abgeschlossen haben. Manchen sind Abschlüsse einfach egal, andere haben heftige Prüfungsängste, wieder andere langweilen sich schnell, haben kein Interesse, tiefer in bestimmte Themen einzutauchen.

Nein, man muss keinen Abschluss in was auch immer haben. Und wenn man dann trotzdem Karriere macht, werde ich diesen Leuten ihren fehlenden Abschluss erst recht nicht vorhalten.

Komisch wird es nur dann, wenn ausgerechnet Führungspersönlichkeiten, bei denen Abschlüsse offenkundig eher seltener sind, eine Art Wissenschafts- und Bildungsdünkelstil an den Tag legen.

Zweierlei Maß.

Wer lässt denn das Bildungsbürgertum am deutlichsten raushängen? Wer diskreditiert schnell Argumente oder Texte, in dem sie einer vermeintlich illegitimen oder anrüchigen Wissenschaftsecke entspringen? Wer ruft denn sofort „Quelle“ und erzieht sein Umfeld, unbedingt die Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Rundschau oder gleich die Öffentlich-Rechtlichen zu verlinken?

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Genau – Grüne und rot-grüne Leute. Und da gibt es dann den schönen alten Spruch: „Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen.“

Steine schmeißen – in den einschlägigen autonomen Zentren in Berlin und Hamburg über die Dekaden eher die Regel als die Ausnahme. Protegiert bis verniedlicht vor allem von ...? Genau: von Roten, Grünen und Dunkelroten.

Wenn ich an die unfassbaren Bilder vom G20-Gipfel in Hamburg denke und mir vergegenwärtige, dass der Verantwortliche und Cum-Ex-Vergessensprofi heute unser Bundeskanzler ist … Kurz nach dem G20-Gipfel in Hamburg war in Chemnitz eine Demo, zu der es nach einer tödlichen Gewalttat gegen einen Familienvater kam, eskaliert. Weil der damalige Verfassungsschutz-Chef Dr. Maaßen die Vorgänge im „Zeckenbiss-Video“ nicht als Hetzjagden bezeichnen wollte, haben Leute wie der Grüne Konstantin von Notz ihn solange hart kritisiert, bis dieser nicht mehr im Amt war. Es wurde also sehr streng und mit maximalen Forderungen gegen einen Menschen gearbeitet und kampagnenartig immer wieder nachgelegt, bis dieser wegen “Nichts“ sein hohes Amt verlor.

Zweierlei Maß.

Wer uns also immer suggeriert, es gäbe gute und schlechte Wissenschaft, sollte vielleicht doch noch mal zur Schule gehen. Wer Wissenschaft vor allem nutzt, um seine ideologisch motivierten Standpunkte zu untermauern, ist eben nicht wissenschaftlich offen, sondern wissenschaftlich einschränkend.

Wenn ich an die vielen ideologiegetränkten Wissenschaftler_***Innenenononnen denke, wenn ich daran denke, wie kreative Kritiker von Joanne Rowling bis Uwe Tellkamp in der internationalen Wokeness-Welt runtergemacht werden. Nein, da ist dann auf einmal niemand mehr nett und locker und offen und farbenfroh unterwegs.

Zweierlei Maß.

Wenn ich mir heute vergegenwärtige, wie unfähig mir manche Grüne in ihren Spitzenämtern vorkommen, finde ich, dass beispielsweise Robert Habeck schon lange als Wirtschaftsminister hätte zurücktreten müssen. Begründung: Fehlentscheidungen. Da hilft auch keine Richtlinienkompetenz von unserem G20-Helden.

Kommen wir zum nächsten Helden: Unser Bundespräsident ist nun doch nach Kiew gefahren. Er wurde ja vor ein paar Monaten direkt von Selenskyj ausgeladen. Jetzt durfte er doch noch kommen. Als Außenminister hatte Steinmeier einst mitverantwortet, dass man im Sinne Egon Bahrs die wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland pflegte. Das gilt heute in der Mainstream-Ecke als naiv und Sündenfall. Dass er heute nicht deutlicher zu der damals richtigen Politik des Wandel-durch-Handel-Versuchs steht, offenbart eine geradezu bemerkenswerte Wendehals-Kernkompetenz.

Ja, wir alle sind enttäuscht von Putin, trotzdem muss man doch nicht, was damals richtig war, heute komplett negieren. Sollen wir ernsthaft jetzt auch noch alles Handeln mit China infrage stellen, aber beispielsweise im Nahen Osten einen Bücklingstermin nach dem anderen dazwischenschieben?

Genau mein Humor.

Ich bin vom Thema abgekommen. Mir war wichtig, dass ich „eigentlich“ locker und fair urteilen und beurteilen wollte. Wenn aber dann über die Corona-Jahre und jetzt im Friedenspolitik-Kontext so brachial mit zweierlei Maß gemessen wird, werde ich eher unlocker im Formulieren.

Wenn ich daran denke – nur ein weiteres Beispiel von vielen – auf welche Art und Weise die so genannte Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim die MaiLab-Folge „Impfpflicht ist ok“ rübergebracht hat. Gerade der Anfang des Filmchens auf Youtube, wo sie so locker tut und den Kopf schüttelt … Was hat das mit Roten und Grünen zu tun? Alles. Diese Frau steht für die vermeintlich seriöse Wissenschaftssicht im Corona-Kontext, dafür wurde sie von unseren Mainstream-Medien aufgebaut. Alle anderen sind dann vermeintlich unseriös. Vor allem Impfpflicht gegenüber kritisch aufgestellten Menschen. Ich habe allerdings die Erfahrung gemacht, dass Grüne und Rote gegenüber Mai Thi maximal unkritisch sind. Sie wird als Verkünderin der Wahrheit angesehen. Lauterbachs Wahrheit.

Zweierlei Maß.

Aber verarzten wir gleich noch einen Patienten: Für mich ist es ja schon zu einem Bonmot geworden, was ich gerne nutze: „Zweierlei Heiko Maas“ … Dass ausgerechnet Heiko Maas, der über Jahre gegen zu viel Bürgerüberwachung und Lauschangriff argumentierte, dann das Netzwerkdurchsetzungsgesetz anschob, dessen Auswirkungen zu so viel Melderei und Bezichtigung im Netz führte – das ist zweifelsfrei Messen mit zweierlei Maß.

Ich freue mich in letzter Zeit oft über die Sendung „Achtung Reichelt“. Man kann sogar sagen, dass ich begeistert bin. Wenn ich meine Laune heben will, schalte ich dort in letzter Zeit einfach mal rein. Und seine letzte Sendung über Grüne und ihre Abschlüsse hat mich heute zu dieser Kolumne inspiriert und zu einigen lauten Lachern. Lachen ist gesund. Danke Julian Reichelt – das macht mir Spaß. Ich finde auch schön, dass er zum Schluss immer richtigerweise unterstreicht: „Sie sind mit ihrer Meinung nicht allein.“ Recht hat er.

Und trotzdem bleibe ich dabei: Jemand, der ohne Abschluss was drauf hat und was leistet, imponiert mir mehr, als jemand der mit Abschluss schnarchnasig langweilt.

Ihnen und Euch allen eine schöne abgeschlossene Herbstwoche.

(Quelle: privat)

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Kommentare

Kommentar von Arno Nühm

Ich habe auch nur ein abgebrochenes Studium vorzuweisen -- war aber danach keinen Tag lang arbeitslos, habe immer sofort eine Stelle gefunden (und zwar genau in dem Bereich, den ich noch mindestens 3 1/2 Jahre länger hätte studieren müssen, um einen offiziellen Abschluss zu haben).
Ich habe meistens weniger Probleme mit Aufträgen als die Kollegen mit Abschluss.
Im Gegensatz zu den meisten Grün*innen und SPD-/CDU-/CSU-*innen habe ich mich nicht dazu entschieden, den Abschluss per Ghostwriter o.ä. zu holen.
Entsprechend wenig vertraue ich den Abschlüssen und verdächtige die Unis (sogar in MINT-Fächern wie meinem), mehr Gehirnwäsche als Ausbildung zu betreiben.

Deshalb denke ich, der Abschluss ist unwichtig - aber wichtig ist, dass man Erfahrung in der echten Welt hat. 5 Jahre Berufserfahrung sind besser als 5 Jahre Studium (die 5 Jahre Studium sind aber wohl immer noch besser als 5 Jahre Nichtstun und Abschluss kaufen, wie so viele Politiker).

Ich denke, Grundvoraussetzung für einen Politikerposten sollten mindestens 5 Jahre Berufserfahrung sein (wobei es egal ist ob als Maurer oder als Professor - nur nicht in den üblichen "Politiker-Vorbereitungsberufen" wie Parteisekretär, Lobbyist, NGO-Aktivist in einer regierungsnahen NGO, ...)

Kommentar von Ulrike Stallbörger

Ich habe als Übersetzerin mit IHK Abschluss - zumindest im Angestelltenverhältnis - in all den Jahren stets weniger verdient als die Kolleginnen mit einem akademischen Abschluss. Mich hat das nie nennenswert gestört. Für Berufspolitiker sollte in meinen Augen ZWINGENDES Kriterium sein, für das Ressort, das jemand übernimmt, eine fachgezogene Berufserfahrung im "richtigen Leben" vorweisen zu können. Ich kenne die Kinderbücher von Robert Habeck nicht, unterstelle einfach mal, dass er davon etwas versteht. Und das ist ein wundervoller Beruf. Allein! Ich würde ihn einfach gerne mal fragen: "Wie zum Kuckuck kamen Sie darauf, dass Sie Wirtschaftsminister können?" Wenn jemand dahingegen - gerne auch ohne einen Universitätsabschluss - erfolgreich über 10 Jahre ein Unternehmen geleitet hat, dann versteht er vermutlich etwas von Wirtschaft. DAS würde jemanden in meinen Augen qualifizieren. Aber die absolute Fachfremde von Ministern in ihren jeweiligen Ressorts ist für mich die totale Katastrophe. Herzlichen Dank, Herr Erchinger, für den zauberhaften Musikbeitrag, den ich gleich mehrfach geteilt habe.

Kommentar von Peter Löcke

Zweierlei Maß kann ich bestätigen aus persönlicher Erfahrung. Leider habe auch ich mein Studium "erfolgreich abgebrochen", lediglich eine abgeschlossene Ausbildung vorzuweisen, mich ansonsten beruflich durchs Leben geschlagen. Eigentlich bin ich also nicht in der Position, die grünen Studienabbrecher zu kritisieren.

Andererseits: Ich habe mal zwei Jahre für eine kulturelle Einrichtung gearbeitet. Gehalt kam vom Staat. TvöD, früher sagte man BAT. Aufgrund meines nicht-akademischen Hintergunds am Ende der finanziellen Nahrungskette angesiedelt. Das ist ok. Recht schnell habe ich Arbeitsfelder übernommen, die nicht zu meiner eigentlichen Arbeitsplatzbeschreibung gehörten, weil nicht ausgelastet. Ob nun zusätzlich Buchhaltung, Content Management oder layouts für Broschüren. Warum 1000 Euro für nen Grafiker ausgeben, wenn ein Mitarbeiter das machen kann? Das waren Dinge, die ich mir autodidaktisch angeeignet hatte. Meine Frage nach einer Gehaltserhöhung musste leider abgelehnt werden. Begründung des Chefs? Das könne er in einem Antrag nicht rechtfertigen, weil ich leider keinen Bachelor, Master, etc habe. In der Tat waren meinem Chef, ein integrer Mann, die Hände gebunden.

Komisch nur: Im Bundestag sitzen Dutzende vor allem grüne Politiker mit nullkommanull Berufserfahrung und ohne jeden Abschluss. Deren 5-stelliges Monats-Salär lässt sich staatlich rechtfertigen. Eine Emilia Fester mit erfolgreich abgeschlossenen Praktika als Assistentin im Theater. Eine Ricarda Lang, deren größte Berufsleistung es bisher war, selbständig einen Bafög-Antrag auszufüllen (Highlight des Reichelt-Videos). Die Liste an Nichtqualifikation ließe sich unendlich fortsetzen.

Aber es gibt ja noch die grüne Intelligentia: Baerbock etwa mit einem kreativen, angepassten Lebenslauf und einem Völkerrechtsstudium in England. Nur spricht Sie noch schlechter Englisch als Deutsch, was nicht einfach ist. Habeck? Der kann zwar Aufsatz, nur leider keinen Dreisatz, was nicht schlecht wäre als Wirtschaftsminister.

Lange Rede, kurzer Sinn: Auf unterster Ebene braucht es zertifizierte Qualifikationen und Berufserfahrung, um evtl. 30 Euro mehr im Monat zu bekommen. Auf höchster Ebene braucht es außer einem Ideologie-Gesinnungsausweis nichts, um 15.000 Euro im Monat zu erhalten.