„Was haben die Bürger denn für Sorgen und Nöte? Ich kann das nicht verstehen.“

Unter der warmen Decke im Sorgenland

von Toddn Kandziora

Zurückbleiben werden diejenigen, die es sich nicht leisten können.© Quelle: Pixabay/rozsarita

Sollten die Sorgen und Nöte doch zu groß werden, dann haben die Verantwortlichen die finanziellen Möglichkeiten, rechtzeitig zur Seite zu springen, bevor der Lkw sie erfasst. Soll heißen: Sie verlassen das Land, bevor es zu spät ist. Zurückbleiben werden diejenigen, die es sich nicht leisten können.

Gestern führte ich ein Gespräch mit Freunden und Bekannten zu einem irritierenden Thema: Es ging um finanzielle Sicherheiten. Meinen Gesprächspartnern geht es gut. Sie gehören zu den Besitzenden – jedenfalls, was Eigentum, Rücklagen und einen gewissen materiellen Wohlstand angeht. Sie wurden nicht arm geboren. Gehören zumeist der Erbengeneration an. Und doch klagen sie auf hohem Niveau.

Ich hörte verwundert zu. Mich überkam der Eindruck, dass sie, trotz eines eigenen Hauses, weiterer geerbter Immobilien, beachtlicher Vermögenswerte und finanzieller „Rücklagen“, von existenziellen Sorgen geplagt wurden. Da ich ihre Sorgen nicht wirklich teilen konnte, hielt ich mich mit meinen zurück. Sie hätten meine Sorgen sowieso nicht verstanden, da diese weit unter ihrem Niveau lagen.

Mehrmals musste ich beim Zuhören an die SPD-Politikerin Elfie Handrick denken, die 2019 mit einer Interview-Äußerung auf sich aufmerksam gemacht hatte: „Was haben die Bürger denn für Sorgen und Nöte? Ich kann das nicht verstehen.“ Nun, irgendwie bin ich da bei ihr. Wenn auch ganz anders, als sie es wohl meinte.

Gesellschaftliche Sorgen und Nöte wie die innere Sicherheit und Migration werden in Gesprächen von mir nicht länger angesprochen. Die Diskussion darüber macht verdächtig, auf der bösen Seite zu stehen. Daher auch besser nicht über die immens steigenden Energiekosten sprechen, die Wirtschaft und Bevölkerung das Genick zu brechen drohen.

Allein der kleine Hinweis auf die Beschaffungsmöglichkeit günstiger Energie kann einen als Putinfreund diskreditieren. Dann doch lieber für den vier- bis fünffachen Preis über Indien mittels Tanker (wie lange noch?) beziehen. Statt relativ umweltfreundlich und CO₂-befreit über eine Ostsee-Pipeline. Hauptsache, das falsche Gesicht bleibt gewahrt.

Tja, welche Sorgen und Nöte hat der Teil der Bevölkerung, dem es (noch) gut bis besser geht? Die derzeitige Inflation scheint vielen nicht den Schlaf zu rauben. Ob das Stück Butter nun ein oder drei Euro kostet, der Liter Diesel 2,30 oder 3,20 Euro. Wo ist das Problem? Und wenn es keinen Treibstoff mehr an der Tankstelle gibt, dann kauft man sich eben einen energiebetriebenen Vorstadtpanzer. Finanziell ist der Kauf für viele Menschen kein Problem. Für den nötigen Strom sind mehrere tausend neue Windräder geplant. Die Räder für den Wandel werden schon rollen.

Eine Politikverdrossenheit, Sorgen, dass Politiker den Bezug zur Lebensrealität der Bürger verloren haben, kann ich nach den letzten Wahlergebnissen in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen nicht feststellen: Eine Mehrheit der Wähler gibt ihre Stimme weiterhin jenen Parteien, die seit Jahrzehnten für die heutigen Zustände verantwortlich sind und für jene verantwortlich sein werden, die noch kommen.

Ja, diese gute Mehrheit. Die ist schon so eine. Eine, die sich von gestrandeten Walen oder einer rechtlich nicht bestätigten, virtuellen Vergewaltigung derart blenden lässt, dass sie die schweren Lkws, die auf sie zurasen, nicht kommen sieht. Nicht sehen möchte: „Was haben die Bürger denn für Sorgen und Nöte? Ich kann das nicht verstehen.“

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Sollten die Sorgen und Nöte doch zu groß werden, dann haben die Verantwortlichen die finanziellen Möglichkeiten, rechtzeitig zur Seite zu springen, bevor der Lkw sie erfasst. Soll heißen: Sie verlassen das Land, bevor es zu spät ist. Zurückbleiben werden diejenigen, die es sich nicht leisten können. Die Parteien wählten, die einen Richtungswechsel zu versuchen wagten. Parteien, denen Wählerstimmen versagt wurden. Parteien, die die falschen Farben trugen. Parteien, die die Sorgen und Nöte von Bürgern verstehen und daher bekämpft werden.

Laut einer neuen Umfrage wollen mehr als zwanzig Prozent der befragten Deutschen im Alter von 14 bis 29 Jahren nach der Ausbildung oder ihrem Studienabschluss das Land verlassen. Aufhorchen bei dieser Studie sollten wir, dass es der leistungsbereite Teil der Jugend ist, dem im eigenen Land heute die Hoffnung zu bleiben fehlt.Ich werde bleiben müssen. Im vergehenden Land. Ohne Hoffnung, Jugend und finanzielle Möglichkeit einer Lebensveränderung. Doch das geht schon in Ordnung. Ein paar Querulanten müssen vor Ort ja die Stellung halten.

Spaß beiseite. Zurück zum Anfang des Textes. Habe ich Grund zur Klage? Viel Nein, wenig Ja.

Heute Morgen unter der Dusche. Ich habe das große Privileg, warm duschen zu können. Ich kann eine Toilette nutzen. Drücke auf einen Knopf und schwupps wird alles in die dörfliche Kanalisation gespült. Wie wunderbar. Zum Frühstück gibt es Eier vom Hühnernachbarn, Honig aus dem Nachbardorf, eigene Marmelade und Wildwurst von hiesigen Jägern auf selbstgebackenen Dinkelbrötchen. Lecker.

Ich habe ein trockenes Dach über dem Kopf. Wenn auch „nur zur Miete“. Ein weiches Bett und wärmende Decken. Fließend Strom und Wasser. Ich kann telefonieren. Welch ein Glück im Notfall. Von solch einem Luxus konnten selbst Könige und Fürsten einst nur träumen. Hinter dem Haus ist ein Garten mit Obstbäumen und Gemüsebeeten. Gärtnern macht Spaß, ist gut für die Gesundheit und bringt was ein. Habe ich Zahnschmerzen, so kann ich mich kurzfristig behandeln lassen. Habe ich gesundheitliche Probleme, ist mir ärztliche Versorgung garantiert. Noch im letzten Jahrhundert wären eine Blinddarmentzündung, eine Zahnwurzelvereiterung vielleicht ein Todesurteil gewesen. Habe ich hier Grund zur Klage? Nein. Habe ich nicht.

Sorgen jedoch, die habe ich wie ein jeder Mensch. Über dies und das. Im Großen wie im Kleinen. Meist, wenn es mir im Kleinen zu gut geht. Ich mache mir Sorgen um die vielen Brandherde auf der Erde. Um die Menschen, die dort leben. Die in Kriege geschickt werden, um für andere Interessen zu töten und getötet zu werden. Ich mache mir Sorgen um das eigene Land und seine Menschen. Um jene, die glauben, was sie zu glauben haben. Die für Lüge halten, was heute Lüge zu sein hat. Über diejenigen, die weiterhin Parteien und Politiker wählen, die mit Lügen Wahlen gewinnen und nach der Wahl die Wahrheit verbieten. Diejenigen, die Eide brechen, um das Wohl des Volkes zu mindern. Den Wohlstand zu senken.

Und ich mache mir Sorgen um die Aufrechten im Land. Die standhalten. Noch immer die Kraft aufbringen, gegen die Lüge zu halten. Die aufzuklären versuchen. Die nicht unter der Lüge zerbrechen. Sorge mich, dass sie gebrochen werden.

Es ist in der Tat nicht einfach, so ein Leben im Sorgenland.

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