Toddn Kandzioras Wochenrückblick 06/2021

Verhungern mit einem Kaninchen und einem Messer in der Hand

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Verhungern mit einem Kaninchen und einem Messer in der Hand
Durch die brave wie ängstliche Befolgung und Akzeptanz neuer Gesetze, Verbote und Verordnungen konnten im letzten Jahrhundert Politiker wie Diktatoren ihre Macht festigen und ausspielen. © Foto: Pixabay / Ryan McGuire

Unser Kolumnist Toddn Kandziora erinnert sich an den Gemüsegarten seiner Kindheit. Und an stundenlange Fußmärsche zur Grundschule und zurück. Auch Angela Merkel war mal Kind. Aber wohin führt ihr langer Marsch? Kandziora schaut derweil Richtung Brocken und sucht nach Antworten.

Ich hatte mir wirklich vorgenommen, in dieser Kolumne einige besonders delikate Aufreger und Vorkommnisse der letzten sieben Tage aus meiner persönlichen Sicht zu erzählen. Doch erst kam der große Schnee und dann las ich eine der wundersamsten Hochlichter deutscher Medienkopfzeilen: „Wintereinbruch im Winter“ (!?). Im Weiteren überschlugen sich die Meldungen und Ereignisse auf eine Weise, dass ich immer noch ehrfürchtig vor der Chuzpe unserer politischen Entscheider*innen vor meiner von Kaffee und Haferkekskrümeln ganz verklebten Tastatur sitze – in Ehrfurcht erstarrt vor derartiger Dreistigkeit.

Die trauen sich was! Und das immer mehr. EU-Ursula von der großen Unschuld bleibt im Impfstoffstrudel der Tradition entsprechend oben auf und reicht das Versagen einfach nach unten durch. Der Lock-, der Shut-, der was auch immer -down wurde am Mittwoch um weitere drei Wochen verlängert. Ungeachtet der eh schon kriechenden Wirtschaft und unser weiter dahin darbenden jungen Generation. Aber wer braucht diese Generation eigentlich noch und wofür? Die Grünen? Nein, die wollen laut ihrem neuen Grundsatzprogramm vom 22. November letzten Jahres keine „Deutschen“ mehr, sondern nur „Menschen“ im Land, nur so „Leute“ mit deren Hilfe sie sich ab Herbst eine Regierungsbeteiligung erhoffen. Wahrscheinlich durch eine allgemeine Briefwahl. Dann schaffen sie das schon.

Im Frühstücksradio wird so eben vermeldet, dass englische Virus-Mutanten die deutsch-tschechische Grenze und südafrikanische Virus-Mutanten die deutsch-österreichische Grenze überwinden – ein klassischer Zweifrontenkrieg. Daher werden diese Grenzen ab Sonntag geschlossen. Westwall, Ostwall, Radiomeldungen wie aus der Wochenschau als es schon knallte bzw. kurz vor der bedingungslosen Kapitulation.

Daher stellte sich mir beim Hören die Frage: Werden wir es dieses Mal schaffen mit zu kurzfristig erforschten neuen Wunderwaffen, Pardon, Impfstoffen, die tödlichen, über Landesgrenzen stürmende Virus-Mutanten abzuwehren? Gereicht es der angegriffenen Bevölkerungsgesundheit dieses Mal zum Vorteil einer beliebten Führer*in bedingungslos bis zur letzten Spritze zu folgen?

Die Infektionszahlen gingen in dieser Woche täglich zurück, und wird vielleicht morgen schon der Grenzwert von 50/100.000 unterschritten heißt es. Was beschließen daraufhin unsere politischen Bestimmer*innen? Sie senken von einem Tag auf den anderen den nicht zu überschreitenden Grenzwert. Was gestern richtig war, ist jetzt schon falsch, zu wenig ambitioniert.

Am heutigen Freitag ist auf einmal ein Wert von 35/100.000 auf sieben Tage der richtige. Sollte dieser im nächsten Monat vakant werden, steht wohl Zero-Covid als der einzig richtige Wert schon vor der Tür. Sie rücken sich ihre Covid-19-Welt zurecht, wie es ihnen beliebt. Nun, sie können das, denn sie wurden gewählt. Bedauerlich nur für mich und die meinen. Akzeptiert und befolgt von den Vielen und den Guten. Von ihren Wähler*innen.

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Ich frage mich indes immer öfter, was trennt mich eigentlich von diesen „Vielen und Guten“? Wieso bin ich so anders in meiner Wahrnehmung der heutigen Welt? Warum tue ich mich so schwer? Vielleicht ist es der Kindheit, der Jugend oder diesem öfter mal anstrengenden selbst gewählten Leben geschuldet. Ich bin geboren und aufgewachsen auf dem Dorf. Wir hatten zwei Gärten. Einen Gemüse- und einen Obstgarten. Das bedeutete viel Arbeit, aber auch viel Glück. Wir besaßen Schweine, Kaninchen und Hühner. Was wir aßen, das bauten wir zu einem großen Teil selbst an. Ich wurde früh schon mit Hausschlachtungen vertraut gemacht und das ich Respekt vor den Tieren zu haben habe, die getötet werden, damit wir zu essen hatten.

Die Grundschule war zwei Dörfer weit entfernt und ich lief den Weg zu Fuß. Eine Stunde hin. Eine Stunde zurück. Meine Wadenbeine danken es mir noch heute, fünfzig Jahre später. Und da lebe ich jetzt wieder seit mehr als zehn Jahren auf dem Land, habe einen großen Garten mit vielen Obstbäumen und arbeitsreichen Gemüsebeeten. Schaue ich im Garten arbeitend gen Süden blicke ich auf den Harzer Brocken. Schaue ich in Richtung Nord-Osten sehe ich die Anhöhen des Elm und eben schaue ich aus meinem Schreibzimmer über hohe Schnee verwehte Felder und kleine Hügel auf die Atom-Asse.

Was ich hier nicht zu sehen bekomme, sind Straßenschluchten, Autos, Busse, Straßenbahnen, Mietskasernen und Maskenmenschen. Das ich all das nicht sehe, das ich hier auf dem freien Land leben darf, frische Luft atmen kann, dafür bin ich mehr als dankbar in dieser Zeit. Meine Herzdame, die ebenfalls sehr „ländlich“ aufwuchs, die sagt zu Stadtmenschen, das wären die, die mit einem Kaninchen und einem Messer in der Hand verhungern würden. Mag so sein.
Wir Menschen auf dem Land sind tatsächlich anders. Wir lassen uns nicht so schnell ins Bockshorn jagen. Wir glauben den Menschen die wir kennen, mit denen wir aufwuchsen eher als denen, die von einem Bildschirm zu uns sprechen und uns neue Wahrheiten verkünden. So fühlen wir uns gut, so wollen wir auch bleiben. Überraschende Veränderungen die unser Leben beeinträchtigen mögen wir nicht.

Gestern Abend sprach ich mit einem Nachbar über den Schneefall der letzten Tage. Endlich wieder ein Winter der die Ratten und Mäusepopulation reduziert. Und ein Schnee, der den Gärten und Feldern und Wäldern gut tut wenn er schmilzt. Dann erinnerten wir uns eines Werbespruches der Bundesbahn aus den 1970er Jahren: „Wir kommen durch“. Damals war Schneekatastrophe – heute längst vergessen. Und die Bundesbahn kam tatsächlich durch. Und an! Heute ist das anders. Heute hat die Straßenbahn in der Stadt Probleme von Haltestelle zu Haltestelle zu gelangen. Oder ein LKW mit seiner Ladung von Bielefeld nach Hannover, wenn es zehn Zentimeter Neuschnee gibt.

Was ist nur in den letzten Jahrzehnten passiert, das eine Bevölkerung bei normalen Wetterveränderungen durch Ängste beeinträchtigt wird, das öffentliche Leben zum Stillstand kommt. „Wintereinbruch im Winter“. Eine Schlagzeile die manches erklärt.

Eine andere Schlagzeile, die mir Sorgen macht war die folgende, die vor Tagen in der WELT zu lesen war: „Für eine dritte Welle verweigert Merkel die Verantwortung“. Wer aber bitte schön – sollte eine „dritte Welle“ kommen – wird denn dann Verantwortung übernehmen? Wer ist bereit, wenn die „dritte Welle“ über das Land schwappt, den Job des Lotsen zu übernehmen, bzw. wer bleibt auf dem untergehenden Schiff dann an Bord, wenn selbst die Kanzler*in sich so ihrer Verantwortung entziehen will. Und ihre Verantwortung wiegt eh schon schwer genug! Will sie mit dann mit dieser finalen Veranwortungsverweigerung alle Verantwortung davor abstreifen? Das wird ihr hoffentlich nicht gelingen.

Ein letztes Wort. Die größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte geschahen im 20. Jahrhundert. Diese wurden einzig durch den zivilen Gehorsam der Bevölkerungen in den jeweiligen Ländern ermöglicht. Durch die brave wie ängstliche Befolgung und Akzeptanz neuer Gesetze, Verbote und Verordnungen konnten im letzten Jahrhundert Politiker wie Diktatoren ihre Macht festigen und ausspielen; auch weil viele Menschen wegen zu erwartender Repressalien, gesellschaftlicher Ächtung und in Angst gehalten es nicht mehr wagten zu protestierten, nicht bereit waren, gegen das drohende Unheil zu demonstrieren – nur deshalb konnten die großen Verbrechen des 20. Jahrhundert geschehen. Es scheint, wir Deutschen haben das vergessen. Oder wir wollen es nicht wissen. Beides wird das Schiff von seinem Kurs nicht abbringen.

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Kommentare

Kommentar von Anni Malis

Ich stimme dir fast 100%ig zu. Nur die Sache mit dem "Respekt vor den Tieren... , die getötet werden, damit wir zu essen hatten" ist total out. Da draußen in deinem Garten wächst soviel. Fast jede Pflanze oder Teile davon sind essbar (Wintervorräte für den Winter 😜 funktionieren gut). Das Töten von Tieren ist ein hierarchischer Gewaltakt und ein Grund für die Verrohung der Menschheit.
Und locke die Städter nur nicht ins Dorf, dann ist es mit der Idylle schnell vorbei.
Ich bin übrigens komplett aus dem Land geflüchtet. Leider wird fast weltweit das Corona-Spiel mitgespielt. Aber unter Palmen lässt es sich besser ertragen.
Halte die Ohren steif 🐰