„Ich weiß nicht, ob wir eine Chance haben, als Gesellschaft wieder zusammenzuwachsen“

Von der Entdämonisierung der Debatte

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Und jedes einzelne Mal, wenn ich diesen Ausdruck las, habe ich den Laptop fast verschreckt zugeklappt – so, als wäre ich gerade bei etwas gänzlich Unappetitlichem erwischt worden.© Quelle: Pixabay / Grayhawk

„Verschwörungstheorie“: An diesen Buchstaben klebte etwas, womit ich auf keinen Fall identifiziert werden wollte. War ich vielleicht ein Fall für die Sektenberatung – irgendwie psychisch auffällig?

„Wenn man das Element der Intention aus der Sprache entfernt, so bricht damit ihre ganze Funktion zusammen.“ Ludwig Wittgenstein

Viel ist in diesen Tagen die Rede von Waffen. Fernab der Wirklichkeit und Bedeutung der militärischen Auseinandersetzung in der Ukraine, möchte ich einen Aspekt dieses Wortes aufgreifen, der mich schon lange umtreibt.

Anfang letzter Woche las ich auf dieser Seite das Interview mit dem Enkel von Charles de Gaulle. Nachdem der Inhalt des Gespräches in mir nachgehallt hatte, war da etwas im Hintergrund, was ich zunächst nicht zuordnen konnte. So eine Art diffus positives Hintergrundrauschen.

Bis ich begriff: In dem Text war von „Gleichgewicht“ die Rede, von der „Aufrechterhaltung der guten Beziehungen“, von „Ehrlichkeit“ und „Transparenz“. Und gegen Ende des Interviews hat dieser Mann das Wort „Frieden“ gleich fünfmal benutzt! Das war auf eine Weise wohltuend, die mir sagt, wie wenig all diese Begriffe in unserer Sprache mittlerweile noch vorkommen. Und sei es nur als Option oder Vision. Alles ist „Kampf“ geworden – gegen rechts/Klima/Corona. Frieden findet nicht mal mehr als Vokabel einen Platz. Überall nur Waffen.

Sprache durch Worte ist einer von vielen Wegen zur Kommunikation. Für uns alle eine Art Alltagswerkzeug. Kommunikation, im besten Falle Berührung, entsteht für mich persönlich auch und oft viel unmittelbarer durch Musik, Malerei, Bildhauerei, unterschiedlichste Arten von Kunst. Ob Kommunikation über Worte gelingt, hängt von vielen Faktoren ab.

Was Körpersprache an der Stelle aussagen kann, hat vor ein paar Wochen sehr eindrücklich das Gespräch zwischen Hans-Georg Maaßen und Ralph Stegner bei Servus TV gezeigt. Man hätte den Ton getrost auf „stumm“ stellen können und hätte dennoch gewusst, wer der offenere Gesprächspartner war. Die herabhängenden Mundwinkel, der düstere Blick und die Vermeidung von direktem Blickkontakt des SPD-Politikers haben buchstäblich Bände gesprochen. Für mich war vom ersten Moment an spürbar, dass es ihm nicht um wahrhaftige Kommunikation, sondern um die Verhärtung von eigenen Positionen und Pauschalisierungen ging, und ich habe Herrn Maaßen bewundert für seinen Langmut in diesem Gespräch.

Neben vielem anderen hat Letztgenannter bei dieser Gelegenheit etwas ausgesprochen, was mir seit drei Jahren auf dem Herzen liegt. Nämlich, dass wir bei bestimmten Worten einfach nicht mehr differenzieren oder gar nachfragen, was sie bedeuten. Konkret ging es um den Ausdruck „rechts“, der nicht zu verwechseln sei mit „rechtsextrem“ oder gar „rechtsradikal“.

In Zeiten vor dieser Zeit hatte „rechts“ die Konnotation von wertekonservativ. Wir benutzen sie einfach, diese Worte, ohne sie zu reflektieren. Eigentlich soll sie uns Menschen dienen, die Sprache, um uns einem Gegenüber, wenn auch kontrovers, nähern zu können. Wie unglaublich missbräuchlich sie in der Vergangenheit benutzt wurde, wie sehr sie buchstäblich zur „Waffe“ geworden ist, wissen wir alle mittlerweile.

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Seit mehr als dreißig Jahren verdiene ich meinen Lebensunterhalt als Übersetzerin. Mehr als alle Wörterbücher und elektronischen Hilfsmittel dieser Welt gibt es zwei Hilfsmittel auf diesem Weg, ohne die ich verloren wäre. Das eine ist die Rücksprache mit den Autoren eines Textes. „Wie ist das gemeint? Wie kann ich das in der anderen Sprache rüberbringen, auch wenn es den einen Terminus dafür in diesem Land nicht gibt, weil die entsprechenden Begleitumstände oder Rechtssysteme (so) nicht existieren?“

Und das andere ist meine eigene „Sezierung“ bestimmter Worte. Was bedeuten sie für mich? Welche Assoziationen habe ich dazu? Wie kann ich sie umschreiben? Über manch einem Wort habe ich stundenlang gebrütet und die monatliche Überweisung an meine Berufshaftpflichtversicherung hat mich immer wieder daran erinnert, was alles schief gehen kann und welche verheerenden Folgen daraus möglicherweise resultieren. Kommunikation kann ein sehr fragiler Prozess sein.

In den zurückliegenden drei Jahren habe ich eine sehr lebendige Beziehung zu meinem persönlichen „Störenfried“ in Kommunikationsprozessen gehabt. Ich habe eine persönliche Fehde mit einem einzigen Wort ausgetragen: Die „Verschwörungstheorie“. Sie hat soviel Unheil in meinen Beziehungen angerichtet, dass ich gar nicht anders konnte, als mich ihr intensiv zu widmen.

Als mir im März 2020 erstmalig Links zu Videos geschickt wurden, die sich kritisch mit dem Thema Corona auseinandergesetzt haben, endete fast jede Recherche zu den jeweils zu Wort gekommenen Menschen mit dem Hinweis auf exakt diesen Ausdruck. Und jedes einzelne Mal, wenn ich ihn las, habe ich den Laptop fast verschreckt zugeklappt – so, als wäre ich gerade bei etwas gänzlich Unappetitlichem erwischt worden.

An diesen Buchstaben klebte etwas, womit ich auf keinen Fall identifiziert werden wollte. War ich vielleicht ein Fall für die Sektenberatung – irgendwie psychisch auffällig? So sehr ich heute auch darüber schmunzeln muss – es hat mir zugesetzt, dieses eine Wort. Aber nur so lange, bis ich es für mich persönlich „seziert“ hatte. Mit Worten verhält es sich zuweilen wie mit Dämonen. Nur unerkannt und unbenannt können sie ihr Unwesen treiben. Sind sie erst einmal enttarnt, haben sie jede Macht verloren.

Ich möchte hier nicht auf den politischen und medialen Ursprung dieses Ausdrucks eingehen, das alles lässt sich an anderer Stelle nachlesen. Ich möchte eher beschreiben, was dieses eine Wort in mir ausgelöst hat.

Verschwörung? Was ist das? Wo hat das in meiner Lebenswirklichkeit schon mal stattgefunden? Als unsere Tochter drei Jahre alt war, haben wir als Eltern bestimmte Dinge, von denen wir nicht wollten, dass sie sie versteht, in einer anderen Sprache ausgedrückt.

Ich bin nicht stolz darauf und würde das heute nicht noch mal so machen, aber damals schien uns das ein probates Mittel in bestimmten Situationen zu sein. Haben wir uns in solchen Momenten gegen sie verschworen? Natürlich. Und wenn es uns als Eltern möglich war, uns zumindest Momente weise gegen unsere Tochter zu verschwören, warum kann und will dann niemand diese Bereitschaft zur Verschwörung Politikern und Eliten unterstellen, deren Antrieb Macht und nicht Liebe ist?

Nachdem ich dieses eine Wort für mich persönlich „entdämonisiert“ hatte, konnte ich mich unbelastet mit kritischen Inhalten auseinandersetzen. Egal, um welche Krise es gerade geht – die Worte und Diffamierungen passen sich an. Sie schießen wie Pilze aus dem Boden – so schnell können wir gar nicht gucken bzw. lesen.

Die „Verschwörungstheorie“ wird in meinem Empfinden auch in Zukunft als „ultima ratio“ im Hintergrund bleiben. Eine Karte, die sich in jedem Fall ziehen lässt, um den anderen mundtot zu machen oder seinen Ruf zu schädigen. Warum sollten sich Medien und Politik von einem Wort verabschieden, das so erfolgreich eine ganze Gesellschaft gespalten hat?

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Ich weiß nicht, ob wir eine Chance haben, als Gesellschaft wieder zusammenzuwachsen. Wie schon an anderer Stelle geschrieben – in meiner Wahrnehmung weicht da gerade etwas auf. Aber diese Prozesse brauchen Zeit, die unbedingte Bereitschaft zuzuhören, nachzufragen, selbst zu definieren und auch ein gerütteltes Maß an Offenheit, den eigenen Kurs – sofern erforderlich – zu korrigieren. Und wenn man sich am Ende zunächst nur darauf einigen kann, dass beide Gesprächspartner etwas nicht mit schlussendlicher Sicherheit wissen, dann ist in meinen Augen schon viel gewonnen.

Vor ein paar Tagen bin ich über ein Zitat des Philosophen Ludwig Wittgenstein gestolpert: „„Wenn man das Element der Intention aus der Sprache entfernt, so bricht damit ihre ganze Funktion zusammen.“ Wenn wir uns mit Menschen, die uns vor dieser verrückten Zeit nahestanden, darauf einigen können, dass diese eine Wort gezielt und als verbale „Waffe“ genutzt wurde, um uns gegeneinander aufzuhetzen, haben wir dann nicht schon viel gewonnen?

Könnte das nicht ein erster Schritt sein, nach drei Jahren, in denen Kommunikationswege so sehr belastet waren, den „Rückweg“ anzutreten? Wenn Worte eine so große Macht entfalten können, um eine ganze Gesellschaft zu spalten und Krieg in unserem Bewusstsein zu implementieren, was spricht dagegen, dass sie umgekehrt den Weg zur Verständigung wieder ebnen können?

Ich formuliere all das bewusst als Frage. Ich kann nicht einschätzen, ob 2023 wie an mancher Stelle vermutet, wirklich das Jahr der Aufarbeitung wird. Vieles im großen Bild liegt nicht in meiner Hand, aber viel „klein“ wird auch irgendwann „groß“. Und ich kann sie spüren, die irgendwie „luftleeren“ Momente, in denen meine Rückmeldung „Was bedeutet dieses Wort denn für dich?“ bei meinem Gegenüber eine irgendwie geartete Stille und Nachdenklichkeit auslöst. Es geht in meinem Empfinden schon lange nicht mehr darum, ob wir in der Sache – Impfung oder nicht, Waffen oder nicht – einig sind.

Im Gegenteil. Die Kontroverse macht uns reicher. Aber wenn wir uns einig sind, dass ein einziges Wort ganze Gesellschaften in allen Teilen dieser Welt gespalten hat, dann könnte das zu einer „Wucht“ führen, mir der die andere Seite nicht gerechnet hat. Ich mag das alles hier noch nicht verloren geben.

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