Christopher Nolans „Odyssee“

„Die Odyssee“ - besser spät als nie

von Corinne Henker

Matt Damon überzeugt als alternder Odysseus© Quelle: https://www.amazon.de/Odyssey-Complete-Screenplay-Christopher-Nolan/dp/0571403387 , Screenshot

Schon als Kind war ich ein großer Fan der antiken Sagenwelt, Christopher Nolans „Odyssee“ war also Pflichtprogramm. Zu meinem Leidwesen habe ich es jetzt erst ins Kino geschafft - meine Rezension kommt also viel zu spät für potentielle Kinogänger, aber vielleicht noch rechtzeitig für die Streaming-Entscheidung.

Von Dr. Corinne Henker

Meine alte Liebe zu Ilias, Odyssee und all den anderen griechischen Mythen gründet sich auf die Versionen von Gustav Schwab, die in der DDR relativ leicht zu bekommen waren. Auch Heinrich Schliemanns Bericht über die Ausgrabungen von Troja habe ich als Teenager verschlungen. Später interessierte ich mich zunehmend für den historischen Kontext von Homers Epen.

Nolans „Odyssee“ wurde unter anderem dafür kritisiert, dass sie sich nicht ausreichend an Homers Original hält - zu wenig Götter, zu viele Anspielungen auf historische Zusammenhänge. Mich begeisterte genau das. Deshalb hier zunächst der Versuch einer kurzen historischen Einordnung des Troja-Mythos.

Bekanntlich entdeckte der deutsche Hobby-Archäologe Heinrich Schliemann um 1870 die Ruinen einer bronzezeitlichen Stadt bei Hisarlik in der Türkei, die er als das antike Troja interpretierte. Die reale historische Bedeutung dieser Stadt ist bis heute umstritten https://de.wikipedia.org/wiki/Tübinger_Troja-Debatte , aber es deutet einiges darauf hin, dass der Trojanische Krieg zumindest in groben Zügen einen historischen Hintergrund in den Konflikten der Bronzezeit hatte. Die von Schliemann entdeckte Stadt besteht aus mehreren Schichten, die Schicht Troja VIIa wurde um 1190/80 v. Chr. durch einen Großbrand zerstört und wird heute meist mit Homers Troja gleichgesetzt.

Das antike Troja war eine Handelstadt in strategisch günstiger Lage an der Meerenge der Dardenellen, die so die Handelsrouten zwischen Mittelmeer und Schwarzem Meer kontrollierte. Die Stadt gehörte (unter dem Namen Wiluša) vermutlich zum Einflussbereich der Hethiter https://de.wikipedia.org/wiki/Hethiter , die in der Bronzezeit große Teile Kleinasiens beherrschten. Im Westen gerieten sie damit in Konflikt mit den Mykenern https://de.wikipedia.org/wiki/Mykenische_Kultur - der ersten Hochkultur auf dem griechischen Festland. Bis heute ist unklar, ob es ein mykenisches Reich gab oder mehr oder weniger unabhängige Stadtstaaten. In hethitischen Schriften aus dem 15.-13. Jahrhundert v. Chr. findet man Hinweise auf ein Reich (oder einen Staatenbund) namens Ahhijawa https://de.wikipedia.org/wiki/Aḫḫijawa, der heute meist mit dem mykenischen Staatenbund gleichgesetzt wird: Homers Achäer.

Um 1200 v. Chr. gingen sowohl das hethitische Großreich als auch die mykenische Kultur unter. Dieser kulturelle Umbruch wurde einer Invasion durch „Seevölker“ https://de.wikipedia.org/wiki/Seevölker unklarer Herkunft zugeschrieben, unter der selbst das ägyptische Großreich zu leiden hatte. Nach heutigen Erkenntnissen ist der Auslöser eher in einem plötzlichen Klimawandel zu sehen, der zu ausgedehnten Dürrephasen, Ernteeinbrüchen und Völkerwanderungen führte.

Sowohl die Mykener als auch die Hethiter hatten indogermanische Wurzeln. Die Indogermanen (Indoeuropäer) hatten ihren Ursprung vermutlich in den Steppen der heutigen Ukraine und Süd-Russlands. Sie lebten als Viehzüchter und Ackerbauern und nutzten als eines der ersten Völker Pferde und (Streit-)Wagen. Ab etwa 2000 v. Chr. breiteten sie sich in alle Himmelsrichtungen aus, mit ihnen kamen auch die Streitwagen (die in Homers Ilias eine so große Rolle spielen) nach Südosteuropa und Kleinasien.

Vom Phänotyp waren die Indogermanen für die damalige Zeit recht groß (um 1,75 Meter) und hatten einen kräftigen Körperbau, relativ helle Haut, meist dunkle Haare und Augen. Allerdings trugen sie die Gene für sehr helle Haut, blonde Haare und helle Augen in sich, die sich während ihrer Ausbreitung nach Europa insbesondere in der späten Bronzezeit immer mehr durchsetzten https://www.youtube.com/watch?v=d48bhkOiEuA&t=10s . Homers Mykener dürften demnach eine große Ähnlichkeit mit den heutigen Mitteleuropäern gehabt haben. Die mykenische Schönheitsikone Helena, Tochter des Königs von Sparta (oder des Zeus?), war also mit großer Wahrscheinlichkeit blond und helläugig, vielleicht auch rothaarig, aber mit Sicherheit nicht dunkelhäutig wie in Nolans „Odyssee“.

Damit wären wir bei meinem Hauptkritikpunkt an Nolans Werk: die Besetzung. Die Hauptdarsteller überzeugten größtenteils, aber die vielen dunkelhäutigen oder asiatischen Nebendarsteller wirkten extrem deplatziert. Neben Helena und ihrer Schwester Klytaimnestra sind es auch der dunkelhäutige Rapper Travis Scott als Barde in Odysseus’ Palast oder Elliot Page als Sinon, die zumindest bei mir ein deutliches Störgefühl hinterließen.

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Die Mykener hatten ausgedehnte Handelsbeziehungen mit Kleinasien, vermutlich auch mit Ägypten und Sizilien, aber nicht mit China, Indien oder Afrika südlich der Sahara. Odysseus’ „bunte“ Mannschaft steht somit in extremem Widerspruch zu Nolans historischem Anspruch - der an anderer Stelle durch den Bezug auf die Seevölker oder die Bronzezeit immer wieder deutlich wird. Man vermutet, dass diese offensichtlichen Fehlbesetzungen auf die RAISE-Standards der Oscar-Akademie  https://www.oscars.org/awards/representation-and-inclusion-standards zurückzuführen sind: um die Chance für eine Oscar-Nominierung als bester Film zu erhalten, müssen gewisse Quoten für „unterrepräsentierte Gruppen“ (ethnische Minderheiten, Frauen, LGBTQ+, Behinderungen) eingehalten werden - egal, ob es zum Thema des Filmes passt oder nicht. Man könnte also böswillig formulieren, dass Nolan die filmische Qualität den Diversity-Vorgaben geopfert hat, um seine Oscar-Chancen zu verbessern.

Wenn man es aber schafft, diese nervige Diversity-Propaganda auszublenden, kann man die „Odyssee“ tatsächlich genießen. Die Geschichte wird auf verschiedenen Ebenen erzählt. Während auf Ithaka Penelope und Telemachos mit der Invasion der „Freier“ kämpfen, ringt Odysseus bei Calypso mit seinem Kriegstrauma und erinnert sich nur mühsam an seine Erlebnisse. Seine Rolle beim Fall Trojas, die Begegnungen mit dem Zyklopen Polyphem und den Laistrygonen, die Besuche bei der Zauberin Circe und im Hades, die Sirenen, Skylla und Charybdis, die Rinder des Sonnengottes auf Thrinakia und schließlich die Jahre mit Calypso wurden bildgewaltig und ohne größere Längen auf die Leinwand gebracht.

[Matt Damon überzeugt als alternder Odysseus. Von einigen Kritikern wurde bemängelt, dass in seiner Darstellung nicht der von Homer bewunderte Witz und Listenreichtum im Vordergrund steht, sondern das erschütternde Kriegstrauma. Wenn man jedoch seine Vorgeschichte betrachtet, erscheint dies stimmig: Odysseus wollte ursprünglich nicht an Agamemnons Feldzug teilnehmen, stellte sich wahnsinnig und konnte nur durch eine List des Palamedes entlarvt werden https://de.wikipedia.org/wiki/Palamedes.

[Auch Anne Hathaway als Odysseus’ treue Gemahlin Penelope und Robert Pattinson als hinterlistiger Freier Antinoos liefern eine überzeugende Darstellung ab. Tom Holland wirkte als Telemachos zunächst etwas befremdlich, aber das änderte sich, nachdem es mir gelungen war, „Spiderman“ auszublenden. Charlize Theron bot eine gute Darstellung der Calypso, Jon Bernthal („Punisher“) war ein sehr interessanter Menelaos. Lupita Nyong’o ist sicher eine ausgezeichnete Schauspielerin, aber in der Rolle der Helena (und Klytaimnestra) war sie absolut deplatziert. Zendaya begeisterte mich in „Dune“, doch in der „Odyssee“ als Athene(-Priesterin) deutlich weniger.

Eine häufig wiederkehrende Rolle in der „Odyssee“ spielt das „Gesetz des Zeus“: Jeder Fremde muss mit dem Respekt behandelt werden, den man für sich selbst wünscht. Im engeren Sinne meint es das Gesetz der bedingungslosen Gastfreundschaft: Reisende oder Bettler müssen mit Nahrung, Unterkunft und Schutz versorgt werden - denn es könnte sich um einen verkleideten Gott handeln. Die „Freier“ um Penelopes Gunst brechen dieses Gesetz, indem sie sich jahrelang in Odysseus’ Palast auf Ithaka einnisten, sich bewirten lassen und die Hausherrin, ihren Sohn und das Personal schikanieren. An was erinnert mich das bloß?

Kein wichtiger Hollywood-Film kommt heute ohne Moral aus, die Moral der „Odyssee“ ist der Pazifismus. Odysseus, Menelaos und Agamemnon werden weder als Helden noch als glorreiche Sieger dargestellt. Am Ende gelangt Odysseus zu der Erkenntnis, dass es die Sieger von Troja selbst sind, die nun als „Seevölker“ Schrecken und Chaos verbreiten. Homers Helden mussten alle auf die eine oder andere Art für ihre Taten büßen, die Botschaft lautet: Der Krieg kennte keine Sieger. Diese Botschaft kann meiner Meinung nach gar nicht oft genug wiederholt werden.

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