Die vier Jahreszeiten

Waldspaziergang am Totensonntag

von Toddn Kandziora (Kommentare: 7)

Schnee von gestern© Quelle: Toddn Kandziora

Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Wie die Jahreszeiten gehen die meisten Menschen von einem Lebensabschnitt in den nächsten über. Doch folgt unserem Winter kein zweiter Frühling. Manch einem wird dies erst bewusst, wenn er vom Herbst seines Lebens in seinen Winter übergeht.

Gestern Abend hatte es geschneit. Aber der erste Neuschnee blieb nicht liegen. Schade, denn was übrigblieb, sind Pfützen, die am Morgen den ersten Gang mit dem Hund verleideten.

Es ist noch zu warm jetzt Ende November. Zu warm für den Neuschnee, um zu verweilen. Ich mag es, wenn sich unser vergehendes Land unter weißer Decke versteckt, den über das Jahr angesammelten Dreck verbirgt, uns einen vermeintlich frischen Neuanstrich vor Augen führt und wir wohl wissen, dass alles nur ein bald endendes Wintermärchen ist.

Was ich nicht mag, ist die Kälte, die mich monatelang in meinem Arbeitszimmer in eisigem Griff halten wird. Am Morgen hat es keine dreizehn Grad am Arbeitstisch. Der kleine Holzofen im Nebenzimmer, der die ganze untere Etage beheizen soll, also Wohnzimmer, Küche, Flur und Badezimmer, schafft es über den Winter selten, das Arbeitszimmer über achtzehn Grad zu erwärmen. Dicke Socken, lange Unterhose, Thermounterhemd und ein Wollpullover helfen ein wenig.

Das Haus ist alt. Das Fenster ist alt, aus dem ich auf Felder und Wiesen schaue. Während ich diese Sätze schreibe, zieht eisigkalte Zugluft durch rissige Fensterfugen und streicht über meine Finger. Alle paar Sätze führe ich meine Hände vor die Lippen und puste sie mit mundwarmer Luft wieder tippfähig. Die Füße habe ich auf den Stuhl hochgezogen, sodass ich auf ihnen hocke. Aber nur so lange, bis sie durch diese Sitzposition einschlafen und bald darauf schmerzvoll zu kribbeln beginnen. Konstruktive Schreiberei wird so sehr mühselig.

Sicher wäre es angenehmer, dort zu schreiben, wo die Sonne scheint. An einem Ort, an dem es das Jahr über warm ist und die Menschen miteinander gut umzugehen verstehen. Wo der Blick aus dem Fenster nicht durch düstergraue, viel zu kurze Tage am porösen Gemüt nagt. Aber ich kenne es nicht anders. Ich wurde hier geboren. Ich lebe hier und werde hier sterben. An dieser Tatsache führt kein herbstlicher Waldgang vorbei.

So ein Waldgang ist nicht die schlechteste Weise, sich über das eigene Vergehen auf Erden und Loslassen von dieser taumelnden Welt Gedanken zu machen. Ich gehe fast täglich in den Wald. Ich habe sogar einen kleinen Lieblingswald, in dem ich und mein Hund selten Menschen begegnen. Dafür begegnen wir vielen Tieren. Meist von weitem. Was bei einer Rotte Wildschweinen eher zum Vorteil gereicht. Ich gehe ohne Handy (ein Smartphone besitze ich nicht) aus dem Haus. Ich möchte im Wald nicht durch ein technisches Gerät ständig erreichbar sein.

Letztens, als ich mit mittelschwerem Kater und Hund früh am Morgen abseits der Felder und Dörfer ein gewisses Stechen in der rechten Brust und im Oberarm verspürte, begann ich mir sorgenvolle Gedanken zu machen. Was wäre jetzt, wenn ... Sie wissen, was ich meine. Mitten im Wald. Weit weg von einer Möglichkeit zur Hilfe. Falscher Gedanke. Der Puls begann zu steigen. Das Herz pochte schneller. Dann fiel mir (Gott sei gedankt) ein, dass ich am Vortag den Tag über Holz gesägt, gehackt und gestapelt hatte und das Stechen in der Brust wie das schmerzvolle Ziehen im Oberarm einen guten Grund hatte.

Schnell beruhigte ich mich und genoss die durch die Baumwipfel dringenden Sonnenstrahlen dieses goldenen Herbstes und die klare, noch vom Morgennebel feuchte Waldluft. Und ich besann mich meines Alters. In diesem wechsle ich, es ist halt so, wie es ist, vom Herbst des Lebens in meinen Winter über. Da ist es eher normal, wenn es nach getaner anstrengender Arbeit hier und da zwickt. Aber wie schnell alles vergeht. War es nicht gerade erst Sommer?

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Noch bin ich in der Lage, selbst das Holz für den Winter zu machen. Das Feuerholz ins Haus zu bringen. Morgens den Ofen anzufeuern. Den Garten zu bewirtschaften. Zu pflanzen, hegen und zu ernten. Anzupacken, wenn es gilt zu helfen oder auch nur einen Reifen zu wechseln. Noch. Denn schon eine Grippe könnte einen hart treffen und niederwerfen.

Die letzte Grippe, die mich in ihren fiebrigen Griffeln hielt, hatte ich ein Jahr vor Corona. In einem etwas härteren Winter. Wenn selbst das Holz aus dem Schuppen holen zu einer Qual wird und bei Minusaußentemperaturen um die zehn Grad die Kraft fehlt, den Ofen zu befeuern, beginnt sich Mann seine ganz eigenen Gedanken zu machen. Gedanken, die bleiben und beschäftigen. Die unter anderem darum kreisen, wie man gehen möchte, wenn man nicht mehr so kann, wie man gern möchte.

Damals, als ich mich im Wald mit der rechten Hand auf meiner schmerzenden linken Brust mit der Frage des Gehens beschäftigte, dachte ich, wenn ich jetzt hier inmitten des Waldes umfalle, nun ja, dann ist dies für mich nicht der schlechteste Weg zu gehen. So in der freien Natur. Unbeobachtet von der sogenannten Zivilisation. Kaum bis nicht leidend. Einfach nur tot und gut. Niemanden weiter zur Last fallend. Außer dem Hund natürlich. Was der dann wohl gemacht hätte?

Wie es denn auch kommen mag. Es hat noch Zeit. Bin ich doch für mein Alter recht gut im Schuss und, sollte mich nicht ein Unglück treffen in der glücklichen Lage, auch noch diesen Winter den heimischen Ofen zu befeuern.

Apropos heimisch. Ich bin im Text weit abgeschweift. Ich wollte zu Beginn über ein Land oder einen sonnigen, warmen Ort schreiben, an dem es weitaus angenehmer zu schreiben wäre als in diesem Moment hier, im heimischen Arbeitszimmer bei jetzt beachtlichen siebzehn Grad und kalter Zugluft auf meinen tippenden Fingern.

Wo ist das Land, der Ort, an dem es besser für mich ist? Das Land, in dem die Sonne immer scheint. Es auch zur Winterzeit warm ist. Dieser besondere Ort, an dem die Menschen miteinander gut umzugehen verstehen? Dieses sagenhafte Eldorado aller Glückssucher von heute?

Gäbe es dieses Land oder Kontinent im Süden, so würden Millionen der dort lebenden Menschen sich nicht unter Gefahren aufmachen, in das unsere doch so düster-kalte Deutschland einzuwandern. Einem Land voller Rassisten, AFD-Wähler, Rechtsextremen und Nazis. Reichsbürger, Putinfreunde, Impfgegner, NATO, EU, WEF und NGO Gegnern wie ewigen Antisemiten. Diesen bösen Menschen, von denen laut jetziger Regierung die größte Gefahr für unser Land ausgeht. All diese bösen Deutschen, die nur stören. Die sie am woken Endsieg hindern.

Wissen das die vielen Millionen Menschen aus vielen sonnigen Ländern dieser Erde nicht? In was für ein schrecklich kaltes und düsteres Land sie sich aufmachen und siedeln wollen? Haben sie in ihren Ländern nicht von der hier schon länger lebenden gewaltbereiten und extrem rechten Bevölkerung erfahren? Von der die deutsche Regierung im eigenen Land 24/7 warnt und berichtet?

Nein. Ich denke diese Millionen Menschen die es in unser Land zieht, wissen nicht, was sie hier erwartet. Sie werden in ein vergehendes Deutschland einwandern das bald nicht länger in der Lage sein wird uns alle zu erhalten.

Wie immer es kommen mag. Wir werden es über uns ergehen lassen müssen. Denn wir sind weder bereit, noch in der Lage aufzubegehren. Geschweige denn, dem kommenden eisigen Wind, der über das Land hinweg ziehen wird, standzuhalten. Wir können versuchen, uns noch kleiner zu machen, als wir in den letzten Jahren durch Interessen gemacht wurden. Wir werden uns wegducken und schließlich gänzlich auflösen, bis wir nicht einmal mehr Geschichte sind. Das Land, seine Menschen, jeder von uns.

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