Die Donnerstag-Kolumne von Prof. Thomas Rießinger

Warum die Banlieues keine Nobelpreisträger hervorbringen

von Prof. Thomas Rießinger

Aufstände in Paris© Quelle: Youtube/Tichys EInblick, Screenshot

Nobelpreise in Physik, Chemie und Medizin dienen hier als Indikator, um den tatsächlichen Bildungswillen in arabisch-afrikanisch-muslimischen Milieus zu hinterfragen. Die Analyse verknüpft das mit den Ausschreitungen in Frankreich, die weniger als Bildungshunger denn als Ausdruck fehlender wissenschaftlicher Tradition und Integrationsdefizite gedeutet werden.

Von Prof. Thomas Rießinger

Bildung ist ein hehres Gut, zumindest im Rahmen der europäischen Tradition. Andere sehen das anders. So wird man von der islamistischen
Terrororganisation Boko Haram kaum Bildungsinitiativen erwarten können, da schon ihr Name so etwa wie „Westliche Bildung ist verboten“ bedeutet, was nicht unbedingt auf Freude an Bildung und Wissenschaft hindeutet.

Doch die französische Schülerschaft wollte vor Kurzem ihren Bildungswillen unter Beweis stellen, indem sie gegen die schlechte Ausstattung der Schulen und gegen den Lehrermangel protestierte, wobei doch erinnert werden sollte, dass man Bildung nicht erwirbt, indem man in noch so gut ausgestatteten Schulen mit noch so vielen Lehrern herumsitzt: Man muss es wollen, und wer sich bilden will, könnte auf die Idee kommen, Bibliotheken oder auch das Internet zu nutzen.  

Auch wenn die Ausschreitungen in Frankreich und Italien mit den Protesten von – tatsächlich oder vermeintlich bildungshungrigen – Schülern begonnen haben mögen, haben sie sich schnell von diesem Anfang entfernt. Aus Polizeikreisen hört man: „Einerseits handele es sich um militante Linksextremisten, darunter Mitglieder der sogenannten Black Blocs, die gezielt die Konfrontation mit der Polizei suchten.“

Und auf der anderen Seite seien junge Menschen aus den „in der Regel stark migrantisch geprägten Banlieues (den Vorstädten), beteiligt gewesen, die die Ausschreitungen größtenteils für Plünderungen nutzten.“ Linksextreme und insbesondere auch migrantische Gruppen: Sogar Friedrich Merz hat das inzwischen begriffen, wenigstens zum Teil: „Der Grund dafür sind höchstwahrscheinlich nicht-integrierte Menschen, Migration und Teile der Wählerschaft, die extrem rechts und extrem links wählen“, so ließ er verlauten.

Er hat allerdings unterlassen, das Bildungsproblem zu erwähnen. Denn einen Hang zu Bildung und Wissenschaft wird man weder von Linksextremen noch vom migrantisch-islamischen Milieu der Banlieus erwarten wollen, es sei denn, man ist gesonnen, Brandstiftung auf dem Mailänder Domplatz oder ein abgebranntes Rathaus in Limoge als thermodynamisches Massenexperiment zu werten. Linksextreme müssen sich nicht bilden und können die Wissenschaft ignorieren, da sie ohnehin schon alles wissen und auf der moralisch richtigen Seite der Geschichte stehen.

Was nun das migrantische Milieu betrifft, so dürfte es sich vor allem aus dem arabisch-afrikanischen Raum rekrutieren sowie aus weiteren islamischen Ländern wie etwa Afghanistan. Wie steht man dort zur Bildung, zur Wissenschaft, welche bedeutenden wissenschaftlichen Beiträge wurden geleistet? Ein Indiz für entsprechende Anstrengungen können Nobelpreise liefern, die an Wissenschaftler aus diesen Ländern verliehen werden: Sind es viele, sind es wenige oder gar keine?

Selbstverständlich spreche ich hier von Nobelpreisen für wissenschaftliche Leistungen und keineswegs über den Friedensnobelpreis. Spätestens seit der Auszeichnung für Barack Obama im Jahr 2009, schon kurz nach seinem Amtsantritt, und erst recht nach der Würdigung der Europäischen Union 2012 weiß man, was davon zu halten ist.

Aber es gibt ja noch immer die Preise für Physik, für Chemie und für Physiologie oder Medizin, mit denen herausragende Wissenschaftler geehrt werden sollen. Wie sieht es in der Physik aus? Sucht man nach Preisträgern aus den benannten Weltgegenden, so wird man nicht sofort fündig und muss ein wenig genauer hinsehen.

Zunächst wäre Abdus Salam zu nennen, Preisträger des Jahres 1979 und gebürtig in dem zweifellos muslimisch geprägten Pakistan, das zur Zeit seiner Geburt aber noch Britisch-Indien hieß. Er hat sich allerdings schon im Alter von 20 Jahren nach Großbritannien begeben. Nur kurz ging er zurück an eine pakistanische Universität, war aber so enttäuscht über die dortigen Verhältnisse, dass er seine Tätigkeit in Cambridge weiterführte, später in Triest.

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Damit zeichnet sich schon ein Muster ab. Der nächste in der Liste ist einer der Preisträger von 1997, Claude Nessim Cohen-Tannoudji, geboren in Algerien, allerdings keineswegs muslimisch, sondern jüdisch geprägt und zu allem Übel auch bereits in jungen Jahren nach Frankreich emigriert – man zögert doch sehr, ihn den oben erwähnten Kreisen zuzuordnen. Und es geht ähnlich weiter.

Der nächste in der Riege taucht 2012 auf: Serge Haroche, geboren in Casablanca und damit zweifellos in Marokko. Er wurde jedoch in einer jüdischen Familie geboren und verließ bereits mit 12 Jahren Marokko in Richtung Frankreich, wo er seither auch geblieben ist, zur Schule ging, studierte und sich seiner wissenschaftlichen Arbeit widmete. Gerade 11 Jahre später findet sich das nächste und gleichzeitig letzte Beispiel: Pierre Agostini, Physikpreisträger des Jahres 2023. Er wurde in Tunis geboren, was ihm allem Anschein nach nicht geschadet hat, zumal er schon seit seiner Schulzeit in Frankreich gelebt und gewirkt hat, später dann in den USA.

Das waren sie schon, die Physik-Preisträger aus dem arabisch-afrikanisch-muslimischen Raum, und keiner von ihnen – mit der kurzfristigen Ausnahme von Abdus Salam, der seine Rückkehr aber bereut und rückgängig gemacht hat – kann tatsächlich der dortigen Atmosphäre zugeordnet werden, die sie recht- und frühzeitig verlassen haben.

Das Muster bleibt, wenn man zur Chemie übergeht. Aaron Klug, den Preisträger von 1982, kann ich übergehen, denn der hat seine jungen Jahre in Südafrika verbracht, das man wohl kaum zu den typischen Herkunftsländern des migrantischen Milieus zählen wird.

Neben Klug kann man fünf weitere aufzählen, bei denen das gleiche Muster zu vermelden ist: Sie alle sind zwar in den Weltgegenden geboren, die hier zur Diskussion stehen – wobei man einen weiteren Preisträger aus Südafrika nicht ganz dazu zählen kann –, haben dann aber ihr Geburtsland verlassen und ihre Bildungslaufbahn weitgehend im westlichen Ausland verbracht, von ihren wissenschaftlichen Arbeitsjahren ganz zu schweigen.

Im Bereich der Physiologie und Medizin ist dieses Muster nicht anzutreffen, weil man bei der Suche nach Nobelpreisträgern in Verlegenheit gerät: Es gibt keine. Die drei, die aufgrund ihrer afrikanischen Abstammung in Frage kämen, wurden in Südafrika geboren, die zählen nicht. Und andere sind nicht zu finden.

Selbst wenn man bereit ist, den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften in Betracht zu ziehen, obwohl er nicht zu den echten Nobelpreisen gehört, wird die Lage nicht anders: Mit Daron Acemoğlu gibt es einen einzigen Preisträger türkischer Herkunft, der aber in das Schema des frühzeitigen Verlassens des Geburtslandes passt.

Wir sehen also: Es gibt Nobelpreisträger in den wissenschaftlichen Fächern aus den untersuchten Regionen, aber es sind wenige, und sie alle haben zu passender Zeit ihr Land verlassen. In den Herkunftsländern selbst ist nichts zu finden. Dort verwendet man zwar gerne die Resultate westlicher Bildung und westliches Wissen; selbst die Terroristen von Boko Haram pflegen sich nicht mit archaischen Waffen und Fahrzeugen zu begnügen. Aber zur Erweiterung des Wissens hat man dort wenig bis nichts beizutragen.

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