Von Autor und Fotograf Christian Witt
Wo fängt man da an?
Diese Frage ging mir am Abend in der Berliner Musikbrauerei bei der Berlin-Premiere des zweiteiligen Dokumentarfilms „Warum Krieg statt Frieden? – Auf der Suche nach der Wahrheit“ von Wolfgang Sendlhofer immer wieder durch den Kopf.
Die Premiere bildete den Abschluss der dreitägigen Veranstaltungsreihe „BREAKING the SILENCE – Kunst im Zeitalter der Zensur“, veranstaltet von der Internationalen Agentur für Freiheit (IAFF) und Protestnoten mit Unterstützung des KulturKreis Pankow. Ausstellung, Gespräche und Musik gehörten ebenso zum Programm. Nach dem Film sprach René Schlott mit Regisseur Wolfgang Sendlhofer.
Zwei Filmteile, jeweils knapp eine Stunde. Und eigentlich der Versuch, eine ungeheuer komplizierte Geschichte auf eine innere Landkarte zu bringen.
Wann beginnt ein Krieg?
Der Film beginnt gerade nicht mit der fertigen Antwort darauf, wer diesen Krieg begonnen hat. Seine Ausgangsfrage ist grundsätzlicher: Beginnt ein Krieg tatsächlich mit dem ersten Schuss – oder viel früher? In Strategien und Planspielen, Sicherheitsinteressen und Einflusssphären, wirtschaftlichen Interessen und schließlich in den Köpfen der Menschen?
Von dort arbeitet sich der Film durch eine lange Vorgeschichte: das Verhältnis zwischen USA, NATO und Russland nach dem Kalten Krieg, Veränderungen der europäischen Sicherheitsordnung, die NATO-Perspektive für die Ukraine, Maidan, Donbass und Minsk, die russischen Sicherheitsforderungen und schließlich das Jahr 2022 und die Verhandlungen von Istanbul.
Eine wichtige Rolle spielt dabei auch das Strategiepapier „Extending Russia“ und die grundsätzlichere Frage, wie aus Planspielen, Strategien und geopolitischen Interessen irgendwann politische Wirklichkeit werden kann.
Man muss bei diesem Konflikt nicht zuerst danach fragen, auf welche Seite man sich stellen soll. Interessanter wird es, wenn man das Schachbrett einmal von oben betrachtet.
Da stehen Russland und die Ukraine, die USA, NATO und Europäische Union. Da gibt es Sicherheitsinteressen und Einflusssphären, militärische Strategien, wirtschaftliche Interessen, Rüstungsindustrie und Kapital. Und dazwischen stehen Millionen Menschen, die irgendwann die Konsequenzen der Entscheidungen anderer tragen.
Sebastian Kurz als Gegenposition
Interessant ist deshalb die Rolle des ehemaligen österreichischen Bundeskanzlers Sebastian Kurz. Er steht mit seiner Interpretation erkennbar anders im Film als viele der übrigen Gesprächspartner. Kurz sagt, die Aggression gehe von Russland aus und für den russischen Angriff gebe es keine Rechtfertigung.
Der Film lässt diese Position stehen. Kurz erkennt zugleich die Westorientierung der Ukraine in Richtung NATO und EU als Faktor im Verhältnis zu Russland an und spricht von der Notwendigkeit, mit Russland zu verhandeln. Anschließend führt der Film mit Harald Kujat in eine wesentlich weiter zurückreichende Betrachtung der Eskalationsgeschichte.
Gerade dieses Nebeneinander ist interessant. Nicht jeder Interviewte erfüllt dieselbe Funktion, und nicht jede Aussage eines Gesprächspartners ist automatisch die Aussage des Films.
Maidan, Donbass, Minsk, Istanbul
Der erste Teil verdichtet seine Argumentation entlang der Ukraine. Maidan, die Entwicklung im Donbass und die Minsker Vereinbarungen erscheinen nicht als voneinander getrennte Ereignisse, sondern als Stationen einer Eskalationsgeschichte. Gesprächspartner des Films schildern dazu ihre jeweiligen Sichtweisen und Erfahrungen. Auch die Rolle westlicher Akteure auf dem Maidan wird ausführlich und mit weitreichenden Aussagen thematisiert.
Dann Minsk: der Versuch einer politischen Einhegung des Konfliktes. Menschen, die mit der OSZE an dieser Konfliktbearbeitung beteiligt waren, berichten von der damaligen Hoffnung auf eine politische Lösung. Schließlich scheitert dieser Weg.
Es folgen die russischen Sicherheitsforderungen Ende 2021, das Jahr 2022 und schließlich Istanbul. Der Film stellt auch hier die Frage, wie weit eine Verständigung bereits gediehen war und weshalb daraus kein Frieden entstand.
Man muss nicht jede Aussage jedes Interviewpartners übernehmen. Aber man bekommt eine Chronologie, an der man selbst weiterdenken kann.
Und was ist aus Europa geworden?
Der zweite Teil richtet den Blick auf die Europäische Union. Sendlhofer beschreibt diese Zweiteilung anschließend selbst: zuerst der Ukrainekonflikt und seine Vorgeschichte, dann Europa und die Entwicklung der Europäischen Union vom Friedensprojekt hin zu einer Politik, die er als Abkehr davon versteht.
Das ist eine der Fragen, die bei mir besonders hängen geblieben sind: Wo ist Europa eigentlich geblieben?
Wo ist die Europäische Union, deren Anspruch einmal darin bestand, nach Jahrhunderten europäischer Kriege Frieden durch Verständigung und Interessenausgleich zu organisieren?
Der Film fragt, weshalb Europa zunehmend selbst in militärischen Kategorien denkt, anstatt zwischen den Machtblöcken eine eigenständige vermittelnde Rolle zu entwickeln. Denn Russland wird auch morgen europäischer Nachbar sein. Die Ukraine ebenfalls.
Der Krieg um unsere Köpfe
Dann kommt die Ebene, die uns unmittelbar betrifft: Medien, Sprache und Propaganda.
Der Film beschäftigt sich ausführlich mit „cognitive warfare“, mit Informations- und psychologischer Kriegsführung und damit, wie um Meinungen, Interpretationen und Wahrnehmungen gekämpft wird. Der Mensch selbst, seine Gedanken und Gefühle, wird dabei zum Teil des Schlachtfeldes.
Dazu gehört für mich auch die Dämonisierung Wladimir Putins. Nicht die Kritik an seiner Politik, sondern die Reduktion einer komplexen geopolitischen Entwicklung auf eine nahezu dämonische Einzelfigur. Sobald Putin zur hinreichenden Erklärung für Krieg und Eskalation wird, verschwinden Interessen, Vorgeschichten, Sicherheitsstrategien und Entscheidungen anderer Akteure aus dem Blick.
Aus Geopolitik wird Psychologie – und damit wird die politische Wirklichkeit eher vernebelt als erklärt. Wer verstehen will, wie wir an diesen Punkt gekommen sind, muss deshalb über Putin hinaus auf das gesamte Schachbrett schauen.
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Wer hat welche Interessen?
Der Film fragt folgerichtig auch nach den Interessen hinter Kriegen: Wer gewinnt Einfluss? Wer verdient? Wer bezahlt? Und wer sitzt am Ende im Schützengraben?
Rüstungsindustrie und Finanzinteressen kommen ebenso vor wie militärische Planspiele. Am Beispiel vergangener Kriege wird die Frage gestellt, ob ein Krieg, der gemessen an seinem offiziell genannten politischen Ziel gescheitert ist, aus der Perspektive anderer Beteiligter trotzdem ein höchst erfolgreiches Geschäft gewesen sein kann.
Damit verschiebt sich die Perspektive: weg von der einfachen Frage nach Gut und Böse, hin zur Frage nach Interessen und Profiteuren.
Und wie erkläre ich das meinem Nachbarn?
Hier musste ich auch an die Corona-Zeit denken. Nicht weil Pandemie und Krieg dasselbe wären, sondern wegen der Erfahrung, wie schwer Verständigung wird, wenn Menschen in vollkommen unterschiedlichen Informationsräumen leben. Wie erklärt man eine eigene Entscheidung, wenn das Gegenüber bereits mit einer geschlossenen Erzählung kommt? Wie bleibt man im Gespräch, wenn schon die Frage nach einer anderen Erklärung als Bekenntnis zur Gegenseite verstanden wird?
Und wie wäre das heute? Was sage ich einer Soldatin, die mir im Zug gegenübersitzt? Fange ich bei NATO und Russland an, beim Maidan, bei Minsk, bei Istanbul oder bei Rüstungsinteressen?
Für solche Gespräche braucht man keine hundert Argumente. Aber zehn oder zwanzig Wegmarken sollte man kennen. Dann kann man fragen: Was weißt du darüber? Woher weißt du es? Wie bewertest du es? Welche Interessen erkennst du? Wer gewinnt Macht? Wer verdient daran? Wer trägt das Risiko? Und welche Möglichkeit zum Frieden wurde an welcher Stelle nicht genutzt?
Die eigene Landkarte
Ich habe seit zehn oder fünfzehn Jahren kein regelmäßiges Fernsehen mehr gesehen. Für mich bedeutet das vor allem Abstand: von einem täglich vorgegebenen Nachrichtenrhythmus, von immer wiederkehrenden Narrativen und von politischen und militärischen Planspielen, in deren Kategorien man irgendwann fast automatisch zu denken beginnt. Das gibt mir die Freiheit, meine Informationen selbst zusammenzusuchen, unterschiedliche Perspektiven nebeneinanderzulegen und vor allem meine eigenen Fragen zu stellen.
Russland und die Ukraine kenne ich inzwischen zudem nicht nur aus Nachrichten. Ich war dort und habe mit Menschen gesprochen. Umso treffender fand ich einen Satz aus dem Film:
„Was man nicht kennt, kann man besser hassen.“
Während der Vorführung gab es spontanen Applaus. Im anschließenden Gespräch wurde zugleich deutlich, dass auch Sendlhofer während seiner Recherche auf Zusammenhänge gestoßen war, die ihm zuvor selbst nicht in dieser Form bewusst gewesen waren.
Genau darin liegt für mich der Wert dieser zwei Stunden: nicht mit einer weiteren fertigen Wahrheit nach Hause zu gehen, sondern mit einer größeren inneren Landkarte und mit mehr Fragen als zuvor.
Wer verstehen will, wie es zu diesem Krieg kommen konnte und weshalb es bislang nicht gelungen ist, ihn zu beenden, sollte versuchen, das ganze Schachbrett zu betrachten – nicht allein durch die Brille Moskaus, Washingtons, der NATO oder auch dieses Films. Es geht darum, Interessen und Vorgeschichten zu erkennen, unterschiedliche Aussagen gegeneinanderzuhalten und sich ein eigenes Urteil zu bilden.
Und dann kommt der schwierigere Teil: mit dem Nachbarn darüber zu reden, ohne ihn gleich auf die eine oder andere Seite dieses Schachbretts zu stellen. Denn am Ende entscheidet sich die Möglichkeit von Verständigung auch daran, ob wir einander noch zuhören können.
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Kommentar von Ralf H.
Dieser interessante und wichtige Dokumentarfilm kommt doch bestimmt bald in ARD bzw. ZDF zur Hauptsendezeit ?