Toddn Kandzioras Wochenrückblick 46/2021

Was ich mir gönne - was ich mir verwehre

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Was ich mir gönne - was ich mir verwehre
Unser Kolumnist Toddn Kandziora schaut nach Österreich und erinnert sich darüber an Vorkommnisse aus der Familiengeschichte. Und Toddn erinnert sich an Geschichten seines Großvaters voller Mut und Anstand. © Foto: Pixabay / alanbatt

Ich bin süchtig. Ja, ich gebe es zu. Wer in meiner Gegenwart eine Chipstüte öffnet, der wird selbst nur noch wenig Freude an dieser haben. Ich bin süchtig nach Chips. Je schärfer und salziger, umso lieber. Doch weil mir oft schon nach einer halben Tüte schlecht wird und mir am nächsten Tag der Bauch über den Hosengürtel quillt, esse ich selten Chips. So lecker sie auch sind.

Es sind aber nicht nur leckere Chips oder Würmer, die ich mir verwehre, obwohl ich süchtig danach bin. Da gibt es noch viele Dinge mehr, derer ich mich aus Gründen versage. Schokolade, Kekse und andere süße Leckereien betrachte ich bis heute bei jeden Discounterbesuch mit wehmütigem Blick und muss mich zum Weitergehen förmlich zwingen.

Bis vor zehn Jahren war ich starker Raucher. Zwanzig Zigaretten am Tag waren eher wenig. Bis ich irgendwann beim Treppensteigen Probleme bekam und sich während der Arbeit schon vormittags Konditionsprobleme wie unangenehme Kreislaufbeschwerden einschlichen. Also ließ ich es von einem Tag auf den anderen sein.

Der Gedanke an eine wiedererstarkende Gesundheit und ein insgesamt besseres Wohlbefinden half mir mehr als ein Nikotinpflaster oder autogenes Training. Ich nahm zwar in den nächsten Wochen an Kilo zu, da ich wieder den Chips, Würmern und der Schokolade verfiel. Aber das ging für eine gewisse Zeit in Ordnung.

Ich versuche, nicht nur im Interesse der eigenen Gesundheit auf Ernährung zu achten. Ich erfreue mich über mein selbst angebautes Gemüse und Obst aus dem eigenen Garten. Ich schätze bei einem sogenannten fairen Einkauf, dass meine Lebensmittel aus der Region stammen und ich saisonal einkaufe. Ich kaufe Erdbeeren keinesfalls im Winter, verzichte auf Nordseekrabben, die in Nordafrika gepuhlt werden, und ich weiß nicht, wie Weine aus Australien, Afrika oder Kalifornien schmecken, da ich solche aus Gründen ablehne. Zu einem frühen Primitivo oder späten Bordeaux sage ich jedoch nicht nein.

So, und jetzt komme ich endlich auf meinen wunden Punkt. Warum ich von all dem heute über mich schreibe. Trotz meinem - behaupte ich jetzt einfach mal - verantwortlichen Umgang mit der eigenen Gesundheit, bin ich in dieser Zeit eine unverantwortliche Person. Ein dummer Mann, der anderen, verantwortungsbewussten, sozial denkenden Menschen ein Bett im Krankenhaus stiehlt. So heute behauptet, wie argumentiert wird.

In den Augen vieler verantwortungsbewusster Menschen von heute, die sich täglich Unmengen von Chips, Schokolade, Fleisch, Butter, Burger, Zigaretten und/oder Alkohol einverleiben, bin ich zu einem unverantwortlichen, unsozialen Unmenschen verkommen, zu einer ungeimpften Unperson. Aus ihren Augen betrachtet.

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Meint ihr das Ernst? Wirklich? Echt jetzt? Das ich euch das Bett im Krankenhaus raube, wenn ihr wegen was auch immer euch dieser Tage durch Kopf, Herz oder Leber geht, nicht behandelt werden könnt? Das einer solchen Unperson, wie ich es wegen meines Impfstatus bin im Krankheitsfall die ärztliche Versorgung verwehrt werden müsse? Zumindest er diese aus eigener Tasche zu zahlen habe, wie ich diese Woche lesen musste.

Meine Güte aber auch. Wohin sind wir nur gekommen? In was für ein böses Schlamassel bin ich - sind wir alle - nur wieder geraten? Wie weit sind Menschen wieder bereit, diffusen Anordnungen Folge zu leisten und Befehle zu befolgen die gegen die Menschlichkeit sind? Was sind Menschen bereit zu tun sich diesen zu widersetzen? Es kommt auf den Menschen an sich an.

In dem Dorf, in dem ich aufwuchs, gab es eine Nachbarsfamilie, mit der ich nicht reden sollte. Mit niemanden aus dieser Familie. Auch nicht mit den vielen Kindern. Und das, obwohl sie am oberen Ende der Wohnsiedlung wohnten, in der ich aufwuchs. Ich wusste nicht, warum, konnte es nicht nachvollziehen, doch hielt ich mich an die Regel. Als ich dreizehn, vielleicht vierzehn Jahre war, erklärte mir meine Großmutter, warum unsere Familien seit Jahrzehnten nichts miteinander zu schaffen hatten.

Der Mann meiner Großmutter, mein Großvater verstarb in der Zeit des zweiten Weltkriegs. Mehr wusste ich bis dahin nicht über meinen Opa. Mein Großvater, das erzählte Großmutter mir, war Reichsbahner und arbeitete zu Beginn des Krieges auf dem großen Rangierbahnhof des Dorfes. Eines Tages wurden auf einem abgelegenen Nebengleis des Bahnhofes mehrere Güterwaggons voller Menschen abgestellt. Diese wurden vom herrschenden Regime als „unerwünschte Personen“ angesehen. Mein Opa und mehrere Kollegen erhielten Befehl die Waggons nicht aus den Augen zu lassen. Sie durften sich diesen weder nähern, schon gar nicht mit den Menschen in den Waggons Kontakt aufnehmen.

In der zweiten Dienstnacht, so erzählte es Großmutter, sollen die Klagelaute, das Flehen wie die Schreie vor Angst und Schmerzen der eingeschlossenen Menschen für meinen Großvater wie seinen Kollegen nicht mehr ertragbar gewesen sein.

Unerlaubt und ohne Befehl öffneten sie einen Waggon nach dem anderen, ermöglichten den „staatlich Entrechteten“ übervolle Eimer der Notdurft zu entsorgen. Dann füllten sie die Wasserbestände in den Waggons auf und organisierten noch Rüben und rohe Kartoffeln für Menschen, die seit Tagen weder Wasser noch Nahrung erhalten hatten.

Mein Großvater und sein Kollege wurden, da ihre Hilfsaktion die Nacht über andauerte, von der Ablösung überrascht und gemeldet. Er und sein Kollege wurden wegen verschiedener Anklagepunkte am gleichen Tag verurteilt und abgeführt. Zwei Wochen später erhielt meine Großmutter die Nachricht, dass ihr Mann während eines Einsatzes des Strafbataillons, in welches er strafversetzt wurde, zu Tode kam.

Der Mann, der ihn meldete, war sein Nachbar. Dieser Mann war noch in den Siebzigerjahren unser Nachbar und ich sollte weder ihn noch die Kinder grüßen, nicht mit ihnen reden. Dieser Nachbar hatte seine sogenannte Pflicht getan, hatte nach damaligen Verordnungen und Gesetzen gehandelt.

Dieser Nachbar brauchte sich damals nichts vorwerfen zu lassen. Weder dafür, das er meiner Großmutter mit ihren vier Kindern den Mann nahm, noch falsch gehandelt zu haben. Mein Großvater war es, der zur Normalität erklärte Regeln missachtete und im Sinne der gesetzgebenden Politik unsozial handelte, indem er die für eine gesunde Volksgemeinschaft bestimmte Nahrungsmittelversorgung sabotierte.

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Was mein Großvater, den ich nie kennenlernen konnte, sich jedoch erhielt, so glaube ich heute, war seine Menschlichkeit. Er hatte Mut und Anstand Mensch in einem menschenfeindlichen System bleiben zu wollen. Gerne würde ich ihm sagen, wie großartig ich das gerade in unserer heutigen Zeit empfinde, in welcher der Anstand sich verringert und der Mut so vieler weniger wird.

Werden wir morgen bereit sein, mit einem unserer Nachbarn zu reden? Werden wir unsere Kinder mit den Kindern der anderen spielen lassen? Werden wir morgen vergeben und vergessen können, wenn uns heute der Zugang zu Kulturstätten und öffentlichen Einrichtungen, sogar einem Krankenbett verwehrt wird?

Nachdem meine Großmutter mir damals die Geschichte meines Großvaters und unserer Nachbarn erzählt hatte, suchte ich das Gespräch mit einem der Söhne und wir wurden Freunde. Habe ich mir das eben ausgedacht? Nein. Das habe ich nicht.

So eben erfahre ich, das in Österreich beschlossen wurde, in einen zwanzigtägigen Lockdown zu gehen. Und weiterhin, dass dort ab dem 1. Februar 2022 die allgemeine Impfpflicht gilt. Ich mag mir in diesem Moment nicht vorstellen, wie mögliche Maßnahmen zur Durchsetzung dieser Impfpflicht aussehen werden. Wie ab Februar nächsten Jahres mit Menschen verfahren wird, die partout nicht bereit sind, ihren Arm hinzuhalten. Und ich verweigere mir in diesem Moment weitere Gedanken zu einer möglichen Impfpflicht in Deutschland.

Was derzeit geschieht, ist kein böser Traum. Für niemanden von uns. Das, was wir derzeit erleben, was geschieht ist die knallharte Realität, welche sich ein depressiver Verschwörungstheoretiker nicht perfider hätte ausdenken können. Wer immer für all das, was dieser Tage geschieht, Verantwortung trägt - meine Zustimmung, nein, die hat er/sie/es bestimmt nicht.

Eines jedoch darf ich bei all dem, was ich denke und wie ich derzeit empfinde, nicht außer Acht lassen. Was wäre, wenn ich unrecht hätte? Wenn ich gewissen Mitmenschen mit meiner Kritik unrecht täte. Wenn die Maßnahmen die für mich oft nicht nachzuvollziehenden Verordnungen, Lockdowns und G-Regeln ihre Berechtigung haben. Wenn die verschiedenen Covidimpfstoffe auf mRNA-Basis doch von Nutzen sind?

Dieser Gedanke verunsichert mich, nagt an meinem Gewissen. Sollte ich unrecht haben - das ist nie auszuschließen - würden mir Menschen, die ich kritisiere, verzeihen können, dass ich seit Monaten nicht gut über sie denke, in dieser meiner Kolumne keine guten Worte für sie übrighabe?

Ich hoffe es. Denn eine einzige Wahrheit kenne ich nicht. Eine solche wäre ich auch nicht bereit anzunehmen. Welche Seite auch immer mir die ihre zu erklären, versucht und mich auffordert, ihre Sicht auf die Dinge anzunehmen.

Ich bin in der Tat zutiefst verunsichert.

Zuletzt folgendes Zitat von Ian Watson welches es für mich aber auch nicht einfacher macht.

„Wenn du überredet, ermahnt, unter Druck gesetzt, belogen, durch Anreize gelockt, gezwungen, gemobbt, bloßgestellt, beschuldigt, bedroht, bestraft und kriminalisiert werden ​musst… Wenn all dies als notwendig erachtet wird, um deine Zustimmung zu erlangen, kannst du absolut sicher sein, dass das, was angepriesen wird, nicht zu deinem Besten ist.“

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Kommentare

Kommentar von dr. mario zieschank e.v.

Wir Ungeimpften sind noch keine Widerständler, sondern bislang nur halbwegs freie Entscheider. Wer weiß, ob die Impfpflicht überhaupt durchgesetzt werden kann, speziell in Parallelgesellschaften? Die Impfstoffskepsis wird mit der Pflicht nicht geringer werden und der Zweifel an der Führung wird weiter wachsen, je mehr anderslautende Nachrichten aus aller Welt die Angst vertreiben. Das sture Festhalten an dem Affentheater wird vielen irgendwann zu blöd sein. Wahrscheinlich ist der Widerstand gegen die eigene Angst und Eitelkeit der wichtigste. Amen.

Kommentar von Dorothea Weber

Niemand ist in Besitz der absoluten Wahrheit. Das Pendant der Wahrheit ist der Zweifel. Wie sehr wünsche ich mir mehr Menschen die zweifeln und damit eigenständig denken. Erst wenn ich bereit bin andere Ansichten und Gedanken anzuhören, kann sich ein Diskurs entwickeln und mein geistiger Horizont erweitern. Oftmals eröffnen sich dabei Erkenntnisse, die zuvor noch nicht einmal im Ansatz in Betracht gezogen wurden. Welch eine Bereicherung der eigenen persönlichen Entwicklung!
Auch mir gehen immer wieder Gedanken im Bezug der heutigen Zeit zu der Zeit vor 80 Jahren durch den Kopf. Werden wir oder unsere Nachfahren auch Straßen und öffentliche Gebäude nach Widerstandskämpfern benennen? Werden die heutigen Widerständler die künftigen Helden sein? Von der Sophie-Scholl-Straße zum Boris-Reitschuster-Platz? Ich, als geborene Zweiflerin aber auch Optimistin, zweifle nicht einfach weiter, sondern stehe zu meiner derzeitigen Erkenntnis und glaube an die Menschheit, die solche Persönlichkeiten wie der Großvater im obigen Artikel hervorgebracht haben.