Von der schweren Last und vom Mühsal des Denkens

Wenn die Panzerketten wieder rollen …

von Toddn Kandziora (Kommentare: 13)

War alles Lüge, was mir in meiner Kindheit und Jugend vermittelt wurde? Doch heute gibt es ja nicht nur Netflix und divers(e) woke Medienformate, die mir die ganze Wahrheit über unser aller Vergangenheit zeigen© Quelle: Pixabay/ Ichigo121212

Freitag, 20. Januar 2023. Es ist halb zehn an diesem kalten Morgen und ich erwarte die lang geforderte Panzerfreigabe durch Bundeskanzler Scholz. Dass endlich und wieder deutsche Panzerketten an die Ostfront rollen dürfen.

Nein, rollen sollen. Für unsere Freiheit und westliche Werte. Für Demokratie, Gleichheit, Diversität und Menschenrechte. Für den Frieden. Natürlich für den Frieden. Um dieses hehre Ziel zu erreichen, gilt es den schrecklichen Iwan zu besiegen. Mit allen der NATO zur Verfügung stehenden Mitteln bzw. Waffen Russland die Ausgeburt des absolut Bösen im angelsächsisch geprägten Interesse zu vernichten.

Ich drehe die Uhr jetzt ein paar Stunden zurück. Wir haben es sieben Uhr am Morgen und der Radiowecker holt mich mit seinen woke-diversen Frühnachrichten aus dem Schlaf. Mir wird verkündet, dass 46 Prozent der deutschen Bevölkerung für die Entsendung bzw. Freigabe der in vielen Ländern noch sich befindenden Leopardpanzer sind und es endlich an der Zeit sei, dass Bundeskanzler Scholz Butter bei die Fische gibt.

Denn nur noch 44 Prozent wären gegen gemeinsame, europäische Panzerlieferungen. 10 Prozent können sich nicht entscheiden, ob Panzer für die Ostfront nun eine gute oder schlechte Idee sind. Wie auch immer. Eine Mehrheit der Bevölkerung ist für die Fortführung des Krieges mit immer mehr und schwereren Waffen. Wieder eine gute Mehrheit.

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Natürlich sind es gute Menschen, die schwere Waffen und Panzerlieferungen für die Ukraine unterstützen, dieses begrüßen und auch wollen. Und natürlich sind es böse Menschen, die gegen den ausufernden Krieg sind. Einem Krieg, der kein Ende zu finden scheint. Vielleicht finden darf. Der auch nicht erst im Februar des letzten Jahres durch den russischen Einmarsch in die Ost-Ukraine begann, sondern Jahre zuvor sich durch die Nichteinhaltung des Minsker Abkommen von westlicher Seite aus seinen tödlichen Weg suchte.

Unter anderem wurde dies durch ein „Friedensabkommen" erst möglich. Dem sogenannten Maßnahmenkomplex zur Umsetzung der Vereinbarungen von Minsk 1. Einem Abkommen, dessen Ziel es unter anderen sein sollte, den in der Ost-Ukraine herrschenden Konflikt politisch beizulegen.

Das Minsker Abkommen war, wie Frau Merkel letztens zugab, dazu gedacht, die Ukraine über Jahre militärisch derart aufzubauen, bis es, mittels westlicher Hilfe stark genug wäre, Russland militärisch, sagen wir, gegenüberstehen zu können. Wörtlich sagte sie der „Zeit“, es sei der Versuch gewesen, „der Ukraine Zeit zu geben“.

Heute, fast zehn Jahre nach dem Minsker „Friedensabkommen", sind diejenigen die Bösen, die gegen die Entsendung immer mehr und schwererer Waffen, auch Angriffswaffen sind. Denn als eine solche Angriffswaffe ist unter anderen der Leopard 2 zu verstehen.

Es war schon immer einfacher, sich als Mensch auf die „gute" Seite zu schlagen. Sich im Einklang der neuen Zeit im besseren Licht zu positionieren. So ist es schon in der Vergangenheit immer wieder geschehen, zugelassen worden, dass Menschen wegen ihrer Meinung zur "bösen", verachtungswerten Minderheit gemacht wurden. Und immer geschah dies im Einklang von Politik, Wirtschaft und Medien. Und wenn die Uhr zwölf schlug, die Zeit gekommen war, dann wurde ein Teil der Menschen von der Dreifaltigkeit ausgesiebt. Weil sie zu schweigen hatten, nicht in den Plan passten.

Würde ich mich in heutiger Zeit passend machen, so schiene mir wahrscheinlich die Sonne aus dem Allerwertesten. Nichts einfacher als das. Ich müsste nur an die neue Wahrheit und nichts als die neue Wahrheit glauben. Nein, nicht einmal das müsste ich wirklich. Ich müsste nur der ausgebenden Doktrin folgen. Diese, so gut es mir möglich ist, befolgen, vertreten und verbreiten.

Warum einfach? Weil es einfach ist. Ich dürfte nur nicht länger selbstständig denken. Ich müsste glauben. Einfach nur glauben. Dann wäre mir die schwere Last und die Mühsal des Denkens genommen. Ist das nicht herrlich!?

Gebt mir einen Moment des Innehaltens. Ich denke kurz nach, wie gut es mir täte, im Einklang mit der neuen Zeit zu sein. In dieser mitzuschwimmen. Wie schön ich es dann in meinem heutigen, kargen Leben doch hätte, würde ich nur glauben. Wie die anderen Gutgläubigen in den vergehenden Ländern Europas.

Weiterhin glaube ich, im besten Deutschland aller Zeiten zu leben. Das es mir nie besser als an diesem Morgen ging. So wahr mir ein nicht vom Volk gewählter Bundespräsident helfe. Dies das eiserne Gerüst meines neuen, woken Glaubens gibt mir wahrhaftigen Schutz und Hoffnung im vermeintlich besseren Leben. Dem, in welchem ich nicht selbst zu denken habe. Denken soll.

Habe ich mich erst einmal gewöhnt und mir die letzten beiden Absätze zu eigen gemacht, fällt es nicht schwer, all die anderen Glaubensbekenntnisse in Demut anzunehmen. Wie da unter anderen wären:

Dieses Land wird sich durch neue Menschen verändern. Und das ist gut so. Laut Aussage vieler. Insbesondere GRÜNER Politiker und deren Wähler. Diese freuen sich seit Jahren auf die inzwischen eingetretenen Veränderungen. Es leben heute 2023 so viel Menschen wie nie zuvor in Deutschland. Knapp 85 Millionen sollen es Ende 2022 gewesen sein. Doch trotz dieser Bevölkerungszahl soll es viel zu wenig Arbeits- und Fachkräfte geben.

Daher soll ein neues Fachkräfteeinwanderungsgesetz noch viel mehr Menschen dazu bewegen, nach Deutschland zu kommen. Klingt absurd? Ja. Aber nicht für Regierung, Wirtschaft, Interessenverbände, NGOs und den Wähler, der mit seinem Kreuz zustimmte.

Ach übrigens. Wussten sie schon, dass laut Aussage nicht weniger Politiker wie z. B. einer Frau Roth es die Türken waren, die Deutschland nach dem Krieg aufbauten? Dass ohne Migration und die vielen Geflüchteten (damit sind nicht Schlesier, Ostpreußen oder Sudetendeutsche gemeint) die deutsche Wirtschaft zu dem wurde, was sie vor Merkels Amtsantritt einmal war? Nein. Wussten sie nicht? Nun, ich auch nicht.

Hätte ich nicht bis vor Kurzem einen Zugang zu Netflix gehabt, dann wüsste ich ebenfalls nicht, dass einst eine schwarze Königin in England und schwarze Frauen als Jarl bei den Wikingern herrschten. Dass schon vor tausend Jahren Kreuzritter und deutsche Prinzen schwarzer Hautfarbe waren. Dass ein großer Teil des englischen Adels nicht aus Hannover, sondern Afrika stammte. Ich wüsste dank Netflix, ARD und ZDF heute so vieles nicht über unser aller, zutiefst böse, europäische Vergangenheit. Einer Vergangenheit, wie sie wirklich war. Nicht wie ich sie in den Siebzigerjahren in der Schule lernte.

Es ist anscheinend alles Lüge gewesen, was mir in meiner Kindheit und Jugend vermittelt wurde. Doch heute gibt es ja nicht nur Netflix und divers(e) woke Medienformate, die mir die ganze Wahrheit über unser aller Vergangenheit zeigen. So, wie sie tatsächlich gewesen sein soll. Es gibt heute ganze Studiengänge, in denen sie ihre neuen Wahrheiten lehren. Nicht nur die eine Wahrheit, dass der weiße Mann an (fast) allem heutigen Leid Schuld zu tragen hat. Ganz andere Wahrheiten können heute studiert werden, um sie, erfolgreich mit Bachelor oder Master abgeschlossen, für ordentlich viel Geld neuen Generationen zu vermitteln.

Ich denke weiter darüber nach. Darüber, dass auch ich willig im neuen Glauben sein kann. Wenn ich bereit bin, ihre Wahrheiten anzunehmen. Tut letztendlich ja auch nicht wirklich weh.

Ich würde jedem, ob er es hören will oder nicht, erzählen, dass die Impfung schützt. Aber sicher doch. Das selbst der dritte, vierte, fünfte Booster keinerlei Nebenwirkungen mit sich bringt. Niemals. Dass, wer sich nicht impfen lässt, ein, wie es eine junge Moderatorin erklärte, Wurmfortsatz der Gesellschaft ist, den es herauszuschneiden gilt.

Ich würde, um in der Nacht nicht länger wegen finanzieller Sorgen wachzuliegen, endlich einmal wieder durchschlafen zu können, daran glauben, dass ich in einem demokratischen, souveränen Land lebe. Einem Land, in dem niemand wegen seiner Meinung diskreditiert wird, gar von Polizei und Antifa während einer friedlichen Demonstration Gefahr läuft, verprügelt zu werden. In dem nicht ein einziges Grundrecht in den letzten drei Jahren verletzt wurde.

Ich würde glauben, dass der „Ami“ unser guter Freund ist. Der wirklich nur unser Bestes will, uns alle beschützt, und der Russe mein Feind wäre. Mein ganz persönlicher Feind, den es auch mit meiner Hilfe zu besiegen gilt. Koste, nein komme, was da wolle. Daran, dass die größte Gefahr für jeden guten Deutschen von Rechts kommt. Das jede Person, die die Politik der Regierung kritisiert oder an dieser zweifelt, rechtsextrem sein muss.

Daran, dass Deutschland im Alleingang das Klima retten kann und es daher völlig in Ordnung geht, Strom aus veralteten Atomkraft- und Kohlewerken im Ausland teuer einzukaufen, da in Deutschland die neueren, weitaus sicheren Werke abgestellt wurden. Dass Frackinggas aus der deutschen Nordsee böse ist und daher das amerikanische, mit Schweröltankern über den Atlantik geschiffte überteuert eingekauft werden muss, weil es besser ist.

Vielleicht würde ich für ein nur klein wenig besseres Leben glauben können, dass gewählte deutsche Politiker die Interessen des deutschen Volkes vertreten und nicht die anderer Länder und deren Bevölkerungen.

Ja, wirklich. Gerne würde ich an all das glauben. Doch ich kann es nicht. Kann nicht über meinen Schatten springen. Hinüber zu den Schatten der vermeintlich Guten. Hinüber in die Schattenwelt des neuen Glaubens. Dahin, wo nicht nur das Denken einfacher zu sein scheint, sondern auch das Leben.

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