Von Christian Witt
Man trifft den 80-jährigen Wolfgang Effenberger überall dort, wo über Frieden und Konflikte gesprochen wird. Auf Friedensfestivals, Symposien und diesmal im Berliner Sprechsaal. Der KulturKreis Pankow hatte ihn im Rahmen der Reihe „Denkraum“ zu einem Vortrag über den Weg in den Ersten Weltkrieg und seine Parallelen zur Gegenwart eingeladen. Was zunächst nach Geschichtsunterricht klang, wurde eine Reise durch mehr als hundert Jahre Machtpolitik, militärische Planungsstäbe, Geheimdiplomatie, internationale Finanzinteressen und schließlich bis in die Köpfe der Menschen, die dieser Tage wieder auf einen „großen Krieg“ vorbereitet werden.
Effenberger, ehemaliger Bundeswehroffizier und Autor, betrachtet die Geschichte aus einer machtkritischen Perspektive außerhalb der akademischen Geschichtsforschung. Seine Thesen sind unbequem. Er widerspricht der Vorstellung, Kriege entstünden vor allem durch einzelne Fehlentscheidungen oder durch die Aggressivität einzelner Staatsführer – so, wie es im Geschichtsunterricht und in den Medien oft vermittelt wird.
Seine entscheidende Frage lautet: Welche langfristigen Machtinteressen, wirtschaftlichen Abhängigkeiten und militärischen Strategien schaffen jene Verhältnisse, unter denen ein offener Krieg schließlich als unvermeidlich erscheint? Und wie konnte es geschehen, dass wir innerhalb weniger Jahre von der europäischen Friedensordnung zur gesellschaftlichen Kriegsvorbereitung gelangt sind?
Nach Effenbergers Auffassung lassen sich diese Fragen nicht allein mit Putin, Trump, der NATO oder dem 24. Februar 2022 beantworten. Die Kette führt zurück bis ins europäisch-eurasische 19. Jahrhundert. Vier Kapitel strukturierten den historischen Bogen.
Kriege beginnen nicht mit dem ersten Schuss. Am 28. Juni 1914 wurde Franz Ferdinand in Sarajevo ermordet, wenige Wochen später stand Europa in Flammen. Für Effenberger greifen Erklärungen, die den Krieg auf das Attentat, unglückliches Taktieren oder allein den deutschen Weltmachtanspruch zurückführen, zu kurz. Seine These: Der Krieg war das Ergebnis einer lange zuvor angelegten geopolitischen Konfrontation, in der insbesondere Großbritannien seine globale Vorrangstellung gegen die aufsteigende deutsche Wirtschaftsmacht verteidigen wollte.
Der Blick führt zurück zur Gründung des Deutschen Reiches 1871 und zu seinem Aufstieg zur Industrienation. Deutsche Maschinen, Chemie und Technik konkurrierten zunehmend mit britischen Erzeugnissen, während Deutschland weder über vergleichbare Rohstoffquellen noch über ein koloniales und maritimes Machtgefüge verfügte. Eine wirtschaftliche Zusammenarbeit mit dem rohstoffreichen Russland lag nahe. Genau hier setzt die geopolitische Argumentation an.
Der britische Geograf Halford Mackinder formulierte 1904 seine Heartland-Theorie, nach der die Kontrolle des eurasischen Kontinentalraums entscheidend für die globale Machtordnung sei. Effenberger liest sie als strategische Warnung vor einer Verbindung deutscher Industrie mit russischen Ressourcen. Ein wirtschaftlich integriertes Eurasien wäre für die britische Seemacht ein Konkurrent gewesen, der sich nicht einfach durch die Kontrolle der Weltmeere hätte beherrschen lassen.
Die Bagdadbahn erscheint in dieser Darstellung als historischer Vorläufer heutiger eurasischer Infrastrukturvorhaben. Mit der geplanten Verbindung über Konstantinopel nach Mesopotamien erschloss sich Deutschland neue Handelswege und potenziell Zugang zu Erdöl. Die Neue Seidenstraße Chinas und die Energieverbindungen zwischen Russland und Deutschland stehen für Effenberger in derselben geopolitischen Konfliktlinie.
Dazwischen lagen die britisch-französische Entente von 1904, militärische Gespräche ab 1906 und die Flottenabsprachen von 1912. Die militärischen Voraussetzungen eines europäischen Großkrieges waren nach Effenbergers Auffassung geschaffen, lange bevor in Sarajevo geschossen wurde. Besonders aufschlussreich ist ein überliefertes Gespräch zwischen dem früheren britischen Premierminister Arthur Balfour und dem amerikanischen Diplomaten Henry White, dokumentiert von Allan Nevins.
Balfour erklärte sinngemäß, man sei wahrscheinlich Narren, keinen Grund zu finden, Deutschland den Krieg zu erklären, bevor es zu viele Schiffe baue und den Handel wegnehme. Auf den Einwand, das sei politisch unmoralisch, antwortete er, es gehe nicht um Recht oder Unrecht, sondern um die Bewahrung der Vorherrschaft. Deutlicher lässt sich die wirtschaftliche Dimension der Rivalität kaum ausdrücken.
Damit stehen plötzlich Nord Stream, China, Russland, die Ukraine und die europäische Industrie im Raum. Hundert Jahre Geschichte verdichten sich zu einer unangenehm gegenwärtigen Frage: Wird Krieg geführt, um eine Bedrohung abzuwehren – oder um eine wirtschaftliche Machtverschiebung zu verhindern?
Wer hat die beiden Weltkriege eigentlich gewonnen? Großbritannien gehörte 1918 und 1945 zu den Siegermächten, hatte seine weltweite Vormachtstellung aber langfristig eingebüßt. Deutschland war geschlagen, Frankreich schwer getroffen, Russland durch Revolution, Bürgerkrieg und immense Verluste belastet.
Die Vereinigten Staaten hingegen stiegen zur führenden Wirtschaftsmacht auf. Ihre Industrie produzierte für die eigene Armee und die Alliierten, amerikanische Banken finanzierten Staaten und Unternehmen, der Dollar gewann internationale Bedeutung.1944 wurde in Bretton Woods die neue Währungsordnung vorbereitet, 1945 entstanden die Vereinten Nationen, 1947 verkündete Truman seine Doktrin, 1948 begann der Marshallplan und 1949 wurde die NATO gegründet. Die USA sicherten ihren Einfluss nicht allein militärisch, sondern durch internationale Institutionen, Finanzierungsmechanismen und Bündnisse. Besondere Aufmerksamkeit verdienen dabei die Artikel 51 und 52 der UN-Charta.
Effenberger bezeichnete sie als „trojanische Pferde“, weil sie den Großmächten Möglichkeiten eröffneten, militärische Interessen innerhalb einer Ordnung zu verfolgen, die eigentlich dem Frieden dienen sollte.1999 begann der NATO-Luftkrieg gegen Jugoslawien ohne ausdrückliches Mandat des UN-Sicherheitsrats. Vier Jahre später folgte der Angriff auf den Irak, wobei sich die Behauptungen über Massenvernichtungswaffen nicht bestätigten. 2011 griff die NATO in Libyen ein; der Einsatz entwickelte sich zu einer Intervention, die wesentlich zum Sturz Gaddafis beitrug.
Das Land versank anschließend in jahrelangen Auseinandersetzungen. In Effenbergers Darstellung sind dies Beispiele einer Weltordnung, in der militärische Macht weiterhin darüber entscheidet, wie internationale Regeln angewendet werden.
Von hier aus führt der Bogen in die Gegenwart, zur NATO-Osterweiterung und zum Krieg in der Ukraine. Amerikanische Strategiepapiere beschreiben Russland und China als zentrale geopolitische Konkurrenten. Die Unterstützung der Ukraine erscheint in dieser Perspektive auch als Instrument, um Russland militärisch und wirtschaftlich zu schwächen, ohne dass amerikanische Truppen unmittelbar kämpfen müssen.
Die Konsequenzen für Europa sind unmittelbar: abgebrochene Wirtschaftsbeziehungen zu Russland, umgestellte Energieversorgung, steigende Rüstungsausgaben. Was Washington als strategische Schwächung eines Rivalen betrachten kann, bedeutet für Europa eine dauerhafte sicherheitspolitische und wirtschaftliche Belastung. Damit stellt sich die Frage, ob Europa heute noch in der Lage ist, einen eigenständigen außenpolitischen Kurs zu verfolgen.
Weiterlesen nach der Werbung >>>
Ihre Unterstützung zählt
Wer bezahlt einen Krieg, wer verdient daran und wer trifft die Entscheidungen? Nicht ganze Nationen profitieren gleichermaßen. Während Soldaten sterben und öffentliche Haushalte belastet werden, entstehen für Rüstungsunternehmen, Banken und andere Akteure neue Geschäfte.
Bereits 1935 hatte Smedley D. Butler in „War Is a Racket“ mit den wirtschaftlichen Interessen hinter amerikanischen Militäreinsätzen abgerechnet. Jahrzehnte später warnte Dwight D. Eisenhower in seiner Abschiedsrede vor dem „unberechtigten Einfluss“ des militärisch-industriellen Komplexes. Zwei amerikanische Generäle aus unterschiedlichen Generationen beschrieben damit dasselbe Problem: Militärische Macht und wirtschaftliche Interessen können sich gegenseitig verstärken und politische Entscheidungen beeinflussen.
Die Aufrüstung Europas und der Krieg in der Ukraine haben den Bedarf an Munition, Fahrzeugen und Luftverteidigung erheblich gesteigert. Unternehmen wie Rheinmetall erhalten neue Aufträge und profitieren von langfristigen Beschaffungsprogrammen. Bezahlt wird aus öffentlichen Haushalten, während über Einsparungen bei sozialen und zivilen Aufgaben gestritten wird. Auch die Verflechtung von politischer Macht und Kapital, die Finanzierung militärischer Konflikte und der Einfluss großer Vermögen kamen zur Sprache.
Eine besondere Rolle spielte erneut Nord Stream. Mit der Sprengung der Pipelines im September 2022 wurde eine zentrale Energieverbindung zwischen Deutschland und Russland zerstört. Die wirtschaftlichen Folgen trafen insbesondere die deutsche und europäische Industrie, zugleich veränderten sich die Absatzmöglichkeiten auf dem europäischen Energiemarkt. Damit kehrt die geopolitische Ausgangsfrage zurück: Welche Bedeutung hat die Verbindung deutscher Industriekraft mit russischen Rohstoffen, und wer besitzt ein Interesse daran, diese Verbindung zu verhindern?
Der nächste Teil war der bedrückendste, weil er nicht mehr allein um das historische Schlachtfeld, sondern um die Gegenwart ging. Kriege werden nicht allein mit Waffen vorbereitet, sondern auch sprachlich, durch Feindbilder, Bedrohungsszenarien und die öffentliche Darstellung politischer Alternativen.
Bereits 1928 veröffentlichte Arthur Ponsonby ein Buch über die Propagandalügen des Ersten Weltkriegs. Die belgische Historikerin Anne Morelli verdichtete solche Mechanismen später zu zehn Prinzipien der Kriegspropaganda: Die eigene Seite will keinen Krieg, der Gegner trägt die Verantwortung, der eigene Kampf dient einem höheren Ziel. Die eigenen Opfer werden betrauert, die des Gegners ausgeblendet, und wer die offizielle Darstellung infrage stellt, gerät in den Verdacht, auf der falschen Seite zu stehen. Diese Muster wiederholen sich bis heute.
Eine moderne Form der psychologischen Einflussnahme wird unter dem Begriff der kognitiven Kriegsführung diskutiert. Digitale Medien, soziale Netzwerke und die Auswertung persönlicher Daten eröffnen neue Möglichkeiten, Wahrnehmung und Verhalten gezielt zu beeinflussen. Die öffentliche Meinungsbildung wird selbst zum Gegenstand strategischer Planung. Der Krieg entgrenzt sich: Er reicht in Wirtschaft, Forschung, technische Infrastruktur und gesellschaftliche Kommunikation hinein.
Besonders eindrücklich waren die Überlegungen zu einer „Strategie der Unausweichlichkeit“. Politische, militärische und mediale Prozesse erzeugen den Eindruck, eine weitere Eskalation sei nicht mehr zu verhindern. Verhandlungen erscheinen als Schwäche, diplomatische Initiativen als Zugeständnis an den Gegner, Aufrüstung wird zur selbstverständlichen Antwort. Die eigentliche Gefahr besteht darin, dass andere politische Möglichkeiten zunehmend aus dem öffentlichen Denken verschwinden.
Zwischen den vier Kapiteln gab es musikalische Einlagen und satirische Lieder über Rheinmetall, politische Doppelmoral und den Verlust gesellschaftlicher Selbstbestimmung. Das lockerte den umfangreichen Stoff auf, ohne ihm die Schärfe zu nehmen. Im Saal gab es deutlichen Applaus, besonders nach den Ausführungen über die amerikanische Strategie gegenüber Russland und die Gefahr eines weiteren europäischen Krieges. Zum Abschluss meldete sich ein Teilnehmer mit einer Initiative für einen bundesweiten Volksentscheid zu Nord Stream 2 und zur friedlichen Zusammenarbeit zu Wort.
Was lässt sich noch tun, wenn wirtschaftliche Interessen, militärische Planungen und politische Narrative damals wie heute eine solche Macht entfalten? Die Antwort war nicht Resignation, sondern Aufklärung. Die Vergangenheit müsse untersucht werden, um wiederkehrende Muster zu erkennen.
Drei Behauptungen gehen einem Krieg häufig voraus: Es gibt eine Bedrohung. Diplomatie reicht nicht mehr. Gewalt ist alternativlos. Diese Behauptungen müssten geprüft werden wie in einer kriminalistischen Untersuchung: Welche Beweise liegen vor? Wer wusste wann was? Welche militärischen Vorbereitungen wurden getroffen? Welche wirtschaftlichen Interessen waren beteiligt? Welche Alternativen wurden verworfen? Und wem nützt die Eskalation?
Zum Schluss stand die Albert Einstein zugeschriebene Warnung, man wisse nicht, mit welchen Waffen ein dritter Weltkrieg geführt werde. Der vierte werde mit Stöcken und Steinen ausgetragen. Nach zwei Weltkriegen auf europäischem Boden sollte man meinen, dass die Menschheit wenigstens eines begriffen hätte: Der nächste große Krieg ist kein politisches Experiment, dessen Ergebnis sich anschließend korrigieren lässt.
An diesem Abend in Berlin ging es deshalb letztlich nicht nur um den Ersten Weltkrieg. Es ging um die Frage, mit welchem Wissensrüstzeug und welcher inneren Aufgestelltheit wir einen dritten noch verhindern können. Und ob wir bereit sind, dafür endlich die richtigen Fragen zu stellen.
Einen Kommentar schreiben
Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen. Aufgrund von zunehmendem SPAM ist eine Anmeldung erforderlich. Wir bitten dies zu entschuldigen.
Zur Anmeldung