Friedenspolitik bedeutet nicht Unterwerfung – Sie erfordert Mut, Willensstärke und Menschlichkeit

Wie lange dauert eigentlich ein Krieg?

von Jan-Heie Erchinger

Ich glaube, unsere ´Die-da-oben´ sind partiell auch deswegen so stur und narrativ eingeschworen, weil sie erschüttert sind und ihnen immer klarer wird, wie hoch auch der Anteil des Westens an dieser Tragödie ist.© Quelle: Pixabay /StarGladeVintage , TheDigitalArtist I Bildmontage Alexander Wallasch

Jan-Heie Erchinger ist Musiker, Echo-Preisträger und Lehrer. In seiner Heimatstadt Braunschweig und Umgebung kennt ihn fast jeder. Und in den Sozialen Netzwerken schätzen ihn viele für seine offenen Worte und seinen unbedingten Willen, miteinander im Gespräch zu bleiben.

Für alexander-wallasch.de schreibt der Pianist seine Gedanken am Donnerstag auf. Im Anschluss an seine Texte folgt immer ein kurzes Stück am Piano als Gruß an die Leser. Jan-Heie Erchinger freut sich über viele Kommentare und den Meinungsaustausch.

Jan-Heie Erchinger:

Der norwegische Nato-Chef Stoltenberg unterstrich kürzlich sinngemäß: "Der Krieg wird noch Jahre dauern…!" Wieso legt man den Fokus nicht viel mehr auf Waffenstillstand und Verhandlungen, wie es sich meiner Meinung nach für Zivilisierte gehört?

Wieso sollen wir alle immer wieder auf eine todbringende Auseinandersetzung eingeschworen werden?!

Es kommt mir leider so vor, als ob unsere West-Führungsleute sich verabredet hätten, dass sich der Angriffskrieg für Putin aus Prinzip nun mal nicht lohnen dürfe, koste es was es wolle. Natürlich ist das verständlich, aber wie lange will man das trotzig und stur durchhalten?

Unsere Granden haben mit ihrem Verhalten und dem penetranten Anfeuern und Bejubeln der Ukraine-Armee leider mit dazu beigetragen, dass schon einige Zehntausende grausam gestorben oder versehrt sind, da nicht immer auch deutlich zu realistischem Verhandeln aufgerufen wurde.

Es heißt inflationär oft pauschal: Die Ukraine muss den Krieg gewinnen; Ende der Durchsage. Ja klar – Putin hat diesen konkreten Krieg im Februar angefangen und ja – für mich unentschuldbar falsch und brutalst.

Ihre Unterstützung zählt

Mit PayPal

Es bleibt trotzdem immer modern und richtig, täglich neu zu überlegen, wie man reagiert. Zu erörtern, welche Reaktion auch im Sinne von Deeskalation und Friedens-Chance gegen das konkrete Sterben zielführend ist!

Konflikt- und Friedensforschungs-Erkenntnisse sind so wichtig. Trivial aber wahr: Es gehören immer zwei dazu.

Der TV-Philosoph Richard-David Precht nervt mich oft, aber seine Ausführungen zum Thema nerven mich nicht. Auch den Aufruf von Alice Schwarzer fand ich gut und habe gern unterschrieben! Und NEIN, damit entschuldige ich gar nichts von Putin-Russland, es ist einfach so!

Unsere Falken u. Putin-Niederringen-Woller geben sich heute schockiert über die traurigen Konsequenzen ihrer jahrelangen Sanktions- und Welterziehungspolitik:

- mindestens 40.000 Tote in diesem heißen Krieg?
- ein teilweise völlig zerstörtes Land
- Hungersnot weltweit
- wirtschaftliche Probleme allerorten
- klimaschädliche Auswirkungen, Reaktivierung von Kohlekraftwerke
  und Kernkraftwerken in Deutschland aus Mangel

Ich glaube, unsere ´Die-da-oben´ sind partiell auch deswegen so stur und narrativ eingeschworen, weil sie erschüttert sind und ihnen immer klarer wird, wie hoch auch der Anteil des Westens an dieser Tragödie ist.

Ich bin kein Putin-Versteher, ich möchte das Ganze verstehen!

Unsere politischen Entscheider meinen vielleicht, wir könnten nicht mehr zurück (ich kenne das Gefühl). Wir sollten ihnen deshalb zurufen:

Klar könnt Ihr auf den Weg der „Fairnunft“ zurückkehren! Klar könnt Ihr im Sinne von Egon Bahr (SPD) auch wieder den konstruktiven Dialog suchen! Ihr müsstet Euch nur dazu durchringen.

Der Publizist Wolfram Weimer hat zuletzt bei Maischberger klug unterstrichen, dass Russland militärisch bereits quasi gewonnen hat. Jetzt sollte man pragmatisch realistisch versuchen, mit Russland schnellstmöglich einen Waffenstillstand zu erreichen.

Selbst Macron hat schon in diese Richtung argumentiert. Der Westen und die Ukraine müssen leider die Kröte schlucken und mit Putin-RU realpolitisch verhandeln. Um das Sterben zu beenden. Das erscheint mir alternativlos. Sonst wird einfach weitergestorben.

Was unsere stolzen Kriegs-Hinnehmer hier leider nicht verstehen oder wahr haben wollen: Man wird eine Art Waffenstillstand kurzfristig nur mit Putin und Lawrow aushandeln können. Leider. Ganz sicher nicht auf vollem Konfrontationskurs gegen sie. Das ist nun mal so.

Traurig aber wahr.

Dass Litauen jetzt mit Transit-Einschränkungen anfängt, mögen sie noch so EU-konform sein, kann und wird in Russland nur zu weiterer Wut und gegebenenfalls Eskalation führen. Bitte – lasst uns gemeinsam umkehren: Friedenspolitik bedeutet nicht Unterwerfung – im Gegenteil, sie erfordert Mut, Willensstärke und Menschlichkeit.

(Quelle: privat)

Einen Kommentar schreiben

Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen.