Wo der Iran-Krieg fern bleibt und die Wiege der Zivilisation einfach weiter grünt

Wir lassen den Iran hinter uns: Von Erbil nach Istanbul – Vom Tigris zum Bosporus

von Christian Witt

Außenposten Christian Witt für Alexander-Wallasch.de: 40 Stunden im Bus unterwegs© Quelle: Christian Witt

Keine Lust mehr auf die Schaukelei über den Bergpass zurück nach Van.  Stattdessen der große Reisebus von Erbil Richtung Istanbul. Während der Iran-Krieg tobt, aber noch nicht überspringt, zeigt der Nordirak ein Gesicht, das an Friesland oder die Provence erinnert. Aber Alexander-Wallasch.de plant schon die nächste große Mission: Wir fliegen nach Kuba – Chan-Chan!

Ich hatte einfach keine Lust mehr, nochmal mit dem Bus über den Bergpass von Erbil zurück ins türkische Van zu fahren. In einem zweiten Durchgang wiegt die grandiose Landschaft diese entsetzliche Schaukelei dann doch nicht mehr auf. Und das, obwohl die Straßen hier ausgebaut sind, mal von zwei, drei Baustellen mit Schotteretappen abgesehen.

Es kommt aber noch etwas dazu: Ich bin immer bemüht, wo es möglich ist, mehrere Wege auszukundschaften, damit ich auch weiß, wie weitere Grenzübergänge beschaffen sind. Denn das war ja unsere Fragestellung, wenn wir schon nicht in den Iran einreisen konnten: Was passiert an den Grenzen zu seinen Nachbarn?

Zudem ist der Flugraum über dem Irak geschlossen, es gab hier sowieso keine Alternative zum Bus. Warum also nicht gleich mit dem großen Reisebus von Erbil Richtung Istanbul fahren?

Erbil liegt kaum mehr als hundert Kilometer von der iranischen Grenze entfernt. Mit jeder Stunde Busfahrt wächst jetzt die Entfernung zu diesem Krieg, der seine ganze zerstörerische Kraft Mitte März noch nicht über die Grenzen des Irans getragen hat.

Eine Überraschung: Durch den Nordirak ging es Richtung Türkei entlang grüner Reisfelder. Und, wenn der Blick im Vorbeifahren nicht täuschte, wird hier auch Weizen angebaut. Das Land präsentierte sich so flach wie Friesland, nur unterbrochen von aufgetürmten Hügeln, welche mitten in dieser Weite der Getreideflächen sofort Aufmerksamkeit einfordern: uralte Siedlungshügel, manche haben wohl mehr als siebentausend Jahre auf dem Buckel.

Hier schaut man tatsächlich auf die Wiege der Zivilisation zwischen Euphrat und Tigris, auf eine gewachsene Kulturlandschaft samt ihren Ursprüngen von Ackerbau und Lebenskultur. Hier werden falsche Vorstellungen geradegerückt: Der Irak ist nicht überall nur staubig, kriegerisch oder zerstört. Man fährt streckenweise durch Landschaften, die norddeutsch erscheinen oder sogar in der Provence liegen könnten.

In Erbils gewachsener Innenstadt erlebt man Händler, Handwerker und einfache Leute so unverstellt wie in vielen arabischen Ländern. Das Leben findet auf der Straße statt. Aber daneben bietet Erbil einen neuen epochalen Reichtum, riesige Villenviertel und große Wolkenkratzer, die bald an Chicago und Manhattan erinnern.

Bis zur türkischen Grenze fährt unser Bus hinein in eine irakische Dämmerung. Die Menschen am Rande der Strecke verschwanden irgendwann einfach in der Dunkelheit und diese tausende Kilometer von Deutschland entfernte Landschaft entzog sich mehr und mehr einer konkreten Wahrnehmung.

Aber wenn schon Friesland und die Provence als Schablone herhalten mussten, möchte man den Harz noch dazu nehmen, über diese Region zu erzählen.

An seinem Startbahnpunkt in Erbil war der Bus zur Hälfte besetzt. Nach und nach steigen weitere Fahrgäste zu, bis die Plätze ganz besetzt sind. Was die Mitfahrer angeht, halten sich Türken und Iraker gefühlt die Waage. Mütter mit ihren Kindern sind ebenso dabei wie auch ältere Doppelstaatler, die etwa nach Finnland oder Frankreich zurückwollen.

Meine Mitreisenden reagieren freundlich auf den einzigen Europäer im Bus. Als zwei, drei Leute mitbekamen, dass ich Deutsch rede, wurde ich gleich freundlich angesprochen und gefragt, wo genau ich in ‚Germany‘ zu Hause bin und was ich auf Reisen erlebt habe. Dass zwei Tage Erbil natürlich zehn Tage zu wenig sind, um alles zu sehen, höre ich während der Fahrt immer wieder aus strahlenden Augen. Dieses Erbil hat zweifelsohne einen besonderen Status bei meinen Mitreisenden, für die der Begriff ‚Heimat‘ als Erklärung nicht ausreicht.

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Dann die Grenze zur Türkei. Ich weiß gar nicht, ob die anderen Businsassen damit gerechnet hatten, aber jetzt galt es Geduld zu zeigen, am Ende waren es satte fünfzehn Stunden Wartezeit. Die Gerüche im Bus werden stündlich privater – so viel kann man sagen: Füße dominieren.

Und obwohl wir um 17:00 Uhr ankamen, erwischten wir schon die Nachtschicht, die standardmäßig nur zu einem Drittel besetzt ist. Es kommen weitaus mehr Fahrzeuge aus dem Irak, als in den Irak zurückwollen.

Was macht man in den 15 Stunden in so einem Bus? Man versucht zu schlafen, geht kurz raus, trinkt, isst Chips und hört irgendwelche Podcasts, die man sich glücklicherweise in weiser Voraussicht noch bei YouTube runtergeladen hat. 15 Stunden sind bald ein ganzer Tag. Der Bus hat keine Toiletten, er hält alle anderthalb Stunden irgendwo an. An der Grenze gab es ein, zwei Möglichkeiten, für ein schmales Entgelt um die Ecke zu gehen. Dort erwarten einen dann die arabischen Sitz- bzw. Hocktoiletten.

Für die meisten ist diese Route Routine. Bei ein, zwei Leuten merkte ich aber dennoch eine Erleichterung und konnte mir noch zusammenreimen, dass hier als Zubrot ein paar Zigaretten extra gekauft worden waren, die nun erfolgreich über die Grenze in die Türkei geschmuggelt wurden. Eine Erleichterung lag auf den Gesichtern.

Der Bus fuhr zunächst ein paar Stunden an der syrischen Grenze entlang, eine hügelige Landschaft wie gemalt: Aber auf jedem Hügel oben waren Gefechtsstellungen und Wachtürme zu erkennen. Hier sind Grenzkonflikte weithin sichtbar.

Nach endlosen bald vierzig Stunden dann endlich Ankunft in Istanbul, nachdem wir bald die gesamte Türkei durchfahren haben. Mein erstes Fazit aus journalistischer Sicht ist ein unaufgeregtes: Nichts wirklich Dramatisches im Kontext „Iran“ war von außen zu beobachten bis auf diesen einen Knall samt Rauchwolken in Erbil. Diese unwirkliche kurdische Stadt liegt jetzt über 1700 Kilometer Landweg zurück.

Aus dem Maschinenraum von Alexander-Wallasch.de kann ich berichten: Jeder hat seine Rolle gefunden, ich die Außenstelle und Alexander die Zentrale – WhatsApp ist unverzichtbar geworden.

Und eigentlich wollte ich in wenigen Tagen wieder in meiner Heimatstadt Rendsburg oder in Berlin ankommen. Aber nach meinem Grönland-Abenteuer und der Fahrt entlang der Grenzen zum Iran hatte sich bei Alexander Kuba als ganz heißes Thema festgebissen. Gesagt, getan, ich habe mich breitschlagen lassen, noch einen Umweg zu machen, als Augenzeuge nach Kuba zu fliegen und die Heimreise um zwei Wochen zu verschieben.

Und noch eine schöne Überraschung hatte sich ergeben: Die Schweizer „Weltwoche“ von Roger Köppel wird das Abenteuer Kuba mit Alexander-Wallasch.de gemeinsam erleben. Ein toller Reisepartner! Zusammen gilt es zu erkunden: Wie geht es den Kubanern, wie ist die Lage vor Ort und wie ist es mit der Versorgung der Bevölkerung bestellt? Sitzt das Regime noch im Sattel?

Mein nächster Bericht kommt in wenigen Tagen direkt aus Havanna. Vor Ort haben wir zudem dank glücklicher Umstände die Gelegenheit, 27 Jahre danach Wim Wenders’ Buena Vista Social Club nachzuspüren, deren letzten Heroen tatsächlich noch einmal in Havanna im Theater für Filmaufnahmen zusammenkommen sollen. Chan-Chan!

Und was nach Havanna kommt, ob es nun Rendsburg ist, Sydney, Neuguinea oder ein Grillfest in den Elbauen bei Bad Schandau mit Blick auf die Festung Königstein, das überlegen wir uns noch. Die Weltgeschichte hängt Alexander-Wallasch.de jedenfalls an der Stoßstange und wir denken nicht dran, vom Gas zu gehen.

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